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In Your Face!

By   /  3. September 2020  /  No Comments

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In der Ausstellung Lebt und zeichnet in Linz, die über den Sommer im Atelierhaus Salzamt zu sehen war, gab es vieles zu entdecken – so auch die Artwork-Maschine Sbäm. Porträt von Christian Wellmann.

Sbäm Does Shitty Art. Mit dieser Selbstbeschreibung dem Punkrock-Ethos verpflichtet, ironisiert sich alles weitere von selbst. Punkrock Ruined My Life. Slogans hämmern im Farbrausch auf Dreiakkord-Illustrationen ein. Oft sind die auffälligen, knalligen Designs in Retro-Comic-Ästhetik gepackt, versprühen Nostalgie. Die meisten Arbeiten wirken wie eine Tattoo-Vorlage. Skatepunk(-Ästhetik) ist der Name des Spiels. Sbäm, Künstlername Stefan Behams – aber auch Sbäm, das Team hinter dem Sbäm-Label und -Festival. Der aus Schärding stammende Grafiker und Designer kritzelte schon für namhafte Größen der amerikanischen Punkrock-Szene wie NOFX, Blink 182, Pennywise etc. Tourposter, Plattencover, Merchandise – zudem ist er als Konzertveranstalter und Plattenlabel-Betreiber tätig. Designs bilden jedoch das Steckenpony seiner Arbeit, die Konzerte und das Label sind eher zufällig dazugekommen. Er hat es einfach probiert.
Sbäm hat sich besonders in den USA einen Namen gemacht, wo zum Beispiel 2018 in San Francisco bei einer Ausstellung alle Artworks für Fat Wreck Chords, dem NOFX-Label, präsentiert wurden. Inzwischen fragen die Bands bei ihm an, seit dem Start vor fünf Jahren ist er sichtbar gereift. „Ich weiß, welches Artwork zu welcher Band passt und außerdem liefere ich Ergebnisse asap. Also ist mein USP wahrscheinlich, Individualität, Qualität und Schnelligkeit zu vereinen“, beschreibt die Artwork-Maschine die Herangehensweise.

Das Hauptquartier liegt in einem Keller der Linzer Mozartstraße. Dort wird im produktiven Akkord fabriziert, da kann man fast schon vom Sbäm-Imperium sprechen: T-Shirts, Poster, Platten, Skateboards, Hosen, Masken – alles mit einem Design, das gekonnte Individualität versprüht. Im Webshop können Unmengen dieser „Merch-Flut“ bestellt werden. Die Einflüsse sind weit gestreut, vom Jugendstil, Frank Kozik, Raymond Pettibon, Poster-Pop-Art, EC-Horror-Comics etc. Hier wird der visuelle Sampler angeschmissen – und doch ist der Stil eigen.
„Favoriten gibt es momentan eigentlich nicht wirklich. Ich lass mich da auch gar nicht von Trends usw. leiten, sondern versuche einfach, alles Mögliche aufzuschnappen. Sei es aus Comic-Büchern, Zeitungen, TV, Graffitis, Werbungen … Ich liebe es einfach, neue Artworks zu schaffen. Ohne Musik geht bei meinen Arbeiten aber überhaupt nichts. Ich brauche einfach die richtigen Songs, um einen Flow entstehen zu lassen“, so Sbäm. Und überhaupt geht’s um Liebe: zu DIY, knalligem Design und dreckigem Punkrock.
Referentin: Wie bist du überhaupt zur Postergestaltung bzw. zum Illustrieren gekommen? „Da mein Vater früher eine Druckerei besaß, war ich in punkto Grafik schon immer gebrandmarkt. Wenn mir als Kind langweilig war, ging ich einfach ein Stockwerk tiefer und versuchte mich an Grafiken für lokale Events. Ich denke, ich war 12, als ich nachts einfach mal die Auftragsmappen durchforstete, ein Poster für eine Veranstaltung kreierte und dann zu den Entwürfen legte – und es wurde sogar genommen! Mich hat also Grafik, Illustration und Werbung schon immer fasziniert. Nach meinem Studium und unzähligen Jobs in Werbeagenturen wurde mir aber bewusst, dass ich viel lieber Poster als Werbeanzeigen gestalte.“

