Die Referentin #45 - Aktuelle Beiträge

Der brave Hašek und die PFGFIDSDG

Andreas Gautsch | Kunst und Kultur, 4. September 2026
Die Referentin #45

Die Referentin bringt seit längerer Zeit eine Reihe über den Anarchismus als eine der ersten sozialen Bewegungen und als Ausdruck vergangener wie aktueller kämpferischer emanzipatorischer Entwicklungen. Dieses Mal schreibt Andreas Gautsch über Jarsolav Hašek und den Anarchismus in Tschechien.

Denkmal
Detail des Denkmals Jaroslav Hašek in Lipnice nad Sázavou. © Jiří Sedláček, CC BY-SA 4.0

Die Fernsehserie „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ war in den 1970er Jahren Kult. Fritz Muliar als schrulliger Schwejk, böh­makelte und mimte den listig naiven Antikriegshelden, der so gar nicht bereit war sein Leben für Gott, Kaiser und Vaterland aufzugeben.
Bei dem Buch, oder besser gesagt den Büchern zu dieser Serie handelt es sich um einen Weltbestseller, der in über 56 Sprachen übersetzt wurde. Der Autor ist hierzulande kaum mehr bekannt. Sein Name ist Jarsolav Hašek. Seine Verbindung zum tschechischen Anarchismus wahrscheinlich noch weniger, auch wenn es mit „Biere Tiere Anarchie“ von Rolf Cantzen und Bodo Dringenberg ein sehr gelungenes Porträt gibt. Hinzu kommt, dass der tschechische Anarchismus in den Jahren 1880 bis 1920 mehr war als eine Fußnote in der Geschichte der Arbeiter:innen- und Jugendbewegung. Dies belegen die unzähligen Beiträge des 2022 verstorbenen Anarchismusforschers, Dichters und bildenden Künstlers Václav Tomek.

Die Anfänge des Anarchismus in Tschechien

Die beiden Kronländer, das Königreich Böhmen und die Marktgrafschaft Mähren, waren nach der Bildung der Doppelmonarchie 1867, dem österreichischen Gebietsteil oder Cisleithanien, wie dieser auch genannt wurde, zu- bzw. untergeordnet. Einen Ausgleich, wie mit Ungarn, gab es mit Böhmen und Mähren nicht. Die Frage nach der kulturellen Eigenständigkeit und nationalen Unabhängigkeit stand in Tschechien von bürgerlicher Seite an der Tagesordnung. Dem Internationalismus der Arbeiter:innenbewegung, und dass diese permanent die soziale Frage in den Vordergrund stellte, konnte sie wenig abgewinnen. Vier Jahre nach dem sogenannten Einigkeitsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1878 in Hainfeld, kam es zur Gründung der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Českoslovanská sociáně demokratická strana dělincká). Diese sah den „Befreiungskampf der Arbeiterklasse“ als eine soziale und nicht als nationale Aufgabe (Tomek 1992: 98). Jedoch kam es, ähnlich wie in Österreich, auch in Tschechien in den 1880er-Jahren innerhalb der organisierten Arbeiter:innenschaft zur Bildung von oppositionellen Gruppierungen. Unzufrieden mit der Parteiführung, dem Funktionärswesen und dem reformistischen Taktieren, wandten sich diese verstärkt dem Anarchismus zu. Es verbanden sich zwei unterschiedliche Milieus. Die Arbeiter:innen der alten Strömung der „Radikalen“ (im Gegensatz zu den Gemäßigten), die mit dieser Sozialdemokratie wenig anzufangen wussten, schlossen sich mit einer neuen Generation von Jungen und Intellektuellen zusammen, die „Omladina“ (Jugend) bezeichnet wurde. Herauskam die „Bewegung der unabhängigen Sozialisten“. Hinzu kamen Personen, die sich ebenfalls von der Sozialdemokratie abwandten, wie der ehemalige gemäßigte Sozialdemokrat Vilém Körber, der einen ethischen Anarchismus propagierte. Körber gründete 1892 die anarchistische Zeitschrift „Nový věk svobody“ („Neues Zeitalter der Freiheit“), die als Organ der unabhängigen Sozialisten betrachtet werden kann. Er verfasste eine Broschüre, in der er seine Vorstellung des ethischen Anarchismus präzisierte. „Die persönliche Freiheit, der freie Wille, dass man es gut haben möchte, dass für uns genug Platz, genug Ernte, Nahrung auf der Welt ist, dass es nicht nötig ist, Hunger und Elend zu ertragen, dies begreift auch der am wenigsten Nachdenkende.“ (Tomek 1998: 17). Für Körber und andere Anarchist:innen ging es um individuelle Freiheit und Unabhängigkeit, und nicht um eine nationale Befreiung der Böhmen oder der Mähren. Dort, wo der bürgerliche Liberalismus wie ein scheuendes Pferd stehen bleibt, beginnt die anarchistische Forderung: Die Hinterfragung und den Abbau von Machtpositionen und Privilegien innerhalb der Gesellschaft – zugunsten einer universellen Befreiung ohne nationale oder staatliche Autoritäten und ohne Zentralismus (vgl. Tomek 1998: 24). Ebenfalls vom Individualismus geprägt, war die bereits erwähnte Bewegung der „Omladina“, die als staatsgefährdende Geheimgesellschaft mas­siv behördlich verfolgt wurde. Im September 1893 wurde in Prag der Ausnahmezustand ausgerufen, mehrere Aktivist:innen wurden verhaftet und vor ein Sondergericht gestellt. Vorgeworfen wurde ihnen die Verletzung der öffentlichen Ordnung, die Bildung eines Geheimbundes und die Störung des öffentlichen Friedens.

