Die Referentin #45 - Aktuelle Beiträge

How to: Glitching & Leaking around

Aimilia Liontou | Kunst und Kultur, 4. September 2026
Die Referentin #45

Glitch&Leak findet als Projekt von Fiftitu% im September im öffentlichen Raum statt. Dabei geht es um mehr als die temporäre Transformation der Straße in einen Veranstaltungsort. Aimilia Liontou hat mit Rebekka Hochreiter und Adriana Torres Topaga gesprochen – über Glitch Feminism und die Frage, ob neue Technologien nicht nur unsere Privatsphäre reduzieren, sondern auch unsere Möglichkeit, uneindeutig zu bleiben.

Glitch&Leak
© Fiftitu%

A glitch is a brief, unexpected and minor malfunction that prevents something from functioning properly. Although it is a common tech problem, it is completely unpredictable, but can be resolved either by itself or by restarting the device/app ect. Some common examples of glitch are frozen frames, video&sound sync issues or unexpected shutdowns. Inspired by the unique nature of glitch, Legacy Russell coins the term: glitch feminism – the failure and refusal to perform according to heteronormativity standards. She argues that internet, even with the introduction of web 2.0 is still a place that allows „glitches“ to happen and upset the systems of race, gender, sexuality, class, ability, and more.

Wikipedia describes the public space as „a place that is open and accessible to the general public“. But how true is this? We know from our own experiences, that the public space is not equally open and accessible to every body. On the contrary, the heteronormative urban planning expects people of color, FLINTA*, LGBTQI+ and people with visible or invisible disabilities to have a pre-determined position, visibility and behaviour within the city. 

Τhe new project of Fiftitu% intends to disrupt those binary-obsessed and oppressive systems we encounter in public spaces by introducing small failures, errors and malfunctions. „Glitch und Leak ist eine Einladung, gemeinsam einen Raum zu öffnen: einen Raum der Störung, der Durchlässigkeit und der kollektiven Imagination und Transformation. Ausgehend von Legacy Russells Verständnis von Glitch Feminism begreifen wir den Glitch nicht als Fehler im System, sondern als widerständige Strategie, wo Fehler und Störungen willkommen sind.“ This says Adriana Torres Topaga who together with Rebekka Hochreiter are the curators behind the project. Unlike the usual open call-based projects, 'Glitch and Leak' was initiated back in May and has been developed through various events (such as a read&connect), culminating in a run(a)way: a performative and collective intervention in the public space of Domgasse on 11 September. When asked about their decision to structure the project in different „stages“, Rebekka comments: „Uns war es wichtig, bereits vor der Veranstaltung Beteiligung am Projekt zu ermöglichen und auch den Austausch in den Veranstaltungstag einfließen zu lassen; beispielsweise mit einem Workshop im Vorfeld die Zugänglichkeit zur Einreichung zu erweitern.“ And Adriana adds: „Dabei geht es uns um mehr als die temporäre Transformation der Straße in einen Veranstaltungsort. Der öffentliche Raum ist nie neutral: Er ist von sozialen, politischen und ökonomischen Machtverhältnissen geprägt und wird unterschiedlich genutzt, zugänglich gemacht und erfahren. Mit Glitch & Leak wollen wir diese Ordnungen sichtbar machen, irritieren und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, sie zu verändern.“

Glitch & Leak are both terms associated (mainly) with the internet and the digital space. For Russell it was the early internet’s anonymity, that allowed her to experiment and stretch the limits of her blackness, queerness, and femmeness. A common mistake is to think of the physical and digital spaces as two separate worlds, where our online self is an inauthentic construction of our „in real life“(IRL) one – a kind of 'what happens online stays online'. However, Nathan Jurgenson disagrees with the „digital dualism“ and suggest that both the off- and online personalities are rather part of the same personhood. In order to highlight this continuity, he suggest to use the term AFK (away from keybord) instead of IRL. Russell agrees with him and further developes this idea: when the conditions in the AFK world don’t allow it, the internet is (still) a place where bodies can be liberated through glitches. At the same time, she recognizes that the internet was designed with the same white capitalist heteropatriarchal ideas, therefore it incorporates the same oppressive mechanisms as our society. In case of the Glitch&Leak, the project takes place AFK. When asked about this decision Adriana replies: „Mit Glitch&Leak wird der physische Raum nicht zum Gegenstück des digitalen Raums, sondern zu einem Ort, an dem sich ähnliche Fragen nach Kontrolle, Sichtbarkeit, Durch­lässigkeit und Zugehörigkeit stellen. Der Glitch und der Leak werden zu Strategien, um den öffentlichen Raum temporär anders zu codieren – und vielleicht sichtbar zu machen, dass auch seine Regeln veränderbar sind.“ And Rebekka continous:  „Meiner Meinung nach machen wir zu große Unterschiede zwischen dem analogen und dem digitalen Raum. Ich denke, sie fließen viel mehr ineinander als uns bewusst ist, aber sie werden unterschiedlich bewertet. Viele Ausdrucksformen und Vernetzungen finden Möglichkeiten im Internet und können dann in den analogen Raum einfließen. Beide Räume haben gemeinsam, dass es um Zulänglichkeiten und um Sichtbarkeit geht.“

