Auf der Suche nach Heimat
Die Referentin #43
Beim Crossing Europe Festival, das heuer vom 28. April bis zum 3. Mai in Linz stattfindet, nehmen zwei Filme, die im Local Artist Wettbewerb laufen, das Thema „Heimat“ in den Fokus: Die noch unbekannten Tage von Jola Wieczoreck und Baba, what’s your plan? von Tolga Karaaslan. Christian Klosz gibt eine Vorschau.
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Baba, what’s your plan? von Tolga Karaaslan. Filmstill Tolga Karaaslan, Courtesy sixpackfilm
Es gibt menschliche Grundbedürfnisse, die uns alle verbinden. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Zugehörigkeit – und das Recht auf Heimat, als physischer, geografisch definierter Ort, aber auch als sozial und kulturell gestaltetes Zuhause, als Umgebung, in der man sich angenommen und angekommen fühlen darf.
In den immer noch erhitzten politischen, medialen und gesellschaftlichen Diskussionen um Migration, die wie jeher seltener auf realen Problemen fußen, als sie von anderen Themen ablenken wollen und sollen, wird dieser Aspekt in der Regel ignoriert, weil er die Perspektive und Erfahrungswelt der Migrierenden darstellt: Weil die einen, die Fremden, nach etwas suchen, glauben die anderen, dass es ihnen weggenommen würde. Die Idee, teilen zu können, auch Heimat, scheint hier jenen fremd zu sein, die per se Angst vor dem Fremden haben.
Was für die „Einheimischen“ ein Grundrecht, das es zu verteidigen gilt, darstellt – eben jenes auf eine „sichere Heimat“ –, wird den „Fremden“ abgesprochen; „Sie wollen uns wegnehmen, was wir haben (und sie nicht)!“ So wird aus einer (fiktiv-einheitlichen) Perspektive der Nicht-Fremden agitiert oder argumentiert.
Beim Crossing Europe Festival in Linz, das heuer zwischen dem 28. 4. und dem 3. 5. stattfindet, nehmen zwei Filme, die im Local Artist Wettbewerb laufen, das Thema „Heimat“ in den Fokus: „Die noch unbekannten Tage“ von Jola Wieczoreck und „Baba, what’s your plan?“ von Tolga Karaaslan.
Beide Dokumentarfilme behandeln die Migrationsgeschichte(n) der Eltern der Filmregisseur/-innen: Wieczorecks Film erzählt die Flucht ihrer Familie (sie selbst war damals noch ein Kind) aus Polen nach Österreich im Jahr 1989, vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, Karaaslans Film die Migration seines Vaters Celal aus der Türkei nach Österreich.
In beiden Fällen würde man heute von „Wirtschaftsmigration“ sprechen, der Suche nach einem besseren, „humaneren“ Leben, wie es Wieczorecks Vater einmal ausdrückt. In „Die noch unbekannten Tage“ liegt der Fokus auf der Vergangenheit, auf einem Wiedererleben der Fluchterfahrung von damals, alte Orte in Polen werden besucht, ebenso das Flüchtlingscamp in Traiskirchen, wo man aufgenommen wurde und die ersten Monate verbrachte, erste Wohnorte in Österreich, u. a. in Bad Goisern (dem Geburtsort Jörg Haiders). In „Baba, what’s your plan“ liegt der Schwerpunkt mehr auf der Gegenwart, auf den Schwierigkeiten, mit denen der Vater des Regisseurs, der Protagonist des Films, heute zu kämpfen hat, wenngleich auch die alte Heimat in der Türkei besucht wird.
Was ebenfalls beide Filme verbindet, ist das Thema „Gesundheit“ (bzw. die Abwesenheit und das Schwinden derselben). In Wieczorecks Film ist das sogar Ausgangspunkt und laut der Regisseurin überhaupt das Motiv dafür, den Film gedreht zu haben: Die voranschreitende Demenz-Erkrankung ihrer Mutter. Sie vergisst immer mehr, auch, wie es „damals“ war. Um diese Erinnerungen noch einzufangen und zu dokumentieren, solange es möglich ist, um so auch mehr über die eigene Herkunft zu lernen, das war die Idee hinter dem Film.
