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Wenn ein Toter plötzlich niesen muss …

By   /  1. März 2017  /  No Comments

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Wodurch entsteht das sogenannte Unheimliche? Durch das Fremde, wenig Vertraute? Sigmund Freud vertritt eine entgegengesetzte These und formuliert in seinem Essay Das Unheimliche eine erstaunliche Erkenntnis: Unheimlich kann nur sein, was uns einst vertraut und nahe war. Den in Linz lebenden Literaturwissenschaftler Christoph Leitgeb interessiert in literarischen Texten vor allem das Unheimliche der Erinnerung an den Nationalsozialismus.

Das Unheimliche im Fokus. Foto Cornelia Hülmbauer, Tate Modern.

Das Unheimliche im Fokus. Foto Cornelia Hülmbauer, Tate Modern.

Das Unheimliche begleitet Christoph Leitgeb schon seit vielen Jahren. Derzeit schreibt er an einem Buch zu Unheimlichkeit und Erinnerung, das nächstes Jahr erscheinen wird. In seinem letzten Buch arbeitete Leitgeb über Ironie. Das Unheimliche und das Komische der Ironie sieht er aber keineswegs als Widerspruch. Wir treffen uns an einem Sonntagnachmittag, es sollte ursprünglich ein Gespräch über sein neues Buch und seine Forschungsarbeit zum Unheimlichen in der Literatur werden, doch bald drängen sich auch andere Themen auf, und so spannen wir gemeinsam einen Bogen in die aktuelle Gegenwart. Christoph Leitgeb analysiert den gezielten Einsatz des Begriffs Flüchtlingswelle, die Fremdheit der Herrschenden, das Bedürfnis nach dosierter Angst und was es bedeutet, wenn ein Toter auf der Bühne plötzlich niesen muss.

Du beschäftigst dich in deiner wissenschaftlichen Arbeit derzeit mit dem Begriff des „Unheimlichen“, was versteht man darunter?

Da gibt es mehrere mögliche und sinnvolle Definitionen. Allgemein geht es um ein Grenzphänomen zwischen zwei Bereichen oder Räumen, einem bekannten und einem nicht bekannten, und die Theoretiker des Unheimlichen gehen davon aus, dass bei der Grenzverletzung Angst auftritt. Freud etwa vertrat spezifisch die These, dass Verdrängtes Angst auslöst. Wenn Elemente, die ins Unbewusste verdrängt wurden, wiederkehren, entsteht Angst, der Grund der Verdrängung wird bewusst und löst dann das Unheimliche aus. Alle im weitesten Sinn psychoanalytischen Definitionen des Unheimlichen arbeiten mit einem Begriff der Angst. Philosophinnen und Philosophen wie etwa Jacques Derrida haben die Bestimmung der beiden Räume aber später modifiziert und weniger psychoanalytisch als kulturtheoretisch interpretiert.

Du analysierst in diesem Zusammenhang hauptsächlich literarische Texte, auf welchen Begriff des Unheimlichen fokussierst du dabei?

Eigentlich möchte ich mich nicht wirklich für eine eigene, einheitliche Definition des Unheimlichen entscheiden. Das klingt unseriös, aber vielleicht kann ich das am Beispiel von Ilse Aichinger erklären. In Kleist, Moos, Fasane hat sie eine Poetologie der Angst vertreten. „Die Stille zur Angst mißbrauchen“ (1954); „Jeden Tag mit Grauen und unabgeschwächter Angst beginnen, kein schlechter Rat“ (1971); das sind so ein paar ihrer Tagebuchnotizen diesbezüglich. In ihrem Werk findet sich die Angst ständig, der Begriff kehrt immer wieder.

Ist Ilse Aichinger in dieser Hinsicht herausragend?

Ja, es gibt wenige Autorinnen und Autoren, die sich so fundamental auf ihre Angst berufen. Ein Ansatz könnte nun darin bestehen, diese Angst auf den Moment zu beziehen, als ihre Großmutter ins Konzentrationslager deportiert wurde, das war der Moment, in dem Wien für sie als Heimat ins Unheimliche gekippt ist. Ilse Aichinger wurde auch von ihrer Zwillingsschwester Helga, die nach England geflohen ist, getrennt; sie ist zurückgeblieben, um ihre Mutter vor den Rassengesetzen zu schützen.

