Schuss, Peng: Knarren & Kunst
Die Referentin #43
Aufrüstung, Krieg, Gewalt: Die Akzeptanz von Waffen nimmt wieder zu. Und wie sieht es mit Präsenz und Thematisierung von Waffen in den eigenen kulturellen Sphären aus? Im Rahmen der Textreihe SCHUSS, PENG beschäftigt sich Ralf Petersen mit dem Gebrauch von Schusswaffen. Dieses mal: Knarren und Kunst.

Zielen, Schießen mit dem Revolver. Foto Leo Schatzl
„It’s hard for me to understand/
The fascination of a gun for a man/
Still you tell romantic stories about the war/
You never explained what it’s all for“
Television Personalities
Zielen, atmen, lockerbleiben, Präzision walten lassen, jetzt: schießen! Nun, vielleicht sind wir im Krieg – vielleicht aber auch bei einem Fototermin oder auf einem Filmset. Kunst oder Knarre? Oder beides? Der Gebrauch von Schusswaffen in der Kunst hat schließlich Tradition: Schon Anfang der 60er Jahre schießt die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle auf ihre Kunstwerke, sogenannte Assemblagen. Saint Phalle – sie bezeichnet sich damals als Terroristin der Kunst – schießt aufs Patriarchat. Durch ihre Schüsse spritzt aus an den Arbeiten angebrachten Farbbeuteln und Sprühdosen Farbe auf die vorher monochromen Wimmelbilder von Soldatenfiguren, Flugzeugen, Rennautos. Zorn entlädt sich im Knall, Kugeln führen zu Verfärbungen.
Rund 10 Jahre später, 1971, dreht der US-amerikanische Künstler Chris Burden die Schussrichtung um, lässt sich von einem Freund aus 15 Fuß Entfernung in den linken Arm schießen – in einer kalifornischen Galerie. Die Performance, Shoot betitelt, entstammte Burdens Bedürfnis, wissen zu wollen, wie es sich anfühlt, „to get shot in the United States“. „Es ist nicht die Kugel, die dich umbringt, es ist das Loch“, sang die Künstlerin Laurie Anderson nach Burdens Performance, subtil darauf hinweisend: das vorgezeigte, physische Eindringen des Fremdkörpers – der Kugel – sei lediglich der oberflächliche Teil dessen, wie es sich anfühle, Opfer eines Schusses zu werden: Von der Traumatisierung durch den maschinell unterstützten Gewaltakt eines anderen Menschen erhasche Burden höchstens eine Ahnung. Als dann Beat-Poesie-Großvater William Burroughs sich – wieder 10 Jahre später – als Maler neu erfinden will und abstrakte Kompositionen erstellt, indem er mit der Schrotflinte auf vor leeren Leinwänden platzierte Sprühdosen schießt, urteilt dessen Kollegin Laurie Anderson trocken, das sei nun nur mehr Machokunst.
Nun, in den 1980ern, ist es, dass in Oberösterreich Leo Schatzl sein Studium an der Kunstuniversität Linz beginnt und hier neue Perspektiven im Blick auf Medien gewinnt. Die Ausbildung nährt eine Neugier, die im österreichischen Künstler schon als Jugendlicher lauert. Schatzl, Jahrgang 1958, wächst auf in einem kulturellen Klima der Ablehnung der vorherigen Generation, der man kollektive Unfähigkeit zum Sprechen attestiert. Wie eine Decke lag das Schweigen „über dem ganzen Nazitum“, erzählt Schatzl. Ob er Kunst als Waffe dagegen sah?
Mit Optimismus gehen wir in die Zukunft, das sei die Stimmung gewesen: Es hätte damals eine gute Kulturszene gegeben, Revolte gegen die Vorderen auf der einen Seite, auf der anderen die naive Hoffnung, nun, nach dem zweiten Weltkrieg, gäbe es Raum für neue Utopien und Träume einer besseren Zukunft. Schatzl ließ sich mitreißen von der Vision einer „solidarischen, sozial ausgewogenen, klassenlosen Gesellschaft – ohne Geld: grundversorgt“, die Zahl 2000 habe „groß am Horizont als Versprechen der guten Zukunft“ gestanden. Sowohl Atomkraft als auch Industrialisierung waren, so Schatzl, mit dem Versprechen vom Positiven aufgeladen, auch andere gesellschaftliche Fortschritte wie die Revolution Geburtenkontrolle nährten die Hoffnung. Glaubte man den Medien, seien bald „alle Krankheiten besiegt“. Überhaupt, Medien, Nachrichten und Technologie: Es wurden irrsinnig viele Signale gesendet. Das war neu, das war aufregend. „Signale senden“, sagt Schatzl, sei „für Jugendliche sehr wichtig.“ Schatzl war bereits damals „extrem interessiert an Informationen“, und jetzt, in der sich digitalisierenden Welt, war es möglich, „auf Schritt und Tritt neue Erfahrungen“ zu machen und „Verbindungen herstellen“ – „an anderer Welt“ zu kratzen. Manchmal habe sich das angefühlt wie das Ertasten von Tabuzonen, „wie in einem unheimlichen Science-Fiction Film“. Schatzl, begeistert vom Hin und Her zwischen den pragmatischen Fortschritten der Kommunikationstechnologie und den sich durch dieselben ergebenden, neuen künstlerischen Möglichkeiten, war dann einer der ersten Studierenden, der sein Kunststudium Visuelle Gestaltung mit einer Videoarbeit abschloss. Nur logisch also, dass er 1993 als Dozent zurück an die Kunsthochschule geholt wurde, damit er dort eine Lehrveranstaltung zum Thema Video gebe.
