Für eine KI-Partei stimmen?
Die Referentin #43
KI-DIPFIES ist der Titel der Ausstellung, die am 12. Februar in Kunstraum Memphis eröffnet wurde. Es ist auch der Name einer neuen politischen Partei hier in Linz. Verwirrt? Aimilia Liontou hat bei Leander Gussmann, Kurator der Ausstellung KI-DIPFIES, die im Kunstraum Memphis läuft, nachgefragt.

Raum für eine synthetische Partei. Foto Jakob Dietrich/Memphis
Anlässlich der bevorstehenden Bürgermeisterwahlen in Linz im Jahr 2027 verwandelt sich die Galerie Memphis in das Büro der politischen Partei KI-DIPFIES. Eine eher ungewöhnliche Namenswahl, könnte man denken, aber es handelt sich auch um keine gewöhnliche politische Partei. Gegründet vom Kunstkollektiv Computer Lars (Asker Bryld Staunæs, Benjamin Asger Krog Møller und Marcel Proust) zusammen mit dem Kurator Leander Gussmann, möchte KI-DIPFIES die erste KI-Partei in (Ober-)Österreich sein. Und da Erfahrung in der Politik sehr wichtig ist, ist dies tatsächlich die zweite KI-Partei, die Computer Lars gegründet hat, nach The Synthetic Party in Dänemark im Jahr 2022: Die „synthetische Partei“ leitet sich von dänischen Mikro-Parteien ab, die seit 1970 an Wahlen teilgenommen haben, aber keine Sitze im Parlament erringen konnten. Die Daten dieser Parteien wurden verwendet, um die KI-Sprachmodelle zu trainieren, die folglich die politische Agenda der Synthetic Party geprägt haben. Die Partei behauptet auch, die 20 % der Dänen zu vertreten, die nicht wählen gehen.
In Linz sieht die Sache jedoch etwas anders aus. Hier wurde Vitus Mostdipf als Basis und „Gesicht“ der neuen Partei ausgewählt. Vitus ist ein fiktiver Kolumnist der OÖNachrichten, der seit 1970 fast täglich zu aktuellen Ereignissen Stellung nimmt: „maunchmoi grantig, maunchmoi bissig und a wengal behäbig, oba oiss mit sein unverwexlboarn bodnständign Charme“. Vitus teilt seine Meinungen im „owaöstareichen“ Dialekt mit und er ist als eher ländliche Variante eines cis-heterosexuellen Mannes mittleren Alters gestaltet, der – wie ich das hier zusammenfasse: eine so genannt „bodenständige“ Stimme des Volkes darstellt, eben ein „Mostkopf“ alias Mostdipf des Landes – und der einen Bierbauch hat und seine traditionelle grüne Weste trägt. “We did not pick Mostdipf as a ‘wise old man.’ We chose him because he is a steady local voice in a long-running newspaper format. The OÖN archive preserves decades of regional political language: skeptical, concrete, and often ironic. That gives a different starting tone than a generic, placeless AI voice.” Gerade dieser Vitus Mostdipf wurde nun hier in Oberösterreich verwendet, um die KI-Sprachmodelle hinter der KI-DIPFIES-Partei zu trainieren. Es gibt jedoch abgesehen davon, dass hier eben keine politischen Programme von Kleinstparteien, sondern eine Art „Stammtischfigur mit Hausverstand“ für das Training ausgewählt wurde, einen weiteren wichtigen Unterschied zur Synthetic Party in Dänemark: Hier ist die Partei kein „geschlossenes System“ mehr, sondern „öffnet“ sich für eine breitere Öffentlichkeit. Das „KI-Dipfel Gipfeltreffen“ ist der Parteitag der Partei, der vom 2. bis 6. März stattfindet. Durch eine Reihe verschiedener Veranstaltungen wird das Publikum die KI-DIPFIES weiter mitgestalten: “We will all build the party, its candidates, and its program together. Locality influences what emerges, but it does not dictate it.”
Es soll hier angemerkt werden, dass die Figur Vitus Mostdipf für viele Menschen der lokalen Kunst-, Kultur und auch der technologieaffinen freien Kulturszenen tendenziell das Gegenprogramm einer fortschrittlichen poltischen Haltung darstellt, auch wenn es heutzutage aggressivere Varianten dieser „Stimmen des Volkes“ gibt. Aber möglicherweise ist Widerstand durch Menschen auch das Konzept dieser „Mostdipf-Version“ einer KI-Partei.
