Konsens, Kommunikation, Konflikt
Die Referentin #43
Das Raumschiff veranstaltet im März und April eine Diskursreihe zum Thema Konsens, Kommunikation und Konflikt. Hinter der Reihe stehen Kerstin Reyer, Theresa Muhl, Nicol Baumgärtl und Gerald Wöss. Letztere beide schreiben darüber, warum sie die Weltlage zum Thema drängt und wie sie die Thematik mit dem Persönlichen verbinden wollen.

© Projektteam CCC
Es steht etwas im Raum. Erschöpfung, Resignation, Rückzug. Es ist spürbar und doch möchten wir es nicht benennen. Macht es uns sprachlos? Oder fehlt uns die Sprache dazu? Erschlagen von der Lage der Welt. Erschlagen von Realitäten sehen wir uns als politische Menschen – und erstarren zusehends. Das Wiederaufkommen autoritärer Tendenzen ist kein kurzes Aufblühen, kein schnelles Strohfeuer. Es zeichnet sich ab, dass faschistische Strömungen in dieser Welt am Vormarsch sind und diese Richtung sich verfestigt. Die fortschreitende Polarisierung der Gesellschaft untergräbt Austausch und Dialog. Kommunikation wird brüchig, Konflikte können nicht produktiv ausgetragen werden und ein gemeinsamer gesellschaftlicher Konsens zerfällt sichtbar. Wie handeln? Als einzelne Person, als Gesellschaft? Die Scheu vor Konflikten lähmt uns und führt dazu, zu spät in einen Austausch zu gehen – oder Auseinandersetzungen ganz zu vermeiden. Oft verschweigen wir, was angesprochen werden müsste, bis sich Beziehungen verhärten und Dynamiken die Kontrolle über unser Handeln übernehmen. Routinen, Muster und Schutzmechanismen treten an die Stelle lebendiger Begegnung. Dynamiken ersetzen unser zwischenmenschliches Beisammensein.
Wir wollen mit unserer Veranstaltungsreihe die Handlungsfähigkeit wiedererlangen. Wir sehen es als Chance, Altbekanntes und vermeintlich Sicheres über Bord zu werfen, um wieder Neues zu lernen. Dazu beleuchten wir die zentralen Begriffe dieser Reihe, wie wir sie als Ausgangspunkte verstehen, und wollen absichtlich Widersprüchlichkeiten zulassen.
Konsens ist weit mehr als ein Vertrag – es ist eine Kultur des Miteinanders. Konsens bedeutet ein ständiges Ausverhandeln, eine Abkehr von der Vorstellung fixierter Regeln. Was gestern konsensual war, kann sich morgen neu gestalten. Was vor einer Stunde Gültigkeit hatte, kann sich im Jetzt anders anfühlen. Es ist eine Mischung aus Wahrnehmen der eigenen Position und jener des Gegenübers, ein aufeinander Zubewegen. Aufrichtiger Konsens entsteht ohne Druck, ohne physische und psychische Beeinflussung. Es geht um ehrliche Positionen und darum, diese gemeinsam auszuverhandeln. Dadurch, dass Konsens keine unveränderliche Übereinkunft ist und Positionen dynamisch bleiben dürfen, muss die eigene Position nicht immer sofort abrufbar sein. Es ist erlaubt zu schwanken, sich auszutesten, sich darin zu verändern und gemeinsam die individuellen Haltungen und Gemeinsamkeiten zu erkunden. Ein qualitatives Miteinander ist somit nur möglich, wenn Unsicherheiten zugelassen, ein Raum für Verletzbarkeit entstehen darf und Akzeptanz und Vertrauen aufgebaut werden. Bei Konsens geht es nicht nur um das Ich, sondern um ein Wir. Diese Art des Denkens möchten wir uns aktiv wieder aneignen.
Kommunikation ist keine Technik, die einmal erlernt und dann beherrscht wird. Es ist vielmehr ein Prozess, in dem man immer wieder neu übt hinzuhören, sich selbst auszudrücken und gemeinsam in eine ehrliche Auseinandersetzung geht. Sprache schafft Realität und begrenzt das Vorstellbare. Was sich nicht benennen lässt, wird schwer begreifbar. Die Worte, die alle benutzen, sind nicht neutral, sondern geformt von Gesellschaft, Politik und Ideologie. Somit kann es kein Zurücklehnen geben. Sich ausruhen auf dem Argument, man hätte es ja so gelernt, ist schlicht eine Ausrede, denn wir alle haben in unserer Sozialisation verletzende, abschätzige und diskriminierende Worte gelernt. Es ist also eine Entscheidung, die getroffen wird. „Sprache schafft Realität“ bedeutet auch, dass sie das Vorstellbare erweitert. Sie ist ein Instrument des eigenen Innenlebens, das dadurch greifbarer wird, und hilft bei der eigenen Reflexion. Kommunikation kann versöhnend sein – mit dem Gegenüber, aber auch mit sich selbst – und offenbart auch eine Welt abseits des Verbalen. Es lohnt sich, eigene Kommunikationsmuster zu reflektieren und dadurch neue Perspektiven auf Konflikte zu gewinnen, um so einen produktiven und respektvollen Umgang miteinander zu kreieren.
