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Sonja Großmann. Anarchistin im Schatten?

By   /  3. Dezember 2020  /  No Comments

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Die Referentin bringt seit mehreren Heften eine Serie von Porträts über frühe Anarchist_innen und den Anarchismus als eine der ersten sozialen Bewegungen überhaupt. Brigitte Rath beleuchtet dieses Mal das Leben und Wirken von Sonja Grossmann – und den Widerspruch, dass sich die anarchistischen Bewegungen in ihren Schriften für die Beseitigung von Hierarchien zwar einsetzten, aber wenige die Gleichstellung der Geschlechter gelebt haben.

Die 1884 im russischen Grodno (heute Weißrussland) geborene Sophie (später meist Sonja) Ossipowna Friedmann kam mit einer älteren Schwester nach England und lernte 1903 im Kreis um den russischen Anarchisten Petr Kropotkin den österreichischen Anarchisten Rudolf Großmann (1882–1942) kennen, besser bekannt unter seinem Pseudonym Pierre Ramus.1 1907 zogen die beiden nach Wien und veröffentlichten die Zeitschrift Wohlstand für Alle und später Erkenntnis und Befreiung. Ab ca. 1912 lebten sie in einem Haus in Klosterneuburg (Schießstättegraben 237), in das an Sonntagnachmittagen häufig Freund_innen und Aktivist_innen zu Besuch kamen. Die ältere Tochter Lilly2 kam am 5. Dezember 1907 zur Welt, die jüngere, Erwina, drei Jahre später. 1912 heirateten Sonja und Rudolf Großmann. Er erwähnte sie ausführlich in seinem stark autobiographisch geprägten, 1924 erschienenen Roman Friedenskrieger des Hinterlandes. Darin charakterisierte er sie „nicht als Gefährtin oder Weib, mit ihm in freier Vereinigung vermählt, sondern als Kameradin, als Anarchistin“.3 Ganz deutlich hob er ihre aktive Rolle im österreichischen Anarchismus hervor.

Überlieferung
Über Sonja Großmann sind wir vor allem indirekt informiert, d. h. sie wird in Briefen oder anderen Ego-Dokumenten erwähnt. Diese vermittelten Beschreibungen zeigen ihre Bedeutung für die österreichische anarchistische Bewegung rund um den charismatischen, aber auch umstrittenen Pierre Ramus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Selbst hat sie kaum schriftlich Spuren hinterlassen. Häufig waren Frauen in sozialen Bewegungen an wichtigen Schnittstellen tätig, ohne selbst schriftlich hervorzutreten. Ihre Tätigkeitsfelder sind schwer zu definieren, variieren und sind dennoch wichtig für die Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen, auch wenn die Frauen nur allzu oft im Schatten der Geschichte agierten. Konstellationen wie die hier genannte führen zu Verzerrungen, die auch heute noch eine Rolle spielen – zu Ungunsten der Sichtbarkeit von Frauen. Für Sonja Großmann kann dies deutlich belegt werden.

Der rumänische Schriftsteller, Pazifist und Anarchist Eugen Relgis (1895–1987) beschrieb bei einem Besuch in Wien 1930, dass sie die Administration der Zeitschriften führte.4 Da ihr Name jedoch nicht im Impressum aufscheint, blieb diese Tätigkeit lange unsichtbar. Sie hat wohl auch Übersetzungen vorgenommen, Vorträge organisiert und sich in Diskussionen eingebracht. In den Erinnerungen ihrer Tochter Lilly sind diese Aktivitäten präsent: Manchmal fuhr Sonja mit Pierre Ramus auf Vortragsreisen, wie beispielsweise zu einem Kongress nach Lyon, aber nicht sehr oft, denn sie musste bei den Kindern bleiben. Außerdem übernahm sie die Verantwortung für den Druck von Erkenntnis und Befreiung, fuhr in die Druckerei und schrieb auch selbst. Bei den häufigen sonntäglichen Treffen in Klosterneuburg versorgte sie die Gäste mit Kaffee.5

