Mehr Zuhause als Zuhause
Die Referentin #45
Im November wird die dritte Ausgabe des Cinéma Africain!-Festivals in Linz von der Leinwand flimmern, ergänzt um Talkformate und Nightline. Christian Wellmann hat bei der Festival-Alles-Macherin Sandra Krampelhuber nachgefragt und skizziert außerdem zwei Festivalfilme.


Liti Liti von Mamadou Khouma Gueye. Filmstill Liti Liti
Afrikanisches Kino spielt mit einem riesigen Spektrum an Geschichten, die in Europa gerne ignoriert werden. Das Cinéma Africain!-Festival (CA) schafft eine Plattform, um afrikanische Realitäten abzubilden und die reiche Kultur und Geschichte eines jungen und dynamischen Afrikas zu umreißen. Es geht dabei um mehr als nur Kino: Das CA-Programm schafft Raum für Austausch über Identität, Widerstand und gesellschaftlichen Wandel und stellt (zumeist) Frauenfiguren in den Mittelpunkt. Bilder, die man zu „Afrika“ im Kopf hat, sollen gesprengt werden – oder zum Überdenken anleiten. Wer ein besseres Verständnis des Kontinents Afrika und seiner zeitgenössischen Lebensrealitäten erfahren möchte, ist eingeladen seine Stereotypen zu zermalmen. Natürlich alles nur als kleiner Ausschnitt eines unmöglich abzubildenden Ganzen (= Afrika).
Initiatorin und Kuratorin Sandra Krampelhuber verknüpft seit über 20 Jahren künstlerische Ideen im interkulturellen Kontext. Neben ihrer Liebe zum afrikanischen Film ist sie außerdem als Filmemacherin, Kulturanthropologin und -produzentin umtriebig. Der Drang, einseitige westliche Sichtweisen zu hinterfragen und in einen globalen Kontext zu stellen, treibt sie an. „Film ist ein ideales Medium, um sich in andere Lebensrealitäten für kurze Zeit hineinzuversetzen. Man erreicht vergleichsweise schnell potenziell mehr Menschen mit einem Film als mit einem Buch.“
Im Dachstock der KAPU begann sie 2010 Musik-Dokumentarfilme aus Afrika und der Diaspora zu zeigen. Ein aus persönlichem Interesse und Leidenschaft geborenes Format, das Linz dreimal die Augen für Neues öffnete. Danach führte sie bis 2018 in der STWST diverse internationale Festivals mit Schwerpunkt Afrika weiter – erweitert um Symposien, Talks und fette Nightlines. 2015 wurde zum Beispiel der STWST-Saal zum Kino umgebaut und das Festival Cinéma Africain genannt. Nach dem Schwarzen Loch namens Pandemie wurde das aufgeschobene Unruly Thoughts-Festival 2022 mit FIFTITU% online veranstaltet – um letztendlich 2024 im Cinéma Africain!-Festival zu kulminieren.
Ich treffe die Festivalleiterin gerade in der heißen Planungsphase, nicht nur ob der Außentemperaturen. Das Programm muss noch feingeschliffen und vieles fixiert werden. „Ich glaube, ich habe immer den Wunsch gehabt, dass ich das Ganze auch mal in einem Kino machen will. Ich bin zwar sehr dafür, dass man das Programm dezentral oder an Orten zeigt, wo man es nicht so gewöhnt ist, aber aus der Sicht einer Filmemacherin bin ich schon immer happy, wenn das im Kino mit dem besten Beamer, der besten Soundanlage gezeigt und die Öffentlichkeit mehr angesprochen werden kann.“ Daraus hat sie den Gedanken entwickelt: Warum nicht ein professionelles, längerfristiges Filmfestival auf die Beine stellen?! Im ersten Jahr hat es mit dem Budget noch ganz gut ausgeschaut, es ist dann aber ein großer Fördergeber weggefallen. „Die Idee war eigentlich, dass ich es größer machen wollte nach dem ersten Mal.“ Eine (allseits) beschränkte Fördermittellage verhinderte dies.
