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The Drake Equation

By   /  1. Juni 2018  /  No Comments

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Radioteleskope, aber sonst weder Mobilfunk noch TV- und Radiosendungen: Seit den 50er Jahren wird in der National Radio Quiet Zone im US-Bundesstaat West Virginia nach Spuren außerirdischen Lebens geforscht. Paul Kranzler und Andrew Phelps haben sich in die Zone begeben, in der neben Wissenschaftler auch Siedler, Bärenjäger und vermehrt Elektrosensible anzutreffen sind. Entstanden ist der Fotoband „The Drake Equation“, den sich Lisa Spalt angesehen hat.

1932 entdeckte Karl Guthe Jansky, dass die Milchstraße Radiowellen emittiert. Die Telefongesellschaft Bell hatte ihn beauftragt, Störsignalen im Kurzwellenband nachzugehen. Als Jansky seine Ergebnisse 1933 veröffentlichte, interessierte das niemanden. Erst Ende der 30er-Jahre beschäftigte sich ein Amateurastronom wieder damit. Er baute die erste Parabolantenne, die Signale aus dem All empfing. Diese war dann auch bereits der Prototyp für die heutigen Radioteleskope. Eins der wichtigsten dieser Gattung, das Green Bank Telescope, befindet sich in der National Radio Quiet Zone, einem rund 34.000 km2 großen Gebiet in West Virginia. Damit hier kein Geburtstagsgruß aus dem All verpasst wird, wird penibelst darauf geachtet, dass irdische Signale den Empfang nicht stören. Durch eine, bereits in den 50er-Jahren eingerichtete Einschränkung der Rundfunkstationen in dem Gebiet ist der Funkempfang für Radioteleskope optimal. Im Umkreis von 20 Meilen um das Teleskop herum gibt es keinen Mobilfunkempfang. Aktiv wird in der Gegend nach schlecht abgeschirmten elektrischen Anlagen gesucht. Denn hier sollen sie empfangen werden: die Signale von Außerirdischen, die sich in den Tiefen des Alls danach sehnen, endlich einmal einen Marshmellow zu essen.

Nun: Jorge Luis Borges entwickelt in einer seiner Erzählungen den Gedanken, dass, wenn man sich vorstelle, es gebe an einer bestimmten Stelle vergrabene Gegenstände, diese auch irgendwann gefunden werden. 1961 stellte Astrophysiker Frank Drake eine Formel auf, welche die Bedingungen der Existenz von Außerirdischen beschreibt. Vielleicht kann sie sie eines Tages auch hervorzaubern? Darauf hoffen jedenfalls die WissenschafterInnen, die in der National Radio Quiet Zone agieren.

Sehr eigentümliche Eindrücke aus diesem eigentümlichen Gebiet der Erde haben die Fotografen Paul Kranzler (Österreich) und Andrew Phelps (Österreich/USA) in ihrem Buch „The Drake Equation“ versammelt. Es wirkt wie eine Bildgeschichte über Grenzen alle Art.

Zuerst die Menschen: Grenzgänger. Balancieren auf der Kante einer Betonplatte oder werden in derart intimen Nahaufnahmen gezeigt, dass die Grenzüberschreitung der Kamera in eine andere Wirklichkeit zu führen scheint.