Das Manifest und die Arbeitskämpfe der Bergarbeiter

zu organisieren. So fand am 5. April 1896 im böhmischen Ort Hnidousy eine anarchistische Konferenz statt, die, nachdem sie von der Polizei gestürmt wurde, in einem nahegelegenen Wald fortgesetzt wurde. Dort wurde das Manifest der tschechischen Anarchisten, verfasst von Antonin Pravoslav Kalina, präsentiert und diskutiert. Für heutige Ohren ungewöhnlich ist die skeptische Haltung gegenüber der Erringung von politischen Rechten, da sie „nichts anderes als ein Sicherheitsventil“ seien, mit dessen Hilfe „die Inhaber der wirtschaftlichen Macht die Unzufriedenheit der Massen mit ihrer ungerechten Ausbeutungswirtschaft korrigieren.“ (Tomek, 1998: 46). Misstrauisch war man auch gegenüber der Sozialdemokratie, da die „Idee des sozialistischen kollektivistischen Staates“ (ebd. 47) zu einer erneuten Abhängigkeit führen würde. Angesichts der Erfahrungen aus dem sogenannten Realsozialismus und dem realen Kapitalismus sind diese Befürchtung gerechtfertigt.
Die drei Grundsätze des Manifest sind die Negierung von Privateigentum an Naturgütern und Produktionsmitteln, die Negierung von Staat und Regierung und die Erziehung des Proletariats, da die geistige Revolution als Bedingung für die materielle Revolution betrachtet wird (vgl. Tomek, 1998: 51). Im Wald wurde jedoch nicht nur diskutiert, sondern es wurde auch der Generalstreik der Kohlengräber für den 1. Oktober 1896 beschlossen. Es wurde ebenfalls beschlossen, dass Militärpflichtige den Waffendienst zu verweigern haben. Der Streik unter den Kohlengräbern fand tatsächlich statt, mit für heute ungewöhnlicher Schärfe. „Die Schächte wurden demoliert, Revolverschüsse auf die provokatorisch auftretende Gendarmerie abgegeben. Die Regierung sandte militärische Verstärkung nach dem Streikgebiet, und die Sozialdemokraten sprangen ihr dadurch hilfreich zu, dass sie ganz ostentativ Front gegen die ‚Gewaltaktionen‘ derselben verurteilten.“ (F. G. 1907: 108). Unter den tschechischen Grubenarbeitern waren Arbeitskämpfe weit verbreitet. Zu Jahresbeginn 1901 kam es ebenfalls zu einem Streikversuch. In Flugblättern wurde aufgerufen, ab dem 2. Jänner nur mehr 8 Stunden zu arbeiten. Doch konnte auch hier die Polizei durch ihr Eingreifen diese frevelhafte Anmaßung eines 8-Stundentags unterbinden.