Beim dritten CA gibt es wieder kontemporäre Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zu sehen – einzigartige Werke aus Afrika und der afrikanischen Diaspora, ermöglicht durch das große Netzwerk, das Krampelhuber über die Jahre aufgebaut hat. Es wird darauf geachtet, Filme zu zeigen, die keinen klassischen Filmstart in Österreich haben. Der Umstand, dass sehr viele Kurzfilme produziert werden, weil sie billiger zu drehen sind und eine kürzere Drehzeit haben, wo vor allem Jüngere Erfahrungen sammeln können, wird ebenso programmatisch berücksichtigt.
„Ich finde es spannend, wenn Filme von Regisseurinnen oder mit weiblichen Charakteren und Geschichten gezeigt werden. Wenn ich kuratiere, achte ich sehr wohl darauf, dass das mindestens einen 50%en-Frauenanteil hat. Bei FIFTITU% wird es beispielsweise ein feministisches Kurzfilm-Programm geben“, beschreibt Krampelhuber das diesjährige Film- & Talk-Format African Classics – Sarah Maldoror’s Carnival Trilogy.
2026 hat CA außerdem den Preis Stadt der Vielfalt von der Stadt Linz bekommen und ist Teil der Antirassismus-Ins-Rampenlicht-Kampagne, – was dem Festival auch eine zusätzliche Anerkennung gibt.



Nomad Shadow von Eimi Imanishi, 2025. Filmstill Nomad Shadow
Von der Struktur her wird das im November stattfindende Festival ähnlich sein wie die zwei zuvor, in enger Zusammenarbeit mit Nadia Denton, einer Filmexpertin aus London. Neben ihrer beratenden Funktion leitet sie mit Moderationen und Talks durchs Festival. „Wir kennen uns schon seit 2006, sie hat den Queens of Sound-Film von mir quasi für London ‚entdeckt‘. Und hat damals das Black Film Festival in London geleitet“, schildert die Festivalleiterin ihre 20-jährige Partnerschaft.
Letztes Jahr haben die beiden das Buch Cinéma Africain – Archiving, Resistance and Freedom veröffentlicht. „Ich wollte eine Publikation zum Festival, mit Inhalten zum Festival und Artikeln von Gästen. Wir haben uns das dann aufgeteilt“, erwähnt Krampelhuber das von Linz-Impuls geförderte Werk, das über die Homepage erhältlich ist und beim Festival aufliegen wird.
Nadia Denton sieht im Linzer Festivalformat eine Kraft, um „(…) das lokale Publikum in die Lage zu versetzen, sich in andere kulturelle Narrative einzufühlen und ein besseres Verständnis für die Menschlichkeit der dargestellten Gesellschaften zu entwickeln, was insgesamt unglaublich bereichernd ist und letztendlich zu kognitiven Verschiebungen führen kann“ (Interview aus Referentin 37). In Koop mit der Kunstuniversität wird sie im Rahmenprogramm auch einen Talk veranstalten (mit dem Arbeitstitel Politics of the Image: German Modernist Artists and African Presences).
Die Referentin durfte sich bereits an zwei Sneak Previews erfreuen: Liti Liti von Mamadou Khouma Gueye, ein junger senegalesischer Regisseur, der (über Jahre hinweg) die Geschichte von Gentrifizierung und Vertreibung in Dakar mittels seiner Mutter erzählt. „Es ist ein sehr intimes Porträt, nicht überemotionalisiert, aber sehr poetisch. Er driftet nicht ins Reportageartige ab, gerade bei so einem Thema – die poetische Ebene ist sehr gelungen. Es zeigt diesen Kapitalismus-Bau-Wahnsinn. Ich finde, es ist eine universelle Geschichte und natürlich sind die Umstände nicht mit Europa vergleichbar. Was sich durchzieht, ist einfach dieser widerliche Kapitalismus und diese Profitgier“, so die Festivalleiterin zur rauen Realität einer rücksichtslosen Enteignung, wo ein Wohnviertel dem Neubau einer (ca. 60 km langen) Eisenbahnstrecke weichen muss. Ganze Communities wurden zerstört und ein ganzes Ghetto geschliffen. „Die Politik achtet nur auf das eigene Prestige, Einnahmen fließen nicht in die Stadtkasse, sondern in die Investoren“. Die französische Koop wird von einer senegalesischen Distributionsfirma vertrieben, die es geschafft hat, dass der Film auf bekannten Festivals gezeigt wurde und als Österreichpremiere in Linz zu sehen sein wird.