In Karaaslans Films ist das Thema noch präsenter: Er beginnt mit einem grässlichen Husten seines Vaters Celals. Bei seiner Rückreise aus der Türkei habe er sich im Herbst 2023 irgendeinen Infekt eingefangen, erzählt er, seither müsse er ständig husten und würde nicht mehr richtig gesund. Er fühle sich oft erschöpft, würde gerne arbeiten, könne aber nicht. Die „Wiedereingliederung“ des AMS scheint auf eine Psychosomatisierung abzuzielen und der Antrag auf die Invaliditätspension stellt sich als jahrelanger Kampf dar. Später im Film erzählt Celal, dass bei ihm vor über 10 Jahren Lymphknotenkrebs festgestellt wurde, zwei Mal ging er durch die Chemotherapie, überlebte, rappelte sich wieder auf – doch nun scheint ihm niemand helfen zu können.

Die noch unbekannten Tage. Filmstill © FahrenheitFilms
Eine weitere, jedoch entgegengesetzt verlaufende Parallele ist die Einstellung, die die Protagonist/-innen zu Österreich haben, was sie mit dem Land, das ihre neue Heimat wurde, verbinden: Die Familie Wieczoreck landete erst in Wien, wollte eigentlich weiterreisen nach Australien oder Kanada, doch ihr „Asylstatus“ ließ das nicht zu. So strandete man im Flüchtlingszentrum Traiskirchen unter zahlreichen anderen Menschen, die meisten von ihnen ebenfalls Flüchtlinge aus dem Osten. Nach einer Weile fand man österreichische „Sponsoren“ in Bad Goisern, eine einheimische Familie, die der Vater von einem früheren, kürzeren Arbeitsaufenthalt dort kannte. Bei ihnen konnte und durfte man wohnen, Logis gegen Arbeit, aber zuhause fühlte man sich dort nie. Das Verhalten der Gastgeber wurde mit der Zeit auch immer weniger wohlwollend. Wiederholt spielten die Eltern mit dem Gedanken, zurück nach Polen zu gehen, denn die Menschen in Österreich, mit denen wurden sie „nicht warm“. Von allen Ländern und Menschen, die er kennengelernt hatte, wäre die Erfahrung mit den Österreichern die schlechteste gewesen, erzählt Jola Wieczorecks Vater. Es war am Ende vor allem Zufall, Glück (oder Pech?), dass man am Ende doch hierblieb.
Bei Celal Karaaslan liegt der Fall anders: Aufgewachsen in der türkischen Pampa als jüngster Sohn von Tabak-Bauern, war er der erste seiner Familie, der es auf die Uni schaffte (auch wenn er laut eigenen Angaben dort nichts lernte). Anfang der 1990er verschlug es ihn nach Österreich, wo er seine Frau kennenlernte, die mit ihrer Familie schon seit vielen Jahren hier lebte und die hier aufgewachsen war. Die beruflichen Möglichkeiten waren gering, sein Uni-Abschluss wurde nicht anerkannt, es gab nur körperlich anstrengende Schichtarbeit. Aber dennoch: Er fühlte sich mit der Zeit wohl hier „angekommen“, als Einheimischer. Eine kurze Zeit in Deutschland bei seinem älteren Bruder, der dort lebte, gefiel der Familie nicht, man wollte nach Österreich zurück. Hier wurde das neue Zuhause, eine neue Heimat gefunden, erst in Wels, später in Linz.
Was sich aus beiden Filmen ableiten lässt: „Heimat“ ist – no na – etwas sozial und kulturell Gemachtes und Gewachsenes, keine „natürliche Gegebenheit“, die für immer und ewig an physische Orte gebunden ist. „Zugehörigkeit“ und „Identität“ sind komplexe Konzepte, die für jede/-n anders aussehen und von vielen Faktoren beeinflusst werden.
Celal Karaslaan fand in Österreich seine neue Heimat. Er fand hier seine Frau, gründete eine Familie und erzählt, dass er sich heute fremd fühle, wenn er in die Türkei reise. Bei der Familie Wieczoreck war die Erfahrung komplizierter: Früh merkte man, dass man „anders“ war, als fremd wahrgenommen wurde. Man wurde nicht immer bestens behandelt, Jola Wieczoreck selbst wurde in der Schule gemobbt, einzig aufgrund ihrer Herkunft. Viel ist von einem „Zwischendrin“ die Rede, einem Limbo-Status, was auch die Regisseurin, wenngleich oberflächlich völlig „integriert“, immer noch fühlt. Nie wirklich angekommen?
