Die Referentin #45 - Aktuelle Beiträge

Sondierwerk: Insel zwischen Industrie und Natur

Ralf Petersen | Kunst und Kultur, 4. September 2026
Die Referentin #45

Am Traunufer ist ein Schwimmkörper dem anderen gewichen: Das Sondierwerk, jetzt anliegend, wo sich bis vor Kurzem das Messschiff Eleonore fand, bildet die treibende Grundlage für viele zukünftige Projekte — und für einen Haufen Arbeit! Ralf Petersen berichtet vom Schiff und aus dem kulturperspek­tivisch reizvollen Linzer Süden.

Sondierwerk
Das Sondierwerk, aufgenommen vom Boot Niveau. © Petersen

Jan lenkt den Wagen über den Schotterweg. Südlich des Linzer Industriegebiets kommen wir parallel zum Fluss zum Stehen. Hier, unweit der Stelle, an der die Traun in die Donau mündet, befindet sich der bespielte Liegeplatz, zum Hafen der Sehnsucht getauft. Im Frühsommer dieses Jahres wurde das inzwischen ausgeschlachtete Messschiff Eleonore von hier weggeschleppt und verschrottet. Angelegt hat stattdessen das Sondierwerk, ein ausgemustertes Arbeitsschiff, welches einst eingesetzt wurde, um Brocken und der­gleichen aus der Fahrrinne der Donau zu ent­heben. Nun und fortan wird es die Grundlage einer neuen Phase von ortsbezogenen Projekten der fluktuierenden Gruppe von Sehnsuchts-Hafenarbeiter*innen sein. Von denen findet sich heute eine Handvoll ein, hier, nahe der Lunzerstraße. Vom anliegenden Arbeitsschiff wird schon begrüßend gewunken, einer nach der anderen balancieren wir über ein Paar Bolen von der gepachteten Uferfläche auf das Neuinvestment. Trocken auf es, das Sondierwerk, übersetzt, kann ich doch nicht widerstehen – ab ins kühle Nass!

Nach dem Interview darf ich auch noch ein zweites Mal, wird mir im Spaß zugesichert, doch dann wär mein Konto erstmal leer. Für weiteres Badevergnügen müsst ich erst etwas Arbeit hier verrichten auf dem Schiff. Das ist fair. Vielleicht zählt ja das Interviewführen schon dazu? Schließlich will ich ja einen Text schreiben über dieses Projekt und die hier tätigen Personen, und was sie vorhaben. Wie viele sind es denn? Zwanzig Leute, zehn aktiver, außerdem eine Menge Unterstützer*innen, die „die egalitäre Grup­pe“ bei gewissen Tätigkeiten ergänzen. Denn zu tun gibts unendlich viel: der „gekaufte Haufen Schrott“, der gegenwärtig vorzufinden ist, ist vergleichbar mit einer Oberfläche, deren Innenleben vieler Hände Werkvergnügen bedarf: schweißen, flexen, putzen, schrubben, streichen, verkleiden, ge­stalten, verwalten, sägen, pflegen und so weiter. Hän­gen, sengen, lenken. Umgesetzt werden sollen die diversen Vorhaben, zuerst geht es aber um die Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur, nicht nur für die erwähnten Seelen; auch einzuladende Künstler*innen werden die Möglichkeit erhalten, ihr Know-How, ihre Visionen und Ideen einzubringen. 

In ebendiesem Geiste berichtet Hedieh Kha­jehzadeh (I-ID), zur Gruppe gestoßen über das Bootsprojekt „Das Niveau“, von der Vor­freude auf diverse Soundarbeiten und -in­stallationen; auf das Sondierwerk als lebendigen Kulturort. Und Hedieh ist gemeinsam mit Linda Greuter und Heike Waldner-Kaltenbrunner – um nur einige der involvierten Künstler*innen zu nennen, welche vielmals aus dem Pool des Kollektivs qujOchÖ, in welchem Hedieh auch aktiv ist, deren Tätigkeiten hier an die Traun hinüberschwappen – bereits mitten im Konzipieren eines Projekts, welches das Schiff mittels Archivmaterialien und wiederholten Transformati­onen und Übersetzungen in Ton verwandele. 

