Aktueller denn je: der Bund der Kriegsdienstgegner
Die Referentin #43
Die Referentin bringt seit längerer Zeit eine Reihe über den Anarchismus als erste soziale Bewegung und als Ausdruck vergangener wie aktueller kämpferischer emanzipatorischer Entwicklungen. Dieses Mal schreibt Brigitte Rath über die Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Olga Misař – und über frühe Gelöbnisse, keinen Waffendienst zu leisten.

Olga Misař in der Zeitschrift Internationaal, 1917, Nr. 3. Bild CC
Die derzeitige Regierung plant eine Volksbefragung über eine Verlängerung des Wehr- und Zivildienstes und die Staatsausgaben für die Verteidigung steigen. Politiker_Innen und Medien wiederholen ständig die hegemoniale Erzählung über die militärische Bedrohung, Widerstand dagegen wird zum Schweigen gebracht, erscheint erst gar nicht.
Fragen nach totaler Verweigerung des Soldat_Innentums – großzügigerweise „dürfen“ ja auch Frauen ihr Leben für den Staat geben, oder mit anderen Worten ‚Karriere‘ beim Bundesheer machen – werden nicht gestellt. Österreich hat, das ist aufgrund fehlender historischer Diskursivierung kaum bekannt, eine über 100jährige Geschichte der Verweigerung des Wehrdienstes.
Als sich die heute noch aktive transnationale Organisation der „War Resisters International“ (WRI) 1921 in Holland konstituierte, nahm auch ein junger österreichischer Anarchist, Alfred Saueracker (1892–1987) daran teil und gründete daraufhin den Bund der Kriegsdienstgegner (=BKG) in Österreich. Im Ersten Weltkrieg verweigerten beispielsweise 16.000 englische Männer mit Hilfe von widerständigen Frauen, die sich um die betroffenen Familien kümmerten und wichtige Koordinationsaufgaben übernahmen, den Wehrdienst. In religiösen Kommunitäten wie den Quäkern, russischen Duchoborzen oder Nazarenern war und ist Wehrpflichtverweigerung zentral. In der österreichischen Armee gab es im Ersten Weltkrieg nur wenige Kriegsdienstverweigerer, der österreichische gewaltlose Anarchist Pierre Ramus (1882–1942) war einer von ihnen, wie er in dem autofiktionalen Roman „Friedenskrieger des Hinterlandes“ beschrieb. Im Krieg sind Räume geschlechtsspezifisch zugeordnet. Während die Front den kämpfenden Soldaten vorbehalten ist, agieren die Frauen im sogenannten Hinterland. Somit entsprach Kriegsdienstverweigerung nicht dem damals gängigen Männerbild.
Die 1876 in eine jüdische Textilhändlerfamilie geborene Olga Misař, organisierte ab 1923 bis zu seinem Verbot im Austrofaschismus 1936 den BKG maßgeblich. Sie hatte sich in der Frauenstimmrechts-, der Mutterschutz- und der Frauenfriedensbewegung sowie im Anarchismus politisiert. Beim dritten internationalen Kongress der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (=IFFF) 1921 forderte sie ein Gelöbnis, keinen Waffendienst zu leisten, also den Krieg zu bestreiken, oder wie es später in den 1980er Jahren hieß: Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin!
Der BKG wurde nicht, wie erhofft, zu einer Massenorganisation. Die Mitglieder rekrutierten sich vor allem aus Anhänger_Innen des Bundes herrschaftlicher Sozialisten, aus Freidenker_Innen, Esperantist_Innen. Dennoch erstaunen heute deren umfangreichen Aktivitäten. Jeden Juli hielt der BKG gemeinsam mit anderen Friedensorganisationen, „Nie wieder Krieg!“-Demonstrationen in Wien und Graz ab, die mitunter von Nationalsozialisten tätlich angegriffen wurden.
