Mikrofon essen Mund auf
Die Referentin #45
Ab 23. September ist im Wiener Museumsquartier eine Ausstellung mit Konzertfotografien von Petra Moser zu sehen. Claus Harringer hat mit ihr gesprochen und ein Porträt verfasst.

Half Darling (Lisa Kortschak), Klangfestival Gallneukirchen, 2024. © Petra Moser
Konzertfotos wohnt eine eigentümliche Ästhetik inne. Diese mag daher rühren, dass die Dargestellten – anders als bei inszenierten Bildern – nicht der Kamera gegenübertreten, sondern einem Publikum. Die fotografische Perspektive ist eine außenstehende, aber doch Teil des Erlebnisses, das schnappschussartig dokumentiert wird. Meist sind sich die Personen nicht bewusst, dass sie gerade fotografiert werden. Dementsprechend erscheinen die Bilder trotz des öffentlichen Charakters des Settings irgendwie intim: Manche der Akteure auf der Bühne wirken kontemplativ und entrückt, andere strahlen in diesen unbewachten Momenten eine ungezähmte Anmut aus – die Haare wirr, die Mimik verzerrt, die Körperhaltung dynamisch und dennoch für den Augenblick stillgestellt. Ihre Bewegungskraft, die über diese Gegenwart hinausdrängt, scheint den Rahmen sowohl sprengen als auch die Betrachterin in ihn hineinziehen zu wollen.
Petra Moser fühlt sich am wohlsten in der Rolle der Beobachterin – und zwar einer, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit ihrer Kamera auf jene Momente zu warten, in denen sich alles fügt und die deshalb festgehalten zu werden verdienen. Das sind nicht zwingend die spektakulärsten oder dramatischsten: „Man versucht da jetzt nicht den ungewöhnlichsten Blickwinkel zu kriegen oder so, sondern eher Emotionen einzufangen […] Ich bin gerne auf der Lauer und warte auf diesen Moment, den ich dann hoffentlich erwische oder auch nicht […], das muss jetzt nicht zwingend der Moment sein, der sich gut verkaufen lässt.“ Sie erzählt exemplarisch davon, wie schwierig es war, Lukas Lauermann während des Cellospiels adäquat abzulichten – letztendlich gelang ihr aber eine Aufnahme, die eine gewisse Ruhe ausstrahlt, ohne die Bewegungen der Hände zu unterschlagen. Bedeutsam war ihr hierbei beispielsweise die axiale Anordnung von Musiker und Instrument, die Blickrichtung sowie diverse weitere Details, die das fotografisch geschulte Auge in Sekundenbruchteilen bewertet und welche dann den Unterschied zwischen einer gelungenen Bildkomposition mit besonderer Aura – selbst wenn diese nur unzureichend in Worte gefasst werden kann – und einem Dutzendmotiv ausmachen. Und da ist natürlich die Sache mit dem Mikrofon als Störfaktor: „Ja, also, wenn man den Mund nicht mehr sieht, das ist irgendwie komisch.“

Lukas Lauermann, Stadtwerkstatt, November 2022. © Petra Moser
Im Gespräch betont Petra Moser mehrfach, wie wichtig es ihr ist, möglichst keine unangemessene – gleichsam privilegierte – Position einzunehmen, indem sie etwa von der Seitenbühne aus auf den Performance-Bereich hinfotografiert: „Sobald ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht mehr die Beobachterin.“ Sie will das Geschehen aus der Perspektive des Publikums dokumentieren, um den Betrachterinnen ihrer Arbeiten einen Eindruck davon zu vermitteln – sie bis zu einem gewissen Grad eintauchen zu lassen. Dabei konzentriert sie sich ausschließlich auf die Live-Situation selbst und nicht das Rundherum (z. B. Szenen im Backstagebereich oder die Veranstaltungstechnik).