Freud nennt zum Unheimlichen den Ödipuskomplex, das ist für ihn eine allgemeine Formel für: ein Trieb wird verdrängt und kehrt als Unheimliches wieder. Aichingers Vater – er stammte übrigens aus Linz – hätte Mutter und Tochter schützen können und hat sie verlassen, auch hier könnte eine psychoanalytische Interpretation der Angst ansetzen. Diese Möglichkeit der Interpretation möchte ich anbieten, aber zugleich andere Möglichkeiten offenhalten.

Wenn Ilse Aichinger in ihrer Erzählsammlung Schlechte Wörter heimische Balkone unheimlich macht, dann kann man das in diesem Rahmen psychoanalytisch deuten, sich aber auch die Frage stellen: Warum ausgerechnet Balkone? Der Text Zweifel an Balkonen stammt aus den frühen 1970er-Jahren, ich lese ihn trotzdem als eine Replik auf den Beginn der Zweiten Republik, auf den Balkon, von dem Leopold Figl die Zweite Republik verkündet hat. Für Menschen mit der Vergangenheit Aichingers musste dieser Gründungsakt unheimlich sein, der einen neuen Staat gleichsam im Handstreich mit der Stunde null beginnt. Der Text wäre also Replik auf die Wiederkehr einer „Verdrängung“ innerhalb der Kultur, und diese Interpretation ist mit einem theoriegeschichtlich späteren Begriff des Unheimlichen, mit Derrida etwa, besser zu fassen als mit Freud.

Freud verortet das Unheimliche im Bereich des Eigenen, was zunächst erstaunt. Wenn wir die heutigen Ängste betrachten, so könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich das Unheimliche zum überwiegenden Teil nicht auf das Bekannte, sondern auf das Fremde bezieht. Ist da eine Situation mit veränderten Vorzeichen entstanden?

Naja. Dieses Problem drückt sich am direktesten in Theorien des Postkolonialismus aus, die mit der psychoanalytischen Tradition davon ausgehen, dass man sich das „Eigene“, also auch das Persönlichste, Individuellste nicht ohne den Blick in den Spiegel des Anderen bewusst machen kann. Das Unheimliche der kolonialen Situation – beispielsweise für Engländer in Indien – ist, dass die Kolonialisierten nicht einfach „die Fremden“, „die Anderen“ bleiben. Situationsabhängig beginnen sie, sich in einer Art Mimikry anzupassen, und sie beginnen zugleich, ein schwer ausrechenbarer Spiegel für das „Eigene“ zu sein: Für den Kolonialherrn ist weniger der fremd gebliebene, traditionelle indische Bauer unheimlich als der angestellte Lakai, der im englischen Anzug steckt und Englisch mit merkwürdigem Akzent spricht.

Um das also auf die jetzige Situation zu übertragen: Wenn uns syrische oder afghanische Männer ängstigen, dann ist es vielleicht am wenigsten das Syrische oder Afghanische an diesen Menschen, das uns unheimlich ist. Darüber wissen die meisten von uns wirklich konkret auch fast nichts. Aber was wir in ihnen wie in einem Zerrspiegel erkennen, ist zum Beispiel ein kultureller und ökonomischer Anpassungsdruck, unter dem nicht nur sie stehen und vielleicht auch ihre rückwärtsgewandte Orientierung auf den Krieg. So angedeutet, ist das Wiedererkennen des Eigenen im Unheimlichen vielleicht zu abstrakt und abgehoben von der jeweiligen Situation. Aber es ist nie einfach nur „das Fremde“, das uns unheimlich ist.

Ich selbst habe drei Jahre in Japan gelebt und fand das Land weniger unheimlich als etwa England oder Tschechien. Für Japan setzte ich voraus, dass dort alles völlig fremd ist. In Japan glaubte ich von vornherein zu wissen, dass ein Lächeln etwas anderes bedeutet als bei uns. Darauf bin ich in England oder Tschechien nicht vorbereitet. Und gerade, wenn dann das Lächeln in einer Situation doch etwas anderes bedeutet, kann es unheimlich wirken.

