Schuss, Peng: Ein Gewehr ist ein Werkzeug
Die Referentin #43
Aufrüstung, Krieg, Gewalt: Die Akzeptanz von Waffen nimmt wieder zu. Und wie sieht es mit Präsenz und Thematisierung von Waffen in den eigenen kulturellen Sphären aus? Im Rahmen der Textreihe SCHUSS, PENG beschäftigt sich Ralf Petersen mit dem Gebrauch von Schusswaffen. Hier: Das Schlachten in der extensiven Viehzucht.

Bild CC
„Wenn ich den Finger sehe, wie er das Gewehr abdrückt, und nachher sehe, wie die Wunde platzt, dann habe ich Ursprung und Ausgang einer Handlung gesehen, ihre Geburt und ihre Umwandlung.
Was dazwischen liegt im Raum, das ist, wie die fliegende Kugel, unsichtbar.“
Rolf Dieter Brinkmann
„When I held that gun in my hand, I felt a surge of power ... like God must feel when he’s holding a gun.“
Homer Simpson
Acht Uhr morgens im Linzer Hinterland. Nebel. Treff ich einen Jungbauern. Mit einem Kompagnon hat er bereits Elemente eines Geheges aufs Dach seines Autos gehievt. Zu dritt fahren wir zu den Tieren. Auf einem nahen Hang können die Schafe sicher weiden. Ich helfe, die Gitter über den die Wiese umrandenden Zaun zu heben. Auf der Weide werden sie dann zum Gehege zusammengesteckt, in welches die Schafe gelockt werden sollen. Ob die Tiere weit weg seien? „Da vorne stehen sie“, sagt der Bauer und zeigt in Richtung eines Baumes, neben welchem jetzt die weißen Wollknäuel eins nach dem anderen auftauchen, sich aus der allumgarnenden Nebelsuppe herauskristallisieren. Nun ists die Aufgabe, zwei der Viecher einzufangen. Einen der Böcke mit dem schwarzgefleckten Fell zu bekommen, wäre besonders super. Der Bauer reicht mir eine verschossene Platzpatrone, „da sind wir schon ganz nah bei deinem Thema“, sagt er. So eine Patrone, erklärt er mir, diene als Munition für sein Bolzenschussgerät. Nach der Zündung brenne die Treibladung ab, erzeuge so, durch die entstehenden Verbrennungsgase, den erforderlich hohen Druck, mit dem der Bolzen aus dem Schlachtschussapparat hervorgestoßen wird.
Mit Futter und Zurufen werden die Schafe ins Gehege gelockt. Einige wenige riechen Lunte, vermuten die Falle. Unter ihnen die beiden mit dem hübsch gefleckten Fell. So ist zunächst ein schneeweißer Artgenosse an der Reihe, wird über den Zaun und ins Fahrzeug getragen. Seelenruhig liegt er auf der Ladefläche, den Kopf auf dem Schoss des Hirten. Idealsituation. Da geschiehts: Betäubung des Tiers durch einen gezielten Schuss ins Gehirn. Während der Bauer die Hauptschlagader des Wiederkäuers am Hals durchtrennt, erklärt er mir, er kontrolliere per „Augentest“ die ausbleibende Reaktion der Pupillen. So ließe sich sicher sagen, dass das entblutende Schaf tot sei und nicht unnötig leide. Das geht sehr schnell. Die Glieder allerdings, die Beine, der ganze Körper eigentlich, zappeln stark und für eine Weile. Dann gelingt es auch noch, den gefleckten Bock, der sich nicht hatte in die Falle locken lassen, zu fangen. Als auch er geschossen ist, sein Körper entblutet, möchte ich vom Bauern wissen, ob der Rest der Herde wohl wisse, was gerade geschehen ist. „Ich denke nicht“, meint er, „sonst würden sie nicht so da stehen“: Ganz ruhig glotzen die restlichen Tiere in die Ferne, latschen bald zu einem Baum. Ja, denk ich, hätten sie gerafft, was passiert ist – würden sie dann nicht umherrennen, schreien?
