Am Rande der Müh
Die Referentin #43
Im März erscheint im Ottensheimer Verlag Christian Thanhäuser das neue Buch von Franziska Füchsl. Ralf Petersen traf sowohl die selbstsetzende Autorin als auch den Holzschnitte beisteuernden Verleger zu Gesprächen über Nature, Writing und das gemeinsame Werk „Am Rande der Müh“.

Holzschnitte, die sich in „Am Rande der Müh“ finden. © Christian Thanhäuser
Die gebürtige Mühlviertlerin Franziska Füchsl offenbart in ihrem im Frühjahr erscheinenden Buch eine Sammlung von Texten, in denen Vorgänge in kritischer Beschreibung nachvollzogen werden: Was sind die Konsequenzen der da ablaufenden Prozesse auf die sogenannte Natur selbst?
„Verlässlich drängen Sonne und Schwerkraft eine aufgewühlte Welt zur Ordnung: Nebel kondensiert, Tropfen fallen, Durchsichtigkeit stellt sich ein.“
So bildet sich, in Am Rande der Müh, ein Gestrüpp aus Wanderungsbeobachtungen, Landschaftskartenverschriftlichungen und dem unermüdlichen Drang, sich „Wege im Entstehen“ vorzustellen. Ort des Geschehens ist eine „verwunschene Landschaft“ „ohne festen Boden“, in der man allerdings selten auf Abgründe stoße: „man rutscht nicht einfach ab und schlittert in die Ewigkeit.“ Stattdessen, spiegeln Füchsls Texte wider, gehe man ewig, „während die Grenzen vor dir fliehen, in der es viele Wege zum Selben gibt, keine Abkürzungen, Schleichwege.“ Dieser Ort ist mehrere Orte, befindet sich „zwischen Donau, Daglesbach und kleiner Mühl“ oder an der Stelle, die „einmal Au genannt wird“; er ist die Grenze, ist der Rand, den die Autorin akribisch mit den eigenen Schritten vermessen hat. So fußen ihre kürzeren und längeren Miniaturen auf Erkundungsaufzeichnungen, festgehalten im Rahmen von Wanderungen, bei welchen die Autorin auch immer wieder begleitet wurde von dem Künstler Christian Thanhäuser, welcher in und aus Ottensheim heraus den Verlag „Edition Thanhäuser“ betreibt und die Mehrzahl der in diesem Verlag erscheinenden Bücher mit inhaltlichem Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa durch eigene Federzeichnungen und Holzschnitte ausgestaltet.
Nach einer Reise treibe es Thanhäuser „zu erst in die Werkstatt“, um durch handwerkliches Tun abzurufen, „was die Hand sich gemerkt hat“, denn ein Bild käme „immer wieder, wenn man es einmal skizziert hat“. Motive für die Holzschnitte können sein: Wälder, Bäume, Wege, Fluss (-karten), Ruinen. Jeder Schnitt ist eine Auseinandersetzung mit dem Medium: „Beim Holz hat man genügend Widerstände“, denn Holz sei ein Stück Natur und „jedes Stück hat seine eigene Geschichte“. Dabei ginge es nicht darum, die „Natur“ in möglichst idealtypischer Verfassung darzustellen, stattdessen frage er sich, wie sich etwa eine verwelkende Rose darstellen lässt.
Der gemeinsam Prozesse von Füchsl und Thanhäuser, aus Ortsbegehungen künstlerisches Schaffen und Umgang mit der Umwelt herzuleiten, brachte die beiden, die sich bereits seit zehn Jahren kennen, dazu, sich zu verbünden, um gemeinsam „ein Buch auf die Welt zu bringen“, wie Thanhäuser das nennt. Seit über fünf Jahren arbeiten die beiden im rhizomartigen, parallel stattfindenden und sich ergänzenden Prozess an dem Buch, schicken einander Fortschritte und Zwischenergebnisse. Zu Füchsls Texten steuert Thanhäuser nun 30 Graphiken bei, Holzschnitte, inspiriert von eben denselben Wanderungen und Spaziergängen, die die Ausgangslage zum Schreibprozess der Autorin bilden. Einer der begangenen Orte ist die Papierfabrik Obermühl, keine zehn Kilometer von Füchsls Geburtsort Putzleinsdorf entfernt. Vor über dreißig Jahren hat man hier die Papierproduktion einstellen müssen. Die Gebäude, teilweise baufällig: „Renaturierung einer Industrieruine?“, will ich wissen. „Industrie ist schon mal falsch“, denn den Schritt in die industrielle Zeit habe die Fabrik ja genau nicht geschafft: „Expansion ist ein schwieriges Thema in der Gegend“, sagt Füchsl. Aber die Renaturierung treffe den Orbit ihres Interesses, welches ein archäologisches sei: die Rolle der Vegetation zu beobachten, die zum Beispiel darin besteht, massive Dinge abzubauen. Betonklötze, die vor sich hinverfallen: „Das holt sich die Natur zurück!“, sage auch der Fabrikbesitzer: Natur als Opposition, die nicht zu bändigen ist in so einem Tal: „Ein tödlicher Pragmatismus“, findet Füchsl. Überhaupt ließe sich „eigentlich nirgends Natur“ finden, bei der Beobachtung derselben handele es sich nämlich um eine Zeit-, und keine Ortsfrage: Natur als Prozess: wie bei Verwitterung, also langsamem Abbau, der Antwort etwa auf gebändigte Orte und domestizierte Kultur sein kann. Gerade so ein Verfall verleihe Gegenden Charakter, findet Füchsl und nennt als Positivbeispiel englische Paläste: „Da war der Stein nie von Flechten befreit.“ Genau solch langsamen Abbau spürt Füchsls Prosa nach: Texte auf der Suche nach dem nicht Gewarteten. Stattdessen Betonung der Flechten, der verschiedenen Iterationen, Entwicklungszyklen.