Im Ausstellungstext heißt es jedenfalls zu Belangen von Wahl, Stimme und Beteiligung: „Wenn Sie in diesem Raum kritzeln, geben Sie eine STIMME ab, üben Sie Ihr STIMMRECHT aus, das Recht, eine Stimme zu haben ...“2 Aber wer hat wirklich das Recht, eine Stimme zu haben/zu wählen? Der Prozess zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft ist besonders schwierig und komplex – selbst wenn jemand hier geboren und aufgewachsen ist3. Laut Gesetz können nicht-österreichische EU-Bürger nur an Kommunal- und Europawahlen teilnehmen4. Nicht-österreichische und Nicht-EU-Bürger:innen sind von jeglichem Wahlprozess ausgeschlossen.
Bei den letzten Bürgermeisterwahlen in Wien waren ein Fünftel der Wahlberechtigten EU-Bürger:innen5, aber 35 % der Wiener:innen hatten kein Wahlrecht6. Natürlich ist dies nicht nur in Wien, Linz oder Österreich ein Thema, sondern weltweit. KI-DIPFIES hingegen unterliegen keinen solchen Einschränkungen. Kann eine KI-Partei etwas ändern?: “By law, voting rights depend on citizenship. The exhibition does not change this. Still, many people help build the city but cannot vote in municipal elections. In Linz, foreign nationals make up 30.9 % of the population (1 Jan 2026). In the exhibition, any visitor is invited to contribute to the party programme. In KI-DIPFIES, ‘STIMME’ is practical: what people write changes what the system writes next. The system responds to participation, not passports. That contrast reveals one gap: living in the city and contributing to it are not the same as being formally allowed to decide.”

Raum für eine synthetische Partei. Foto Jakob Dietrich/Memphis
Apropos Entscheidungen: Wir leben in einer Welt, in der uns viele Optionen zur Verfügung stehen – manchmal sogar zu viele. Wir werden fast ständig mit Dingen bombardiert, zwischen denen wir wählen müssen. Das Ergebnis ist eine kognitive Überlastung und Entscheidungsmüdigkeit, die unsere aktuelle Realität prägen. „Zum Glück“ gibt es Algorithmen, die alles für uns kuratieren: was wir in unseren Feeds sehen, wo wir die Nachrichten lesen, was wir uns ansehen, lesen, anhören oder sogar mit wem wir uns verabreden. Algorithmen analysieren unsere Daten und geben uns maßgeschneiderte Empfehlungen und die Illusion von Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsfindung – oder zumindest glauben wir das. Gleichzeitig entbinden sie uns von der Verantwortung für unsere Entscheidungen. Und egal, ob nun Synthetic Party oder KI-DIPFIES: Angesichts der steigenden Zahl von Wähler:innen, die sich dafür entscheiden, sich nicht an Wahlen zu beteiligen, stellt sich die Frage, ob eine KI-Partei als Instrument gegen das Phänomen der (politischen) Entscheidungsmüdigkeit eingesetzt werden kann oder ob sie selbst das Ergebnis dieses Phänomens ist. “It could be either. AI can hide choices or expose them. If it hides choices, politics becomes another curated feed, and decision fatigue can grow. If it exposes choices, it can help by making trade-offs clear and discussable. KI-DIPFIES works against the usual feed logic: it shows rough drafts before they are polished, and it makes corrections a public act. The goal is not to take decisions away, but to share the work of making them.”
