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3 Tage X

By   /  1. Juni 2018  /  No Comments

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Das Klangfestival Gallneukirchen besticht seit zehn Jahren mit experimenteller Musik, mitreißender Verve und einladender Atmosphäre. Von 24. bis 26. August findet die Jubiläumsausgabe statt. Stephan Roiss sprach mit zwei der OrganisatorInnen, Tanja Fuchs und Thomas Auer, und gibt eine Vorschau auf die musikalische Programmierung von X.

Schöpfen musikalisch aus dem Horror: Okabre. Foto ARGEkultur/Walter Lienbacher

Schöpfen musikalisch aus dem Horror: Okabre. Foto ARGEkultur/Walter Lienbacher

„Wenn dir langweilig ist, wirst du kreativ“, sagt Thomas Auer, dem als 15jähriger in Gallneukirchen offenkundig langweilig war. Er und ein paar AltersgenossInnen beschlossen in ihrem beschaulichen Heimatstädtchen eine Location nach Vorbild der Linzer Kapu ins Leben zu rufen. Zwar scheiterte das Projekt kurz vor seiner Umsetzung an plötzlich einsetzendem Beamtenbammel. Doch die junge Gruppe hatte sich geformt, erste Erfahrungen gesammelt und Blut geleckt. Einige Jahre später reichte man bei der Stadtgemeinde das Konzept des Klangfestivals ein, erhielt finanzielle Unterstützung, gründete einen Verein und war nun nicht mehr aufzuhalten.
Das allererste Festival (2008) war als Open Air geplant, wurde aber vom Wetter zunächst verhindert. In der Folge wurde nicht nur der Termin verschoben, sondern auch gleich der Veranstaltungsort: weg von einem Parkplatz im Ortskern, hin zu einem Bauernhof in idyllischer Lage. Das Warschenhofer Gut blieb acht Jahre lang Schauplatz des Festivals und bot eine ebenso einzigartige wie charmant-skurrile Atmosphäre. Eine Scheune voller Lärm genießen, dann an Kunstinstallation und Traktor vorbei zum Zelt gehen, morgens verkatert Kühe schauen. Diese Symbiose von Landwirtschaft und zeitgenössischem Kunstschaffen endete 2015.

Bewegte Geschichte
Für 2016 hatte das Organisationsteam eigentlich eine Pause geplant. Doch ein leerstehendes Geschäftslokal im Ortszentrum (Alte Nähstube) lud förmlich zur Zwischennutzung ein. Man konnte dort einfach nicht nichts veranstalten. Der Verein benannte sich in „Klangfolger“ um und programmierte eine Veranstaltungsreihe mit demselben Titel, die sich über drei Monate erstreckte und dreizehn verschiedene Kulturereignisse umfasste: überwiegend Konzerte, aber auch Lesungen, eine Performance, sogar den Vortrag eines CERN-Wissenschaftlers. 2017 ging man es dann wirklich etwas ruhiger an und beschränkte sich auf ein einziges Klangfolger-Wochenende im Rahmen der Langen Nacht der Musik (u. a. mit dem fulminanten Lê Quan Ninh).

In den letzten beiden Jahren hat sich der Kulturverein noch besser im öffentlichen Leben Gallneukirchens verankert. Man ist nun sichtbar, arbeitet und veranstaltet im Ortskern. Durch die Auslagen der Alten Nähstube gewinnen die PassantInnen einen Einblick, die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme wird gesenkt, eventuelle Vorurteile leichter zerstreut. Ab und an platzt eine soziale Blase und unerwartete Begegnungen passieren. Obwohl die Alte Nähstube von bewohnten Gebäuden umgeben ist, gab es bis dato noch keine einzige Beschwerde (z. B. wegen der Lautstärke bei Konzerten).

Aktuell bilden elf Menschen das Kernteam. Etwa nochmal so viele sind Teil des erweiterten Kreises, diese bringen sich zwar auch inhaltlich ein, aber nicht kontinuierlich. Und schließlich gibt es zwanzig bis dreißig UnterstützerInnen, die an Veranstaltungstagen mithelfen. Dabei geschieht sämtliche Arbeit ehrenamtlich. Wie groß ist das eigene schlechte Gewissen angesichts der Selbstausbeutung? Die Antwort von Tanja Fuchs ist einfach und entwaffnend. „Es ist in Zeiten wie diesen extrem wichtig, dass solche Dinge passieren.“ Trotz allem. Punkt. Let’s go.

Triple X
2018 kehrt man zum Festivalformat zurück. Das diesjährige Festival wird als insgesamt zehntes präsentiert und steht unter dem Banner des Buchstabens X, der bekanntlich für die römische Ziffer 10 steht. „Es hat acht Klangfestivals gegeben und das ist jetzt das neunte. Aber das zehnte.“ Thomas Auer spricht’s und lacht. Man muss nicht alles verstehen. Der Buchstabe X steht nicht eben auch für das Variable und Unbekannte.
Zum ersten Mal wird das Festival dreitägig sein. Die bereits vielfach erprobte Alte Nähstube fungiert dabei als Zentrale. Die primäre Konzertlocation ist allerdings die „Halle X“, eine alte Feuerwehrhalle, die eigens für das Festival raumakustisch aufgewertet wurde. (Beide Gebäude sind Leerstände, Leerstellen, und da ist es schon wieder, das X.) Am Samstag wird zudem auch die wildromantische Ruine des Schlosses Riedegg bespielt: mit einer Performance von Magdalena Plöchl, die das Schöne und seine Machbarkeit, sowie die Rolle von Ikonen verhandelt.
Von Anfang an hat das Klangfestival andere Kunstformen miteinbezogen. Regelmäßig wurde das musikalische Programm von Installationen, Theaterstücken, Live-Art oder literarischen Auftritten flankiert und kommentiert. Dieses Jahr wird der zweite Stock der Festivalzentrale (Alte Nähstube) eine Ausstellung beherbergen. Für diesen Zweck hat das Klangfestival einen Open Call ausgeschrieben, der sich an alle Spielarten der Bildenden und Darstellenden Künste wandte. Zu Redaktionsschluss standen die ausgewählten Artists jedoch noch nicht fest. Auch das Booking war noch nicht zur Gänze abgeschlossen. Die bislang fixierten Acts versprechen jedenfalls bereits hohes Niveau und beste Unterhaltung. Proqueerfeministische Haltung gehört zum Selbstverständnis des Vereins. Auch ohne selbstauferlegten Frauen*quote beim Booking (die noch nicht eingeführt wurde, aber intern immer wieder diskutiert wird), erreicht man ein relativ ausgewogenes Geschlechterverhältnis.

