How to: Glitching & Leaking around
Die Referentin #45
Glitch&Leak findet als Projekt von Fiftitu% im September im öffentlichen Raum statt. Dabei geht es um mehr als die temporäre Transformation der Straße in einen Veranstaltungsort. Aimilia Liontou hat mit Rebekka Hochreiter und Adriana Torres Topaga gesprochen – über Glitch Feminism und die Frage, ob neue Technologien nicht nur unsere Privatsphäre reduzieren, sondern auch unsere Möglichkeit, uneindeutig zu bleiben.

© Fiftitu%
Ein Glitch ist eine kurze, unerwartete und geringfügige Störung, die verhindert, dass etwas ordnungsgemäß funktioniert. Obwohl es sich um ein häufiges technisches Problem handelt, ist ein Glitch völlig unvorhersehbar, und kann aber entweder von selbst verschwinden oder durch einen Neustart des Geräts, der App usw. behoben werden. Einige Beispiele für Glitches sind eingefrorene Bilder, Probleme mit der Synchronisation von Bild und Ton oder unerwartete Abschaltungen. Inspiriert von der Einzigartigkeit von Glitches prägte Legacy Russell den Begriff Glitch-Feminismus – und meint damit umgelegt auf den Feminismus die Weigerung, sich gemäß heteronormativen Standards zu verhalten. Sie argumentiert, dass das Internet selbst mit der Einführung des Web 2.0 immer noch ein Ort ist, an dem Glitches auftreten können und die Systeme von Rasse, Geschlecht, Sexualität, Klasse, Behinderung u. a. durcheinanderbringen.
Wikipedia beschreibt den öffentlichen Raum als „einen Ort, der für die breite Öffentlichkeit offen und zugänglich ist“. Doch inwieweit trifft das zu? Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass der öffentliche Raum nicht für alle gleichermaßen offen und zugänglich ist. Im Gegenteil: Die heteronormativ geprägte und geplante Stadt erwartet von People of Color, FLINTA*, LGBTQI+ oder Menschen mit sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen, dass sie innerhalb der Stadt eine bestimmte Position, Sichtbarkeit und definierte Verhaltensweisen einnehmen.
Das neue Projekt von Fiftitu% zielt darauf ab, diese von binärem Denken geprägten Systeme, denen wir im öffentlichen Raum begegnen, durch die Einführung kleiner Pannen, Fehler und Fehlfunktionen zu durchbrechen. „Glitch und Leak ist eine Einladung, gemeinsam einen Raum zu öffnen: einen Raum der Störung, der Durchlässigkeit und der kollektiven Imagination und Transformation. Ausgehend von Legacy Russells Verständnis von Glitch Feminism begreifen wir den Glitch nicht als Fehler im System, sondern als widerständige Strategie, wo Fehler und Störungen willkommen sind.“ Das sagt Adriana Torres Topaga, die das Projekt gemeinsam mit Rebekka Hochreiter kuratiert. Im Gegensatz zu den üblichen Projekten auf Basis offener Ausschreibungen wurde Glitch and Leak bereits im Mai ins Leben gerufen und im Rahmen verschiedener Veranstaltungen (wie beispielsweise einem Read&Connect) weiterentwickelt. Dies soll schließlich in einem Run(a)way gipfeln: einer performativen und kollektiven Intervention im öffentlichen Raum – am 11. September in der Domgasse. Auf die Frage nach ihrer Entscheidung, das Projekt in verschiedene Phasen zu gliedern, antwortet Rebekka: „Uns war es wichtig, bereits vor der Veranstaltung Beteiligung am Projekt zu ermöglichen und auch den Austausch in den Veranstaltungstag einfließen zu lassen; beispielsweise mit einem Workshop im Vorfeld die Zugänglichkeit zur Einreichung zu erweitern.“ Und Adriana fügt hinzu: „Dabei geht es uns um mehr als die temporäre Transformation der Straße in einen Veranstaltungsort. Der öffentliche Raum ist nie neutral: Er ist von sozialen, politischen und ökonomischen Machtverhältnissen geprägt und wird unterschiedlich genutzt, zugänglich gemacht und erfahren. Mit Glitch & Leak wollen wir diese Ordnungen sichtbar machen, irritieren und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, sie zu verändern.“
