Loading...
You are here:  Home  >  Kunst und Kultur  >  Current Article

Fix

By   /  6. September 2021  /  No Comments

    Print       Email

Für sich stehende Kurzprosa von Mariusz Lata und Leseprobe aus Idiome – Hefte für neue Prosa, Nr. 14.

Weisungen, Anweisungen, Ausweisungen, Einweisungen. Das Büro trifft die Gedärme. Anweisungen an die Krähen laufen. Anweisungen langen im Gekröse an. So ausgewiesene Wichtigkeiten, die darauf hinweisen, was abgewiesen wurde. Herzrasen, naturgemäß grün. Oder postalisch. Geflüsterte Auskünfte, ob derbroh oder nicht, sind Hinweise auf Gewesenes. Gewesenes ist. Hinweise sterben & sind Anweisungen. Du da! Kinderruf, der stirbt. Weil Gewesenes ist, sitzt die Rote, die Köpfe machte, Butterbrote schmierte, auf Bänken saß, wo die Rote ab & an eine Pulle Pils trank. Sie gab, sie gibt Anweisungen an Kinderrufe, die mit ‹Du da!› sich ausweisen. Gewesenes ist & ist gar nicht mehr, der rote Faden verheddert sich, geht verloren in der Röte des Biographienblödsinns, was dann zum Überbleibsel wird, darin der Faden: gut aufgehoben. Anweisungen an die Hundeschnauze laufen. Mit dem Kopf, nicht mit den Köpfen, die sie machte frisierte, die alsdann Butterbrote aßen, oder doch, mit den Füßen zuerst, wurde Biographienblödsinn außer Haus geschafft. Die Rote kannte jede & jeden, die Rote kannte jede & jeder. An keinem schwarzen oder roten Brett hing der Hinweis darauf, daß dieser Stadtteil nun verstorben sei.

Wir sollen Viten haben, vor allem am Tag des Tods. Kontaktblümchen im Kosmos. Inmitten des Lebens. Inmitten des Tods. Wir sollen gemacht haben. Wir sollen haben. Wir haben Körper. Die gleichen sich. Da hausen Ideen drin.

So putzig, Schillers Idealismus, daß ich Schiller, lese ich „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, die ganze Zeit trösten möchte. Er wußte darum, um seine fixen Ideen, die diese Sprache verhüllt, als gelte es die fixen Ideen zu verstecken. Vor den Anwenderinnen. Vor Sichtungen.

Briefe treffen auch nach dem Tod ein. Vom „Deutschen Roten Kreuz“ vom „Tierschutzbund“. In Briefkästen landen Ausweise. Könige sollen tausende von Pfund Medienbeitrag an den BBC überweisen, obgleich sie tot sind. Mit ihnen ist aber nicht die Idee des Souveräns gestorben. Der geistert noch durch die Fiktionen als Fiktion. Potenzierte Fiktionen, & in Televisionen Radioapparaten auf You­Tube in Büchern spuken Heldinnen herum mit Namen, Viten etc. Die Königinnen sind tot, es leben die Souveräne.

Es stirbt. Ein Mensch. Es stirbt ein Stadtteil. Es ersterben Rauchzeichen. Es stirbt das Viertel, wenn ein Mensch stirbt, & steigen keine Rauchzeichen auf. Es waren einmal Rauchzeichen. Es werden Brotlaibe in Müllkübeln gefunden. Es werden Brotlaibe auf dem Marktplatz gefunden. Es stirbt – : ein Mensch.

In Märchen – : der gerechte Krieg, der gerechte Mord; aufgelesen. Die Königin ist tot, es erlese sich die Souveränin, die sich aufgelesen. Märchengleich schwappt das Bier nicht über die Bank, schäumt auf dem Tisch, daß Schaumkrone, Gischt, Geburt etc. Inmitten des Tods greifen Flechten Geflechte Kontaktblumen nach der Gischt, die die Heldin umspült. Ich versuche das zu ordnen, kann aber seit einem Jahr ein Buch nicht finden, aus dem ich nur einen Abschnitt brauche, der die fälschliche Verwendung des Schimpfworts „Schwein“ nacherzählt, der nachweist, warum Schwein nie & nimmer ein Schimpfwort sein sollte. Ich ziehe meine Fühler ein. Ich brauche den Abschnitt gar nicht, weil ich noch weiß, was drinstand, will ihn nur sehen. Ich & Genese.