Aber auch technische Apparaturen führen in eine andere Welt. Wirken wie Großküchen von Alien-Nationen, die allerdings bereits so lange hier leben, dass die Geräte heimelig anmutende Gebrauchsspuren zeigen. Kurz verhüllt Nebel ein Mobile Home – oder vielleicht bilden gerade die Abgase eines Raumschiffs diesen Schleier, der auf das unsichtbare Außerhalb des Bildes verweist. Stoßen Alien-Raumschiffe Abgase aus? Wir befinden uns an einem Ort, an dem man mit Hunden kommuniziert und die Grenze zwischen Menschenplanet und Tierplanet spürt, die man nie zu überschreiten vermag. Die Messe findet hinter den genarbten Scheiben einer Kirche statt. Wer weiß, wer hier in welcher Weise mit welcher außerirdischen Macht kommuniziert? Ist Gott ein Alien? War Michael Jackson der Messias? The National Radio Quiet Zone ist eine Ausklappung in eine Parallelzeit, die bereits verlassen und gleichzeitig von unverständlichen Lebewesen bewohnt wirkt. Ein Junge läuft durch den Wald. Er ist nicht allein, irgendein Wesen folgt ihm, lugt durch die Büsche. Jemand macht Aufnahmen, die bei mir, in Österreich, auf eine konsternierte Rezipientin treffen. Der Blick fällt auf ein zerstörtes Haus, wie angenagt oder mit scharfen Krallen zerrissen. Ich meine das Beweisfoto eines Vorfalls vor mir zu haben, der vielleicht nie stattgefunden hat, aber eben doch dokumentiert ist. Da klappen Welten in andere um. Die Standstills scheinen zu einem bereits existierenden oder vielleicht schon wieder verschollenen Film zu gehören, dessen Sprache ich nicht verstehe. Eine Frau – eine Figur – sitzt da. Sie sieht mit seltsam unzentriertem Blick in die Kamera, sieht Dinge, die keine Linse fassen kann, dieser Blick, der Unfassbares festhält, ist seltsam festgezurrt. Die Frau weiß, dass ihr Körper im Bild immer Gast sein wird, dass das Bild Dreidimensionales fesseln muss, um es festzuhalten, um es nicht entwischen zu lassen. Ihren Kaffee trinkt sie aus einem Plastikbecher, der wahrscheinlich länger existiert als die für ihr Menschenleben anderswo konzipierten Gläser. Ich fühle mich beim Sehen der Bilder unausgeschlafen, aber überwach. Diese National Radio Quiet Zone ist von meiner Welt in etwa so weit entfernt wie die DDR und andere Staaten, die in der Vergangenheit liegen und damit in einen parallelen Raum geraten sind. Da gibt es einen jungen Menschen mit blitzblauen Haaren, grünen Augen und einem wissenden Lächeln. Während das androgyne Wesen lacht, bröckelt auf einer anderen Seite des Buchs eine über dem Holz liegende, bemalte Schicht weg, ein Stückchen Zeitungspapier, vergilbt, sieht darunter heraus. Wann starben hier die Dinosaurier, die Menschen aus? Werfe ich, indem ich die Seiten des Buches betrachte, einen Blick in die Vergangenheit oder eher in die Zukunft meiner Gegenwart? Beides sind Bereiche, die ich nicht besuchen werde können. Ein paar Bäume wirken verwischt, als seien sie nur gemalt. Ein Mann sitzt in seinem Sessel. Wie bei einer Barbie-und-Ken-Figur zeigen sowohl seine Gürtelschnalle als auch ein Badge auf seinem Hemd seinen Namen in zwei verschiedenen Schriftzügen. Hier hat jemand verschiedene Logos für ein und dieselbe Puppe entworfen. „Ach, es war so groß und gewölbt“, scheint eine Frau zur anderen zu sagen und sich zu amüsieren. Ich habe Angst, sie könnte die knisternde Stille der umstehenden Anlagen stören. Ihre Stimme ist aber weggeblendet. Der vielleicht zu der Szene mit den zwei Frauen gehörende Plan zeigt Faraday’sche Käfige in Iglu-Form, die vor Radiowellen schützen sollen, geplant für eine Gesellschaft, die sich in der National Radio Quiet Zone vor den elektromagnetischen Emissionen der sonst allgegenwärtigen Handy-Masten, W-Lans, Radiostationen versteckt. Diese MigrantInnen aus einer ihrer Meinung nach verseuchten Welt leiden an Elektrosensibilität oder vielleicht auch nur an einer irrationalen Angst vor elektromagnetischer Strahlung. Untersuchungen der WHO scheinen zu beweisen, dass sie Emissionen nicht erspüren können und die auftretenden Symptome vom verkehrtem Placebo-, also Nocebo-Effekt herrühren. Sie wissen schon: Wenn wir von den Nachbarn hören, dass die Kinder sich in der Schule Läuse eingefangen haben, kratzen wir uns auch gleich am Kopf. Ähnlich plagen Kopfschmerzen und Schlafstörungen Elektrosensible wahrscheinlich nur, weil sie sich vor den Emissionen fürchteten. Doch was nützt die Erkenntnis? Wie schon das Thomas-Theorem besagt: Wenn ich mir etwas einbilde und danach handle, sind die Effekte dieser Handlung so, als wäre das Erfundene Wirklichkeit. Den Sensiblen bleibt nichts anderes übrig, als hier in die National Radio Quiet Zone zu ziehen. Hier treffen sie auf BärenjägerInnen und Ahornsirup-Sammelnde, aber auch auf WissenschafterInnen, AstronomInnen aus aller Welt, die die spezielle Forschungssituation nutzen.