Sie versorgte die Gäste allerdings auch mit Tipps zu neuer anarchistischer Literatur. In der Korrespondenz zwischen dem Ehepaar Misar und dem Ehepaar Großmann, die sich von 1917 bis 1930 nachweisen lässt, wird der häufige – freundschaftliche – Austausch sichtbar, wie eben auch bei sonntäglichen Treffen. Brieflich versicherte Olga Misar am 3. September 1921: „Ihre Frau dürfte sich aber nicht jedesmal auf Bewirtung einrichten, sondern wir bringen etwas mit + verzehren es gemeinsam.“6 Dieser Eintrag zeigt die Bedeutung und Verflochtenheit von politischer Diskussion und alltäglichem Handeln.

Pädagogisches Interesse
Das Ehepaar Großmann teilte das Interesse für neue, rationalistische, gewaltfreie und koedukative Erziehung, wie sie der spanische Pädagoge Francisco Ferrer (1859–1909) im Model der Escuelas Modernas vertrat. Die Umsetzung der Ideen Ferrers führten Robert Bodansky7, Olga Misar und Pierre Ramus in einem Komitee zusammen, das ein internationales Francisco-Ferrer-Erziehungsheim in Wien errichten wollte. Ein Aufruf, Erziehungsheime im Stile Ferrers zu errichten, erschien im März 1921 in Erkenntnis und Befreiung, dem die oben genannten sowie Malva (Malvine, geb. Goldschmied) Bodansky (1877–?),8 Sonja Ossipowna-Großmann und andere nachkamen und gemeinsam diskutierten.9 Die Verschränkung von privaten und politischen Interessen war einer der Gründe, sich für die Umsetzung dieser neuen pädagogischen Konzepte zu engagieren, denn alle der genannten hatten Kinder, die sie freisinnig erziehen wollten. Das Engagement der Ehefrauen trat dabei besonders zu Tage, da auch in anarchistischen Kreisen Kindererziehung als Aufgabenbereich aber auch Einflussbereich von Frauen galt. Die für das Projekt gespendeten 200 Dollar reichten jedoch nicht aus, ein Haus anzukaufen. Das Ehepaar Grossmann sprach sich daraufhin dafür aus, das Geld an die Kinderfreunde zu spenden.“10

Sonja Großmann war als Aktivistin im Bund herrschaftsloser Sozialisten vertreten. Nachweisen lässt sich ihre Teilnahme an der Landestagung am 25. und 26. März 1922 in Graz, wo sie aufgrund der Erfahrungen der russischen Revolution „umfassendste Landpropaganda“ forderte.11 Auch in der bildlichen Darstellung wird ihre wichtige Position sichtbar. Zentral ist sie in der ersten Reihe neben Ramus platziert, womit eine klare Hierarchisierung verbunden ist. Im Vergleich zu anderen fortschrittlichen politischen Bewegungen, in denen auch häufig die politische Mitarbeit von Ehefrauen nachweisbar ist, die jedoch auch in der bildlichen Darstellung verborgen bleibt, bezeugt diese Darstellung die Praxis ihrer politischen Einbindung.

Historische Un/sichtbarkeit
Auch wenn Ramus in seinen Schriften, beispielsweise in der 1921 erschienen „Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus“ Freiheit und Gleichheit thematisierte, sind doch komplementäre Rollenaufgaben für die beiden Geschlechter in der Praxis des Familienalltags festzustellen. Damit folgte ihre gleichberechtigte Aufgabenverteilung des „Ehepaars als Arbeitspaares“, wie es die Historikerin Heide Wunder für die frühneuzeitliche Gesellschaft festgestellt hat.12 Diesen Verteilungen liegt eine Trennung von öffentlich und privat zugrunde. Auch wenn sich solche Polaritäten oft vermischen und nicht klar zu trennen sind, übernahm Ramus die historisch sichtbaren Aktivitäten, wie Texte schreiben und sie namentlich zu zeichnen, Vorträge halten, bei internationalen Kongressen präsent zu sein. Dennoch sind die Aktivitäten von Sonja Großmann, oft auf der informellen Ebene angesiedelt und damit für die historische Forschung schwieriger nachweisbar, für den Aufbau und die Funktion von sozialen Bewegungen ebenso wichtig.