Normalerweise erledigt der Bauer die Verarbeitung der getöteten Tiere – Abziehen des Fells, Herausnahme der Innereien (Organe, Magen, Darm), Abtrennung von Kopf, Klauen – daheim. Übrigens schlachtet er aus Eigenbedarf, isst das gesamte Tier: auch Kopf und Hoden landen in Kochtopf und Bratpfanne. Heute gehts ein Stückchen weiter, zu einem Bekannten, der auch gewerblich in Viehhaltung und -verarbeitung tätig ist. Verabredet haben sich die beiden Bauern, um einander ihre verschiedenen Techniken zu zeigen. Bei der Handhabung toter Tiere, darf ich bezeugen, gibt es nuancierte Unterschiede in den Arbeitsschritten. Wann wo welcher Schnitt, und so weiter. Doch genaueres hierzu heben wir uns für einen späteren Text zum – wie es in der Jagdsprache heißt – Aufbruch auf. Nur so viel: Einem der toten Böcke hängt die Zunge raus wie im Cartoon.
Im Anschluss, als wir beim Kaffee sitzen, unterhalte ich mich mit dem Gastgeber über die Themen, die ich recherchiere: über Jagd und Gewehre: über eine Welt, von der ich so wenig weiß. Aber, erzähl ich ihm, ich erinnere mich gut ans Kriegspielen in Kindheit und Jugend: im Graben versteckt mit dem Luftgewehr auf die Gummistiefel der anderen und so weiter. Er lacht, kennt solche Dummheiten wohl. Ja, meint er, im Menschen stecke wohl der Hang zur Waffe: „Der erste Stecken, der ausschaut wie ein Gewehr, wird wie eins gehalten.“ Auch er und seine Freunde hätten es „mit Soft-Airs auf die Spitze getrieben“, das Kriegspielen. Nach der Schule gings für ihn dann zum Bundesheer.
Nach dem Dienst, erzählt er, habe er sich einige Zeit ein Geschäft daraus gemacht, mit alten Gewehren zu handeln. Habe Büchsen in Deutschland aufgestöbert und sie in Österreich gewinnbringend verkauft. Selber interessiere er sich für bestimmte Unterhebelrepetiergewehre, deren Mechanik er schätze. „Kein Hexenwerk“, sagt er, aber „die Physik hinter der Kugel“ wäre eben faszinierend. Diese Büchsen seien was anderes als die „Plastik-Bundesheerwaffen“, in deren Umgang er beim Heer geschult worden war. Ob er erklären könne, wie so eine Repetiererbüchse funktioniere? „Ich hab sogar eine da“, sagt er, geht sie holen. Das Gewehr liegt gut in der Hand. Erinnert mich an meine Schreibmaschine. Mit der schieß ich ja auch – wenns gut läuft. Wie auch ich an ein Gewehr käme, will ich wissen. „Indem du in ein Waffengeschäft gehst“, kommt die Antwort, „und dir eins kaufst.“
Irgendwann, berichtet mein Gegenüber, sei es ihm aber zu viel geworden, mit den Waffensammlern, von denen viele „ziemlich abartig“ seien. „Wenn Waffen Werkzeuge sind“, erzählt er, „haben sie eine Berechtigung. Wenn Waffen Phallusverlängerungen sind, wie ich es in der Sammlerszene und bei den Sportschützen gesehen habe, dann ist es problematisch.“ Die Sportschützen, das seien „lauter Verrückte“, unter ihnen fänden sich viele, die „auf irgendwas hinrüsten“: klassische Prepper wären sie nicht, sammelten nicht unbedingt Konserven für den Notfall. Stattdessen handele es sich um Männer, die sich auf den drohenden, vermeintlich näherrückenden Fremdangriff vorbereiten. Neben solchen Gestalten wären manche Western-Enthusiasten geradezu erbaulich.