Fiftitu%
Fiftitu% in der Domgasse. Kickoff im Vorfeld, am rechten unteren Bildrand. © Rebekka Hochreiter

When it comes to public space and visibility, my mind goes to the flaneur, a white cisgender abled male figure, who had the social freedom and safety to stroll leisurely through the city. Except of having the privilege of free time (no need to work) he had another one: he was able to observe the city (and its people) without being noticed. Good for him, but we know that when bodies do not meet the above criteria, then they should behave according to specific predetermined social mores. Russell describes it as an unconsented visibility – the gaze of the others is always there to surveil us and remind us how we should position ourselves. The question is, is there a way to clab back or „gaze back“? Dazu Adriana:  „Ja, wir glauben, dass es Möglichkeiten gibt, „zurückzustarren“ – aber nicht unbedingt, indem wir die bestehenden Machtverhältnisse mit denselben Mitteln spiegeln. So gibt es selbst in einer Welt, in der der Algorithmus darauf abzielt, uns zu lesbaren, klassifizierbaren und vorhersehbaren Körpern zu machen, eine Möglichkeit des Widerstands: nicht zuzulassen, dass der Blick von außen uns definiert. In diesem Sinne verstehen wir den Glitch als eine Form des Zurückblickens. Es stört die gewohnten Blick- und Verhaltensregime und schafft für einen Moment die Möglichkeit, nicht nur gesehen und bewertet zu werden, sondern selbst zu schauen, zu handeln und den Raum mitzugestalten. Glitch&Leak möchte genau solche Momente ermöglichen, Momente in denen wir den Blick zurückgeben und die Frage stellen: Wem gehört der öffentliche Raum eigentlich?“

Recently, Meta chose Kylie Jenner (a white, cis straight woman) as the ambassador for the new Meta AI Glasses. The campaign focuses on the fact that these are the first and only AI glasses with Meta AI, voiced by Kylie (Jenner). Except this „innovation“, the glasses can capture high-quality photos and videos. A not-so-easy-to-notice light, indigates when the glasses are recording and yet many men searching in the internet how to hide it. It seems like the boundaries between online and AFK are becoming increasingly blurred, while our data are leaking constantly from one side to the other and vice versa, most times without our consent. It seems as though the constant introduction of surveillance technology is a way of minimising a 'glitch' in the system, so that people remain within the binary.  Rebekka: „Es ist nicht nur Überwachung, sondern im Beispiel der Meta-Brillen geht es um Ausübung von Gewalt. Es ist eine gleichzeitige Gewaltausübung im analogen und digitalen Raum. Flinta*-Personen werden gefilmt, ohne es zu wissen, und wenige Stunden später landet das Material beispielsweise mit abwertenden Kommentaren über ihre Körper online. Es ist Gewalt, die in beiden Räumen gleichzeitig wirkt. Und sie verändert, wie wir uns in beiden Räumen bewegen können. Auch die Binarität wird mit Gewalt hergestellt und es gibt zahlreiche Wege, wie versucht wird, diese aufgezwungene Binarität zu erhalten. In mehreren Ländern erleben wir gerade, wie von Seiten von Regierungen und Parteien versucht wird, festzuschreiben, dass nur (Cis-)Männer und (Cis-)Frauen existieren. Die Binarität zu hinterfragen ist ein Glitch. Und es ist sicher kein Zufall, dass aktuell z. B. auf Instagram viele queer-feministische Seiten gesperrt werden.“  Adriana also agrees: „Ich denke schon, dass permanente Überwachung dazu beitragen kann, den Glitch im System zu minimieren. Wenn Algorithmen immer mehr über unsere Körper, unser Aussehen, unsere Stimme und unser Verhalten wissen, können sie uns immer genauer einordnen und kategorisieren. Gerade die Dinge, die nicht eindeutig sind oder nicht in die binären Kategorien passen, werden dadurch sichtbarer und leichter kontrollierbar. Gerade der Glitch widersetzt sich – als Möglichkeit, sich dieser Eindeutigkeit zu entziehen. Der Glitch bedeutet, dass etwas nicht so funktioniert, wie das System es erwartet – und genau darin kann Widerstand liegen: sichtbar zu werden, wo Unsichtbarkeit erwartet wird; zu bleiben, wo man weitergehen soll; laut zu sein, wo Zurückhaltung erwartet wird; und sich mit anderen zu verbünden, statt sich individuell an die vorgegebenen Regeln anzupassen. Für mich stellt sich deshalb die Frage, ob Technologien wie die Meta AI Glasses nicht nur unsere Privatsphäre reduzieren, sondern auch unsere Möglichkeit, uneindeutig, anonym oder außerhalb vorgegebener Identitäten zu existieren. Vielleicht ist der Glitch also nicht etwas, das das System einfach beseitigen kann, sondern etwas, das wir bewusst aufrechterhalten müssen.“