Du beschäftigst dich in deiner Forschung vor allem mit Autorinnen und Autoren, die sich literarisch mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen, wieso gerade dieser Bereich?

Die österreichische Literaturwissenschaft hat sich mit einigen dieser Texte von Lebert über Jelinek bis Haderlap schon ausführlicher beschäftigt. Wenn man diese Texte also durch die Brille des Unheimlichen neu beschreibt und interpretiert, dann muss sich diese Interpretation zugleich vor einer bestimmten Forschungstradition bewähren.

Der jüngst verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman hat den Zustand einer permanenten, unbestimmten Angst in der Gesellschaft als „Titanic-Syndrom“ beschrieben: als Gefühl, durch eine dünne, tragende Oberfläche durchzubrechen und in der Tiefe des Meeres zu verschwinden. Findest du dieses Bild auch in der Literatur?

Mit den Bildern der „dünnen Membran“ und des „Ozeanischen“ hat auch schon Freud den Übergang vom Bewussten ins Unbewusste beschrieben. Die Meeresmetaphorik findet man in Texten über Krieg und Holocaust, auch in der österreichischen Literatur. Maja Haderlap beschreibt in Engel des Vergessens, wie ihre slowenische Protagonistin die Kärntner Täler wahrnimmt, als seien sie in einem Eispanzer eingeschlossen, über den Krabben, Schnecken und Quallen kriechen. Sie kehrt das Bild also um und beschreibt das Ozeanische als Überschwemmung. Und auch diese Metapher taucht in der Alltagssprache auf, wenn wir zusätzlich zur „Überschwemmung“ an das Bild des „Flüchtlingsstroms“ oder an die „Flüchtlingswelle“ denken. Solche Bilder wirken unheimlich und kanalisieren Angst.

Seit einigen Jahren boomt die Kriminalliteratur. Zusätzlich ist ein Trend festzustellen, dass besonders grausame Krimis, wie sie auch aus dem Norden zu uns schwappen, besonders erfolgreich sind. Könnte ein Erklärungsversuch dafür auch darin bestehen, dass ein vom Leben irritiertes oder verängstigtes Publikum seine Angst durch unheimliche Lektüre kontrollieren möchte? Kann man sich durch die Fiktion von realer Angst distanzieren?

Ja, so würde ich diesen Krimiboom erklären. Angst, die man oft gar nicht fassen, geschweige denn aussprechen kann, wird auf die unheimliche Lektüre projiziert. Man kann dann die Angst mit der Gewalt in der Fiktion dem Anschein nach ausagieren und die Lösung des Krimis beseitigt das Unheimliche dann schließlich ganz, wenn auch fiktiv. Der Soziologe Luc Boltanski hat in einem seiner Bücher vor allem klassische Krimis analysiert. Er behauptet, dass die Lust am Krimi dadurch entsteht, dass die scheinbar vertraute Wirklichkeit durch das Rätsel des Kriminalfalls unheimlich gemacht wird. Regeln werden außer Kraft gesetzt, im Unheimlichen wird die sichere, langweilige Wirklichkeit zur Welt erweitert. Und durch die Auflösung des Falls kippt alles wieder ins Vertraute, der Krimi ist konservativ.

In einem deiner Bücher thematisierst du zentral die Ironie, siehst du eine Verwandtschaft zwischen dem Unheimlichen und der Ironie?

Eine bestimmte Sicht der Ironie gab mir den Impuls, mich mit dem Unheimlichen zu beschäftigen. Robert Pfaller zitiert in seinem Buch Die Illusionen der anderen das Beispiel eines Schauspielers, der als Toter auf der Bühne liegt und plötzlich niesen muss. Diese Situation kann für Theaterbesucher komisch sein, sie kann aber auch unheimlich sein für jene, die in der Theaterillusion befangen sind.

 

Christoph Leitgeb, Univ. Doz. Für Neuere deutsche Literatur, Literaturwissenschaftler, wissenschaftlicher Redakteur der Zeitschrift Sprachkunst.

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About the author

ist Autorin und Journalistin.

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