Holzschnitte, die sich in „Am Rande der Müh“ finden. © Christian Thanhäuser
„Wo eine optische Täuschung Berührung nahelegt, klafft eine Schneise: dort liegt mein Wildbett; hier siedle ich, eine sich zierende Bauernorchidee, ein Springkraut, Dorn im Auge.“
Sowohl Füchsl als auch Thanhäuser hegen reges Interesses am Böhmerwald. Franziska Füchsl berichtet über die Beschäftigung mit Vorzeichnungen im Luftbild, die den geplanten Eisernen Vorhang markieren. Hier, aus der „problematischen Vogelperspektive“, wurde die Schleifung von südböhmischen Gegenden konzipiert. Narben in der Landschaft. Vergleicht man diese Bilder mit historischen Landkarten, bemerkt man, wie „wenig Wald im Böhmerwald“ einst zu finden war, dass er heute „ein Wipfelmeer“ sei, zeige auch hier das Prozessuale: „wo ein Haus stand, steht heut ein Laubbaum.“
Im Prozessblick verbindet sich die Vergangenheit mit der Zukunft, in der der Mensch schon weg ist, aber die Spuren noch da sind. „Wenn man ein bisschen gräbt, findet man vielleicht so etwas wie Fliesen“, sagt Füchsl.
Wie man bei solch endlosem Materialvorrat zum Abschluss käme? „Christian ist kein Lektor“, erklärt Franziska, „der streicht nichts raus.“ In puncto Fertigwerden sei es an ihr selbst, eine Abrundung zu finden im Konvolut der eigenen Texte. Es gäbe ja immer noch die Möglichkeit, meint Christian Thanhäuser, noch ein zweites Buch zu machen. Wenn dies, in drei oder vier oder mehr Jahren vielleicht, fertig wäre, sei das nun Vorliegende ja wohlmöglich bereits vergriffen: Zweite Auflagen gäbe es in der Edition Thanhäuser nämlich keine: „Vergriffen ist vergriffen“.
Gerade sei es Franziska, die „sich die Zeichen genauer“ anschaue, denn „Franziska setzt selber“, erzählt Christian Thanhäuser. Sprachspiel, Rhythmik, Schriftrhythmus – alles finde seine Entsprechung in Schriftbild, Anordnung und Zusammenspiel mit Thanhäusers Graphiken. Auf der einen Ebene, erklärt Füchsl, führe der Einbau der Holzschnitte zu mancher Überraschung: Als sie einen Text setzte, der seinen Ursprung bei einer gemeinsamen Ortsbegehung mit Thanhäuser hatte, und dann dessen entsprechenden Holzschnitt dazugab, bemerkte sie: „Ne, das muss ich ja gar nicht so machen“, stattdessen könne sie den Holzschnitt ganz woanders hin geben und an dieser Stelle eine ganz andere Graphik verwenden. Auch gäbe es beim Setzen „plötzlich“ Schnitte zu Szenerien, die sie gar nicht verschriftlicht habe. Das aus diesen Feststellungen resultierende freie Arbeiten mit dem Material führe dazu, so Füchsl, dass es keine Gefahr gebe, „dass es illustrativ wird“. Auf einer weiteren Ebene stoße sie beim Textsatz auf manch Herausforderung, vor allem in den Dialekt-Passagen: die verschiedenen O-Töne im Dialekt der oberen Mühlviertler*innen werden – in der Dialektologie – mit verschiedenen Akzenten markiert, welche es in der von Füchsl verwendeten Schriftart nicht gäbe, weswegen sie „Sprengsel und Spritzerl“ aus Thanhäusers Holzschnitten nutze beim Setzen, um „das Dialektkritische penibel einzubringen“. Bei dieser akribischen Arbeit helfe die Freiheit, die die Veröffentlichung in und die Zusammenarbeit mit einem kleinen Verlag, dessen Fokus nicht auf möglichst hohen Auflagen und Umsätzen, sondern auf der Produktion schöngefertigter und schöner Bücher liege, enorm: Dass Verleger Christian Thanhäuser zu Füchsls Vorschlägen schlicht sage „Ja, mach“, ermögliche, „diese manischen Dinge machen zu können“, die außerdem „niemand für einen machen würden.“ Und so spiegelt der Setzprozess den der Materialerhebung, dem „Tappen in einem Landstrich“, und während bei letzterem Landkarten und Umgebungspläne konsultiert werden, ist es beim Setzen immer wieder „der Versuch, einen Holzschnitt zu lesen“, der Orientierung und Verdichtung gleichzeitig spendet. Der Holzschnitt nämlich, meint Franziska Füchsl, sei eine „Technik, die gleichzeitig offenlegt und versteckt – und genau das ist das Mühlviertel.“