Austausch im Vorfeld des Projekts
Austausch im Vorfeld des Projekts. © Oona Valarie Serbest

It is true that we are currently experiencing a hyper-visibility, where the algorithm know us better than we know ourselves. The last edition of AMRO26 Festival focused on „Becoming Unreadable“ – our right as users (and citizens) to say no to the extractive surveillance tech. At the same time, FLINTA* / LGBTQI+, POC and disabled bodies are fighting for more visibility. An important question to consider is whether there is a space for the glitch to become whatever they want, but at the same time stay unreadable. Adriana comments: „Ich glaube, dass es in der Natur des Glitches selbst eine gewisse Unangreifbarkeit gibt – ein ständiges Streben danach, sich einer eindeutigen Kategorisierung zu entziehen. Der Glitch ist für mich gerade das, was sich nicht ganz fassen, definieren oder stabilisieren lässt. Er kann seine Form verändern, sich verschieben und den Erwartungen des Systems entkommen. Im Sinne von Legacy Russell könnte der Glitch-Körper genau in dieser Spannung existieren: sichtbar sein, wenn er sichtbar sein möchte, und sich der Lesbarkeit entziehen, wenn er das möchte. Vielleicht bedeutet ‚unreadable‘ deshalb nicht, unsichtbar zu sein. Es bedeutet vielmehr, nicht vollständig entschlüsselbar zu sein. Ich stelle mir den Ort dafür weniger als einen physischen Raum vor, sondern als eine Praxis: kollektive Räume, Kunst, Performance, Verschlüsselung, bewusste Datenverweigerung, aber auch Formen von Identität, die sich nicht eindeutig festlegen lassen. Ein Raum, in dem wir experimentieren können, verschiedene Dinge zu sein, ohne dass jede Veränderung sofort als Datenpunkt erfasst und ausgewertet wird. Für mich wäre der Glitch-Körper dann nicht ein Körper, der unsichtbar wird, sondern einer, der sagt: Du kannst mich sehen, aber du kannst mich nicht vollständig definieren.“

On 11th September Domgasse will become for a „brief moment“ a place where gliches are not only allowed but also embrassed. As both curators agree, this is not just an event for presenting or celebrating the Glitch, but as Adriana comments: rather to provide impetus, forge connections, and sow “seeds” for further forms of appropriation, resistance, and change in public space – beyond September. It is true that Glitch feminism can teach us many things, but maybe the most important one is our right to be faulty. This is particularly important at a time when everything revolves around having 'great genes' and being intelligent. Glitch is here to teach us empathy and solidarity.    


More about the Project:
fiftitu.at/de/projekte/glitch-leak-overflowing-bodies-im-oeffentlichen-raum

FIFTITU% ist eine 1998 gegründete Vernetzungs- und Beratungsstelle zur Förderung und Unter­stützung von Frauen, trans-, inter- und nicht-binären Personen in der Kunst- und Kulturszene.

Adriana Torres Topaga, geboren 1969 in Bogotá (Kolumbien), lebt und arbeitet in Linz/OÖ. Adriana Torres Topaga erforscht Widerstandspraxen und 
dekolonialen Perspektiven. In ihrer künstlerischen Praxis verfolgt sie sozio-ökologische Reflexion und Transformation, interdisziplinäre Interaktion, kollektives Schaffen und ihr Interesse an der Nutzung verschiedener Technologien und Medien. Mitbegründerin des Kollektivs fem* voice kollektiv f*vk und des LAB ON STAGE Verein für performative Kunst, Raum & Designstrategien.

Rebekka Hochreiter ist bildende Künstlerin und Kulturarbeiterin. In ihrer künstlerischen Praxis untersucht sie, wie Körper, Sprache und Materialität mit gesellschaftlichen Normen, Erinnerungskulturen und dem Phantastischen verflochten sind. Seit 2020 ist sie stellvertretende Geschäftsführerin von FIFTITU%, und ist Mitbegründerin des queer-feministischen Medienclubs M.C.Monster*.

Aimilia Liontou
(sie/ihr) wurde in Athen, Griechenland, geboren und lebt seit 2016 in Linz. Sie ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die Bildende Kunst und zeitbasierte Medien studiert hat. Sie ist in der Kulturszene von Linz aktiv und arbeitet bei servus.at und dem OÖKunstverein. Sie interessiert sich für Themen rund um FLINTA*, Technologie und Communities. Aimilia Liontou (she/her) was born in Athens, Greece, and has been living in Linz since 2016. She is a multidisciplinary artist who studied fine arts and time-based media. She is active in the cultural scene in Linz and works at servus.at and the OÖKunstverein. She is interested in topics related to FLINTA*, technology, and communities.
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Von 2006 bis 2010 sind 42 Ausgaben des Heftes spotsZ erschienen, die monatlich in Form von unabhängiger redaktioneller Berichterstattung das Kultur- und Kunstgeschen in Linz thematisieren.