Nomad Shadow (Eimi Imanishi, 2025) ist ein hochaktueller Spielfilm und handelt von einer jungen Frau, die in Spanien lebt und deportiert wird. Mariam muss nach ca. einer Dekade in ihr Dorf in der Westsahara zurückkehren, wo sie überhaupt nicht mehr hinpasst und mit Vorurteilen und Vorschriften ihrer konservativen Mutter überladen wird. Sie will einfach ihr Leben leben – und sofort wieder nach Spanien zurückkehren. Auch anhand der problematischen Lage der Sahrawi, eine maurische Ethnie in der Westsahara, werden Flüchtlingserfahrungen beschrieben. „Wer Geduld hat, wird von seinem Schatten begrüßt“ – so ein definierender Satz in Nomad Shadow.
Als Filmemacherin ist Sandra Krampelhuber lange aktiv: „Filmprogramme mit Schwerpunkt Afrika waren fester Bestandteil in vielen meiner bisherigen kulturellen Formate. Meine eigene Reise in die Welt des Filmes startete vor 20 Jahren mit einem Aufenthalt in Jamaika und einer Low-Budget-Filmproduktion über Frauen in der Reggae- und Dancehall-Kultur (Queens of Sound – A Herstory of Reggae and Dancehall, 2006).“
Es folgten 100% Dakar (2014), Accra Power (2016) und Mane (2020). Ihr fünfter Film Letter Of A Woman ist mittlerweile in Post-Produktion und soll über den Sommer fertiggestellt werden – wann er rauskommt, hängt davon ab, wann er von internationalen Festivals angenommen wird. Der essayistische Dokumentarfilm ist ein feministisches Road-Movie im Senegal. Es geht um eine junge Frau, Anfang 30, die sich auf die Suche nach ihren Wurzeln macht, nach ihrer eigenen Geschichte. Sie will mehr über ihre Großmutter erfahren und macht sich mit einem Motorrad auf, den Norden des Landes zu bereisen – getragen vom inneren Dialog ihrer Gedanken. Hauptdarstellerin Toussa (Astou „Toussa“ Gueye) war schon in ihrem letzten Film Mane als Rapperin im Senegal zu sehen. Letter Of A Woman ist inzwischen Krampelhubers dritter Film im Senegal, in dem sie, alles zusammengerechnet, ca. zwei Jahre verbracht hat: „Irgendwann ist es dann schon mehr Zuhause als Zuhause ...“ Und genau das ist dann ein Gefühl, das ein Format wie Cinéma Africain! vermitteln kann: Die eigene Haustür als Eingang in den Kaninchen-Tunnel.
Cinéma Africain! 04.–07. 11. 2026
erschiedene Spielorte in Linz. Hauptlocation: Moviemento Kino, wo der Großteil der Filme gezeigt wird. Koop mit Kunstuniversität Linz (Talkformate, etc.) und FIFTITU%. Nightline in Koop. mit der Stadtwerkstatt. Internationale Gäste.
Das detaillierte Festival-Programm wird Anfang Oktober auf der Homepage veröffentlicht.
Eröffnungsfilm im Moviemento bei freiem Eintritt (Anmeldung!). www.cinema-africain.at
(wo auch ein PDF von Cinéma Africain – Archiving, Resistance and Freedom erhältlich ist)
sites.google.com/view/sandrakrampelhuber/info
Über frühere Ausgaben von Cinéma Africain und die Publikation Cinéma Africain – Archiving, Resistance and Freedom wurde auch in vergangenen Ausgaben der Referentin berichtet. Einfach mit der Suchfunktion finden: diereferentin.servus.at
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(4. September 2026)