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Die schmutzigen Seiten unserer High Tech Welt

By   /  1. Juni 2016  /  No Comments

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Haben wir die Kontrolle über die digitale Infosphäre verloren? Art Meets Radical Openness (AMRO), das Linzer Festival für Kunst, Hacktivismus und Open Source will’s wissen. Anna Masoner war dabei und berichtet.

Verewigte Daten von Audrey Samson. Foto Die Referentin

Verewigte Daten von Audrey Samson. Foto Die Referentin

Alle zwei Jahren kaufen wir uns in Europa oder den US im Schnitt ein neues Smartphone. Und dann kommen bei der einen oder dem anderen je noch diverser Firlefanz wie Tablet, Fitnesstracker oder Computer und Kamera dazu. Dieser Rhythmus kommt nicht nur zustande, weil diese hochgezüchteten Konsumgüter so schnell kaputt gehen – sie werden gekauft, sobald ein neueres, schnelleres, glänzenderes oder batteriestärkeres nachkommt. Wohin dann mit dem an Edelmetallen vollgepackten Schrott? Womöglich auf Müllhalden oder in ganze Müllstadtteile in Afrika, Indien oder China. Aber egal. Hauptsache wir decluttern und machen Platz für Neues. Laut UN haben wir es allein 2014 weltweit auf 46 Millionen Tonnen Elektroschrott gebracht.

Diesen materiellen Schattenseiten unserer digitalen Hochglanzwelten widmete sich das Linzer Community Festival Art Meets Radical Openness. Von der Kulturinitiative servus.at (vor allem von Ushi Reiter) initiiert, will sich AMRO als Treffpunkt rund um die Kultur des Teilens und gemeinschaftlichen Produzierens etablieren. Es zieht Künstler_innen ebenso an wie Entwickler_innen, Hacktivist_innen und Weltverbesser_innen. Mit dem heurigen Titel Waste(d)! sind aber nicht nur die materiellen Manifestationen gemeint, sondern auch die weniger greifbaren. Denn die überflüssig gewordene Hardware ist ja nur der Träger unserer digitalen Wunderwelten, die wir minütlich updaten können, die uns aber zunehmend entgleiten: „Längst haben wir Kontrolle darüber verloren, welche Informationen wir bewusst und unbewusst produzieren. Der Akt des Sicherns, Löschens oder Wiederbelebens von Daten und Information hat sich verselbständigt, ist überwacht, monetarisiert und verbraucht wertvolle natürliche Ressourcen“ heißt es im Programmtext. Kernstück und Startpunkt des Festival ist die Ausstellung „Behind the Smart World“ im Kunstraum Goethestraße, die 17 KünstlerInnenpositionen versammelt.

E-Waste in Afrika

Rußig qualmende Feuerstellen, dazwischen Erwachsene und Kinder die Unförmiges tragen oder heben. Typische Bilder aus Agbogbloshie, einem Stadtteil der Millionenmetropole Accra im westafrikanischen Ghana. Bekannt ist der Slum als riesige Müllhalde, als gigantischer Schrottplatz. Was in Europa, oder in den USA kaputt geht, landet illegalerweise hier: PCs, Festplatten, Smartphones. Sie werden entkernt, mit giftigen Chemikalien behandelt. Denn das Kupfer und andere Metallteile sind viel wert. Agbogbloshie hat jedoch auch als Umschlagplatz für Daten Schlagzeilen gemacht. Internetbetrüger besorgen sich gebrauchte Festplatten, untersuchen sie systematisch auf Programme und persönliche Daten ihrer Vorbesitzer um diese damit zu erpressen.

2014 verbringt das Künsterduo KairUs (Linda Kronman & Andreas Zingerle) einen Monat in Westafrika. Die beiden wollen die brutalen Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort mit eigenen Augen sehen und herausfinden, wie leicht man in Agbogbloshie an auf Festplatten gelagerten Datenmüll kommt. Es ist sehr leicht, wie sich herausstellt.

Zwei bis drei Euro ist so eine Festplatte auf der Müllhalde wert. Mit 22 Stück im Gepäck kehren die beiden nach Österreich zurück, dort werden die Festplatten gemeinsam mit anderen Künstlern und Datenforensikern untersucht: Dabei stoßen KairUs auf zum Teil sehr private Daten: E-Mails, Passwörter, Kreditkartennummern, Browserhistorie oder private Fotos von Familienfeiern oder Partyselfies. Aus der Beschäftigung mit den Daten ist die Ausstellung „Behind the Smart World“ entstanden. KairUs haben andere Künstler gebeten, sich ebenfalls Gedanken über die mehr als 80 Gigabyte an gefundenen Daten zu machen.

Festplattensound, Datenpaket und Künstlerin mit Gasmaske

Bei Joakim Blattmann wurde aus den Daten eine mehrkanalige Soundinstallation. Er sampelte und verfremdete Ausschnitte von Audio- und Videodateien, die er auf den Ghana Festplatten fand. Martin Reiche verwendete die Daten für die Live-Installation „Shell Performance“. Automatisiert generiert ein Programm immer neue Bilder und Zeichenfolgen aus den vorliegenden Daten.

