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Aus dem Verborgenen …

By   /  1. Dezember 2016  /  1 Comment

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… in die Unendlichkeiten gemalt, hat die Künstlerin Claudia Nickl bereits 2012 eine Arbeit, welche in großformatigen Malereien Wolkenformationen darstellen. Bei Interview-Spaziergang und Atelierbesuch zeigen sich sehr unterschiedlich umgesetzte Arbeiten und der hintergründige Zugang einer Malerin zu einem Medium, das in den letzten Jahrzehnten regelmäßig für tot erklärt worden ist.

Malerei im Informationszeitalter

Das Gespräch, das sich während der Interview-Tour durch die Innenstadt entspinnt, entwickelt sich bald als Gedankenstrom á la Virginia Woolf und verweigert im mäandernden Begehen der Route konsequenterweise bald den Interviewleitfaden. Ein umfangreicherer Fragenkomplex stellt sich vor dem Schaufenster der „Galerie Berghammer“ in der Herrenstraße ein, wo eine abstrakte Malerei der Künstlerin ausgestellt ist. Es sind Fragen zur alten Kulturtechnik Malerei und wie es heute um diese bestellt ist: Gibt der Zeitgeist etwas vor, was nach einer neuartigen, unorthodoxen Umsetzung verlangt? Und wenn ja, hemmt die unveränderte Fläche der Leinwand die Umsetzung einer Idee? Inwieweit dringen digitale Bildsprachen und neue Sehgewohnheiten in die Malerei ein? Vermag die stets mitvermittelte Stoa der Malerei in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomien, die sich im Netz unaufhaltsam befeuern und konkurrieren, bei den Betrachtern noch etwas auszulösen? Wortreich hat man manche Post-Art-Kuratoren schon vom Staffelei-Ismus reden gehört … Lange Rede, kurzer Sinn, ganz diesem wortwörtlichen Sinn folgend, fällt die Antwort Claudia Nickls entsprechend knapp, selbstsicher und etwas kryptisch aus: Das Format mag zweidimensional sein, doch was transportiert wird, lasse sich nicht in und durch eine Form begrenzen, da es neben dem Wirklichkeitssinn einen Möglichkeitssinn gibt, der in jedem Vorhaben das Faktische des 2D-Rahmens als gedachte Begrenztheit überwindet, sich Bahn bricht und etwas Einmaliges und Singuläres offenbart. Die Faszination, dass die Malerei eine Kunstform ist, die es schafft, sich auf das unzugängliche und unbeherrschbare Innere in Menschen zu beziehen ohne es dabei auszuliefern. Wie bei einem Porträt. Eine großformatige Porträtmalerei der Künstlerin kann man beispielsweise in der Nähe des Taubenmarktes sehen. Im vorderen Bereich des „Wirt am Graben“ ist eine Malerei ausgestellt, die in schrill-poetischer Farbgebung eine alte Frau abbildet. Das Bild zeigt die mittlerweile verstorbene Großmutter der Künstlerin, die im Leben der Malerin eine wichtige Bezugsperson war und für die Künstlerin in einer Phase der schweren Krise überraschend eine Schlüsselrolle gespielt hat. In der Nacht bevor sie stirbt, weilt Claudia Nickl zum Glück nicht in Paris, ihrem damaligen Aufenthaltsort, sondern in Linz. Ohne Ankündigung auf das Bevorstehende, sondern intuitiv einer Eingebung folgend, bricht sie auf und kann so noch die letzten Stunden an ihrer Seite verbringen.

