Die Referentin #43 - Aktuelle Beiträge

Liebe und schilfern

Stefan Schmitzer | Kunst und Kultur, 4. März 2026
Die Referentin #43

Sprachkritik, Gewalt, Körperwirklichkeit, auch wenn es sich der Form und Tradition nach immer noch um Liebesgedichte handelt: Das Programm dieser Lyrik besteht in der Tat im „Abschilfern“ einer Empfindungswelt – meint Stefan Schmitzer, wenn er über den Gedichtband „schilfern“ von Hannah K. Bründl sinniert.

Der Gedichtband „schilfern“ von Hannah K. Bründl, Ende 2025 bei Ritter erschienen, beginnt mit einem in Verse gegliederten Statement der autonomen Frauenhäuser Österreichs:

In Österreich ist beinahe jede dritte Frau
ab dem Alter von 15 Jahren
von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen,
sowohl innerhalb als auch außerhalb von intimen Beziehungen.

Ebenso endet er, nach einundsechzig durchnummerierten Gedichten, mit diesen zwei Zitaten:

Not for all my little words
    The Magnetic Fields

liebesgedichte
waren immer schon „engagiert“
    Erich Fried

Damit ist deutlich ein Anspruch markiert und eine Spannung bezeichnet: die poetische Rede von Liebe als von einer Menge an emotionalen, intellektuellen und libidinösen Sachverhalten, sie muss sich messen lassen daran, ob sie vermag, nicht zugleich zu schweigen von den mörderischen Wirklichkeiten des Patriarchats – rape culture als etwas, das in der Sprache selbst sedimentiert ist und Jahrtausende der Misogynie, der Geschlechterapartheit tradiert. Dem entspricht, dass in „schilfern“ die Gegenüberstellung eines humus- oder erdbodenartigen Mediums von Abbau- bzw. Zer­setzungsprozessen in Differenz zu darin wachsenden Körpern mehrmals wiederkehrt; in Varianten, die sich darin unterscheiden, welches Element im Bild metaphorisch für diese doppelgesichte Sprache einsteht.

Die drei Kapitel, in die „schilfern“ gegliedert ist, heißen „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“. Wir verstehen die Aussparung des Frühlings – es geht um ein Erkalten, einen Rückzug lebendiger Impulse ins Innere und/oder Unterirdische … Das letzte Gedicht spricht das dann unumwunden aus, und markiert zugleich zumindest die Möglichkeit einer Rückkehr:

bestehen bleiben in dieser sprache, die zu grob, zu materiell ist
auf dem boden
der die leiber versteckt hält, body by body

(…)

lass, wenn du sprichst, meinen körper aus dem spiel

bestehen zu bleiben also
sich freizusprechen dabei, ausstoßhaut
der nächste sommer wird kalt werden
der sommer
der winter
der sommer

und das recht, dass ich lieben kann, radikal, vollumfänglich
in sicherheit

schau, so schau nur
etwas sprießt

„Wie ein Gehirn in einer Sprache, vielleicht, denkt …“ – dieser mündlichen Formulierung der Autorin während eines Podiumsgesprächs entnehmen wir etwas, dass solche Fälle des poetischen Aussprechens des Wortes Sprache vielleicht dazudenken sollten: Bründl scheint Bewußtsein-selbst als etwas substantiell Sprachliches zu verstehen (womit sie sich in bester Gesellschaft österreichischer Sprachkritik befindet). Es geht also ums Ganze, schon bei der Gattungswahl, denn „Erzählen“ – und auch diese Äußerung stammt von dem erwähnten Bühnengespräch – ist für Bründl „eine Form von Gewalt“, und Lyrik eine Möglichkeit „die Ränder ins Zentrum zu holen“. Der (weibliche) Körper erscheint als Gegenstand (als Objekt, gewalttätigerweise) von so verstanden hierarchischer Spra­che, und paradoxerweise zugleich als Fokus eines Bemühens um ihre Enthierarchisierung – also, s. o., als Gegenstand und Ursache von Lyrik, nicht von Erzählung. „schilfern“, der Band, ist also ein Versuch, über die Liebe in einer Weise zu sprechen, welche die Zumutungen der in Sprache (im Denken-selbst) gespeicherten Gewalt nicht ignoriert. „(ab)schilfern“, das titelgebende Wort, ist übrigens kein Neologismus, sondern ist ein veraltetes Wort, welches ungefähr „häuten“ bedeutet – „Schalen oder Häute von einem ca. Ast abziehen“. Sprache als Speicher für Verdrängtes schon hier. … Eine Frontlinie verläuft durch die Körper, durch die Sprache (Bründls).