Die Aktivist_Innen des BKG wandten eine Vielzahl von unterschiedlichen Agitationsmöglichkeiten an, um ihre Ideen zu verbreiten und Unterstützer_Innen zu finden. Mit der Gründung regionaler Gruppen sowie Demonstrationen, Vorträgen, Theater- und szenischen Aufführungen, Publikationen, Flugblättern, Artikel in Zeitschriften, Übersetzungen, der Nutzung neuer Medien wie Filme und Diavorträge, wollten sie einen breiten Interessent_Innenkreis ansprechen. Sie wollten den Diskurs verändern und zu einer Massenbewegung werden.
So gelang es 1924, den deutschen BKG-Aktivisten und Schriftsteller Armin T. Wegner (1886–1978) zu einem Diavortrag einzuladen. Wegner hatte als Sanitäter in der Türkei die Vertreibung und den Genozid der Armenier mitangesehen und fotografisch dokumentiert. Die Unmenschlichkeit des Krieges wurde bei einem gemeinsamen Besuch der 84. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler in der Sezession thematisiert. Dort zeigte der israelische Künstler Abel Pann (1883–1963) von August bis September 1925 die Pogrom- und Kriegsbilder. „Neue Wege der Friedenspolitik“ besprach der tschechische Kriegsdienstgegner Přemysl Pitter in der Bereitschaft.1 Der neuseeländische Aktivist des BKG Alfred Page2 besuchte anlässlich einer Europareise auch Wien und Graz und erzählte „Nachrichten vom anderen Ende der Welt […] jedesmal mit sehr interessanten, künstlerisch schönen Lichtbildern aus seiner Heimat.“3
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Volkskundgebung Nie wieder Krieg. Bild CC
Immer wieder stand die Frage der Wehrpflicht zur Debatte und 1925 argumentierte Olga Misař in dem Artikel „Braucht Oesterreich eine Armee?“ die Sicht der Kriegsdienstgegner und deren Kritik gegenüber Militarismus. „[W]ir […] sind Freunde der Republik, sind freiheitlich und revolutionär und wollen doch nicht, daß Waffengewalt organisiert wird, daß Fahnen und sonstiger Klimbim verehrt werden, und daß das Volk durch Uniformen, Orden und Aufzüge verblödet wird.“4
Als Mitglied des International Council der WRI gelang es Olga Misař, im Juli 1928 die dritte Internationale Konferenz am Sonntagberg, ca. 80 km westlich von Wien, zu organisieren. Dort existierte die Heim- und Wirtschaftsgenossenschaft, eine „kleine kunsthandwerklich arbeitende Wohngemeinschaft, die auch Gartenbau und Bienenzucht betrieb, Reformkleider trug und abstinent und vegetarisch lebte.“5 Die Siedlung bestand seit 1922 und wurde von sieben Personen betrieben, die keine Statuten und kein persönliches Eigentum besaßen.
Über 150 internationale Teilnehmer_Innen nahmen an der Tagung teil und diskutierten Fragen der Kriegsdienstgegnerschaft, darunter auch ein Mitarbeiter Gandhis, Rajendra Prasad (1884–1963). Dieser bekam den Rassismus der radikalisierten Österreicher einige Tage später bei einem Vortrag in Graz am eigenen Leib zu spüren. „Der Versammlungssaal war größtenteils von Heimatschützern, wehrhafter Studentenschaft, christlich-deutschen Turnern, völkischen Turnern, Nationalsozialisten und Frontkämpfern besetzt. (…) Dr. Rajendra Prasad (…) wurde von einem ohrenbetäubenden Pfeifen, Heulen und Pfuirufen empfangen. Der sanftmütige Anhänger der Gewaltlosigkeit hielt den Lärm zunächst für Beifall und verneigte sich nach indischer Sitte mit gefalteten Händen. Da stürzten drei Bodenständige mit dem Rufe ‚Du Negersau‘ auf ihn zu und schlugen mit zertrümmerten Stühlen und Bilderrahmen auf ihn ein”, wie Wolfgang Benndorf (1901–1959) die Vorfälle 1952 ausführlich als „kleinen Beitrag zur Sittengeschichte der Ersten Republik” beschrieb.6