In Konflikten liegt ein enormes Potenzial. Sie stärken Beziehung, schaffen Klarheit und fördern Veränderung. Doch dafür braucht es die Bereitschaft, Verantwortung für die eigenen Worte und Reaktionen zu übernehmen – und die Fähigkeit, auch im Streit in Verbindung zu bleiben. Es fällt nicht leicht, Kritik als Geschenk anzunehmen, um so die eigene Kritikfähigkeit zu stärken. Doch wie soll man sonst einem Gegenüber zeigen, dass man es schätzt, wenn ehrliche Kritik gebracht wird? Es ist die Frage zwischen Ehrlichkeit und Verlogenheit, zwischen Offenheit und hinter dem Rücken. Die Chance, Konflikte zu nutzen, bedeutet, viel über sich selbst lernen zu können und aus den eigenen Prägungen ausbrechen zu können.
Gesellschaft prägt. Sie beeinflusst, formt, sozialisiert und manipuliert – unser Denken, unser Fühlen, unser Handeln, uns. Gleichzeitig ist sie durch genau unsere Person konstruiert. Wir sind Produkt und Produzent*in zugleich und stecken in diesem Kreislauf von Prägung und Konstruktion. Das bedeutet aber auch, dass wir Einfluss darauf nehmen können – und uns selbst als Subjekt bewegen und verändern können. Deswegen erklärt Sozialisation unsere Handlungen, aber sollte nicht als Ausrede genutzt werden. Der Mensch strebt nach Entwicklung und unsere persönlich-soziale Entwicklung darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Und gerade weil wir geprägt sind, müssen wir uns fragen, ob wir diese Prägung fortschreiben oder sie unterbrechen wollen.
Alles beginnt im Persönlichen. Von hier aus lassen sich die Fäden in alle Richtungen spinnen, ins Umfeld bis hin zur Gesellschaft. Das Private ist politisch und genau deshalb führt jeder gesellschaftliche Weg durch das eigene Denken, Fühlen und Handeln. Wenn wir im Nahen uns selbst gestalten, uns selbst überlegen, welche Menschen wir sein möchten und welche Handlungen wir ausüben und leben wollen, dann können wir die Kreise weiterziehen und durch ein Vorleben Einfluss auf gesellschaftliche und globale Probleme nehmen. Im Inneren entstehen die Muster, die wir in unsere Umgebung, in gesellschaftliche Strukturen, in politische Vorstellungen, in die Welt tragen. Wenn wir gelernt haben, Konflikte nur als Kampf zu sehen, dann wird diese Logik zum Filter für alles Weitere: zur Idee, dass „der Stärkere“ gewinnt. Durch diese Brillen sehen wir Konflikte zwischen den Menschen und Kriege zwischen Ländern und es rücken Abschreckung, Aufrüstung und Verteidigung in den Mittelpunkt. Andere Formen der Konfliktlösung treten in den Hintergrund oder werden gar nicht erkannt. Sich selbst aufzuwecken, Rollenbilder zu begreifen und sich der eigenen (Macht-)Positionen und Privilegien bewusst zu werden, passiert nie nur für das eigene Innere. Es passiert auch für das Gegenüber, für das Miteinander, in Beziehung treten und somit auch für die Gestaltung sozialer Räume.
Damit Veränderung möglich wird, braucht es Räume, in denen neue Formen des Denkens, Sprechens und Handelns erprobt werden können. Aber sie sind keine Wattebällchen-Orte, keine Räume der Konfliktvermeidung und keine Schutzräume vor Fehlern. Vielmehr fördern sie dieses und sind ein Ort, an dem vieles möglich sein darf: Unsicherheit, Unwissen, Irritation, Scheitern. Es sind Orte des Mutes. Mut für Unbequemes. Mut, seine Denkmuster zu hinterfragen, sich selbst zu reflektieren und kritisch zu betrachten. Mut, nicht nur zu denken, sondern seine Gedanken in Handlungen zu übersetzen. Mut, sich irritieren zu lassen und sich neu zu formen. Mut, auch Bekanntes abzulegen. Mut bedeutet, nicht im Kreislauf von Prägung und gesellschaftlicher Konstruktion stecken zu bleiben, sondern sich selbst aktiv mitzugestalten. Genau diesen Ort versuchen wir im Raumschiff zu schaffen. Unser Projekt Konsens-Kommunikation-Konflikt sehen wir als Basis und Ausgangspunkt, um all diese Themen zu verbinden und weiterzuführen.
Mehr Informationen zum Projekt:
Instagram-Profil: initiative.raumschiff
www.raum-schiff.at/kalender
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(5. März 2026)