Angesichts von Petra Mosers Begeisterung sowohl für Fotografie als auch Musik wirkt es im Nachhinein betrachtet beinahe unvermeidbar, dass diese beiden Interessen in der Konzertfotografie konvergierten – auch hier gilt aber die unter anderem von Kierkegaard formulierte Einsicht, dass das Leben rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt wird. Manch folgenreiche Entscheidungen verdanken sich ohnehin häufiger spontanen Eingebungen als – meist illusorischer – langfristiger Lebensplanung. Was jedoch eine entscheidende Rolle spielte, war ihre Radio-Tätigkeit. Frisch aus dem Salzburgischen nach Linz gezogen, begann Petra Moser 1999 (also kurz nach Sendestart von Radio FRO) ihre Mitarbeit dort – zunächst über ein unbezahltes Praktikum in der Frozine-Redaktion. 2001 übernahm sie die Programmkoordination und wenig später zusätzlich die Musikredaktion. Ihr Aufgabenbereich beschränkte sich hierbei nicht auf den musikredaktionellen Kernbereich (Erstellen von Playlists, Kommunikation mit Artists und Labels), sondern inkludierte auch den Live-Bereich: Vor allem Konzerte in der Stadtwerkstatt fanden im Rahmen des Formats „FROlive“ ihren Weg on air. Abgesehen von der Qualität des Stwst-Bookings ist hier auch die räumliche Nähe ausschlaggebend: Petra Mosers Arbeitsplatz ist nur einige Meter vom Veranstaltungssaal entfernt.

Sirius Sue, Salonschiff Frl. Florentine, Oktober 2025. © Petra Moser
Die Fotobegeisterung wurde nicht erst in Linz geweckt, allerdings hat ihr Petra Moser hier – weniger einem langfristigen Plan als sich bietenden Gelegenheiten folgend („es hat mich einfach gefreut und ich habe mir gedacht, ich schaue mir das an“) – eine professionellere Basis gelegt: Zu der Zeit, als sie voll bei Radio FRO einstieg, absolvierte sie eine Ausbildung an der Prager Fotoschule und begann dann 2005 ein Diplomstudium an der Linzer Kunstuniversität im Studienzweig Grafik-Design und Fotografie, das sie ohne größere Verzögerungen (aber mit einem Auslandssemester in den Niederlanden) abschloss. Um das Studium mit ihrer Arbeit bei FRO vereinbaren zu können, musste sie aus Zeitgründen ihre Funktion als Programmkoordinatorin abgeben – die Musikredaktion verantwortet sie auch heute, 25 Jahre später, noch.
Dass Petra Moser das Fotografieren mit analogem Equipment gelernt hat (samt Entwicklung der Abzüge), mag ein Grund dafür sein, warum sie dabei nach wie vor ausschließlich den optischen Sucher (im Unterschied zum Display) verwendet. Aber auch ihre eingangs erwähnte Vorliebe für die Beobachterinnenrolle, in die sie sich auf diese Weise noch immersiver versenken kann. Mittlerweile ist ihr diese Position so selbstverständlich geworden, dass es etwas ungewohnt ist, wenn sie ohne Auftrag (sei es als Fotografin oder Interviewerin) bei einer Veranstaltung ist – aber nicht unwillkommen, da es letztlich um die Freude daran geht. Da macht es dann auch nichts, wenn die Kamera den Abend einmal auf dem Schreibtisch statt vor der Bühne verbringt.
Dies dürfte angesichts der Vielzahl an Bildern eher die Ausnahme gewesen sein, die sich im Entstehungszeitraum von 17 Jahren angesammelt haben: „Also die ersten, die ich quasi in meinem Archiv gefunden habe, die auch brauchbar sind, sind aus dem Jahr 2009.“ Diese frühen Fotografien sind noch von einem gewissen Herumprobieren mit dem gestalterischen Spielraum des Apparats gekennzeichnet – beispielsweise gibt es aus diesem ersten Jahr ein Bild von Christina Nemec (die bei STWST84x12 im Rahmen der Nightline als „chra“ auftreten wird), bei dem Petra Moser aufgrund der Lichtverhältnisse Blitzlicht verwendet hat. Das würde sie heute so nicht mehr machen: „Sehr cooles Foto geworden, aber es ist geblitzt und das ist halt der Zeit und meiner Experimentierfreude geschuldet, dass das einfach ganz anders ausschaut […] Es würde mir jetzt nicht mehr einfallen, ein Bühnenlicht wegzublitzen“.
Mittlerweile fotografiert Petra Moser nicht mehr nur bei Konzerten, sondern stellt – seit 2011 als freischaffende Fotografin – ihre Fähigkeiten auch dem Linzer Brucknerorchester zur Verfügung, zu dessen letzten beiden Orchesterbüchern sie Bilder beigesteuert hat, sowie dem Schauspielhaus des Linzer Landestheaters. Über die Jahre hat sie sich ein ästhetisches Vokabular erarbeitet, das für Außenstehende – nicht aber sie selbst – klar identifizierbar ist: Darauf angesprochen meint Petra Moser, dass ihr die eigene künstlerische Handschrift nicht ins Auge springt, die Person, die beim Landestheater die Fotos auswählt, aber nicht nur erkennt, welche von ihr sind, sondern auch sagen kann, ob ihr das Stück gefallen hat oder nicht.