„Glitch“ sowie „Leak“ sind beides Begriffe, die (hauptsächlich) mit dem Internet und dem digitalen Raum in Verbindung stehen. Für Russell war es die Anonymität des frühen Internets, die es ihr ermöglichte, zu experimentieren und die Grenzen ihres Schwarzseins, ihrer Queerness und Weiblichkeit zu erweitern. Ein häufiger Irrtum besteht darin, den physischen und den digitalen Raum als zwei getrennte Welten zu betrachten, in denen unser Online-Ich quasi eine unechte Konstruktion unseres In-Real-Life-Ichs (IRL) ist – nach dem Motto: „Was online passiert, bleibt online“. Nathan Jurgenson widerspricht jedoch diesem digitalen Dualismus und vertritt die Ansicht, dass sowohl die Offline- als auch die Online-Persönlichkeit vielmehr Teil derselben Persönlichkeit sind. Um diese Verbindung hervorzuheben, schlägt er vor, anstelle von IRL den Begriff AFK (Away from Keyboard) zu verwenden. Russell stimmt zu und entwickelt diesen Gedanken weiter: Wenn die Bedingungen in der AFK-Welt es nicht zulassen, ist das Internet (immer noch) ein Ort, an dem Körper durch Glitches befreit werden können. Gleichzeitig erkennt sie an, dass das Internet nach denselben weißen, kapitalistischen, heteropatriarchalen Vorstellungen konzipiert wurde und daher dieselben unterdrückerischen Mechanismen beinhaltet wie unsere Gesellschaft.
Im Fall von Glitch&Leak findet das Projekt AFK statt. Auf die Frage nach dieser Entscheidung antwortet Adriana: „Mit Glitch&Leak wird der physische Raum nicht zum Gegenstück des digitalen Raums, sondern zu einem Ort, an dem sich ähnliche Fragen nach Kontrolle, Sichtbarkeit, Durchlässigkeit und Zugehörigkeit stellen. Der Glitch und der Leak werden zu Strategien, um den öffentlichen Raum temporär anders zu codieren – und vielleicht sichtbar zu machen, dass auch seine Regeln veränderbar sind.“ Und Rebekka ergänzt: „Meiner Meinung nach machen wir zu große Unterschiede zwischen dem analogen und dem digitalen Raum. Ich denke, sie fließen viel mehr ineinander als uns bewusst ist, aber sie werden unterschiedlich bewertet. Viele Ausdrucksformen und Vernetzungen finden Möglichkeiten im Internet und können dann in den analogen Raum einfließen. Beide Räume haben gemeinsam, dass es um Zulänglichkeiten und um Sichtbarkeit geht.“

Fiftitu% in der Domgasse. Kickoff im Vorfeld, am rechten unteren Bildrand. © Rebekka Hochreiter
Wenn es um den öffentlichen Raum und Sichtbarkeit geht, denke ich unweigerlich an den Flaneur – eine weiße, cisgeschlechtliche, körperlich gesunde männliche Figur, die über die gesellschaftliche Freiheit und Sicherheit verfügte, gemächlich durch die Stadt zu schlendern. Abgesehen vom Privileg der Freizeit (keine Notwendigkeit zu arbeiten) hatte er noch ein weiteres: Er konnte die Stadt (und ihre Bewohner*innen) beobachten, ohne bemerkt zu werden. Schön für ihn, aber wir wissen: Wenn Körper die oben genannten Kriterien nicht erfüllen, müssen sie sich gemäß bestimmter, vorgegebener sozialer Normen verhalten. Russell beschreibt dies als unfreiwillige Sichtbarkeit – der Blick der anderen ist immer da, um uns zu überwachen und uns daran zu erinnern, wie wir uns verhalten sollen. Die Frage ist: Gibt es eine Möglichkeit, zurückzuschlagen oder „zurückzustarren“? Dazu Adriana: „Ja, wir glauben, dass es Möglichkeiten gibt, „zurückzustarren“ – aber nicht unbedingt, indem wir die bestehenden Machtverhältnisse mit denselben Mitteln spiegeln. So gibt es selbst in einer Welt, in der der Algorithmus darauf abzielt, uns zu lesbaren, klassifizierbaren und vorhersehbaren Körpern zu machen, eine Möglichkeit des Widerstands: nicht zuzulassen, dass der Blick von außen uns definiert. In diesem Sinne verstehen wir den Glitch als eine Form des Zurückblickens. Es stört die gewohnten Blick- und Verhaltensregime und schafft für einen Moment die Möglichkeit, nicht nur gesehen und bewertet zu werden, sondern selbst zu schauen, zu handeln und den Raum mitzugestalten. Glitch&Leak möchte genau solche Momente ermöglichen, Momente in denen wir den Blick zurückgeben und die Frage stellen: Wem gehört der öffentliche Raum eigentlich?“
