Die Referentin #45 - Aktuelle Beiträge

Was ist OLFAC und Olfactormativity?

Tanja Brandmayr | Kunst und Kultur, 4. September 2026
Die Referentin #45

OLFAC ist ein transdisziplinäres Projekt, das an der Kunstuniversität Linz angesiedelt ist und von Silke Felber geleitet wird. Ziel ist es, eine Theorie der olfaktorischen Performativität zu entwickeln. Tanja Brandmayr befragt Silke Felber über die kulturelle und politische Dimension des Geruchs, sowie eine fast zusammengekommene Kooperation. 

Silke, vielleicht kannst du uns kurz einen Überblick geben, was OLFAC ist, seit wann das Projekt läuft und was die Forschungsfragen sind. OLFAC hat ja den Geruch als zentrales Thema – und verfolgt interdisziplinäre Ansätze zwischen Kunst und Politik, was ich gelesen habe. In euren Zusammenhängen ist etwa auch von Olfactormativity die Rede … 
Ein Zungenbrecher, oder? „Olfactormativity“ – zusammengesetzt aus „olfaction“ und „performativity“ – ist ein Arbeitsbegriff, den ich vorgeschlagen habe, um die spezifische Wirkmacht von Gerüchen zu beschreiben. Er gibt dem Projekt „Olfactormativity: Exploring the Intervening Performativity of Smell“, kurz OLFAC, seinen Namen. Das Projekt wird durch einen ERC Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats gefördert, eine der begehrtesten und höchstdotierten Förderungen für potenziell bahnbrechende Forschung, die theoretisch oder methodisch neue Wege beschreitet. Für uns, d.h. für Freda Fiala, Julia Ostwald, Antonia Karácsonyi und mich, bedeutet sie vor allem die seltene Freiheit, eine zunächst ungewöhnlich erscheinende Frage langfristig und konsequent über Fächergrenzen hinweg zu verfolgen.
Ausgangspunkt unseres Projekts ist die Frage, inwiefern Geruchswahrnehmung als performativ verstanden werden kann: Wie bringen wiederholte Praktiken des Beduftens, Verpestens, aber auch Riechens, Wissen, Identitäten und soziale Ordnungen oder auch Unordnungen hervor? Wie werden Geruchsmoleküle in unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexten wirksam – für wen und mit welchen Folgen? Wir untersuchen dazu olfaktorische Techniken und Technologien, aber auch konkrete, riechbare Materialien. Zum Beispiel sehen wir uns an, welche Gewürze oder tierischen „Duftstoffe“ unter welchen, mitunter kolonialen oder extraktivistischen Bedingungen nach Europa transportiert worden sind, um hier medizinische, spirituelle oder politische Wirkungen zu entfalten. Ein besonderer Fokus liegt darauf, wie Gerüche Menschen buchstäblich bewegen, also affektiv und motorisch, und was das für künstlerische Ansätze, aber auch für den polizeilichen oder militärischen Einsatz von Gerüchen bedeutet. 

Wir haben ja im Vorfeld schon mal gesprochen. Und wir sind auf den Aspekt der Erinnerung gekommen – Stichwort „Proust-Effekt“: Geruch als unbestechliches Gedächtnis; Erinnerungen, die auch plötzlich in die Gegenwart einbrechen können. Gerüche erinnern aber nicht nur individuell, sondern triggern auch das kulturelle Bewusstsein. Und Geruch ist auch ganz klar ein biologischer Marker und neurologischer Lernfaktor, nicht? 
Gerüche können Erinnerungen tatsächlich überraschend unmittelbar aktualisieren. Dennoch würde ich sie nicht als „unbestechliches Gedächtnis“ bezeichnen. Auch olfaktorische Erinnerungen sind keine unveränderten Speicherungen der Vergangenheit. Sie werden in der Gegenwart rekonstruiert und sind durch Biografie, körperliche Erfahrung, Umweltreize, Sprache und kulturelles Wissen, aber auch durch politische und religiöse Systeme geprägt.
Uns interessiert deshalb gerade das Zusammenspiel kognitiver, biologischer, biografischer, kultureller und politischer Faktoren. Das zeigt sich besonders deutlich an hedonischen Urteilen, die tendenziell binär organisiert sind: d. h. wir neigen dazu, einen Geruch als „gut“ oder „schlecht“, etwas als „duftend“ oder „stinkend“ zu bewerten. Solche Urteile mögen uns vielleicht als unmittelbar und natürlich erscheinen, sind aber keineswegs rein biologisch determiniert. Sie werden mitunter auch durch kommerzielle Interessen geprägt und gezielt ins Feld geführt, um Konsumentscheidungen zu beeinflussen. Ich nenne als Beispiel gerne den salzigen Geruch von Meeresluft, der von vielen mit Urlaub, Freiheit oder Erholung verbunden wird – und entsprechend in der Wellnessindustrie zum Einsatz kommt. Für Menschen, die eine lebensbedrohliche Flucht über das Meer erlebt haben, kann dieser Geruch allerdings potenziell traumatisierende Erinnerungen und Gefühle auslösen. Was ein olfaktorischer Reiz bedeutet, hängt also wesentlich davon ab, wo, wann, von wem und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen er wahrgenommen wird. 
Hinzu kommt, dass schon die Annahme, Gerüche ließen sich nicht differenziert beschreiben, eurozentrisch geprägt ist. Einige Sprachen verfügen über ein wesentlich breiteres abstraktes Geruchsvokabular – etwa die indigene Gemeinschaft der Jahai, die Gerüche ähnlich konsistent benennen wie Farben. In unserem Projekt beziehen wir entsprechend neurobiologische und psychologische Forschung ein, und bereichern sie mit Ansätze der Kulturwissenschaften und der Performance Studies.