Morgens mit der fixen Idee aufgewacht, die Geschichte wäre ganz anders gelaufen, sagten wir: die Velocipedistinnen.

Ein Stadtteil kann gar nicht sterben, der besteht aus x mal x vielen Menschen, manchmal aus Zehntausenden; der kann absterben verarmen vermüllen verwahrlosen verlottern & Gesichter verlieren, nicht aber sterben. Nicht einmal die Ideen verrecken, kommen immer wieder zurück, sind nicht zu ermorden. Die kommen gefleddert gerupft oder unverändert zurück, die Ideen. Fast schon eine Sicherheit, daß Menschen kämen, die ästhetisch erziehen wollten, wenn eine Gegend vermüllt. Die sammelten & sammelten Kippen auf, klaubten Papier auf mit diesen Greifdingern etc.; die glaubten an die Souveränen an Viten an Hokuspokus, & wenn sie es nicht mehr täten, seien sie gefährdet, sich gegen oder unter Züge zu werfen von Brücken zu springen sich aufzuhängen sich auszubluten etc. Ganz klar, die fixen Ideen, das, was nie aufgehen wird, sie sind lebensverlängernd, & allein deswegen überleben sie, weil sie Überleben sichern. Die Ideen wollen nicht verrecken. Menschen, die nie auf die Idee kämen, Schiller trösten zu wollen, weil die Ideen in ihren Leibern wohnen. Sofern jenes Überlebenwollen der Idealistinnen das Überleben der fixen Ideen sichere, ließe sich nichts dagegen machen. Wer spricht, verspricht sich. Solche Ideen könne niemand aus den Körpern herausoperieren; aber die blieben nicht in den Körpern, die sie bewohnten; aus Mündern versprächen sie sich, vermehrten sie sich. Dagegen könne nichts gemacht werden, daß das sich gegenseitig befruchte, was nie & nimmer fruchten werde, was nie gefruchtet habe. & da sei zu singen, die Ideen seien frei, denn sie sitzen in den Leibern Brotlaiben fest. Die fixen allzu fertigen Ideen sind da sind der rote Faden, in dem die Leiber aufgehen wie am Schnürchen, zu einem Leib der Generationen werden. Tu dies zu unserem Gedächtnis. Laß das für uns. Entlang der Ideen sich hangeln.

Traum von einem Pamphlet des Inhalts: „Die Demokratie der Friedhöfe“. Nur hatte die Verfasserin oder der Verfasser des Pamphlets das Prächtige, den Prunk marmorner Gräber übergehen wollen. Es log da eine, einer ganz dreist sich was zusammen. Das Pamphlet wollte nicht – ums Verrecken wollte es nicht! – sich zerreißen lassen.

Ich gehe in die Seitenstraße, deren Namen ich nicht weiß, die auch keinen bräuchte, so kurz ist sie, um in die Fenster der Roten zu schauen, wo sich das Blau spiegelt, die Bläue der Ideen; wo ich Wolken im Glas finde, die Gardinen noch stören. Gar nicht denke ich an Kontaktblumen, Biographienblödsinn; ich denke an Szenen, wie alles zusammenschnurrt, wie einzelne Gesten, Sätze sich verhärten, & daß davon dann nur mehr die Bilder bleiben, daß das Harte sich auflöst, & daß allein das Weiche bleibt. Als wäre das Weiche das, worauf wir gehen, worin wir einzusinken drohen, weil dieses Weiche unnachgiebig ist in seinem Einverleiben; völlig nasse Erde, oder ein Schlamm-, Sumpfgebiet, & womöglich sind wir längst versunken, sind nicht Geherinnen, sondern allezeit, alle Jahre nichts anderes als Taucherinnen in diesem Sumpfgebiet gewesen. Wir sind Taucherinnen gewesen. Tauchten in namenlosen Seitenstraßen, härteten Sätze, die mit uns ab-, auftauchten. Einzelne Eigentümlichkeiten dann, die sich doch an anderen Leibern & deren Verhalten wieder finden ließen. & doch die fixe Idee, in den Spiegeln der Bläue könnte ich womöglich mehr sehen, etwas übersehen, ginge ich nicht vorbei, was weitaus mehr als eine Reflexion des Lichts sei. Ich & Fiktion.