Vor kurzem hat Meta Kylie Jenner (eine weiße, cis-heterosexuelle Frau) als Botschafterin für die neuen Meta AI Glasses ausgewählt. Die Kampagne konzentriert sich darauf, dass es sich um die ersten und einzigen KI-Brillen mit Meta AI handelt, deren Stimme von Kylie (Jenner) stammt. Abgesehen von dieser „Innovation“ können die Brillen hochwertige Fotos und Videos aufnehmen. Ein nicht ganz so leicht zu erkennendes Lämpchen zeigt an, wenn die Brille aufzeichnet, und dennoch suchen schon viele Menschen im Internet danach, wie man dies verbergen kann. Es scheint, als würden die Grenzen zwischen Online- und Offline-Welt zunehmend verschwimmen, während unsere Daten ständig von einer Seite zur anderen und umgekehrt weitergegeben werden – meist ohne unsere Zustimmung. Es scheint, als sei die ständige Einführung von Überwachungstechnologie ein Mittel, um einen Glitch im System zu minimieren, damit die Menschen innerhalb des Binärsystems bleiben. Rebekka: „Es ist nicht nur Überwachung, sondern im Beispiel der Meta-Brillen geht es um Ausübung von Gewalt. Es ist eine gleichzeitige Gewaltausübung im analogen und digitalen Raum. Flinta*-Personen werden gefilmt, ohne es zu wissen, und wenige Stunden später landet das Material beispielsweise mit abwertenden Kommentaren über ihre Körper online. Es ist Gewalt, die in beiden Räumen gleichzeitig wirkt. Und sie verändert, wie wir uns in beiden Räumen bewegen können. Auch die Binarität wird mit Gewalt hergestellt und es gibt zahlreiche Wege, wie versucht wird, diese aufgezwungene Binarität zu erhalten. In mehreren Ländern erleben wir gerade, wie von Seiten von Regierungen und Parteien versucht wird, festzuschreiben, dass nur (Cis-)Männer und (Cis-)Frauen existieren. Die Binarität zu hinterfragen ist ein Glitch. Und es ist sicher kein Zufall, dass aktuell z. B. auf Instagram viele queer-feministische Seiten gesperrt werden.“ Adriana stimmt zu: „Ich denke schon, dass permanente Überwachung dazu beitragen kann, den Glitch im System zu minimieren. Wenn Algorithmen immer mehr über unsere Körper, unser Aussehen, unsere Stimme und unser Verhalten wissen, können sie uns immer genauer einordnen und kategorisieren. Gerade die Dinge, die nicht eindeutig sind oder nicht in die binären Kategorien passen, werden dadurch sichtbarer und leichter kontrollierbar. Gerade der Glitch widersetzt sich – als Möglichkeit, sich dieser Eindeutigkeit zu entziehen. Der Glitch bedeutet, dass etwas nicht so funktioniert, wie das System es erwartet – und genau darin kann Widerstand liegen: sichtbar zu werden, wo Unsichtbarkeit erwartet wird; zu bleiben, wo man weitergehen soll; laut zu sein, wo Zurückhaltung erwartet wird; und sich mit anderen zu verbünden, statt sich individuell an die vorgegebenen Regeln anzupassen. Für mich stellt sich deshalb die Frage, ob Technologien wie die Meta AI Glasses nicht nur unsere Privatsphäre reduzieren, sondern auch unsere Möglichkeit, uneindeutig, anonym oder außerhalb vorgegebener Identitäten zu existieren. Vielleicht ist der Glitch also nicht etwas, das das System einfach beseitigen kann, sondern etwas, das wir bewusst aufrechterhalten müssen.“

Austausch im Vorfeld des Projekts. © Oona Valarie Serbest
