Die Referentin #45 - Aktuelle Beiträge

Andersens Brieffreundin

Silvana Steinbacher | Kunst und Kultur, 4. September 2026
Die Referentin #45

Der Roman Die Liste der Lebenden besteht ausschließlich aus Briefen zweier Personen: Hans Christian Andersen und Henriette Wulff. Die weitgereiste Dänin Wulff faszinierte den Schriftsteller Stefan Kutzen­berger sofort. Silvana Steinbacher über ein Buch, das um die Fakten einer Freundschaft einen fiktiven Briefroman baut. 

„Da bin ich nun, mein lieber Andersen, blicke um mich und weiß nicht, wer ich war.“ So beginnt Stefan Kutzenbergers neuer Roman Die Liste der Lebenden. Ich habe eine Vorliebe dafür, wie Autorinnen und Autoren ihre Text beginnen. Bei diesem Einstieg möchte ich weiterlesen. Henriette Wulff schreibt diesen Satz an den berühmten dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Wulff hat es tatsächlich gegeben, und die sehr enge Freundschaft zwischen den beiden auch. Sogar die rege Korrespondenz ist überliefert. Stefan Kutzenbergers Briefe dagegen sind Fiktion. 

Zunächst die Fakten, auf denen Kutzenberger seinen Roman aufbaut: Hans Christian Andersen ist 1805 in Kopenhagen geboren und bis heute unter anderem durch Märchen wie etwa Die kleine Meerjungfrau oder Das hässliche Entlein weltberühmt. Kaum jemand aber kennt Henriette Wulff. Henriette Wulff, die als Zeitgenossin Andersens ein Leben lang mit ihm korrespondierte, lebte von 1804 bis 1858. Sie war die Tochter des dänischen Marineoffiziers und Schriftstellers Peter Frederick Wulff. Die gebildete, weitgereiste Frau verkehrte in den angesehenen literarischen Kreisen Kopenhagens. Henriette Wulff, von Andersen zwar Jette genannt, aber förmlich gesiezt, ist seine engste Vertraute, intellektuelle Gesprächspartnerin und Brieffreundin. Eine schicksalshafte Entscheidung besiegelte wenig später auch das Ende ihres Lebens, denn sie beschließt mit 53 Jahren, das streng etikettierte enge Gesellschaftsleben hinter sich zu lassen und ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um nach Amerika auszuwandern. Für damalige Verhältnisse war das nicht nur eine mutige, sondern auch ungewöhnliche Entscheidung. Sie geht also an Bord des Dampfschiffes Austria. Am 13. September 1858 geriet das Schiff im Atlantischen Ozean in Brand und sank. Wulff gehörte zu den hunderten Menschen, die bei diesem Unglück ihr Leben verloren. 
Diese historischen Überlieferungen bzw. die­se biographischen Rahmensetzungen dienen Stefan Kutzenberger als Basis für seinen Briefroman. Als ich das Buch aufschlage, frage ich mich, welche Überlegungen der Autor angestellt haben könnte, bevor er sich für diese Form der Erzählung entschieden hat. Ein langer Weg sei es gewesen, erinnert sich Stefan Kutzenberger, und erst nach dreijähriger Recherche habe er als Form für sein Projekt fiktive Briefe zwischen den beiden gewählt. 

Nachdem die Nachricht über den Brand des Schiffs in den Medien berichtet wurde, sitzt Andersen zu Hause. Er wartet sehnsüchtig auf die Zeitung, die ihm sein Freund Colin überbringt, denn diese enthält die Liste der (Über-)Lebenden. Colin teilt ihm mit, dass von den vier Personen an Bord, die Andersen kennt, zwei überlebt haben. Andersen ersehnt zwar Gewissheit, hat aber nicht den Mut, in der Liste zu kontrollieren, um wen es sich bei diesen beiden Personen handelt. Stattdessen stellt er rechnerische Überlegungen an, wer von den vier ihm bekannten Menschen an Bord überlebt haben könnte. Zitat: „Meine Gedanken rasen, es sind aber nicht die Ausschweifungen der Fantasie, wie sonst, sondern mathematische Probleme, wie ich sie seit der Schulzeit nicht mehr gewälzt habe. Zwei. Wenn zwei überleben und zwei nicht, gibt es bei vier Menschen folgende Möglichkeiten. Ich krame nach einem Blatt Papier, schnappe mir einen Griffel und schreibe sechs Zeilen.“ Diese Ungewissheit ermöglicht es Andersen weiterhin Briefe an seine geliebte Jette zu schreiben. Jette konnte sich bei diesem Brand aufs Meer retten und treibt auf einer im Wasser liegenden Tür, wissend, dass dieser Zustand spätestens mit Einbruch der Dunkelheit sein Ende finden würde. Sie verfasst sogenannte Gedankenbriefe an ihren lieben Freund. 
Stefan Kutzenberger lässt die Emotionalität in diesen Briefen beidseitig hochschnellen. Beide bieten in ihren Briefen, die die Empfänger auch hier natürlich nicht erreichen, dem Angesprochenen das Du-Wort an, was in der damaligen höheren Gesellschaft, in der sich mittlerweile auch Andersen bewegte, alles andere als selbstverständlich war. 