Zwei vermischte Fragen: In eigenen künstlerischen Arbeitszusammenhängen bzw. in Projekten mit Kolleg:innen stellt sich immer wieder die zentrale Frage, was Bewusstsein ist. Vermutlich eine der letzten großen, nicht quantifizierbaren Fragen. Beschäftigt ihr euch etwa mit dem Thema Geruch und Bewusstsein? Und, zweiter Teil der vermischten Frage: Geruch ist sehr stark an die individuelle Wahrnehmung gebunden, ein Hort des Privaten und Intimen, der direkten Begegnung. Stellt Geruch in dieser Individualität bzw. Unmittelbarkeit sogar etwas Widerständiges dar? 
Ja, Geruch führt sehr direkt zu der Frage, was wir unter Bewusstsein verstehen. Vieles am Riechen geschieht, bevor wir einen Geruch benennen oder bewusst einordnen können. Er verändert unsere Aufmerksamkeit, kann uns anregen oder abstoßen; und er kann dabei körperliche Reaktionen auslösen, die sich sprachlicher Kontrolle teilweise entziehen. Gleichzeitig ist diese vermeintliche Unmittelbarkeit nicht außerhalb des Sozialen angesiedelt: Auch das intime Empfinden ist durch Erfahrungen, Normen und gelernte Kategorien geprägt. Geruch ist also niemals automatisch widerständig – ich würde ihn vielmehr als eine molekulare Wolke fassen, die von uns Riechenden immer und immer wieder neu mit Bedeutung gefüllt wird. Vor diesem Hintergrund kann das Olfaktorische soziale Ordnungen stabilisieren, etwa wenn Körper oder Orte als „unsauber“ oder „fremd“ markiert werden. Es kann solche Ordnungen aber auch irritieren, weil Gerüche dazu tendieren, sich unkontrollierbar zu verbreiten, und weil sie sich nur schwer auf Distanz halten lassen. Genau in dieser Spannung liegt für unser ERC-Projekt das politische und ästhetische Potenzial: Geruch kann Normen verkörpern, aber möglicherweise auch dazu beitragen, sie zu verlernen.

Ich springe damit in die stinkende Performanz von Gerüchen, die gezielt als Sabotage eingesetzt werden – und beginne mit einem leicht grotesken Phänomen, dem des Pornojägers Martin Humer, der sich in Österreich über Jahrzehnte bis zu seinem Tod 2011 dem Kampf gegen Amoral und Schweinkram aller Art verschrieben hat. Es muss so um 1990 gewesen sein, als er in meiner höchstpersönlich besuchten Linzer Videothek, bzw. in deren Porno-Abteilung, Buttersäure ausgegossen hat. So wurde es zumindest erzählt. Jedenfalls hat es in der Videothek dann über Jahre penetrant ekelhaft gerochen – und man wollte gar nicht mehr hingehen. Mittlerweile gibts ja schon längst keine Videotheken mehr, so viel da­zu. Aber was sind die Gerüche oder auch die Störgerüche unserer Zeit, die heute gezielt strategisch eingesetzt werden und mit denen wir uns zu beschäftigen haben? Was ist im Zusammenhang mit OLFAC etwa gemeint, wenn von der politischen Bedeutung oder auch strategischen Nutzung von Gerüchen die Rede ist? Und um auf ein heftigeres Beispiel zu kommen: Was ist etwa „Skunk Water“ und wie wird es eingesetzt?
Dein Beispiel ist wirklich anriechlich. Es zeigt sehr gut, was ich mit der politischen oder strategischen Nutzung von Geruch meine: Ein als störend empfundener Geruch wirkt grundsätzlich über den Moment und den Ort seiner Quelle hinaus und hat oft eine lange Halbwertszeit. Das heißt, er kann sich an Räume und Körper heften, Zugänge verhindern oder auch bestimmte Orte mit Ekel, Scham oder Gefahr kontaminieren. Geruch wird damit potenziell zu einer Technik der Vertreibung und Kontrolle – aber auch der Stigmatisierung. Politisch entscheidend ist dabei nicht nur, dass etwas stinkt, sondern wer einen Geruch verbreiten darf, wer ihm ausgesetzt wird und wie lange seine Wirkung anhält. Ein besonders drastisches Beispiel ist tatsächlich „Skunk Water“, eine in Israel entwickelte, extrem übelriechende Flüssigkeit zur Kontrolle und Vertreibung von Menschen, die hauptsächlich über Wasserwerfer versprüht wird und die tagelang an Haut, Kleidung und Gegenständen riechbar bleibt. Dokumentiert sind Einsätze gegen palästinensische Proteste im Westjordanland und in Ostjerusalem sowie gegen ultraorthodoxe jüdische Demonstrierende, etwa bei Demonstrationen gegen die Wehrpflicht. Vor allem sind aber auch immer wieder Wohnhäuser, Geschäfte und ganze Straßenzüge damit besprüht worden. Dadurch wird aus einem vermeintlich „nicht tödlichen“ Mittel eine Form sensorischer Bestrafung, die weit über die Zerstreuung einer Menschenmenge hinausreicht.