Es stimmt, dass wir derzeit eine Hyper-Sichtbarkeit erleben, in der der Algorithmus uns besser kennt als wir uns selbst. Die letzte Ausgabe des Linzer Netzkultur-Festivals AMRO26 stand unter dem Motto Becoming Unreadable – unserem Recht als Nutzer*innen (und Bürger*innen), Nein zu ausbeuterischer Überwachungstechnologie zu sagen. Gleichzeitig kämpfen FLINTA* / LGBTQI+, POC und Menschen mit Behinderungen für mehr Sichtbarkeit. Eine wichtige Frage, die es zu bedenken gilt, ist, ob es einen Raum gibt, in dem der Glitch zu allem werden kann, was er will, und gleichzeitig unlesbar bleibt. Adriana kommentiert: „Ich glaube, dass es in der Natur des Glitches selbst eine gewisse Unangreifbarkeit gibt – ein ständiges Streben danach, sich einer eindeutigen Kategorisierung zu entziehen. Der Glitch ist für mich gerade das, was sich nicht ganz fassen, definieren oder stabilisieren lässt. Er kann seine Form verändern, sich verschieben und den Erwartungen des Systems entkommen. Im Sinne von Legacy Russell könnte der Glitch-Körper genau in dieser Spannung existieren: sichtbar sein, wenn er sichtbar sein möchte, und sich der Lesbarkeit entziehen, wenn er das möchte. Vielleicht bedeutet ‚unreadable‘ deshalb nicht, unsichtbar zu sein. Es bedeutet vielmehr, nicht vollständig entschlüsselbar zu sein. Ich stelle mir den Ort dafür weniger als einen physischen Raum vor, sondern als eine Praxis: kollektive Räume, Kunst, Performance, Verschlüsselung, bewusste Datenverweigerung, aber auch Formen von Identität, die sich nicht eindeutig festlegen lassen. Ein Raum, in dem wir experimentieren können, verschiedene Dinge zu sein, ohne dass jede Veränderung sofort als Datenpunkt erfasst und ausgewertet wird. Für mich wäre der Glitch-Körper dann nicht ein Körper, der unsichtbar wird, sondern einer, der sagt: Du kannst mich sehen, aber du kannst mich nicht vollständig definieren.“
Am 11. September wird die Domgasse für einen „kurzen Moment“ zu einem Ort, an dem Glitches nicht nur erlaubt sind, sondern sogar erwünscht sind und begrüßt werden. Wie beide Kuratorinnen übereinstimmend betonen, handelt es sich hierbei nicht nur um eine Veranstaltung zur Präsentation oder Feier des Glitch, sondern es geht vielmehr darum – wie Adriana es formuliert –, Impulse zu geben, Verbindungen zu knüpfen und „Samen“ für weitere Formen der Aneignung, des Widerstands und des Wandels im öffentlichen Raum zu säen – über den September hinaus. Es stimmt, dass uns der Glitch Feminismus vieles lehren kann, aber das Wichtigste ist vielleicht unser Recht, fehlerhaft zu sein. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der sich alles darum dreht, „tolle Gene“ zu haben und intelligent zu sein. Der Glitch ist dazu da, uns Empathie und Solidarität beizubringen.
Mehr über das Projekt:
fiftitu.at/de/projekte/glitch-leak-overflowing-bodies-im-oeffentlichen-raum
FIFTITU% ist eine 1998 gegründete Vernetzungs- und Beratungsstelle zur Förderung und Unterstützung von Frauen, trans-, inter- und nicht-binären Personen in der Kunst- und Kulturszene.
Adriana Torres Topaga, geboren 1969 in Bogotá (Kolumbien), lebt und arbeitet in Linz/OÖ. Adriana Torres Topaga erforscht Widerstandspraxen und
dekolonialen Perspektiven. In ihrer künstlerischen Praxis verfolgt sie sozio-ökologische Reflexion und Transformation, interdisziplinäre Interaktion, kollektives Schaffen und ihr Interesse an der Nutzung verschiedener Technologien und Medien. Mitbegründerin des Kollektivs fem* voice kollektiv f*vk und des LAB ON STAGE Verein für performative Kunst, Raum & Designstrategien.
Rebekka Hochreiter ist bildende Künstlerin und Kulturarbeiterin. In ihrer künstlerischen Praxis untersucht sie, wie Körper, Sprache und Materialität mit gesellschaftlichen Normen, Erinnerungskulturen und dem Phantastischen verflochten sind. Seit 2020 ist sie stellvertretende Geschäftsführerin von FIFTITU%, und ist Mitbegründerin des queer-feministischen Medienclubs M.C.Monster*.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(4. September 2026)