Wodurch ist Stefan Kutzenberger mit dieser Thematik in Verbindung gekommen? Der Autor erzählt mir, dass er im Wiener Leopoldmuseum eine Ausstellung zu Schriftstellerportraits kuratiert hat und eines dieser Portraits war Hans Christian Andersen gewidmet. Innerhalb dieses Portraits wurde in einem Nebensatz Henriette Wulff erwähnt. Und Kutzenberger wurde neugierig, recherchierte, fand aber keinerlei Material über Wulff. Sie war die am weitesten gereiste Dänin ihrer Generation, allerdings musste sie sich auch nie um ihre finanzielle Sicherheit Gedanken machen. Als sie die Austria bestieg, wollte sie das verzopfte Europa hinter sich lassen und in Amerika für die Befreiung der Sklaven kämpfen. Wulff faszinierte Kutzenberger sofort und er wusste im selben Moment: Das wird mein nächstes Buch. 

Stefan Kutzenberger ist 1971 in Linz geboren und lebt jetzt in Wien. Als Schriftsteller hat er bereits mit seinen früheren Romanen Friedinger, Jokerman und Kilometer Null Aufsehen erregt. Diese drei Bücher sind handlungsreicher und spannungsgeladener als Die Liste der Lebenden. Kutzenberger zeigt eine Vorliebe dafür, Fiktion und Realität in seinen Romanen zu verquicken.
Seine bisherige Biografie zeichnet sich durch Vielfalt aus: Er studierte klassische Gitarre und Fagott am Brucknerkonservatorium und Sozialwirtschaft in Linz und danach in Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und Spanisch. Seit beinah 30 Jahren ist er Lehrbeauftragter an der Universität Wien. 

Zurück zu den vier Personen an Bord, die auch Andersens Leben gekreuzt haben. Es sind neben Jette der jüdische Freiheitskämpfer Alexander Friedländer, der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker Theodore Eisfeld und die Wiener Gärtnerin Johanna Stirba. Eisfeld ist Jettes Tischnachbar, der sie nervt und langweilt, und Johanna Stirba, genannt Hansi spielt eine besondere Rolle für beide. Sie eröffnet Jette eine völlig neue, erfrischende Welt. Die ehemalige Prostituierte überrascht Jette mit ihrer Natürlichkeit, und die beiden Frauen verstehen sich trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft sehr gut. Ich nehme an, Stefan Kutzenberger baute diese sympathisch gezeichnete Figur auch deshalb ein, um die Lesenden mit einer anderen Welt und Realität dieser Zeit zu konfrontieren. Zitat Henriette Wulff, in ihrem Brief an Andersen: „Es war mir unangenehm zuzugeben, dass ich mir mein Leben lang nie Sorgen um Geld hatte machen müssen und nicht daran gedacht hatte, dass die Zwischendeckpassagiere erst Arbeit suchen mussten, bevor sie ihr neues Leben beginnen konnten.“ 
Andersen wiederum hatte eine gänzlich andere Verbindung zu Hansi. Der berühmte Märchenautor ist in Kutzenbergers Buch der Meinung, seine literarische Kraft würde versiegen, wenn er seine sexuelle Unschuld verlöre. Hansi ist seine erste und einzige erotische Begegnung, und diese Frau, die ihm diese Begegnung unkompliziert und unverkrampft gestaltet, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Kapitän Heydtmann hingegen ist Henriettes einziger Liebhaber. Auf der Tür im Meer treibend erzählt sie Andersen in ihren Gedankenbriefen von diesen, ihren letzten Nächten. 

Warum wissen wir heute so wenig über dieses große Schiffsunglück im Jahr 1858, bei dem hunderte Menschen gestorben sind? Zu vermuten bleibt, dass es durch den Untergang der Titanic mit 1500 Toten rund fünfundsechzig Jahre später in den Hintergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit geriet. 

Der Roman Die Liste der Lebenden besteht ausschließlich aus Briefen, und zwar ausschließlich zwischen zwei Personen: Hans Christian Andersen und Henriette Wulff. Briefromane sind in der Literatur eine beliebte Gattung. Kutzenberger schätzt es, zweimal aus einer anderen Ich-Perspektive schreiben zu können. Manchmal ergibt sich so die Möglichkeit, aus zwei Blickwinkeln über ein und dieselbe Thematik zu berichten, meint er. Einig sind sich die beiden in ihren letzten Briefen, die den anderen nicht mehr erreichen, dass sie mehr verbindet als die schwesterliche Beziehung, wie sie Andersen fast verdächtig oft bezeichnete. Und so ist dieser Roman auch eine Liebesgeschichte, die sich aber nicht erfüllte.

 

Die Liste der Lebenden
Stefan Kutzenberger,
Die Liste der Lebenden, 
Picus Verlag 2026
www.picus.at/produkt/die-liste-der-lebenden

Lesung: Stefan Kutzenberger, Die Liste der Lebenden
Do, 12. November 2026, 18:30 h, 
Schloss Puchberg Wels

Silvana Steinbacher
ist Autorin und Journalistin.
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Die nächste Ausgabe erscheint am 4. Dezember 2026.
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