Die Referentin #43 - Aktuelle Beiträge

Die Latenz von Steinen

Isabelle Stone | Kunst und Kultur, 3. März 2026
Die Referentin #43

Im Februar war die Ausstellung It’s still early von Clara Boesl und Andrés Quintero im Salzamt zu sehen. Isabelle Stone hat einen Blick darauf geworfen. 


Foto Die Referentin

Die Ausstellung stellte dabei eine komplett andere Idee von Präsenz und Zeit­lichkeit in den Mittelpunkt, als es das menschliche Maß gerne als gegeben voraussetzt. Die Künstler:innen Andrés Quintero und Clara Boesl haben Er­fahrungen und Konzepte in die Ausstellungs­räume des Salzamtes transferiert, die sie in der Sierra Nevada de Güican gemacht haben, einer recht unbekannten Gletscherregion nördlich von Bogotá: Die Ausstellung It’s still early kann also als künstlerischer Exkurs und Exkursion in eine weitgehend unberührte Natur Kolumbiens gesehen wer­den, und ebenso als Feldforschung der Artists über die eigene Präsenz in dieser menschenleeren Gegend. 

Darüber hinaus ging es um eine Auseinandersetzung mit nichts weniger als der Latenz von Stein und Mensch. Besonders die titelgebende Installation It’s still early, die im hinteren Teil des Raumes als Monitor im Holzverschlag aufgebaut wurde, verdeut­licht, was Präsenz und Latenz innerhalb dieses Konzeptes bedeutet. Der Monitor zeigt einen ruhenden Felsen, ein Screening einer grauen Entität vor schwarzem Hintergrund. Auf der (Bild-)Oberfläche sind kleine Bewegungen zu erkennen; vielleicht real, oder Bildartefakt, eventuell kleinere Bewegungs­spuren menschlicher Vermessungsaktivität, sicher aber künstlerische Bearbeitung. Auf dem Begleitzettel zur Ausstellung ist zu lesen: „Die Werke dieser Ausstellungen versuchen nicht, das Phänomen dieses Steins zu erklären, sondern die Latenz einer steinernen Bewegung nachzuempfinden.“ Aber was hat es mit dem Begriff auf sich – mit der angesprochenen Latenz der Felsen? Wei­teres Zitat aus dem Ausstellungstext: „Dieser Felsen (…) markiert eine Route, die von einem Dorf zum nächsten führt. Gleichzeitig trägt er auch eine lokale Kosmogonie, eine Form des Wissens über die Erschaffung der Welt in sich. Die mündliche Überlieferung lautet in etwa so: Als es Licht wurde, verwandelten sich bedeutende Charaktere jener Zeit in Felsen, um zu überleben, um abzuwarten.“

Hier treffen also grundsätzliche Konzepte von Zeit und Leben auf Kosmologien oder Interpretationen, dass diese Art der Geschichtserzählung mit dem Beginn der Kolonialherrschaft zu tun hat. Weiters geht es um weitläufige Verschiebungen eines Mess-Spektrums zwischen Physik und Bedeutung, um Sedimente, Wasservorkommen, sel­tene Pflanzen – wie etwa die Frailejones, ausdauernde, wollige Halbsträucher, die nur im Ökosystem der Paramos vorkommen – und damit insgesamt um tatsächliche Natur und solides Wissen darüber: Andrés erkundet dieses Gebiet seit Jahren in seiner künstlerischen Praxis. Boesl und Andrés haben sich im Vorfeld dieser Ausstellung übrigens wechselseitig nach Linz und Kolumbien eingeladen. Und sie haben die eigene Präsenz, die eigenen Erfahrungen von „fein­fühligen Ansätzen“ im kargen Raum der Gletscherregion in die Ausstellung eingearbeitet. Zum Teil der Wahrnehmung wurden so auch diverse Vermessungen und Da­tensammlungen. Bzw. vermittelt die Installation pulling numbers at dawn eher eine Idee von Ritualen der Vermessung: Die Vermessung durch DIY-Geräte, lange Stäbe mit Distanzmesser oder Counter darauf montiert (u. a.), scheint dabei so sinnvoll oder sinnlos wie die Ritualhandlungen, die Artefakte von Tierköpfen oder anderen installativen Objekten mit dem Titel waiting vermitteln. Dieser Ansatz von Gleichwertig­keit der Systeme Wissenschaft und Ritual eröffnet jedoch größere Horizonte – eben auch jene der Wirksamkeit größerer Latenzen, die noch unentdeckt oder noch unverwirklicht den Dingen innewohnen.


Foto Die Referentin

Der Kreis in der Mitte des Raumes, die Videoinstallation la vuelta, verweist schlussendlich mit Materialien zwischen Bambus, Bildschirmen und Lautsprechern nochmals ganz zentral auf die Inhalte von Natur, Zeit, Präsenz, Warten, Unendlichkeit – und auf das Potential verborgener Möglichkeiten und Systemfunktionen –, auf eine größer zu denkende verzögerte Wirksamkeit. Letztere genannte Begriffe stellen übrigens allesamt Bedeutungen von „Latenz“ dar. In Anbetracht dessen, dass „Latenz“ aber auch ein Maß der Zeitverzögerung in den Systemen der Telekommunikation und Informa­tionstechnologie ist, also eine Maßeinheit der Übertragung von Signalen und Datenpaketen, steht neben den ökologischen, historischen und kosmologischen Themen auch eine ganz zeitbezogene Frage im Raum: Die Frage, worauf wir zurückgeworfen wer­den, wenn es eng wird. In einer Zeit, in der sich in unglaublicher Geschwindigkeit exis­tenzielle technologische Paradigmenwechsel vollziehen, und in die wir fast so unvorbereitet in einen neuen Raum eintreten, wie wir auf den improvisierten, schnell zusammengezimmerten Holzplanken in den Ausstellungsraum von It’s still early eingetreten sind.    

Die Ausstellung fand im Februar 2026 im Atelierhaus Salzamt im Rahmen der Reihe L.A.S.S.O. statt.
Clara Boesl / Andrés Quintero – It’s still early
blog.salzamt-linz.at/2026/01/14/l-a-s-s-o-clara-boesl-andres-quintero

Clara Boesl claraboesl.com
Andrés Quintero andres-quintero.com

Isabelle Stone
war US-amerikanische Physikerin, die von 1868–1966 gelebt hat. Dieser Text entstand ausschließlich im Latenzraum von Isabelle Stones Nachnamen. Mit besten Grüßen aus der Referentin-Redaktion, die die Ausstellung auch besucht hat.
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