Das „ausgeprägte Interesse an den Produktionsbedingungen von Literatur“, wie Füchsl es zusammenfasst (und demonstriert), eint Autorin und Verleger. Etwa das Bedürfnis, die Buchbinder*innen persönlich zu kennen, statt ein PDF in die Ferne zu senden, sich eingehend mit Satz und Druck auseinanderzusetzen. So gibt es dann in Thanhäusers Werkstatt die Möglichkeit, nach Gutenberg’scher Tradition zu drucken: „Wenn der Strom ausfällt, könnte ich hier Handzettel oder Pamphlete ohne Elektrizität machen“. Wo sie herkämen, würde aber schnell klar, meint Thanhäuser. Den Handsatz habe er bei den Anarchisten in Kreuzberg gelernt. Die Bücher der Edition Thanhäuser werden aber nicht hier in Ottensheim, sondern in Zusammenarbeit mit der Druckerei Plöchl in Freistadt hergestellt – „die haben die modernsten Druckmaschinen – aber die alten auch noch“. Gegründet hat Christian Thanhäuser den eigenen Verlag 1989. Schon vorher – und noch immer – steuerte er für anderer Verlage Bücher Holzschnitte und Federzeichnungen bei, so wurden beispielsweise schon mehrere Titel der renommierten Insel-Bücherei mit Holzschnitten von Thanhäuser gestaltet. Zur Größe des eigenen Verlags, in dem bisher bereits mehr als 100 Bücher erschienen sind, meint der Künstler, er hätte einen größeren Verlag machen können, aber auf diese Weise würde man zum eigenen Knecht – und Thanhäuser „will beweglich bleiben“. Statt auf Verlagsförderungen zu hoffen, verkaufe er Holzschnitte und mache andere Auftragsarbeiten – konnte etwa neulich das neue Café eines Hotels gestalten –, so käme Geld rein fürs Büchermachen.
Der Einsatz für die Kunst lohnt sich: Für das nun erscheinende Buch erhielt Füchsl bereits vorab den Deutschen Preis für Nature Writing. Füchsl, kommentierte die Jury nach einstimmigem Beschluss, schriebe, „wie ein Fluss denkt“. Das heißt, frage ich Franziska: „rauschend?“ Lieber als Rauschen, sagt Füchsl, sei ihr Glitzern: ohne Glitzern gäbe es kein Denken. Jeder Text also das Bemühen, eine Explosion zu verschriftlichen. Willkür walten tut dabei nie: „Ich suche immer nach Melodie“, Musik spiele ohnehin eine große Rolle für ihr Schreiben. Irgendwann wann wäre ihr klargeworden, dass sie „fürs Lautlesen schreibe“, inklusive des Arbeitens gegen die Widerstände der vorgegebenen Rhythmen. Bewusste „Fehler“ einzubauen etwa, die die Erwartungen brechen, etwa Verdreher à la sterbsam statt strebsam. Experimentelle Literatur also? „Experimente sind ja wahnsinnig kontrollierte Angelegenheiten“, meint Franziska Füchsl, Autorin auf der Suche nach den Zwischenformen. In Sachen Komposition und Rhythmik käme es ihr dabei nicht so sehr auf Verdichtung an – denn von der gäbe es zu viel – aber „Geheimnistuerei ist sehr wichtig“. In „Am Rande der Müh“ werden also Geheimnisse nicht enthüllt, aber doch geheimnisvolle Prozesse nachvollzogen … und dabei manch glitzernd Falter eingefangen.
Franziska Füchsl, Schriftstellerin und (Über-)Setzerin, die zwischen Wien und Kiel pendelt.
ffxl.xyz
Christian Thanhäuser
Österreichischer Künstler, Illustrator und Verleger.
thanhaeuser.at
Am Rande der Müh von Franziska Füchsl
erscheint im März 2026 im Verlag Edition Thanhäuser
Buchpräsentation am 25. 04. 2026
Lagerhaus Neufelden
Zu diesem Anlass werden Holzschnitte von Christian Thanhäuser, die für dieses Buch am Rand der großen, kleinen und steinernen Mühl entstanden sind erstmals ausgestellt.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(20. März 2026)