Die Welle, die nicht endet
Die Referentin #45
Bald wird auch der Sommer zu Ende gehen und mit ihm die Hitzewellen. Doch eine Welle scheint zu bleiben: die Gewalt gegen Frauen. Es scheint, als befänden wir uns mitten in einer Krise, einer Epidemie patriarchaler Gewalt, die Wut, Ohnmacht und das Gefühl von Ungerechtigkeit verstärkt, und manchmal auch den Wunsch, einfach alles hinter sich zu lassen und zu verschwinden.
Laut Daten der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) wurden seit Jahresbeginn 15 Femizide registriert. In all diesen Fällen waren die Täter Männer aus dem nahen Umfeld der Opfer: Ehemänner, Freunde, Partner, Ex-Partner, Bekannte und sogar Väter. Sechs dieser 15 Fälle ereigneten sich in Oberösterreich. Darüber hinaus gab es 45 Fälle von Mordversuchen oder potenziell tödlicher Gewalt gegen Frauen. Auch hier waren die Täter Männer aus dem nahen Umfeld der Betroffenen. Und patriarchale Gewalt kennt kein Alter.
Wenn wir über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen sprechen, ist es noch schwieriger, ein vollständiges Bild zu bekommen. Viele Betroffene trauen sich nicht, Anzeige zu erstatten – wegen der enormen emotionalen, psychischen und teilweise körperlichen Belastung eines solchen Verfahrens, aber auch, weil Institutionen und Behörden nicht immer ausreichend auf solche Fälle vorbereitet sind. Das Ergebnis kann eine weitere Form der Gewalt sein, die Reviktimisierung der Betroffenen. Seien wir ehrlich, wie viele Fälle führen tatsächlich dazu, dass der Täter zur Verantwortung gezogen wird und die Betroffene sich wieder sicher fühlen kann? Wie viele Frauen müssen immer wieder erzählen, was ihnen passiert ist, sich rechtfertigen und beweisen, dass das, was sie erlebt haben, tatsächlich Gewalt war?
Und von den Medien wollen wir gar nicht erst anfangen.
Anstatt über patriarchale Gewalt aufzuklären und gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen, reproduzieren Medien viel zu oft Victim Blaming und Shaming. Es wird analysiert, was sie getan hat, wo sie war, welche Beziehung sie zum Täter hatte, warum sie nicht früher gegangen ist oder ihm vertraut hat. Dazu kommen Schlagzeilen, die dem Täter sprachlich Verantwortung abnehmen. Als wäre es das Opfer, das seine Entscheidungen erklären müsste, und nicht der Täter, der für seine eigenen Taten zur Verantwortung gezogen werden sollte. Wie Gisèle Pelicot es sagte: „Die Scham muss die Seite wechseln.“
Aber wie soll das gelingen, wenn diejenigen, die Nachrichten schreiben und über ihre Veröffentlichung entscheiden, allzu oft keine Geschlechterperspektive einnehmen? Wie soll die Scham die Seite wechseln, wenn wir weiterhin durch eine patriarchale Brille über Gewalt berichten?
Obwohl patriarchale Gewalt kein neues Problem ist, frage ich mich jeden Tag aufs Neue, was können wir gegen diese Epidemie der Gewalt tun, die überwiegend von Männern ausgeübt wird? Wie können Männer lernen, sich mit ihren emotionalen und psychischen Problemen auseinanderzusetzen, bevor ihre Wut in Gewalt umschlägt? Wie können wir als Gesellschaft begreifen, dass Gewalt uns alle etwas angeht und wir bei Gewalt und Missbrauch nicht länger passive Beobachter*innen bleiben dürfen? Und auch: wie kann der Staat Behörden besser darauf vorbereiten, Anzeigen wegen Gewalt ernst zu nehmen, ohne den Betroffenen mit Vorurteilen zu begegnen, sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Akzents zu diskriminieren und gleichzeitig in das bequeme Stereotyp zu verfallen, gewalttätige Männer seien etwa immer bestimmte Gruppen, wie etwa „die Migranten“?
Ja, es gibt Programme und Projekte. Aber sie reichen nicht aus. Die registrierten Fälle zeigen das.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir noch immer Schwierigkeiten haben, mit unseren Emotionen und Gefühlen umzugehen. Grenzen und Respekt scheinen an Bedeutung zu verlieren. Wenn ein Mensch nicht damit umgehen kann, zurückgewiesen zu werden, ein „Nein“ zu hören oder die Kontrolle über einen anderen Menschen zu verlieren, kann sich diese Unfähigkeit in Wut verwandeln, und im äußersten Fall in tödliche Gewalt.
Wenn wir uns die vermeintlichen „Gründe“ ansehen, die manche Täter für ihre Taten genannt haben, stoßen wir auf etwas Absurdes: Wir stoßen auf die Unfähigkeit, eine Zurückweisung, eine Trennung, ein „Nein“, oder schlicht die Tatsache zu akzeptieren, dass ein anderer Mensch das Recht hat, über sein eigenes Leben zu bestimmen. Das dürfte kein Grund sein, deswegen einem anderen Menschen Gewalt anzutun oder gar das Leben zu nehmen. Vielmehr ginge es bereits lange im Vorfeld darum, Therapie zu suchen oder zu lernen, über Emotionen und Gefühle zu sprechen um mit Frustration umzugehen. Von klein auf muss vermittelt werden, dass Liebe nicht bedeutet, einen Menschen zu besitzen. Dass eine Partnerin kein Eigentum ist. Und dass ein „Nein“ weder eine Provokation noch eine Demütigung ist.
Die Welle patriarchaler Gewalt wird uns wahrscheinlich noch viel länger begleiten, als sie sollte. Es werden weitere Hitzewellen kommen. Weitere Wellen der Begeisterung für Fußball oder irgendeinen anderen Sport. Sie werden kommen und wieder gehen. Aber vielleicht sollten wir uns fragen, was passieren würde, wenn ein Teil der Millionen, die wir in Werbung, Unterhaltung und in Spiele aller Art investieren, auch in psychische Gesundheit, Prävention, Bildung, politische Maßnahmen und Projekte mit Geschlechterperspektive fließen würde.
Vielleicht könnten wir dann irgendwann anfangen, über eine andere Welle zu sprechen, eine, die uns nicht länger dazu zwingt, ermordete Frauen zu zählen.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(4. September 2026)