Experimentell me more
Die progressiven Clubsounds der Wienerin „ƒauna“ sind subversiv und leidenschaftlich, sie scheuen weder Tod noch Lo-Fi und schon gar nicht die Zukunft. Kann also gut sein, dass sie sich mit „Wien Diesel“ gut versteht. Wobei dieses enthemmte Projekt von MC Rhine und Producerin Marie Vermont deutlich brachialdadaistischer um die Ecke kommt. Ingrid Schmoliner wiederum agiert mit gänzlich anderen Mitteln, mit Strategien der Neuen Musik. Sie arbeitet gerne mit wohl präpariertem Klavier, Stimme und klassischem Minimalismus. Ihr Zugang ist avantgardistisch, aber nicht verstockt elitär, sondern offen und stets am Unerhörten interessiert. Mit dem „Kollektiv Okabre“ wurde ein Projekt gebucht, beim dem das transdisziplinäre Arbeiten Teil der künstlerischen DNA ist. Das Linzer Sextett existiert seit vier Jahren, und hat sich rasch einen Namen erspielt. Unter anderem mit ebenso originellen wie stilsicheren Filmvertonungen. Am Klangfestival wird die Band aus dem Vollen schöpfen, um den Horrorklassiker „Night of the living dead“ (1968) live zu bereichern. „Gorilla Mask“ ist ein Projekt des kanadischen Altsaxofonisten Peter Van Huffel. Für dessen forcierte Free Jazz-Abfahrten legen Bassist Roland Filezius und Drummer Rudi Fischerlehner die harte Piste. Präzise, komplex, wuchtig, virtuos. Das Trio Jakob Gnigler / Susanna Gartmayer / Angelica Costello verspricht dem Papier nach ein Highlight zu werden. Costello muss aufpassen, dass sie von gewissen Szenen nicht bald heiliggesprochen wird, Gartmayer gehört seit Jahren mit zu den spannendsten InstrumentalistInnen hierzulande und Gnigler spielt sich auch gerade in die erste Liga.

Die Schwedin „Fågelle“ wiederum schichtet Rauschen und rhythmische Drones aufeinander, fragmentiert und entfremdet synthetische Sounds, setzt schlichtweg fulminante Gesangsmelodien auf das tonale Gewaber. Das ist Honig und Beton, das ist Popnoise vom Feinsten. „Diese Frau ist einfach eine Erscheinung“, bringt es Tanja Fuchs auf den Punk, „ein bisschen wie Björk, aber ohne den Kitsch.“
Entfernt artverwandt mit „Fågelle“ sind „Slow Slow Loris“, ein deutsch-amerikanisches Zweiergespann, das düstere elektronische Klänge, Breakcore-Elemente und zitternde Loops mit verfremdeten Vocals ins Gespräch bringt, bis alles zerbrechlich und tanzbar ist.
Ein anderes spannendes Duo sind „Ester Poly“ aus der Schweiz. Zwei Frauen aus zwei Generationen, zwei Stimmen, Bass und Schlagzeug. Treibend und druckvoll und melodisch, sehr cool und ein bisschen noiserockig, politisch und klug und multilingual. Straighter Edelpunk in Zeiten ohne Cholera, dafür mit ganz viele anderen Beschissenheiten.

Das Klangfestival denkt nicht in Genres, dennoch gibt es einen roten Faden bei der Programmierung: „Ob noisy, jazzig oder clubig, das Verbindende ist ein experimenteller Zugang“, meint Tanja Fuchs, die gemeinsam mit Magdalena Landl dieses Jahr hauptverantwortlich für das Booking ist.

Ende August – beim zehnten Klangfestival, das eigentlich das neunte ist – wird das Publikum erfahrungsgemäß zu großen Teilen aus der unmittelbaren Region kommen, aus Linz und Umgebung, aber auch aus ganz Österreich, und vereinzelt sogar aus Nachbarländern. Spread your X-Wings and fly. Nächtliche Heimfahrten kann man sich ersparen, da es in unmittelbarer Nähe des Geschehens Campingmöglichkeiten gibt. Langweilen sollte sich beim Festival wohl keine/r so schnell. Und falls doch, ist das nicht schlimm, weil es doch lediglich bedeutet, dass da jemand gerade kreativ wird.

 

Klangfestival Gallneukirchen
24.–26. 8. 2018
Infos: klangfestival.at
Tickets: klangfolger.kupfticket.at

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Autor & Mikrophönix, www.stephanroiss.at

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