In der Mitte der Ausstellungsraumes findet sich auf einer Säule ein gelbes Paket, darin eine der Festplatten aus Ghana, deren Besitzer Linda Kronman und Andreas Zingerle ausfindig machen konnten: „Wir kennen den Mann sehr gut, weil wir zwei Jahre lang alle seine Fotos angesehen haben. Wir wissen sehr genau, wo er lebt, in welche Bars er geht und welche Freunde er hat.“

Noch sind sich die beiden Künstler unschlüssig, ob sie das Paket wirklich abschicken sollen. „Wir möchten mit ihm Kontakt aufnehmen um herauszufinden, über welche Umwege diese Festplatte von London nach Westafrika gelangt ist“. Sie wollen dabei niemanden vorführen, vielmehr Spuren nachzeichnen, die wir digital aber auch ganz materiell hinterlassen. Und sie wollen zeigen, wie schwer es ist, unsere Datenspur dauerhaft loszuwerden.

Lieber als ihren e-waste nach Afrika verschiffen zu lassen, hantiert die in Hong Kong lebende Künstlerin Audrey Samson gleich selbst mit giftigen Chemikalien. Sie bietet einen Einbalsamierungsservice für nicht mehr gebrauchte Festplatten und Mobiltelefone an. Vor den Augen ihrer ehemaligen Besitzer gießt sie die nicht mehr benötigte Technik in flüssiges Kunstharz. Die öffentliche Daten-Beerdigung sei laut Künstlerin die einzige sichere Methode um seinen digitalen Fußabdruck loszuwerden. Und auch die schönste. Die obsolete Technik transformiert Audrey Samson in schmucke Lampen, die von der Decke baumeln.

Workshops mit Tactical Tech Collective

„Kennt ihr den Unterschied zwischen http und https?“ Ich platze in einen Workshop des Berliner Aktivisten Kollektivs Tactical Tech Collective. Ling Luther und Fieke Jansen wollen dazu animieren, sensibel mit seinen Daten umzugehen. Auf einem langen Tisch liegen bunte Karten mit denen wir erst mal das Internet ganz plastisch nachbauen. Die internationale AktivstInnentruppe hat sehr viel Erfahrung, auch komplizierte Dinge wie Anonymisierungssoftware und Kryptographie runterzubrechen und ganz alltagsnah zu erklären. Sie trainieren Blogger und Aktivisten auf der ganzen Welt, gern in Ländern wie dem Iran, China und Vietnam. Das Tactical Tech Collective zeigt aber nicht nur, wie man dem Staat das Überwachen erschwert, sondern wie man sein Leben „ent-googelt“ oder seinen Internetbrowser so konfiguriert, dass er nicht unerwünschte Informationen an kommerzielle Datensammler weitergibt. Die beiden Aktivistinnen wollen zeigen, dass Widerstand gegen die allumfassenden Datenerhebung und -analyse nach wie vor möglich ist und der Kampf um Privatsphäre, Netzneutralität, quelloffene Software und Kryptografie kein vergebliches Projekt.

Lästige Bots aus Kunststoff und Silizium

Unter Bots versteht man im Internet kleine Programme, die in sozialen Netzwerken automatisch posten. Spammer nutzen sie gern um lästige Werbung oder um politische Propaganda zu verbreiten. Die Bots des Mediendesigners César Escudero Andaluz sind da schon viel greifbarer. Sie sehen aus wie kinderhandgroße Insekten, die gern auf Tablets herumsitzen. Mit einer Art Rüssel, einem leitfähigen Stück Kunststoff, wischen sie solange drauf herum, bis ihre Batterie aus ist und bewegen sich zufallsgesteuert durch diverse Apps. Sie öffnen und schließen Apps, clicken sich durchs Ebay-Sortiment, machen Fotos oder posten wirres Zeug. Sie erzeugen damit ein Rauschen im System, digitale Spuren, die Tracker und DatenanalytikerInnen auf die falsche Fährte führen sollen. Weil Escudero an einer kleinen, weltumspannenden Armee dieser Interaktionsmaschinen arbeitet, baut er sie aus einfachen elektronischen Bauteilen in Workshops gemeinsam mit anderen. Praktischer Nebeneffekt: wer es vorher noch nicht konnte, lernt dabei, einen Lötkolben verletzungsfrei zu bedienen.

„There is no cloud, just other peoples computers“

An diesen Spruch, den die Free Software Foundation auf T-Shirts und Sticker druckt, muss ich bei der Lecture der beiden italienischen Künstler Alessio Chierico und Vincenzo Estremo denken. Mit einem kleinen Ausflug in italienischen Manierismus und Barock zeigen sie, welchen Rattenschwanz an Bedeutung die Wolkenmetapher im Marketingsprech des Informationszeitalters nach sich zieht. In den Malereien des 18. Jahrhunderts galt die Wolke als Symbol des allgegenwärtigen, allwissenden Gottes. Heute wird damit gezielt verschleiert, dass Daten in riesigen Datenzentren meist US-amerikanischer Firmen gehegt und gepflegt werden. Gigantische Serverfarmen, die an Ort und Stelle eine Menge Energie verbrauchen. Als Nutzer von Clouddiensten geben wir Daten in fremde Hände. Die Kontrolle darüber ist nicht mehr garantiert.

 

Das dreitägige Festival „Art Meets Radical Openness“ ist am 28. Mai zu Ende gegangen. Die Ausstellung „Behind the Smart World“ ist noch bis 10. Juni im KunstRaum Goethestrasse zu sehen.

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lebt in Wien und arbeitet dort fürs Radio (Ö1 und FM4).

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