Ich komme zur Frage: Wie riecht Blut? Die Frage entstand in einem Gespräch zwischen uns, als wir uns über bestimmte Projektkontexte ausgetauscht haben. Ich lasse hier alle Details weg. Und ich muss auch gleich vorneweg sagen, dass es zur spontan angedachten Kooperation nicht gekommen ist, weil die Zeitpläne letztenendes zu voll waren. Aber hier trotzdem exemplarisch und hypothetisch: Wir nehmen an, unsere Koop wäre was geworden, mit der Fragestellung: Wie riecht Blut? Wie wärt ihr das Projekt mit dem Hintergrund der Tätigkeiten und Schwerpunkte von OLFAC angegangen? 
Hm, hm. Ich denke, wir hätten zunächst die Frage selbst verschoben, also weg von „Wie riecht Blut?“ zu: Wessen Blut wird überhaupt wahrgenommen, betrauert und erinnert – und wessen Blut bleibt unriechbar oder wird politisch geruchlos gemacht? Blut riecht ja nicht einfach „metallisch“, sondern immer auch nach den Bedingungen, unter denen Körper verletzt werden, unter denen sie Ausbeutung erfahren oder auch geopfert werden.

Ich komme damit zur letzten, wieder weniger spekulativen Frage, was die nächsten Vorhaben von OLFAC sind: Wo gibt es im Herbst/Winter öffentlich etwas zu sehen oder zu hören?
Hören ist ein gutes Stichwort: Ich lade alle sehr herzlich ein, in den OLFAC-Podcast hineinzuhören, der im Rahmen der Reihe „Kultur denken“ des ifk (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften) entstanden ist: kultur-denken.podigee.io In den Gesprächen geht es um die politischen, historischen und künstlerischen Dimensionen des Riechens. Unter anderem ist darin Gwenn-Aël Lynn zu hören, dey im Frühjahr 2027 als Artist in Residence bei OLFAC in Linz zu Gast sein wird. Gwenn fragt etwa danach, was von menschlichem Leben und sinnlichem Genuss übrig bleibt, wenn sich einige wenige Freaks auf Planeten zurückziehen, auf denen es keine atembare Atmosphäre gibt und sich daher weder Geruchsmoleküle noch Schallwellen auf die uns vertraute Weise ausbreiten können. Aber zurück auf die Erde und zu den Plänen von OLFAC: Ich freue mich rie­sig, dass Forensic Architecture unserer Einladung gefolgt ist und am 16. November an der Kunstuniversität Linz zu Gast sein wird. Und über alle anderen schönen Dinge, die wir vorhaben und anbieten, kann man sich wunderbar über unseren News­letter informieren, der ganz einfach über unsere Website abonniert werden kann.    

 

kultur-denken.podigee.io 
olfac.kunstuni-linz.at

Silke Felber ist Professorin für Wissensgeschichte an der Kunstuniversität Linz und habilitierte Theater- und Kulturwissenschafterin. Das aktuell von ihr geleitete ERC-Consolidator-Projekt OLFAC befasst sich mit den ökologischen und (de-)kolonialen Implikationen des Olfaktiven in künstlerischen und militärischen Kontexten. Gemeinsam mit David Krych ist sie Gründerin und Herausgeberin der mehrsprachigen Fachzeitschrift ephemer – Journal for Performance and Theater Research. Ihre Forschung wurde u. a. mit dem Hertha-Firnberg – sowie dem Elise-Richter-Preis des FWF, dem Mercator Award und dem Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats ausgezeichnet.

Tanja Brandmayr
ist unter anderem Künstlerin, die auch in der Artist-run Stadtwerkstatt und der artist-run Referentin arbeitet.
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