Die Referentin #37 - Beiträge der Ausgabe

Mein Akzent, meine Superkraft

Mar Pilz | Kolumnen, 29. August 2024
Die Referentin #37

Es hat mich viel Zeit gekostet, Frieden damit zu schließen, dass ich einen Akzent habe, wenn ich eine andere Sprache als meine Muttersprache spreche. Ich vermute, das liegt daran, dass ich vielen Menschen begegnet bin, die sich lustig gemacht haben, wenn ich ein Wort falsch gesagt oder ausgesprochen habe. Wie zum Beispiel die Kollegin, die angeblich „interkulturell sensibilisiert“ war und sich lustig machte, weil ich „Yoga-Mat“ statt „Yoga-Matte“ sagte. Oder vielleicht, weil es oft genug vorkam, dass weiße Menschen unsere Gespräche in einem Restaurant oder einer Bar unterbrachen, um mich zu fragen, woher ich komme, weil mein Akzent eindeutig fremd und exotisch ist. Oder vielleicht, weil mich meine österreichischen Lehrer*innen (ich besuchte eine österreichische Schule im Ausland) herabsetzten, weil ich bei einer Präsentation oder beim Erklären eines Themas ein Wort nicht wusste. Oder vielleicht, weil all das zusammen mit den Vorurteilen und der Dummheit der Leute mich glauben ließ, dass einen Akzent zu haben etwas ist, wofür ich mich schämen sollte.

Diejenigen, die sich schämen sollten, sind aber SIE. Denn einen Akzent zu haben, ist ein Zeichen von Mut, Widerstandsfähigkeit und Intelligenz. Denn alle Menschen, die einen Akzent haben, sprechen mehr als eine Sprache und besitzen doppelt, dreifach oder vierfach so viel Vokabular wie jemand, der nur eine Sprache spricht. Denn trotz der Male, in denen man sich über uns lustig gemacht hat, schaffen wir es, uns auszudrücken und Ideen in anderen Sprachen zu formulieren. Ein Akzent ist eine Superkraft, er ist Wissen, er ist Freiheit, er ist Macht und er erfordert viel Kreativität, um andere Wege zu finden, sich auszudrücken, wenn einem die richtigen Worte nicht einfallen.

Das Bullying und die Diskriminierungen, die Men­schen mit Akzent erleben, richten sich aber eigentlich nicht gegen sie, sondern gegen diejenigen selbst, die diese Diskriminierung ausüben. Denn so viel Negativität in nur einer Sprache aus­zudrücken, ist Energieverschwendung. Diese Men­schen könnten die Energie gut dafür nutzen, ihre eigenen sprachlichen Horizonte zu erweitern. Und diese Leute wissen auch nicht, was sie verpassen, indem sie sich für besser halten, weil sie keinen Akzent haben, der verrät, dass sie verstehen, lesen, schreiben und sich in anderen Sprachen ausdrücken können. Sie wissen nicht, welche Geschichten, Legenden, Erzählungen und Erfahrungen aus anderen Kulturen ihnen entgehen, weil sie Angst haben, Fehler zu machen und sich nicht trauen, in einer anderen Sprache zu sprechen, die ihnen einen Akzent verleihen könnte.

Mit viel Unterstützung von den Menschen, die mich lieben und schätzen, und auch durch ihre Erfahrungen habe ich gelernt, dass ein Akzent kein Grund sein sollte, unsere sprachlichen Fähigkeiten zu unterschätzen. Ganz im Gegenteil. Es ist ein Stolz und ein Privileg, einen Akzent zu haben und sich in anderen Sprachen ausdrücken zu können, die nicht meine Muttersprache sind. Denn trotz des Akzents oder der Akzente in verschiedenen Sprachen bin ich in der Lage, meine Ideen zu vermitteln, ich kann schreiben, verstehen und mich verständlich machen.

Das nächste Mal, wenn sich jemand über meinen Akzent lustig machen will, werde ich Gloria aus Modern Family zitieren: „Do you know how smart I am in Spanish?“ Und dazu werde ich ergänzen: „And in your language as well?“

Mar Pilz
eine politische inkorrekte Frau.
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