Nach den gewalttätigen Ereignissen im Rahmen des Justizpalastbrandes wurde der Zusammenschluss von Friedensorganisationen dringlicher. Im November 1927 formierte sich in Wien das Komitee für innere Abrüstung, mit einer Vielzahl von Friedensvereinen, einer davon der BKG. Ein weiterer Zusammenschluss von einem Dutzend Friedensvereine erfolgte 1927 zur Arbeitsgemeinschaft österreichischer Friedensvereine. Olga Misař beschrieb die Entwicklung dieses Zusammenschlusses. „Seine Aufgabe bestand darin, die Abrüstung aller bewaffneten Formationen durchzusetzen“.7
Anlässlich von Gandhis Aufenthalt in London verfasste Olga Misař am 22. Oktober 1931 im Namen des österreichischen Abrüstungskomitees8 einen Brief, der an Mr. Gandhi, London, adressiert war und diesen nach Wien einlud. “I wish therefore to repeat our warmest invitation for your visit to Vienna in the name of the Austrian War Resisters, the Disarmament Committee, deprising 22 peace societies and the Union of Austrian Peace Societies. All of us would be happy and honoured if we could once in our lives see Ghandi, who is for us the personification of non-violence and who has practically realised our ideals.”9 Gandhi kam nicht nach Wien, ein Antwortschreiben ist nicht erhalten.
Die Nationalsozialisten verfolgten Anhänger_Innen des BKG, da Friedensaktivist_Innen die größten Gegner autoritärer Systeme sind. Die War Resisters, in Person des Sekretärs Herbert Runham Brown und dessen Mitarbeiterin Grace Beaton, die ihren Sitz in Enfield bei London hatten, arbeiteten unermüdlich, um gefährdeten, besonders jüdischen Mitgliedern die Flucht zu ermöglichen.
Auch in den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen ist Kriegsdienstverweigerung ein Problem. Die Arbeit der WRI, der „War Resisters International“, ist daher besonders wichtig.
1 Arbeiter-Zeitung, 10. Dezember 1925, Bereitschaft, P. Pitter aus Prag über Neue Wege der Friedenspolitik, 4. Přemysl Pitter (Prag 1895– Zürich 1976), christlicher Pazifist und Erzieher, leitete die tschechische Kriegsdienstgegnergruppe.
2 Alfred auch Fred Page (1899–1930), neuseeländischer Pazifist.
3 International Institute of Social History, WRI 165, Mappe Ben Mandel, Tätigkeitsbericht 1929/30.
4 Olga Misař, Braucht Oesterreich eine Armee, in: Der Kriegsdienstgegner. Organ des Bundes der Kriegsdienstgegner Oesterreichs, 2/1 (1925), 1–2.
5 Gerfried Brandstetter, Anarchismus als Alternativbewegung, in: Norbert Leser, Das geistige Leben Wiens in der Zwischenkriegszeit, Wien 1981, 34–45, hier 41.
6 Wolfgang Benndorf (1901–1959), ders., Skeptische Reflexionen, in: Gloria Dei. Zeitschrift für Theologie und Geistesleben, 7/3 (1952), 156– 164, hier 159f.
7 Zur Frage der inneren Abrüstung in Österreich, in: Die Frau im Staat, 9/XII (1927), 3–5.
8 Diesem waren 22 Vereine angeschlossen.
9 Brief aus dem Archiv des Sabarmati-Aschram.
Die Anarchismus-Textreihe in der Referentin widmet sich dem Anarchismus als eine der ersten sozialen Bewegungen überhaupt, zeichnet Porträts über frühe Anarchist:innen, skizziert gesellschaftliche Utopien oder benennt aktuelle Tendenzen im anarchistischen Denken und seiner Praxis. Die Serie ist auf Anregung von Andreas Gautsch, bzw. der Gruppe Anarchismusforschung entstanden, die ebenso Themen und Autor:innen der Reihe betreut. Siehe auch: anarchismusforschung.org. Alle Texte der Serie auch über die Webseite der Referentin abrufbar.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(20. April 2026)