Die Synthetic Party und die KI-DIPFIES sind jedenfalls im Kunstraum Memphis nicht die einzigen KI-Parteien. Letztes Jahr organisierte Computer Lars den Synthetic Summit7, eine Ausstellung und Konferenz in der Kunsthal Aarhus, bei der einige der internationalen KI-Parteien zusammenkamen. Das Ergebnis des Runden Tisches war die Verabschiedung einer gemeinsamen Position8, die in der Ausstellung in Memphis vorgestellt wird. Darüber hinaus stehen die KI-Politiker, die am Synthetic Summit teilgenommen haben, im Ausstellungsraum über einen Multi-Agenten-Chatroom für Fragen des Linzer Publikums zur Verfügung. Ich kann mich jedoch des Gedankens nicht erwehren, dass wir in Krisenzeiten Politiker brauchen, die innovative Lösungen anbieten, über den Tellerrand hinausblicken und über ihre Zeit hinausdenken können. Da KI Ergebnisse auf der Grundlage des Datensatzes liefert, mit dem sie trainiert wurde, und in der Regel einen Mittelweg zwischen möglichen Lösungen vorschlägt, sollten wir dann die Entscheidung den Maschinen überlassen? Besteht die Gefahr, in sich wiederholenden Zyklen/Mustern stecken zu bleiben? “We should not let machines make decisions for us. In the exhibition KI-DIPFIES, the system drafts; people decide. The risk you mention is real: models trained on past text often repeat patterns and smooth conflict into an ‘average’ voice. Our answer is practical: we actively solicit alternatives, we keep a visible edit trail, and we set clear limits on what is automated. Our claim is simple: if AI will shape political language, it is better to test it in public, where everyone can see how positions are produced and contest them.”

Dipfie-Variationen. Foto Jakob Dietrich/Memphis
Technologie ist nicht neutral, das war sie nie. Wie Ursula Franklin betont, prägt jedes Werkzeug das Vorhaben9. Die Werkzeuge, die wir einsetzen, um „die Arbeit zu erledigen“, beeinflussen aktiv, wie eine Aufgabe ausgeführt wird, das Ergebnis und den Denkprozess des Anwenders.
Werkzeuge haben nicht nur die Macht, die Art unserer Arbeit zu definieren, sondern auch unsere Gesellschaft zu verändern. Daher ist es wichtig, die von uns eingesetzten Werkzeuge kritisch zu bewerten. Die KI-DIPFIES dienen als Rahmen für einen Think Tank zu KI, Politik und Demokratie. Die DIPFIES laufen im Hintergrund, aber die Ausstellung wird erst aktiviert, wenn das Publikum anwesend ist und Debatten stattfinden. Es ist nichts in Stein gemeißelt und Schlussfolgerungen können erst nach Ende der Ausstellung gezogen werden. Lassen wir uns überraschen, ob die KI-DIPFIES etwas Neues auf den Tisch bringen können.
1 www.nachrichten.at/panorama/mostdipf-sprueche
2 Auf Deutsch bedeutet das Wort Stimme „voice“, aber auch „vote“.
3 www.derstandard.at/story/3000000286937/der-film-noch-lange-keine-lipizzaner-fragt-wer-in-oesterreich-dazugehoert
4 www.oesterreich.gv.at/de/themen/transparenz_und_partizipation_in_der_demokratie/demokratie-und-wahlen/wahlen/1/Seite.320210
5 presse.wien.gv.at/presse/2025/04/17/wien-wahl-2025-ein-fuenftel-der-wahlberechtigten-sind-eu-buerger-innen
6 wien.orf.at/stories/3295902
7 kunsthalaarhus.dk/en/Exhibitions/Synthetic-Summit
8 parkerpolitics.com/the-birth-of-synthetic-politics
9 lazarapress.ca/wp-content/uploads/2010/05/Every-Tool-Shapes-the-Task-Communities-and-the-Info-Highway.pdf.pdf
Computer Lars ist ein Künstlerkollektiv aus Aarhus (DK), das von Asker Bryld Staunæs, Benjamin Asger Krog Møller und Marcel Proust gegründet wurde und KI-gesteuerte ästhetische Forschung mit antipolitischen Experimenten verbindet. International bekannt für „The Synthetic Party“, umfasst ihre Arbeit zeitgenössische Kunst, politische Theorie und spekulative Berechnung.
Leander Gußman ist Wissenschaftler für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Art x Science School for Transformation der Johannes Kepler Universität Linz. Seine transdisziplinäre Forschung untersucht institutionelle Transformationen mit Schwerpunkt auf Normen, Governance und den strukturellen Bedingungen, die diese prägen.
KI-DIPFIES
12. 02.–10. 03. 2026
Kunstraum Memphis
www.memphismemph.is/programm/KI-DIPFIES
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(5. März 2026)