Auch die Erfahrung vom kommunistischen Osten, wo alles „grau und gleich“ war, in den „kapitalistischen Westen“, wo erst alles „natürlich“, bunt, verlockend schien, wird reflektiert: Denn nicht immer verbirgt sich hinter der ansprechenden Oberfläche das Erhoffte. „Das bunte Märchen“ wird diese Erfahrung an einer Stelle im Film auch genannt; Heimat hat eben eine zweifache Bedeutung: Es ist ein physischer Ort. Und es ist ein emotionaler Ort. Und nicht immer fallen die beiden zusammen und sind kongruent.
Der Inhalt beider Filme lässt sich auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten reflektieren: Wirtschaftsmigration, das gab es immer schon. Es ist die historische Norm, nicht die Ausnahme, Menschen verließen und verlassen ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen und suchen anderswo nach einem anderen, besseren Leben. Verwerflich ist daran nichts. Das Argument „früher kamen die ja noch aus unseren Nachbarländern!“, heute aus anderen, „nicht integrierbaren Kulturkreisen“, ist relativ: So „nahe“ sind Länder wie Polen oder die Türkei nun auch wieder nicht. Und durch die Globalisierung ist die Welt ständig vernetzt, Distanzen schrumpfen. Was früher noch als „weit weg“ galt, ist heute nur einen Mausklick, eine Message oder einen (Video-)Anruf entfernt.
Bereitwillig erzählt Jola Wieczorecks Vater Romuald, dass er bei seinem Asylantrag in Österreich geflunkert hatte, seine Situation als um einiges schlimmer dargestellt hatte, um die Aussichten auf einen positiven Bescheid zu steigern: Von Verfolgung durch die Militär-Behörden in Polen war da die Rede gewesen, dabei waren es fast ausschließlich ökonomische Gründe gewesen, die miserable Wirtschaftslage, die zunehmende Unmöglichkeit, seine Familie trotz eines eigenen Handwerksunternehmens zu ernähren. Seine offizielle Geschichte war eine Melange aus realen Erfahrungen von Freunden und Bekannten, denn diese Geschichten gab es zweifelsohne, aber es war eben nicht die eigene. Solche Praktiken sind auch heute in Asylverfahren nicht unüblich. Menschen wie die Familie Wieczoreck gelten heute als integriert und Teil der (österreichischen) Gesellschaft, niemand fragt, ob sie denn hier sein dürfen oder „einen echten Asylgrund“ hatten. Auch hier offenbart der Film, dass sich nur wenig geändert hat in den letzten 35 Jahren: Fluchtmotive bleiben ähnlich, Herkunftsländer ändern sich, doch dahinter steht fast immer die Suche nach einem menschenwürdigeren Leben. (Dass es viele Länder gibt, in der politische Verfolgung an der Tagesordnung stehen und viele Migrierende, die ihre Heimat tatsächlich verlassen, weil sie um ihr Leben fürchten, soll hier in keinster Weise in Frage gestellt werden; es soll lediglich gezeigt werden, dass Fluchtmotive vielfältig sind und die Sache meist komplexer ist, als sie sich durch Gesetze einfangen lässt und auch in manchen Debatten dargestellt wird.)
Sehenswert sind übrigens beide Filme: „Die noch unbekannten Tage“ ist der kunstvoller gestaltete der beiden, „Baba, what’s your plan?“ ist der dokumentarischere, aktuellere, der mehr Rückschlüsse auf die Gegenwart zulässt. Es gelingt aber beiden Regisseur/-innen ausgezeichnet, die Geschichte(n) ihrer Herkunft nachvollziehbar, zugänglich und greifbar abzubilden und Fragen aufzuwerfen.
„Migration“, so zeigen beide Werke, das ist keine Ausnahme, nichts „Böses“, Seltsames, sondern etwas völlig Normales. Migrationserfahrungen sind so unterschiedlich wie die Menschen dahinter, und jede Geschichte ist einzigartig. Dass das diejenigen beschränkten politischen Geister der Gegenwart, die die Geister der Vergangenheit beschwören und eine vermeintlich „reine“, migrationslose Gesellschaft wiederherstellen wollen (die es ohnehin nie gab), je verstehen werden, davon ist leider nicht auszugehen.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(5. März 2026)