Bernhard Breuer, Herbert Bauwagen Bühne Ottensheim, Juli 2020. © Petra Moser
Wenngleich ihre privaten Konzertaufnahmen einer anderen Logik folgen als diese professionellen Arbeiten (schließlich gilt es hier, Vorgaben der Auftraggeber gerecht zu werden) und auch das Ambiente ein anderes ist, macht sich doch das gleiche dokumentarische Ethos bemerkbar, möglichst unsichtbar zu bleiben: „Als Fotografin sehe ich es schon als meine Aufgabe, das zu dokumentieren, ohne dass es das Publikum in irgendeiner Art beim Zuhören behindert. Also keine quietschenden Schuhe, lautlose Kamera, möglichst klein machen, Blitz sowieso nicht.“
Wie kam es aber nun zu der anstehenden Ausstellung? Den Hintergrund dafür bildet das Bestreben des SR-Archivs (einer seit über 30 Jahren verfügbaren Online-Datenbank österreichischer Popularmusik), die Datensätze um mehr fotografische Dokumente zu erweitern. Aus diesem Grund bat der am SRA beteiligte Musiker und Künstler Wolfgang „Fadi“ Dorninger Petra Moser um ihr Archiv und eine kleine Auswahl daraus wird direkt am Sitz des SRA im Wiener Museumsquartier zu sehen sein. Die Zusammenstellung war gar nicht so einfach: „Man will natürlich irgendwie die Locations, die Artists so breit wie möglich abdecken, genremäßig und altersmäßig. Man will es irgendwie so vielfältig wie möglich machen.“ Letztlich hat sie das alles aber verworfen und ist einem recht naheliegenden Prinzip gefolgt – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Motivation zur Konzertfotografie in der Freude an der Live-Musik gründet: „Es sind jetzt einfach meine Lieblingsbilder.“
Die Ausstellung ist jedenfalls ein angemessener – und überfälliger – Anlass, Petra Moser und ihre Arbeiten vorzustellen. Es wäre zu begrüßen, wenn sich noch weitere Gelegenheiten ergeben, eine interessierte Öffentlichkeit mit ihren Bildern bekanntzumachen. An dieser Stelle sei auch empfohlen, ein wenig im Skug-Archiv (sra.at) zu stöbern und künftig bei den Fotocredits einfach mal zu schauen, ob das Bild aus der Linse Petra Mosers stamt.
Einen anderen Wunsch konnte Petra Moser – überraschend problemlos – jedenfalls bereits von ihrer Bucketlist streichen: Die Aufnahmen einer Salzburger Jedermann-Aufführung (konkret: der mit Lars Eidinger) sind bereits im Kasten.
Petra Mosers Ausstellung „Nahaufnahmen von der Bühnenkante“ ist die dritte Ausgabe der SRA-Reihe Close-Up. Gezeigt wird sie im Schauraum des SR-Archiv österreichischer Popularmusik im Museumsquartier (Museumsplatz 1/5, 1070 Wien). Sie beginnt am 23 .09. 2026, 18:00 h und wird bis 01. 12 2026 zu sehen sein. Mehr Informationen auf
www.mqw.at/de/programm/ausstellungen/mq-schauraume/petra-moser-nahaufnahmen-von-der-buhnenkante
Petra Moser *1979, lebt und arbeitet in Linz.
Freischaffende Fotografin mit Fokus auf Bühnenfotografie (seit 2011), Musikredakteurin bei Radio FRO (seit 2001).
Petra Moser studierte an der Kunstuniversität Linz. In ihrer Arbeit bewegt sie sich nah am Geschehen und fängt das ein, was zwischen Ausdruck und Raum entsteht. Sie interessiert weniger die perfekte Pose als die echte Energie auf der Bühne – roh und lebendig. Ob Theater, Performance oder Konzert: sie sucht den Moment, der bleibt und die Erzählung in einem statischen Bild. Für die Ausstellung im SRA hat sie in ihrem Archiv gegraben und Bilder ausgesucht, die versuchen, Musik visuell spürbar zu machen. Ohne Anspruch auf die Abbildung der kompletten österreichischen Musikszene. Aber das wäre sowieso unmöglich.
petra.servus.at
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(5. September 2026)