Die Ausstellung im Salzamt sollte sich so anfühlen wie ein Besuch im Plattenladen. Was für viele anachronistisch anmuten dürfte (Was? Da wurde für Musik bezahlt?), verweist auf die Wurzeln seiner Arbeiten, als fast alle Musik-News im Schallplattenladen erworben wurden, sei es grafischer Natur oder WerWasWieWann. Durch den Charme der Schallplatten, Melancholie-Spender schlechthin, lässt sich diese Ausstellung schön dosiert genießen. Mittels Haptik wird die Bildübertragung beeinflusst.
„Es sind die aktuellsten bzw. zuletzt angefertigten 80 LP-Covers ausgestellt. Außerdem 10 Tourposter, diese sind einfach meine Lieblings-Poster-Motive. Die Covers wurden nicht extra erstellt, sondern sind alles reale Projekte bzw. veröffentlicht worden. Nur ein kleiner Teil von den Designs sind Bands auf Sbäm-Records.“

Das Sbäm-Fest ist ein zweitägiges Punkrock-Festival im Alten Schl8hof Wels, das normalerweise zwei Mal im Jahr stattfindet. Skatepunk der späten 1990er bestimmt den Sound, mit neuen freshen Bands, dazu rattert ein Skatecontest.
„Das Fest hat sich seit der ersten Episode 2017 extrem weiterentwickelt. Beim ersten Mal für 400 geplant, ist es jetzt schon für 2.000 BesucherInnen konzipiert. Aber kurz zum Fest: das Sbäm-Fest ist ein Alternativ- bzw. Punkrock-Festival, das große Szene-Acts in ein kleines familiäres Umfeld packt. Also die Bands gibt’s bei uns zum Anfassen. Es traten beispielsweise schon Lagwagon, Descendents, NOFX, Propagandhi, Donots, Toy Dolls etc. auf“, so Sbäm.
Seit der Erstauflage 2017 ist es jedes Mal ausverkauft, das für Oktober 2020 angekündigte Fest musste auf 2021 verschoben werden.
„Dieses Jahr im Mai hätten mit Me First And The Gimmes Gimmes und Frank Turner ziemliche Hochkaräter gespielt, jedoch kam virusbedingt leider die Absage. Sowas schmerzt dann schon sehr, wenn du ein 3/4 Jahr deine ganze Energie in die Planung steckst und du dann am Schluss alles absagen musst. Vom finanziellen Schaden mal ganz abgesehen. Der optimistische Plan war dann, alles auf Ende Oktober zu verlegen – leider klappte das auch nicht. Jetzt hoffe ich mal ganz stark auf 2021. Das Lineup für die Ausgabe steht bereits und es wird alles noch etwas umfangreicher und besser – sozusagen als Entschädigung für die nicht stattgefundenen Episoden“, beschreibt er die derzeitigen Probleme. „Wir haben mit den Behörden alle Pros und Kontras abgewogen und sind am Ende zum Schluss gekommen, mit allen Unsicherheiten der kommenden Monate, dass es nicht möglich ist, ein echtes Punkrock-Festival zu machen, und für die Sicherheit aller zu garantieren. Die Gesundheit ist das Wichtigste.“

Damit zurück ins Jahr 2018: Nachdem das Festival stets ausverkauft war, und mit den Arbeiten die Erfolge zunahmen, war für das Team die richtige Zeit gekommen, ein Label zu starten. Sbäm-Records wurde 2018 gegründet, als erster Release erschien „Tales of the Sbäm-Fest“, ein Doppel-LP-Sampler. Eines der Hauptanliegen ist es, lokale Bands aus der österreichischen DIY-Szene zu unterstützen. So gibt es von den (gehypten) Not on Tour aus Israel bis zu den Mundart-Punkern Glue Crew aus dem Salzburger Pongau bereits 46 Releases, das meiste davon auf Vinyl.
„Sbäm-Records ist ein Punkrock-Label mit Sitz in Linz. Bands wie No Fun At All, Bad Cop / Bad Cop, Get Dead, Bracket etc. haben bereits bei uns Platten veröffentlicht. Beim Label erfahre ich gerade einen Mega-Aufwind. Da man ja dieses Jahr nicht wirklich Shows machen kann, habe ich meine ganze Energie – neben der Grafik – ins Label gesteckt. Und durch die Hilfe von neuen Partnern werden die Releases und die Anerkennung (weltweit) immer größer. Es sind dieses Jahr zwischen 10 bis 20 Releases geplant“, beschreibt Sbäm sein Label.