Sondierwerk
© Petersen

Aber noch einmal zurückgerudert: Was war überhaupt die Eleonore und wo ist das Mess­schiff hin? Auskunft aus der Stadtwerkstatt dazu: „Was konkret die Schiffspraxis und die Länden der Stadtwerkstatt betrifft, gab es seitens der STWST und ihres assoziierten Vereins halfbit ein großes Interesse, kulturelle Infrastruktur am Wasser herzustellen und zu betreiben. So kam unter anderem auch das Messschiff Eleonore in den Winterhafen, das als DIY-Version einer energieautarken schwimmenden Insel an der Peripherie konzipiert war. Es sollte den kritischen Blick auf die technologischen und kul­turellen Entwicklungen der Zeit ermöglichen. Auf der Eleonore wurden dann von der Stadtwerkstatt auch 10 Jahre lang Residencies zu Medienkunst und Research am Was­ser betrieben, teilweise mit bis zu neun Residencies pro Jahr, nur in den warmen Monaten. Dies alles hatte mit dem Fokus Autonomie, Kunst und Medien zu tun – und erforderte zwischen Kunst, Schiffen, Betreiber*innenpraxis, Anlegestellen, Wasserrecht und diversen anderen Rechtslagen am Wasser de facto auch Expert*innenwissen und Behördenkontakte in größerem Umfang. Später musste die Eleonore dann vom Winterhafen in die Traunmündung, von wo aus die Donaut*innen von halfbit und Stadtwerkstatt de facto auch das Sondierwerk ent­deckten. Es lag dort in der Nachbarschaft und wurde per Ruderboot über diverse Trips entdeckt. Im Zuge diverser Übergabebestrebungen wurden dann ab 2023, was Lände, Schiff und Residencies betrifft, seitens halfbit und Stadtwerkstatt die Möglichkeit der Neu­formierung besprochen und beschlossen. Die grundsätzlichen Verschrottung der Ele­o­nore wurde in Aussicht gestellt – und der neu formierte Verein nahm dafür die Eleonore mit in ihren Namen.“ Und so schreibt auch Mathias Haunschmidt, ebenfalls vor Ort aktiv, und in den letzten Jahren in den Verein halfbit mit eingestiegen, in seiner Masterarbeit „Grenzerfahrungen am Wasser“, welche er letztjährig über die Arbeitsweisen von Kunst- und Kulturschiffen verfasst: „Anfang 2024 wurde klar, dass sich die Struktur in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten lässt, die Eleonore hatte immer wieder Wasser im Rumpf, woher war unklar, vermutet wurde ein Leck im aufgedoppelten Rumpf.“ Statt der Aufgabe gemeinsamer Arbeit habe man sich darauf geeinigt, „einen neuen Verein zu gründen, den Vertrag über Lände und leckes Schiff zu übernehmen und die Eleonore zu verschrotten. Gleichzeitig wurde der Wunsch nach der Weiterführung des Projektes formuliert, der in Gestalt des Sondierwerks seine Form finden soll.“ 

Hier sind wir also, wieder in der Gegenwart, mitten in der Weiterführung, die doch neue Schwerpunkte verspricht: Das Sondier­werk, „geparkt in der Traun“, will sich aktiv dem Klischee der „Männerdomäne Boots­ding“ widersetzen. Das Projekt for­dert statt­dessen vielseitig und divers potentielle Partizipierende auf, mitzumachen bei der baulichen, infrastrukturellen und inhaltlich offenen Erarbeitung des nautischen Naherholungsorts, der weniger zum Ausruhen als mehr zum gemeinsamen Gestalten anregt – oder auch ganz im Sinne der ursprünglichen Idee von autarken Orten an der Peripherie und der Idee der schwimmenden „In­sel“. Das waren etwa auch ganz zentrale Begriffe des Messschiffs Eleonore und ihrer vielen Veranstaltungen und Residencies. Ge­nau dieses rege Treiben wär wieder das Ziel, und auch die erhoffte Investitionsrentabilität. Denn nicht nur durch emsiges Wer­keln ist dem Sondierwerk unter die Arme zu greifen: „Wir investieren“, erzählt man mir, „in Schrott als Wertstoff, der einen bör­sennotierten Preis hat“, weswegen man natürlich Leute suche, „die Direktkredite geben wollen“ um das Kulturschiff zu finanzieren. Besonderheit: „It’s not a normal credit: you cannot win“, weswegen solch monetäre Einlagen gewissermaßen „Support-Direktkredite“ seien.