Bei der Lektüre ist zunächst unklar, ob es sich bei den einzelnen Poemen um ungefähr Katalogeinträge handelt – Einträge in eine Liste von Fällen gewaltförmiger Bezogenheit; oder Einträge in einen Katalog der Anläufe des Textsubjekts, zu einer adäquaten Sprache (einem adäquaten Denken) von der Liebe zu kommen; jedenfalls um nebeneinander stehende Fälle –, oder um das kontranarrative Umkreisen eines solchen Falls … Die Oberfläche von Bründls poetisch-surrealen Sprachbildern erscheint dem ersten Blick nicht durchgängig von Gewalt geprägt. Zugleich legt uns schon das zitierte Motto am Eingang des Bandes nahe, ausnahmslos jede noch so vorscheinlich harmlose Ellipse und Metapher in „schilfern“ in greifbare Körperwirklichkeiten zurückzuübersetzen – und wenn wir die Gedichte mit dieser Erwartung rezipieren, lauert der gewalttätige Übergriff plötzlich hinter jeder unschuldigen Geste. Dass dieser Effekt – so ein Gefühl von unter Vorbehalt gestellter Panik, die als paranoisches Etwas unter der Oberfläche einer künstlich glatten Wahrnehmungswelt fortwest – die Lebenswirklichkeit der meisten weiblich gelesenen Menschen ganz gut literarisch abzubilden scheint, ist der Kern der Sache. Das Programm dieser Lyrik besteht in der Tat im „Abschilfern“ (Häute abziehen und freilegen, was darunter sichtbar wird) einer Empfindungswelt – auch wenn es sich der Form und Tradition nach immer noch um Liebesgedichte handelt. Ein weiteres Beispiel:

(…)
es habe wohl inzwischen mit nichts mehr zu tun, aber hier sagte ich, hier sei es, seien klüfte
keine brocken vom wattmeer, kein mittelwasser, das nie habe ausgehen wollen

das zurückschneiden ins faltmaß
meine eigenen finger vom blutleeren fleisch kaum zu unterscheiden, manchmal brauche es eben das messer

    dass es nicht um dich nämlich,
    nicht darum, was leben für dich hieße
    dass es vielmehr einschlag sein könne
    für jemanden
    dass man davon aus der bahn
    geprügelt werde
    und dass man ein einsehen müsse
    haben

kliff; und hohler körper

es ist keine schande geliebt zu haben, auch ein schwein geliebt zu haben

Die bezeichenbare Klarheit ihres Anspruchs (des künstlerischen Anspruchs an sich selbst; des ethischen Anspruchs an ihre Kunst) ist wohl ein wichtiger Faktor, um den jüngst recht rasanten und vielgestaltigen Erfolg der Autorin – z. B. Leonce-und-Lena-Preis 2023! Longlist beim Lyrikpreis München 2024! seit 2020 jedes Jahr was Neues auf einer Theaterbühne! – zu erklären: die ihr eigene Kombination aus einer gänzlich transparenten und stringenten Haltung mit einer ästhetischen Substanz der vorgelegten künstlerischen Arbeiten, die von dieser Hal­tung kaum zu abstrahieren ist – sie zieht.    

Hannah K Bründl: schilfern. Gedichte. 
Klagenfurt: Ritter 2025. 88 Seiten, brosch., ISBN: 978-3-85415-694-9; € 19,00. 
Mit Grafiken von Valentin Aigner

Stefan Schmitzer
*1979, lebt als Autor und Kritiker in Graz und ist Mitherausgeber von „perspektive – hefte für zeitgenössische literatur“ … Zuletzt erschienen: „loop garou. invokationen“ (Klagenfurt: Ritter 2024)
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