Linzer Leichtigkeiten #6 Karla Kolumna: Ja, so machen wirs.
Die Referentin #39
Meine letzte Kolumne fiel meiner eigenen Schusseligkeit zum Opfer, auch ich werde vergesslicher, vulgo milder. Lieber wärs mir ja gewesen, ich hätte den Termin vergessen, weil ich mir den Bürgerinnenmeisterinnensessel krallen wollte. Aber eigentlich bin ich nicht zum Scherzen aufgelegt. Ich fühle mich tatsächlich müde und alt. Die Realität erscheint mir als ein unerschöpfliches Imaginationsarsenal an Blödheiten. Das Internet als ein Trichter, durch den nur noch Scheiße fließt. Das Schimpfen darob ist mir vergangen. Mein Erregungspotenzial verebbt, mein Beißreflex – ein müdes Schnappen. All die Anstrengungen scheinen ins Leere zu laufen, nein, es ist nicht nur der Jännerblues. Aber lasst mich euch ein wenig Hopium verabreichen, von dem ich mir zuerst selbst einen Schuss genehmige. Denn bei all dem Absurden, das uns umgibt, und der Shitshow, in der wir uns befinden, gibt es immer wieder Lichtblicke. Ein Aufblitzen, ein Flackern, wie in einem Kino beispielsweise, wohin ich mich letzthin begab und wo sich für etwas mehr als eine Stunde lang ein wohliges Gefühl in mir ausbreitete. Ich saß da und schaute mir, in einem proppenvollen Kino, Ein Tag ohne Frauen an (Regie: Pamela Hogan und Hrafnhildur Gunnarsdottir). Es ist 1975, die zweite Welle Feminismus steuert auf ihren Höhepunkt zu, und in Island entspinnt sich die Idee einer kleinen Gruppe von Feministinnen, den Rotstrümpfen, zu einem landesweiten Streik von Frauen. Am Freitag, den 24. Oktober, beschließen sie, sie arbeiten nichts, nada, null, niente. Weder zu Hause noch am Arbeitsplatz, weder für ihre Familien noch für irgendwelche höheren Ideale, denen sie sich opfern sollten. Geschicktes Framing des Tages, um möglichst alle Frauengruppen zu involvieren (es wird für den Tag kein „Streik“ ausgerufen, sondern ein „Frauenruhetag“), Beharrlichkeit und – Achtung: Worthülse – Solidarität führten dazu, dass 90 Prozent, 90 Prozent, ich schreibe es nochmal 90 % der Frauen Islands an diesem 25. Oktober 1975 keine Arbeit verrichteten. Sie hatten die Schnauze voll, es reichte ihnen. Sie hatten genug. Sie wollten nicht, nicht an diesem Tag. Sie streikten. Wow, denk ich mir, wow, und in meinem Kopf beginnt sich ein eigener Film zu entspinnen. Er ist nicht ganz so homogen wie in Island und der Protest diesmal im noch größeren Sinn intersektionaler, denn: Ich sehe mich am 8. März gemeinsam mit anderen Frauen* beisammenstehen und Pläne schmieden. Lasst uns zusammenkommen, lasst uns streiken, uns, die wir eure Scheiße so satthaben. Es reicht uns einfach. Keine beschönigenden Worte. Kein leeres Gefasel von 50:50. Ja, so machen wirs! Kommt streiken wir, lassen wir die Blödiane einmal alles selbst machen! Dann denk ich mir, wie soll das gehen? Und dann denke ich daran, dass wir uns weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen sollen. Und dann daran, dass die Blödiane ruhig mitmachen sollen, wenn sie wollen und verstehen. Also gebe ich mich für ein paar Momente dem Gedanken einer zeit- und raumübergreifenden Harmonie zwischen den Menschen hin und spüre, wie sich eine feministische Revolution – gleich der naturgesetzlichen Logik einer Welle – ihren Weg durch die Gesellschaft bahnt. Mit diesem Gefühl gehe ich weiter, und in den Frühling, und treffe euch draußen, liebend gern am feministischen Kampftag, dem 8. März.
Eure Karla Kolumna.
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