Kommunizieren mit dem Zeichnen.
Die Referentin #43
Die Cartoonisten Peng+HU haben ein neues Buch unter dem Titel Hirameki – Der geniale Zeichenspaß herausgebracht. Silvana Steinbacher hat einen der beiden vielfach ausgezeichneten Bestsellerautoren, den Oberösterreicher Günter Mayer alias Peng, getroffen und berichtet über Zeichnungen, die von Klecksen ausgehen.

Aus dem aktuellen Buch: Hirameki – Der geniale Zeichenspaß. Bild Günter Mayer
Zeichnen und Singen: Das waren die zwei Fähigkeiten, die ich mir schon als Volksschulkind wünschte. Leider konnte ich weder mit dem einen noch mit dem anderen punkten, dafür mit ein paar anderen Fähigkeiten, was mich damals aber insgesamt ziemlich kalt ließ.
Viele Jahrzehnte später sitze ich einem Großmeister der Kunst des Zeichnens gegenüber, der behauptet: Jede und jeder kann zeichnen. Natürlich ist das auch meine erste Frage, die ich an Günter Mayer stelle. Kann auch ich zeichnen?
Natürlich, antwortet Günter Mayer, die Herangehensweise beginnt aber damit, Zeichnen anders zu definieren: Ich habe einmal einen Workshop gehalten, bei dem die Älteste 75, die Jüngste erst 4 Jahre alt war. Alle Teilnehmer:innen haben auf ihre Weise begonnen, eine Katze zu zeichnen. Ich finde, es geht um das Kommunizieren mit dem Zeichnen, und es geht um das Zutrauen zu sich selbst. Ich habe versucht, ihnen den Leistungsdruck zu nehmen. Gegen Ende sind lauter unterschiedliche Katzen entstanden, und es waren alle erstaunt, was sie zustande gebracht haben.
Auch beim neuen Buch von Peng+HU Hirameki – Der geniale Zeichenspaß, erschienen im Kunstmann Verlag, dreht sich natürlich alles ums Zeichnen. Beide Künstler, sowohl Peng als auch HU versuchen ihr Publikum zu animieren, von Klecksen ausgehend, deren eigene bunte Kleckse weiter zu zeichnen, den einen oder anderen dieser Kleckse zu vervollständigen. Vor allem HU, bei dem es sich keineswegs um einen Japaner, sondern um den in Deutschland sehr bekannten bayrischen Künstler Rudi Hurzlmeier handelt, propagiert die Methode des Reverse coloring. Dabei handelt es sich um die Umkehrung eines Ausmalens, sprich: anstatt einer zuerst existierenden Umrisszeichnung, die anschließend koloriert wird, wird bereits vorhandene Farbe mit einem schwarzen Stift zu einem konkreten Bild gestaltet.
„Was kann sich nicht alles in Flecken verstecken? Ein Tier, ein Mensch, ein Berg, ein Baum, ein Traum … Allerlei.“ Damit beginnt das Buch und dann wird es verbal bescheiden, wie es sich für ein Buch übers Zeichnen gehört. Peng+HU regen vielmehr dazu an, den Stift gleichsam als Zauberstab zu verwenden. Und schon braust ein Schuh mit einem Menschen davon, es begegnen uns grüne Striche und Bögen, unter denen man sich viel vorstellen kann. In den Zwischenräumen der einzelnen Kleckse fügt HU Engel ein. Man kann Kleckse auf einer Seite in ihrer Gesamtheit auch nur betrachten und darin Geschichten sehen. Dieses Buch ist übrigens alles andere als ausschließlich ein Anregungsbuch für die sehr junge Generation, vielmehr sind Fantasie und der Wunsch zu zeichnen bekanntlich an kein Alter gebunden.
Es wird Zeit, zu erklären, was sich hinter dem Begriff Hirameki verbirgt, auch wenn es viele Leser:innen mittlerweile schon wissen dürften. Schließlich sind vier Bücher unter diesem Obertitel entstanden und auch das neue zählt dazu. Hirameki ist die japanische Bezeichnung für Geistesblitz. Es gibt Hirameki über Hunde, Katzen und Wolken, als Erstling erschien 2015 Hirameki – Der geniale Klecks- und Kritzelspaß, und jetzt Hirameki – Der geniale Zeichenspaß.