Heute sei übrigens wieder Treibjagd. An solchen nehme der Jagdscheinbesitzer jedoch in der Regel nicht teil: „zwanzig schlechte Schützen aufgereiht“, Stahlschrot zur Munition: das wäre seine Sache nicht. Außerdem nicht gerade ungefährlich: „Wenn einer einen Fasanen sieht“, habe er nur mehr Augen für den. Kein Wunder also, dass immer mal wieder das Ziel verfehlt werde: wie Ende letzten Jahres, als im Hausruckviertel ein Jäger, auf einen vorbeilaufenden Hasen zielend, einen 120 Meter entfernt sitzenden Kollegen traf. Man liest – im Polizeibericht –, der Schuss dürfte von einem Stein abgefälscht worden sein.
Was den Jagdgesellschaften abginge, sei eine Grundsatzdebatte nach dem Motto: „Was ist unsere Aufgabe in unserer Region?“ Eine Gruppierung, die hier zu intervenieren versuche, seien die sogenannten Ökojäger, wie etwa der Ökologische Jagdverband Österreichs, der „neue Wege in der Jagd“ gehen will. Dessen Ziel sei es, auf der Website zu lesen, „die Jagd in das 21. Jahrhundert zu bringen und die Wende der Jagdausübung vom Edelhobby zum ökologischen Handwerk zu vollziehen.“ Aber auch die seien leider „alle Trotteln“. Damit stelle man sich gegen die fortgeschrittene Technologisierung ihrer „modernen“ Kollegen, bei denen, so mein Gesprächspartner, „Bequemlichkeit großgeschrieben“ sei: Wärmebildkameras, avantgardistischste Ziel- und Schussgeräte. Ich muss an die Simpsonsfolge „The Cartridge Family“ aus dem Jahr 1997 denken: ein Fußballspiel führt zu Unruhen und Krawall in der Stadt, was wiederum Homer dazu veranlasst, sich eine Pistole zur Beschützung seiner Familie zuzulegen. Um seine Frau Marge von Vernunft und Nutzen des Schusswaffengebrauchs zu überzeugen, schleift er sie zum Treffen des örtlichen Zweigs der Nationalen Gewehr-Vereinigung (NRA). Dort wedelt gerade ein Redner mit einer halbautomatischen Schusswaffe („assault weapon“) herum. Diese, sagt er, hätten „in letzter Zeit viel schlechte Presse bekommen, aber sie werden aus einem bestimmten Grund hergestellt: um die modernen Supertiere von heute, wie das Flughörnchen und den Zitteraal, zu erlegen.“
Und wie bringe unser Gastgeber seine Tiere um die Ecke, die meisten von ihnen Kühe? Auf dem „offiziellen Weg“, sagt er: Fixierung im Gitter und Betäubung mittels Bolzenschuss. Lieber wäre ihm „gutes Töten“; Waidschlachtung nach deutschem Vorbild. So könnten die Tiere dem Stress vor der Schlachtung entgehen. „Warum Schlachtvieh zähmen“, meint er und führt aus, die Kühe wüssten genau Bescheid, dass es gleich einer von ihnen an die Gurgel gehe: „Wer kommt dran?“, diese Panik sei spürbar. „Mit der Kugel“ hingegen „wärs schon sehr human – also tiergerecht.“
Die Kaffeetassen leer, geht es nun, das Fahrzeug längst beladen – die ausgenommenen Tiere, ihre noch dampfenden Felle und die entnommenen Innereien getrennt verkistet –, zurück zum Ausgangspunkt der Reise. Während die Körper nun gehangen werden, dass sie kühlen und trocknen können, gehören Magen, Darm usw. zur Tierkörper-Sammelstelle, wo sie in gekühlten Containern entsorgt werden. Die Felle breitet der Hirte im Stall auf Paletten aus, wo sie sorgfältig mit Salz bestreut und eingerieben werden. Die leere Platzpatrone in der Hosentasche mach ich mich auf zum Schießstand. Doch davon nächstes Mal.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(20. April 2026)