Kranzler und Phelps haben diese ganz besondere Welt, an der man wie an einer streng begrenzten Versuchsanordnung sehen kann, dass Zusammenleben immer auf der Basis menschlicher Fiktionen passiert, die nicht unbedingt kongruent sind, nicht etwa einfach festgehalten, sondern erzählt. Sie erzählen, wie das die Fotografie so macht, mit Löchern im Film. Die von Momentanaufnahmen dünn besiedelte Landschaft ihrer Erzählung lässt viel Raum und Ruhe für das Bauen eigener Luftschlösser. Ich kann – oder muss mir – beim Betrachten meine eigene National Radio Quiet Zone erzeugen. Jeder Bildrand ist eine Grenze, hinter der mein Deuten, mein erzählendes Verbinden der Bilder beginnt. Was macht das möglich? Zum einen ist es für mich das bereits beschriebene Fotografieren von Grenzen. Zum anderen aber erzeugt ein einfaches Element des Erzählens diese Anregung zum Weiterspinnen: Eine Gruppe der in der Zone lebenden Menschen besteht aus den Jägern und Ahornsirupsammlern, deren Familien oft schon seit Jahrhunderten hier leben. Alard von Kittlitz beschreibt sie im Begleittext zum Buch mit den Worten, sie wirkten, als seien sie gerade einem Faulkner-Roman entsprungen. Und tatsächlich scheint sich zu bewahrheiten, was einmal jemand – war es Roger Caillois? – als wichtigstes Charakteristikum des Phantastischen beschrieben hat: dass es nämlich nur dann seine Wirkung entfalten kann, wenn es in Alltägliches, Gewohntes eingewoben ist, in diesem Fall vielleicht beinahe in Klischiertes. Die Bilder dieses Buches erinnern an Stills US-amerikanischer Filme, die dem Unheimlichen ihren Tribut zollen. Gleichzeitig könnten die Szenen durchaus von einem Modellbauer gefertigt und dann so aufgenommen worden sein, dass man sie für Aufnahmen von Lebenden hält. Beim Recherchieren stellten sich jedenfalls bei mir Zweifel ein: Gibt es diese National Radio Quiet Zone wirklich? Allzu phantastisch kommt mir das Setting vor. Beim Durchforsten der Historie der entsprechenden deutschsprachigen Wikipedia-Einträge entdecke ich, dass sie jeweils erst im Jahr 2013 beginnt.

 

Paul Kranzler, Andrew Phelps: The Drake Equation
Das Buch ist bei Fountain Books erschienen. Erstausgabe 2018, limitierte Auflage von 1000 Stück, 120 Seiten, € 45.–
fountainbooks.de

Im Herbst ist in der Landesgalerie die Ausstellung „The Drake Equation“ von Paul Kranzler und Andrew Phelps zu sehen.

Paul Kranzler, Andrew Phelps: THE DRAKE EQUATION
Im Jahr 2015 verbrachten die Fotografen Paul Kranzler (A) und Andrew Phelps (A/USA) viele Wochen in der National Radio Quiet Zone, in der Umgebung der kleinen Stadt Green Bank und des Green Bank Observatory, um diese einzigartige Gemeinschaft von Forschern, Elektrosensiblen und einheimischen Familien zu dokumentieren.
Das daraus entstandene Buch THE DRAKE EQUATION zeigt eine naturbelassene Landschaft, durchsetzt von grotesk anmutenden, riesigen Teleskopen. Und es zeigt Menschen, in deren Körpern und Haltungen sich das Leben im Green Bank spiegelt.
„Ich denke, dass es bei der fotografischen Arbeit, die Sie jetzt in Ihren Händen halten, um viele Dinge geht, um Zeit und Wissenschaft und Technik und Natur, für mich jedoch ist es im Wesentlichen eine Arbeit über Amerika“, schreibt der Journalist Alard von Kittlitz in seinem begleitenden Text.
In Green Bank wurde 1961 auch die titelgebende Drake-Gleichung auf einer Konferenz erstmalig vorgestellt. Die vom Astro-Physiker Frank Drake entwickelte Formel dient zur Abschätzung der Anzahl der technischen, intelligenten Zivilisationen in unserer Galaxie, der Milchstraße. Es handelt sich bei der Gleichung um ein Produkt, von dem die meisten Faktoren unbekannt sind.

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About the author

Autorin, lebt seit 2013 in Linz. Beschäftigt sich mit dem Handeln in Sprache und Bildern. Bietet nebenberuflich poetische Albtraumverbesserungen und ebensolche Schluckbildchen gegen die Unbill der Gegenwart an. Informationen auf www.lisaspalt.info.

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