Aus dem aktuellen Buch: Hirameki – Der geniale Zeichenspaß. Bild Günter Mayer
Peng+HU sind Großmeister ihrer Branche und mehrfach preisgekrönte Bestsellerautoren. Peng ist 1959 in Wels geboren, heute lebt er in Pennewang bei Wels. Er wird zunächst Zeichenlehrer, begründet 1986 die Zeichenhauptschule Steinerkirchen und studiert nebenbei Kunstgeschichte und Publizistik. Schon damals zeichnet sich sein weiterer Weg ab, denn er schreibt seine Dissertation über Bildsatire im deutschsprachigen Raum. In Wels machte er sich sowohl als Leiter der Galerie der Stadt Wels als auch als Leiter des Medien Kultur Haus Wels einen Namen. Peng+HU sind seit vielen Jahren ein Arbeitsteam, viele Bücher und auch Ausstellungen sind entstanden, und gemeinsam als auch einzeln leiten sie Workshops. Günter Mayer hat unter anderem regelmäßig für den Standard und die Zeit gearbeitet. Als Karikaturist begleitete er 2007 die Tour de France für die ARD. Für seinen „Schwarzenegger“-Verriss gewann er den Deutschen Karikaturenpreis. Mayer ist außerdem Gründungsmitglied der Akademie der Komischen Kunst in Kassel, unter anderem hat er an der Kunstuniversität Linz unterrichtet. Seine Bücher sind internationale Bestseller. Sein Pseudonym Peng ist unspektakulär entstanden, erzählt er: Fast spontan habe er unter einen Comic „Peng“ gesetzt, dabei blieb es dann.
Er befinde sich derzeit in einem für ihn ungewohnten Zustand, sagt Günter Mayer, als ich ihn in Wels treffe. Das Buch sei fertig, und seit langer Zeit habe er keinen Abgabetermin vor sich. Nachdem dies für ihn so außergewöhnlich sei, könne er die Zeit gar nicht wirklich genießen, wundert er sich.
Exkurs zum Comic als Kunst- und Ausdrucksform: Als vorerst noch wenig ernstzunehmende Unterhaltung kam der Comic in den 1950er-Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Europa. Vor allem mit den 1968er-Jahren trat dann eine Wende ein, und der Comic wurde auch zum politischen Kommunikationsmittel. Eigentlich zu jeder Zeit, aber gerade in Zeiten wie diesen, stellt sich die Frage: Was kann ich als Cartoonist thematisieren, wo verläuft die Grenze? Günter Mayer nimmt statt einer Antwort mein am Tisch liegendes Blatt Papier und zeichnet in Sekunden und mit wenigen Strichen eine Gestalt, die sich die Hände vors Gesicht hält. Ihr gegenüber steht ein Kind, das offenbar seiner Mutter eine Zeichnung zeigt. Darunter der Text: „Um Gottes Willen, ich hoffe es ist nicht Mohammed von oben.“
Beantworten kann er die Frage aus seiner Erfahrung nicht, sagt er, denn als politischer Cartoonist wollte er nie regelmäßig arbeiten. Bei seinen Kolleg:innen hat er bemerkt, wie sehr sie sich in der Schusslinie und unter Zeitdruck befinden. Um spätestens 15 Uhr 30 musste täglich geliefert werden. Diese Arbeitsweise entsprach ihm nicht, auch konnte er sie nicht mit seinen anderen Projekten vereinbaren. Gesellschaftskritik liegt Günter Mayer wesentlich mehr, auch Sportkarikatur. Seit 1998 sind seine Karikaturen regelmäßig im Magazin Leben à la carte zu sehen.
Im Laufe der Jahre hat Günter Mayer auch Erfahrungen mit dem Buchmarkt gemacht, gute und weniger gute. Erstaunt hat er unter anderem festgestellt, dass bei den großen deutschen Verlagen nicht mehr oder nicht nur die Qualität eines Buches eine Rolle spielt, sondern vor allem die Anzahl der Follower. Damit will er sich nicht mehr beschäftigen und muss es zu seinem Glück auch nicht, denn seine Bücher sind auch ohne tägliche Postings begehrt. Er möchte, so stellt er noch einmal fest, vor allem die Freude am Zeichnen vermitteln und weitergeben.
Auf der Rückfahrt nach Linz muss ich noch einmal an meine Schulzeit denken. Meine Einsicht, leider nicht zeichnen zu können, hat meine Lehrerin mit pädagogischem Geschick noch untermauert. Du musst dich gar nicht erst bemühen, meinte sie manchmal und präsentierte meine Zeichnungen mit spöttischen Kommentaren meinen Mitschüler:innen. Bis heute habe ich nie mehr gezeichnet. Hirameki wäre damals vielleicht genau das Richtige für mich gewesen.
1 Peng+HU
Hirameki – Der geniale Zeichenspaß
Kunstmann Verlag
144 Seiten, 20 Euro
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(20. April 2026)