Die Ideen sitzen auf & in den Dingen, sie belagern sie, bilden Kolonien, erobern die Dinge, bis diese identisch sein werden mit den Ideen. Der Tod kann sich gegen das Ideewerden nicht wehren; der Schuh weiß nichts von seiner Idee, die zu uns spricht, wie der Tod, der zu uns spricht, denn die Ideen halten es ja nicht in ihren Dingen aus; sie stoßen in die Löcher, die Leeren, die die Dinge in der Welt aufreißen, um zu sprechen. Flüstertüte „Ding“. Von da aus wird geflüstert, postalisch. Etwas ist da, um kolonisiert zu werden. Waten durch Gesten, Szenen. Gehärtete Sätze wie Gebete. Ah!

Kontaktblumen im Sumpfgebiet. Ich hüte Sätze, die so nie ausgesprochen wurden, & beharre gar nicht auf deren gewesener Wirklichkeit, hüte sie aber trotzdem, als wären sie so ausgesprochen worden.

Es war einmal die Ideologie der Unaustauschbarkeit. Es waren einmal be-, gehütete Sätze. Es waren einmal Kolonial- Vernichtungsarmeen, die aus Mündern stürmten. Es war einmal eine Heldin, die jede & jeden kannte, die jede & jeder kannte. Es war einmal der maus-, haus-, beton-, himmel-, trampelpfad-, taubengraue Faden, der sich als Wolkenansammlung in Fenstern spiegelte. Es war einmal der Trugschluß.

Ob schön oder auch nicht schön, wo wir sind, bleibt es düster. Da jausen die Ideen, die in Körpern hausen, die sich gleichen.

Aus allen unseren Poren tritt unsere Lumpigkeit heraus. Eine Art der innerlichen Verlotterung west in uns. Es tritt unsre Prekariatsgenese aus uns heraus. Drum bleibt unser Sonntagsstaat im Schrank.

Der Ausweis der Zäune war eine Anweisung, daß dieser Platz nicht betreten werden dürfe, bis dann eines Tages die Zäune eine Öffnung aufwiesen, eine Eintrittsspalte da war, die führte. Die Tore: weg; die Scheiben der Eintrittskartenhäuschen: mausgrau, & innerhalb der Häuschen: Laubhaufen, als hätte die ein Mensch da hinein gefegt; die eine Bank: so, daß ein Sitzen auf ihr unmöglich wäre. Auf dem Ascheplatz wuchsen Un-, Wegkräuter, Giersch, Disteln, Schöllkraut, & Goldastern & Steinkraut etc. Fußballromantik sei dort anzutreffen, wo der Fußball seit langem nicht mehr bewegt werde, eine Idee sei.

Mitwirkende:
circa 4 Milliarden Idealistinnen
zig Jogginghosen
1 Pamphlet
circa 3 Ichs
7 Es war/Es waren einmal
0 Tänzerinnen
circa 11.200 Königinnen bzw. Souveräne
paar fixe Ideen
1 Stadtteil
25 unerwähnte Bierpullen (Pilsener)
circa 10.000 Tote
1 Mitschreiberin
1 Schiller
5 x Wildwuchs
0 Schafe
0 Fußbälle
0 Hexen
1 Trugschluß

 

Fix von Mariusz Lata wurde in Idiome – Hefte für neue Prosa Nr. 14 veröffentlicht. 

    Print       Email

About the author

geboren 1981, lebt in Essen. Veröffentlichungen in Zeitschriften wie Dichtungsring, manuskripte und Ostragehege.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.