Wie diese Lehrveranstaltung aussehen würde, dass war Schatzl weitestgehend selbst überlassen. So kam er drauf, die Kamera als Stellvertreter zu sehen, und den Prozess „Schießen“ einmal wörtlich zu verstehen. Die Kamera als „chronografische Flinte“: ein Bild schießen, sich ein Bild nehmen, wie es im Englischen heißt. Schatzl sei aufwachsend noch mit der Haltung konfrontiert gewesen, dass man Menschen nicht fotografiere. Man nehme ihnen, so hieß es damals, auf diese Weise die Seele weg. „Ein Bild einfrieren“, sagt Schatzl, „hat was mit Töten zu tun.“ Auf der anderen Seite hat es zu dieser Zeit natürlich einen regelrechten Boom gegeben, wie tausend Gebirgs- und Italienfotos belegen – die Nachkriegsgesellschaft war verrückt nach Bildern der schönen, neuen Konsum- und Urlaubswelt, die Leute entdeckten Fotografie und Super 8.

Die Referentin-Layouterin bei der Lehrveranstaltung, 1993 in Steyregg. Foto Leo Schatzl
Inspiriert bei der Konzeption seiner Lehrinhalte war Schatzl sowohl von den Studien des französischen Medientheoretikers Paul Virilio, der sich 1986 in seinem Buch Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung mit dem Zusammenhang von film- und militärtechnischen Entwicklungen beschäftigte, als auch von russischen Filmemachern, vormaligen Piloten, die an ihren Aufklärungsflugzeugen die Maschinengewehre so befestigt und eingestellt hatten, dass die Kugeln genau durch die Lücken der sich drehenden Propeller schnellten. Der Rotor als Verschluss? Die Blende, erklärt mir die Foto- und Videografin Elisabeth Schedlberger, die damals als Studentin an Schatzls Veranstaltung teilgenommen hat, steuert die Lichtmenge, die durch das Objektiv fällt. Durch ihre Anpassung lasse sich die Schärfentiefe regulieren: Bei einer kleinen Blende gebe es große Schärfentiefe und umgekehrt. Die Fokussierung und das Auslösen sei der Ausgangspunkt, wenn es heißt „Ich schieße ein Foto.“ Bei der Lehrveranstaltung damals an der Kunsthochschule, so Schedlberger, ging es ums Zielen und „Abdrücken/Auslösen“. „Wir haben am Anfang mit kleinen Waffen geschossen, später mit größeren Kalibern. Bei der größten Waffe hatte ich das Gefühl, das Ding fliegt mir aus der Hand noch dazu hatte ich auf den Ohrenschutz vergessen“, erinnert sie sich. „Nachher“, sagt sie, „wollte ich nicht mehr schießen.“ Konzentration, Überblick haben, vorausschauend denken, Geistesgegenwärtigkeit und Ruhe sind wichtige Fertigkeiten beim Fotografieren wie beim Filmen. Hier ist vor allem „das ruhige Atmen sehr wichtig“, erklärt Schedlberger, die Kamera müsse stabil gehalten und ohne Zittern oder Ruckeln bewegt werden. Die Lehrveranstaltung war für sie die erste und auch einzige Gelegenheit, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Sie sei sehr nervös gewesen, wegen „der Angst vor den Schusswaffen“. „Manchmal denke ich beim Filmen noch ans Schießen“. Was Videoarbeit vom Schießstand unterscheide, sei, dass es mehr zu tun gebe: Blende und Verschlusszeit einstellen, Audiopegel kontrollieren, Ausschnitt festlegen, fokussieren, das Geschehen vor der Kamera im Blick haben, Streamingmonitor kontrollieren („Bin ich online“): „Irrsinnig, musst dich die ganze Zeit konzentrieren“, erklärt sie. Ein Vorteil der Kamera gegenüber einer Schusswaffe ist allerdings, dass von ihr kein Rückstoß zu erwarten ist. Lieber sei es ihr, Momente einzufangen, anstatt wie etwa ein Jäger, der sich ein Geweih über den Kamin hängt, Trophäen zu sammeln.
Bei den Schießstandterminen damals, in Linz und Steyregg, sei es, sagt der damalige Dozent Leo Schatzl, darum gegangen, „Schießen als physische Erfahrung zu vermitteln“, und zwar in verschiedenen Ausführungen. Das Gewehr als Werkzeug, nicht zum Töten, sondern um bewusst zu zielen, ruhig und konzentriert zu sein und im richtigen Moment abzudrücken/auszulösen, wie Elisabeth Schedlberger meint.
Es folgen in der Kunst immer wieder Auseinandersetzungen mit Waffen, etwa auch in der feministischen Kunst: Valie Export oder Marina Abramović machen Schießübungen und setzen sich mit verschiedenen Themen auseinander, Stephanie Mercedes schmilzt Waffen ein und verwandelt sie zu einer Gun Destruction Opera. Wann schießt du?
Leo Schatzl, österreichischer Künstler, lebt in Linz und Wien.
Elisabeth Schedlberger, Foto- und Videografin, Grafikerin, Webdesignerin, Layouterin der Referentin.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(20. April 2026)