Ahnenforschung, Trauma und unter 500 Claudias in Paris

Das Ziel Paris vor Augen, zog es die Studentin der Kunstuniversität Linz in den 00er Jahren zuerst aber in unterschiedliche Richtungen, als hätte sie einen Kompass eingebaut, bei dem die Nadel nervös-willkürlich diverse Richtungen anzeigt – und dort einrastet, wo schließlich die Orte ihrer Kindheit markiert sind. Auch zeitlich war nicht die eine Zukunft in die eine Freiheit angedeutet. Neben der Zukunft zielten Aufmerksamkeit und Wahrnehmung direkt in die Vergangenheit hinein, die durch einen dringlichen, dunklen Ruf einen regelrechten Sog entwickelte. Eine paradoxe Situation, in der die Realität bereits eine Zukunft andeutet, sich aber letztlich in einer unerklärbaren Gleichzeitigkeit auch auf das längst Vergangene beziehen will. Die Studienphase gleicht unter diesen Umständen einer verzerrten und gespannten Gegenwart, die viele Richtungen andeutet und bedeutet. Es geht nicht nur darum, ein Handwerk an der Universität zu erlernen, wo Nickl „die Experimentelle“ belegt, sondern sie lernt sich selbst zu experimentieren und damit ihr eigenes Selbstverständnis und ihre Biografie zu klären. Eine Reise in die Vergangenheit ohne Anleitung, welche die Studentin dazu führen wird, sich ihrem Trauma zu stellen. Mutterseelenallein, unverstanden sein. Der damalige Intendant des Landestheaters, Gerd Willert, wird ihr als Freund sagen, es handle sich um „Das Drama des begabten Kindes“. In der Phase der persönlichen Aufarbeitung, die sie bei unserem Gespräch als Ahnenforschung beschreibt, lotet sie seelische Untiefen aus, was sich als Askese im äußeren Leben manifestiert. Die Reduktion auf das Allernotwendigste, auf das Existenzielle, hat die Bewegungen im Inneren begleitet. Kunst und Pfandflaschen gegen Kleingeld eintauschen. Kunst und verhandeln lernen, mit männlichen, durchwegs sehr viel älteren Mentoren. Als ein Förderer sein Wort nicht hält, fordert die Neo-Reduktionistin das Versprechen ein und verwandelt Objekt und Situation in einem einzigen Akt. Trotz notorischer Not wird ein Geldschein zur Kunst erklärt; Nickl transformiert ihn, indem sie ihre Unterschrift darauf zeichnet. Kunst und Brachen für das Kunstschaffen finden. Kurz vor dem Aufbruch nach Paris legt sie noch mit einem Kollegen eine betonierte Leerstands-Brache in der Innenstadt offen, sie nutzen den Ort für ihre Kunst. Das aufgelassene Autohaus in der Dametzstraße werden nach dieser Aktion noch andere Künstler und Kollektive für ihre Vorhaben zu verwenden wissen. Bevor Claudia Nickl nach Paris aufbricht, werden ihr auch Warnungen mit auf den Weg gegeben: Denn dort wird sie nicht die Einzige sein – es warten bereits 500 andere Claudias in Paris! Und Claudia Nickl war im Künstlerviertel an der Seine dann tatsächlich nicht die Einzige. Am Montmartre lebt sie in einem sozialen Kaleidoskop von unterschiedlichen Individuen und Beziehungen auf. Neue Freundschaften und ein Atelierplatz. Durch den geheimen Trick der Mimikry (die eine scharfe Beobachtungsgabe erfordert) lernt sie leicht und schnell Französisch, sie spielt Schach und trinkt Whiskey mit den Porträtmalern; es ist wie eine Zeitreise in das alte Paris von Degas, van Gogh, Valadon und Matisse. Sie trifft auf das Künstlerkollektiv La Generale, dem sie sich temporär anschließt. Sie findet in Paris zur Malerei – und kehrt wieder nach Linz zurück. Zurück in Linz wird Nickl später dann erneut ein leerstehendes Hinterhaus besetzen.

SCHMUSEN ohne doppelten Boden und eine neue Farbtheorie

Fünf große Wolkenbilder der Diplomarbeit von 2012 sind im Museum Angerlehner ausgestellt. Werke, denen die Künstlerin ein hochformatig-bebildertes Buch mit dem Titel »Nuances des Nuages«, das Goethes Wolkentheorien beinhaltet, beigefügt hat. Die Malereien folgen einem radikal minimalistischen Duktus: entstanden durch einen immer wiederkehrenden Strich, in Form einer liegenden Acht. Diese Bewegung entspricht einem mathematischen Zeichen, dem Unendlichkeitszeichen, das durch die Wiederholung zu den Wolken wird, in denen die horizontalen Achter nur selten als diese zu erkennen sind. Die Idee, ein Schema fortlaufend zu wiederholen, hat ein meditatives Moment, ist aber auch zu verstehen durch den starken Bezug der Künstlerin zur Geometrie im Allgemeinen. Seelenverwandt ist ihr die, in der Kunstgeschichte weniger bekannte, schwedische Malerin Hilma af Klint, die universelle Formen auf ihren emotionalen Gehalt hin untersucht, ihr großes Œuvre jedoch zeitlebens nie ausgestellt hat. Andere an Geometrie angelehnte Malereien von Claudia Nickl findet man in Linz beim Friseur in der Klosterstraße, die im Gegensatz zur transzendenten Wolken-Serie, stark reduktionistisch sind. Abgesehen von geometrischer Ursachenforschung, asketischem Lebensstil ohne doppelten Boden und Hausbesetzung für die Kunst, schert Claudia Nickl in ihrem Kunstschaffen aus, wann immer es der Moment fordert. Manche erinnern sich noch an die Zeit, bevor der Donaustrand zur beliebten Sommerlocation avancierte und wo folgende Idee kurz vor dem Auftakt zu Linz09-Kulturhauptstadt Europas entstanden war: Für kurze Zeit wurden an der Nordseite der Schlossmauer von Nickl die blutroten SCHLOSSMUSEUM-Buchstaben in das Wort SCHMUSEN verwandelt. Das aktuelle Projekt von Claudia Nickl ist hingegen ein intellektuelles, das eine weibliche Perspektive des 21. Jahrhunderts mit Theorien abgleicht, die Jahrhunderte zurückliegen. Vertraut mit Farbe, Geometrie und seelischen Tiefen plant Nickl eine Dissertation bei Thomas Macho, in der ausgehend von Newtons und Goethes Farbtheorien ein hermeneutischer Prozess in Gang gesetzt werden soll, wo die neue Farbtheorie auf holistische Gefühlslagen hin untersucht wird. Dieses in personeller Konstellation ungewöhnliche Dreieck – Nickl, Newton, Goethe – lässt mit Spannung auf die Resultate warten.

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1 Comment

  1. Tomislav Mesic sagt:

    grossartiger Artikel der eine wunderbare Künstlerin so umschreibt, dass Sie es selber nicht besser hätte können

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