Hasek
Jaroslav Hašek, 1921. © Fotograf unbekannt

Für den gemäßigten Fortschritt

Streikende Arbeiter:innen, rebellierende Jugend, in diesem Umfeld bewegte sich auch Jaroslav Hašek. Er zog als junger Mann durch die Lande, lernte als mittelloser Landstreicher unterschiedliche Haftanstalten kennen – und was die bayrische betraf, aufgrund der reichliche Verköstigung auch zu schätzen. Er schrieb für anarchistische Zeitschriften, wie die „Omladina“, die „Komuna“ (Die Kommune) oder auch den Chud’as (arme Schlucker). 1903 arbeitete er unter Tag in einem nordböhmischen Braunkohlervier und agitierte unter den Braunkohlearbeitern. Er verarbeitete diese Zeit in seiner Erzählung „Die Grubenkatastrophe“. Eine anstehende Heirat ließ ihn schließlich einen seriösen Weg einschlagen und er beendete seine anarchistischen Aktivitäten. 1910 übernahm der die Redaktion der Zeitschrift „Welt der Tiere“ (Svět zvířat). Um diese Tätigkeit etwas interessanter zu gestalten, erfand er kurzerhand neue Tierarten. Die Fachwelt war begeistert, die Leser:innen gut unterhalten. Ein Jahr darauf stieg er in gewissem Sinne in die Politik ein. Er gründete die „Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze“ (PFGFIDSDG), (Strana mírného pokroku v mezích zákona (SMPVMZ). Als Parteizentrale diente die Prager Gaststätte „Kuhstall“, auch seine Wahlreden hielt er in verschiedenen Gasthäusern ab und warb dort, ganz zum Gaudium des Publikums, um die Gunst: „Wähler, was Ihr von Wien erhofft, bekommt Ihr auch von mir!“ – „Wähler, protestiert mit Euren Stimmzetteln gegen das Erdbeben in Mexico!“ – „Jeder unserer Wähler bekommt ein kleines Taschenaquarium.“ So lauteten die vielversprechenden Slogans. Leider zog Hašek mit seiner Satirepartei weder in den Landtag, noch in den Gemeinderat ein.
Doch nicht nur Hašek zog es in die Politik, auch die anarchistische Bewegung diskutierte im April 1914 auf einem weiteren Kongress sehr kontrovers die Gründung einer anarchistischen Partei. Diese sollte auf Basis der direkten Aktion den wirtschaftlichen Generalstreik anstreben und sich für den Antimilitarismus einsetzen (Tomek 1992: 121).
Der erste Weltkrieg beendete vorerst diese Debatte – Generalstreik und Antimilitarismus rückten in weite Ferne, auch für Hašek. Dieser wurde im Februar 1915 in die K&K Uniform gesteckt, geriet jedoch bereits im September in russische Kriegsgefangenschaft. Daraufhin wechselte er mehrfach die Fronten und Lager. Zunächst schloss er sich der Tschechoslowakischen Legion an und kämpfte mit dieser gegen das Habsburgerreich, desertierte und wechselte 1918 zur roten Arme. Seine Erfahrungen als Soldat dürften eine gute Grundlage für seine Abenteuer des Soldaten Schwejk gebildet haben. Diese veröffentlichte er 1920 in einzelnen Heften als Fortsetzungsgeschichte. Die große Popularität des Schwejks verschaffte ihm (erstmalig) eine existenzielle Absicherung, die er jedoch nicht lange genießen konnte. Sein jahrelanger übermäßiger Alkoholkonsum hatte seinen Preis. Hašek verstarb 1923 in seinem vierzigsten Lebensjahr. Und der Anarchismus? Der verstarb in Tschechien ebenfalls. Der Wiener Anarchismusforscher Max Nettlau formuliert es in seiner umfangreichen Geschichte des Anarchismus folgendermaßen:
„Von der einstmals blühenden syndikalistischen Bewegung in Nordböhmen ist keine Spur mehr vorhanden. Sie ist mit Sack und Pack vom Bolschewismus verschlungen worden, nachdem ihre Führer sich von diesem umgarnen ließen“ (Nettlau 1984: 285).    

 

Literatur: 
Rolf Cantzen und Bodo Dringenberg: Biere Tiere Anarchie. Jarsolav Hašek – mehr als Schwejk, Launenweber, Köln, 2018
Max Nettlau: Geschichte des Anarchismus, Band V, 1984
Václav Tomek: Tschechischer Anarchismus um die Jahrhundertwende in: Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit. Nr. 12., Fernwald: Germinal Verlag, 1992
Václav Tomek: Die Freiheit sehen wir in der Anarchie, Zum Manifest der tschechischen Anarchisten 1896, Edition Wilde Mischung, Verlag Monte Verita, Wien, 1998
Die Anarchistische Bewegung in Wien, in: Die Freie Generation Dokumente zur Weltanschauung des Anarchismus. Oktober 1907, Band 2, Heft 4

Die Anarchismus-Textreihe in der Referentin widmet sich dem Anarchismus als eine der ersten sozialen Bewegungen überhaupt, zeichnet Porträts über frühe Anarchist:innen, skizziert gesellschaftliche Utopien oder benennt aktuelle Tendenzen im anarchistischen Denken und seiner Praxis. Die Serie ist auf Anregung von Andreas Gautsch, bzw. der Gruppe Anarchismusforschung entstanden, die ebenso Themen und Autor:innen der Reihe betreut. Siehe auch: anarchismusforschung.org.

Alle Texte der Serie auch über die Webseite der Referentin abrufbar.  

Andreas Gautsch
Institut für Anarchismus­forschung, siehe auch
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