Sondierwerk
© Petersen

„Felbermayr owned Sondierwerk, sold it for the Schrottpreis. We invest in Schrott: A form of speculation. The Schrottpreis is rising, rust is not fast enough to liquidate our assets!“ – Das ist die Ereigniskette, betrachtet aus ökonomischer Sicht. Und hier das Resümee aus künstlerischer Perspektive: „The value will be defined by our activity“, meint Hedieh. Und wenn ich mich umschau: vor wenigen Wochen erst kam das Sondierwerk hier an, wurde geparkt, Juni 2026. Nun schon sitzen wir hier und begutachten die Spuren von Planungen und den Beginn eines Einrichtens auf dem Schiff. Pläne gäbe es bereits so viele. Jetzt müsse man sie umsetzen. Es sei hier nach wie vor so etwas wie ein Grundethos, so autonom wie möglich agieren zu können, das Sondierwerk als so etwas wie eine Insel, „disconnected from everything“ zu verstehen – an der Grenze von Industrie und der Natur („auf der anderen Flussseite beginnt ein Naturschutzgebiet“, schreibt Haunschmidt); dort das Umspannwerk (dahinter das Atomendlager), hier die Traun und da die Bäume. Eine Verortung im Dazwischen, die für besuchende Künstler*innen Input zum Forschen an ebendieser Schnittstelle sein kann. „A lot of different people with different focuses“ wün­sche man sich, die Hauptsache sei, das Sondierwerk als Plattform zu begreifen, auf der und an der gebaut werden kann. Zum Beispiel in Form von Residencies. Ei­ne Einladung, die sich an jede*n richte – denn weil „the whole boat scene very male“ dominiert sei, seis auch in der „culture boat scene“ immer noch „very common“, dass es zum Beispiel einen männlichen Kapitän gäbe. „Only the boat’s names are female“, meint Hedieh. Ein Problem, das schon seitens halfbit und Stadtwerkstatt benannt war und aktiv verhandelt wurde. Alleine der Na­men Eleonore wies darauf hin. O-Ton aus der Stadtwerkstatt dazu: „Die historische Figur Eleonore Prohaska ist als Frau bereits um 1800 aufs Schiff gegangen. Sie hat sich über sämtliche Konventionen hinweggesetzt, um etwa als Soldatin gegen Napoleon zu kämpfen. Und das Schiff Eleonore wurde nach Eleonore Prohaska benannt, und nun ist der Verein nach ihr benannt. Das bedeutet, Konventionen und Klischees im Sinne der Selbstermächtigung unterlaufen zu wollen, um etwas anderes daraus zu machen. Und in einem ersten Schwung des Linzer Bootsaktivismus in den 2010er Jahren ist das zumindest immer wieder ganz gut geglückt: Es gab ohnehin eine Reihe Residencies mit weiblichen oder auch diversen Artists, und es wurden außerdem gezielt Kuratorinnen als weibliche Personen bestellt, darauf haben sowohl die Männer als auch die Frauen in der Stadtwerkstatt geachtet, denn, wie man weiß: Frauen buchen Frauen. Dann gab es Frauen, die über das Messschiff Eleonore und Gruppe der Donaut*innen ihr Interesse für Schiffe weiterbetreiben konnten und in Folge den Bootsführerschein machten, teilweise auch heute in diesen Jobs arbeiten. Auch von Fiftutu%, Vernetzungsstelle für FLINTA*, wurden in diesen Jahren diverse Aktivitäten am Wasser angeboten, zumindest zu einem wesentlichen Teil aus diesen Verbindungen zur Eleonore heraus. Leider wiederholt sich aber die Geschichte immer wieder, und irgendwann bleibt, trotz der Beteiligung vieler Frau­en, am Ende wieder eine Handvoll Männer übrig.“ Und darum auch hier das aktive Bemühen, sich zu diversifizieren. 

Wobei, zurück aufs Sondierwerk: zu divers geht auch: ein frecher Besetzer des Schiffs sorgt derweil noch für Unmut: in einer der Kojen hausend, war es ausgerechnet ein Mink, welches das in der Zwischenzeit leerstehende Schiff bewohnt hatte, sich hier die Zentrale seines eigenen Widerstands eingerichtet hatte: „The worst kind of squatter“, „a toilet squatter.“ 

Sondierwerk
© Petersen

Vor dem nordamerikanischen Nerz waren da die regulären Arbeitseinsätze des Sondier­werks: „Es wurde eigens für den Zweck der Hebung von Gegenständen, wie z. B. Felsbrocken, aus der Donau gebaut, um die Fahr­rinne schiffbar zu halten“ (Haunschmidt): eine der Erzählungen aus jener Zeit ist die von den Arbeitern, die einen Stein, der Donau entnommen, an Deck liegen hatten und ihn stets bewässerten, wenn ein anderes Schiff sie zu passieren drohte. So konnten die Arbeiter auf den nassen Brocken zeigen, behaupten, sie hätten ihn grad erst dem Fluss entborgen, und inzwischen alle Viere grade sein lassen. „Workers in Resistance“, finden die heutigen Sondierwerkler*innen und spielen mit der Idee, den vorherigen ein Denkmal zu errichten. 

Das Projekt Sondierwerk ist neu, deshalb zum Schluss ein Aufruf: Willst auch du Worker in Residence oder Artist in Resistance sein oder einfach helfen, zum Beispiel weitere Kojen zu bauen, zögere nicht, dich zu melden. Außer du bist ein Stinktier, dann gehts auch, aber du musst dir wirklich was überlegen wegen des Gestanks. Email-Adresse unten!     

 

Sondierwerk
Schiffsprojekt am Hafen der Sehnsucht.
kontakt@sondierwerk.org

 

Infrastruktur am Wasser: Schiffe, Flüsse und Länden

Stadtwerkstatt, Halfbit, Eleonore, Franz Feigl, Junix, Hamburg, Monnickendam, Linz und Landshag an der Donau: In der Dezember-Versorgerin ist ein Beitrag über die langjährige künstlerische und kulturelle Arbeit der Stadt­werkstatt und des Vereins halfbits an der Donau und darüber hinaus nachzulesen – im Zen­trum stehen dabei Schiffe, Schiffspraxis und die Herstellung von künstlerischer Praxis und Infrastruktur am Wasser – im Zeichen von Kunst, Kultur und Autonomie.

Ralf Petersen
ist Reporter, Autor und Künstler. Er ist Mitarbeiter der Stadtwerkstatt Linz.
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