Jaja, die Situation „in Zeiten wie diesen“ ist auch für Sbäm, wie für so viele, keine leichte: „Momentan ist das gar nicht so einfach. Die Aufträge im Musik-Biz sind etwas spärlich gesät. Fast alle Bands verwenden die Grafiken von 2020 ident für 2021. Außerhalb der Musik gibt es dafür ein paar neue Projekte mit größeren Kunden.“
Im patriarchalischen Angst-für-Tourismus-Reich der Jugendlichkeit vorgaukelnden ReligionslehrerInnen, die wie die von ihnen vergötterten Volksmusik-Kasperln vorrangig für Propaganda-Shots posen, gibt es ja die Salzburger Festspiele, das muss reichen. Dick auftragen und bürokratisch ansägen. Jemand meinte zu mir, die Leute kapieren den Ernst der Lage nur durch Angstmache. Verdummungspflicht jetzt.
Kreativität kennt keine Angst, so finden sich seit dem Virus-Bang zahlreiche Sbäm-Projekte umgesetzt: Wie ein Charity-T-Shirt für No Use For A Name, ein Poster für Lagwagon („Let’s Talk About Quarantine“), Heavy-Talks-Podcasts, Tourplakat für The Suicide Maschines, Chasers „Look Alive“-Platte (ein wunderschönes Farbvinyl in vier Varianten, mit Sprenkeln angereichert: Augen-Zuckerl!), selbstredend auch Sbäm-Masken (über den Shop zu erwerben), außerdem arbeitet er an weiteren Veröffentlichungen und einer neuen Webseite.
Dass Begrenzung auch kreativen Freiraum schafft, und neue Lösungen fordert, unterstreichen auch diverse Sbäm-Musik-Veranstaltungen im Linzer Sputnik, zum Beispiel war das im August eine Show von Heatcliff (Live, Free & Acoustic). Natürlich darf dabei nur eine gewisse Personenanzahl partizipieren, und wie es der Ankündigungstext so schön trällert: Nur der frühe Vogel kann pogen!
Auch daran sollten sich einige, in Katharsis verfallene KulturnahversorgerInnen ein Vorbild nehmen, dumme Zeiten brauchen kluge Ideen. Neues ausprobieren, auch „das Kleine“ ist schön. Öffentlichen Raum „rückerobern“. Vielleicht kann auch so die Super-Spreader-Langeweile überwunden werden, die digitales Streamen oder ähnliches verursacht. Warum nicht auch in Linz die TipsArena (die ja sowieso leer steht), oder ähnliches, für kleinere Veranstaltungen nutzen (also unentgeltlich zur Verfügung gestellt) – brenne darauf, ob die Stadt Linz sowas überhaupt nur im Entferntesten unterstützen würde … Oder an einem Abend einfach mehrere Auftritte (vor wechselndem, kleinem Publikum). Das Fluc setzte dies in Wien bereits um, was im Jazz den Ursprung hat. Oder gleich rein in den Spaceanzug, wird man sowieso noch öfters brauchen, in den nächsten Jahren. Abstand verpflichtet.

 

www.facebook.com/SBAM.ROCKS
shop.sbam.rocks

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About the author

ist. Ist DJ, schreibt, kuratiert. Quietsch-Enten-Wohl in mit Comics verseuchten Dümpeln, auf der lecken Luftmatratze sich wie eine Fledermaus windend.

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