Die Referentin #44 - Aktuelle Beiträge

Editorial

Die Referentin | Editorial, 1. Juni 2026
Die Referentin #44

Das Cover ziert diesmal eine grüne Sommerwiese, über die mehrere Bezüge hergestellt werden können. Zuallererst geht es um den direkten Projektkontext, aus dem das Bild stammt, und um das Thema Gehen, das der KunstRaum Goethestrasse xtd ausgerufen hat: Georg Wilbertz schreibt darüber – und über die größeren Rahmensetzungen zwischen Work­shops und Ausstellungen. Ebenso wird eine weitere Kunstraum-Ausstellung im Heft thematisiert: Verzweigte Assistenzen von Moritz Matschke. Diese Ausstellung wird von Gudrun Rath besprochen. 

Die grüne Wiese soll in dieser Ausgabe 44 aber auch für andere Dinge stehen: etwa für einen größeren ökologischen Zusammenhang, der auch bei der 2026er-Ausgabe des Netzkulturfestivals AMRO Becoming Unreadable im Zentrum stand. Dort ging es in Lectures und Kunstprojekten auch um die Auswirkungen von hyperskalierter technologischer Infrastruktur sowie um die brutale Verwandlung von Wiese, Natur und Diversität in Monotonia-Land. Die strukturellen Parallelen von kapitalistisch organisierter Versorgung, von Datencentern, Logistikzentralen, Gewächshäusern und etwa einer Massenschweinezucht, die mittlerweile auch in Hochhäusern stattfindet, sind bizarr; die sozialen, ökologischen und auch ökonomischen Kosten enorm. Aber vor allem ging es bei AMRO 2026 um diejenigen Datencenter, die auf dem gesamten Globus und auch vor Ort im oberösterreichischen Kronstorf die Kosten des grenzenlosen technokapitalistischen Wachstums repräsentieren – und auch hier fruchtbares Land versiegeln und erwärmen. In anderen Worten: Wenn die Erdoberfläche mit Datencentern und Solarpanelen überzogen sein soll, wie es tatsächlich von Spinnern des grenzenlosen „Fortschritts“ prognostiziert wird, dann ist umso klarer, warum zeitgenössische Medienkünstler:innen lieber ein fiktives Institut für Schwarzschimmel beforschen, als dass sie in die herkömmlichen Lobgesänge auf Technologie und Digitalisierung ein­stimmen. Aimilia Liontou schreibt in dieser Ausgabe etwa über ein Schimmel-Projekt, das bei AMRO 2026 gelaufen ist, nämlich über Struggles Beyond Repair von Maja Bojanić und Brin Žvan aus Ljubljana. 

Um auf die grüne Wiese bzw. deren Zerstörung zurückzukommen: In den USA sind bereits jetzt schon hunderte oder tausende Gift­löcher durch das Fracken von Gas entstanden. Es geht dann u. a. darum, mit dieser Energie diejenigen Bitcoins zu minen, die den Präsidenten der USA noch hyperreicher als hyperreich machen sollen. Aber natürlich sollen auch die anderen Autokraten reich beschenkt werden, die neuerdings im Mai 2026 im Weißen Haus tatsächlich zu beten begonnen haben, so to say: Dort gibt’s jetzt Show-Beten inklusive Kriegsminister. 

Zurück zur grünen Wiese: Auf den Wiesen des Linzer Schlossbergs findet im Juni das nächste Festival für digitale Kunst statt, das sich zweifelsohne auch zu diesen und jenen Entwicklungen kritisch äußern wird: Das Ephemere, seine digitalen Schatten und zahlreiche andere Aspekte von Machtstrukturen bis zur KI-Gesellschaft erläutert Thomas Philipp, einer der Kuratoren von FMR 26.

Dann noch eine kurze Abzweigung zu den schönen Künsten, zu Literatur und Theater, die freilich auch niemals unkritisch waren und sind: Ralf Petersen begibt sich mit Thomas Raab und seinem Roman Jedermanns Dämon auf die Spuren der Begierde. Silvana Steinbacher fragt, wie man eine Briefnovelle auf die Bühne bringt; bzw. schreibt sie über Corinna Antelmanns Text Alle Zeit, gestundet – Ein Brief an Ingeborg Bachmann auf der Tribüne Linz.

Damit zum Schluss, zum letzten Aspekt des Covers: zum Sommer selbst.

Genießt die sanften Hänge! Lasst die Haut von angenehm warmer Luft umsäuseln! Liegt im grünen Gras herum! Lauft durch die hochgewachsenen Wiesen! Und dann seid ihr wieder aufgewacht, in einer Zeit der sozialen, ökologischen, kapitalistischen oder ganz realen Kriegszustände, in einer Zeit, die ihre Unschuld verloren hat und in der nicht einmal mehr die Sommerhitze unbeschwert ist … 

… so geigen die Referentinnen ihrer verehrten Leser:innenschaft diesmal die Meinung, 

Tanja Brandmayr und Olivia Schütz,

die aber trotzdem einen Sommer voller wunderschöner Dinge wünschen. 

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