Überschreitungen dieser dualen Geschlechterkonzepte werden auch in dem Eintreten von Ramus für Vasektomie, eine Praxis der temporären Sterilisation des Mannes, deutlich. Dass sich Männer aktiv um Empfängnisverhütung kümmern, war zu jener Zeit auf jeden Fall eine Grenzüberschreitung – und ist es wohl, in veränderter Form, auch heute noch. 1933, in einem Prozess in Graz, bei dem Ramus für durchgeführte Vasektomien verantwortlich gemacht wurde, bekam er einen Freispruch, ein Jahr später jedoch eine zehnmonatliche Gefängnisstrafe.13

Auch eine Migrationsgeschichte
Sonja Großmann musste mehrmals in ihrem Leben migrieren und sich damit an neue Lebensverhältnisse anpassen. In ihrer Jugend kam sie von Russland nach England und dann weiter nach Österreich. 1938 gelang mit der jüngeren Tochter und deren Ehemann die Flucht nach London, dann nach Paris, wo sie ihren Ehemann Pierre Ramus zum letzten Mal traf. Er starb auf einem Schiff nach Südamerika ganz plötzlich an einem Schlaganfall. Über London gelangten Sonja und ihre Familie daraufhin in die USA, wo sie am 14. November 1974 in Los Angeles starb. Mit dieser Migrationsgeschichte, teilweise erzwungen, ging auch ein sprachlicher und sicher auch ein kulturell breiter Horizont einher.

Ihr Leben zeigt, wie schwierig es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, auch in fortschrittlichen anarchistischen Zirkeln traditionelle Geschlechterzuschreibungen aufzubrechen. Wie sieht es heute mit Geschlechterzuschreibungen aus?

 

1 Biographische Verortungen dazu unternahm Reinhard Müller im Oktoberblatt des Kalenders Anarchistinnen aus Österreich 2017.
2 Dr. Elisabeth (= Lilly) Schorr.
3 Pierre Ramus, Friedenskrieger des Hinterlandes, Wien 2014, 222; von 219–239 beschrieb er ihre Erfahrungen mit seiner Kriegsdienstverweigerung.
4 Eugen Relgis, Evocando a Pierre Ramus, in: Hommage à la non-violence, Lausanne 2000, 21.
5 Lilly Schorr, „Mein Vater Pierre Ramus“ – ein Gespräch, in: Hommage à la non-violence, Lausanne 2000, 35.
6 IISG, Ramus Papers, 152, 96–97.
7 Robert Bodansky/Bodanzky Pseudonym: Danton, (1879–1923) Schriftsteller, Liberettist, Schauspieler und Regisseur.
8 Sie engagierte sich auch in der IFFF.
9 Erkenntnis und Befreiung, 3/14 (1921), 4.
10 Erkenntnis und Befreiung, 3/8 (1921), 3.
11 Erkenntnis und Befreiung, 4/20 (1922), 3.
12 Heide Wunder, „Er ist die Sonn’, sie ist der Mond.“ Frauen in der Frühen Neuzeit, München 1992.
13 Reinhard Müller, „Wer pessimistisch in die Zukunft blickt, offenbart seinen schwachen Willen“, Wien 2016, 11–15.

Die Serie in der Referentin ist auf Anregung von Andreas Gautsch bzw. der Gruppe Anarchismusforschung entstanden. Siehe auch: anarchismusforschung.org

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About the author

geboren in Linz, Studium der Geschichte und Soziologie in Graz und Wien, arbeitet zu diversen Themen der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Aktivitäten auch auf: anarchismusforschung.org

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