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Zwei Männer in Griechenland

By   /  1. Juni 2018  /  No Comments

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Von Silvana Steinbacher ist vor einiger Zeit ein Buch erschienen, das den erlebnissüchtigen Schauspieler Harald und den dicken Komplexitätsforscher Boris gemeinsam auf Urlaub schickt. Oder auch: Burnout trifft Halluzinationen. Passend zum Sommer: Lektüre und Leseprobe.

Schirminger funktioniert anfangs noch nach Haralds Vorstellungen. Bereitwillig schildert er seinen Zustand an der Grenze zum Tod, wie es auch seine Ärzte später bezeichnet haben. Er hat das Gefühl gehabt, den eigenen Körper abzulegen wie einen Anzug, auch die Fragen, ob bei der Operation etwas misslingen könnte, ob er sterben müsse, haben ihn nicht beschäftigt. Harald hört an dieser Stelle des Berichts noch etwas teilnahmslos zu, dann aber folgt das Stichwort, das die Mühen des Nachmittags, so hofft er, lohnen wird. Schirminger beugt sich vor, nur wenige Tische sind besetzt, doch er flüstert beinah konspirativ: „Dieser Zustand hat mein Leben verändert; ich empfand ein Gefühl der unbeschreiblichen Ruhe“, Harald unterbricht ihn: „Ruhe, sonst nichts?“
„Einfach Ruhe, wunderbar, sonst nichts.“ „Kein Glücksgefühl, keine Euphorie?“ Schirminger lockert seinen Gürtel, kratzt sich am Kopf und legt seine Beine auf den freigewordenen Stuhl seines Cousins. Es ist ihm anzumerken, dass er nicht nachvollziehen kann, worauf Harald abzielt.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, welches Glücksgefühl? Darüber, dass ich womöglich in der nächsten Sekunde sterben muss?“
„Aber man hört doch immer…?“
„Ach darauf wollen Sie hinaus, da muss ich Sie auf allen Linien enttäuschen. Ich habe kein Glücksgefühl erlebt, keine Euphorie empfunden, und das vielzitierte weiße Licht hat mich übrigens auch nicht besucht, wohltuende Ruhe, sonst nichts“, fügt er scherzhaft hinzu. Doch Harald überkreuzt ernst die Arme vor seiner Brust, seine Fußspitzen kreisen nervös, wie Boris bemerkt. Nach einer Pause sagt Schirminger noch: „Doch an eines kann ich mich noch erinnern.“
„Ja?“ Wirst du diese Stunden doch noch als Erfolg verbuchen, ich vergönn es dir nicht, Boris rührt ungeduldig und ärgerlich in seiner leeren Kaffeetasse.
„Es muss ungefähr vor dem Zeitpunkt gewesen sein, als die Ärzte ahnten, dass sie meinen Blutverlust stoppen, mich möglicherweise retten könnten, als ich mich von einer eigenartigen Traurigkeit umhüllt fühlte, ich kann es gar nicht anders ausdrücken. Ich dachte, „Scheiße, nie mehr einen Rausch, nie mehr Sonne, sich nie mehr am Anblick einer schönen Frau erfreuen.“ Boris lacht schallend, Schirminger stimmt gut gelaunt ein und stößt mit ihm an.
An dieser Stelle des Gesprächs dürfte Harald festgestellt haben, dass von Schirminger nichts mehr zu erwarten sein würde. Ohne Boris zu fragen, verlangt er die Rechnung, die Boris ohne ein Wort des Protests seinen Freund begleichen lässt. Harald reicht Schirminger die Hand, richtet Grüße an den Cousin aus, Boris verabschiedet sich herzlich und geht das kurze Stück zum Auto zügig, ohne auf seinen Freund zu warten. Normalerweise schlendern sie nebeneinander, und Boris, der auch auf der Insel meistens fährt, hält Harald manchmal sogar die Beifahrertür auf, was beide amüsiert.
Diesmal startet Boris, ohne zu beachten, ob Harald bereits im Auto sitzt und jagt den gemieteten Kleinwagen über die Schotterstraße. Eine angenehme Brise hat nach Haralds enttäuschendem Euphorie-Geplänkel die Hitze abgelöst, Harald streckt seinen Kopf durchs heruntergelassene Fenster und erfreut sich an dem kühlenden Wind. Er sieht Boris einige Male prüfend an und bedauert kurz vor ihrer Ankunft im Hotel, dass sie unnötigerweise einige Stunden verschwendet hätten, obwohl sie das Auto doch bereits am nächsten Morgen zurückgeben müssten. Wortlos biegt Boris daraufhin in einen Feldweg ein, versucht auszusteigen, kann sich aber in seiner Erregung kaum aus seinem Sitz erheben. Harald, der inzwischen längst ums Auto gelaufen ist, reicht ihm die Hand, Boris winkt ärgerlich ab, wuchtet sich noch zwei Mal hoch, dann steht er endlich in dem violetten Kräuterfeld. Harald starrt ihn an und sorgt sich um Boris’ Gesundheit; er hätte ihn in den vergangenen Tagen nicht so maßlos fressen lassen sollen. Mehrmals fragt er Boris, was ihm fehle und wie er helfen könne. Boris, sprachlos von dieser Wucht an Ignoranz und mangelndem Feingefühl, fuchtelt mit den Händen, stampft sogar auf wie ein kleines Kind. Harald erinnert sich an seinen Erste-Hilfe-Kurs, berührt Boris an den Schultern und fragt ihn: „Ist alles in Ordnung?“ Boris schaut ihn unverwandt an, reißt den Mund auf, bringt aber kein Wort heraus, seine Lippen beben, seine Knie schlottern. Heftige Zuckungen, gefolgt von Schockstarre, überlegt Harald. Er zerrt den Verbandskasten aus dem Handschuhfach. Bevor ihm einfällt, was er mit dessen Inhalt anfangen könnte, schleudert Boris ihm das Kästchen aus der Hand. Pflaster, Schere, Mullbinden landen auf dem Lavendel. Boris holt tief Luft, setzt sich wieder auf den Autositz und brüllt Harald zum ersten Mal in ihrer langen Freundschaft an:
„Es ist widerlich, wie du dich die vergangenen Stunden verhalten hast. Wie du ihm deine Zuwendung vorgetäuscht hast, nur um zu erfahren, wonach du in deiner Sensationslust gierst. Abstoßend! Mich wundert nicht, dass du seit Jahren keine Beziehung mehr zustande bekommst.“ Er steht auf, geht bedrohlich dicht auf Harald zu, nimmt seinen Kopf in beide Hände, lässt ihn mit einer unschlüssigen Geste wieder los und drosselt seine Stimme „Was siehst du eigentlich in anderen Menschen? Stützen, die Hab-Acht zu stehen haben, wenn sich der Herr wieder einmal auf seiner abstrusen Glückssuche befindet? Es muss dir klar sein, dass bei deinem jubelnden Entgrenzungszeug andere immer auch auf der Strecke bleiben.“
„Das versteh ich nicht, ich schade doch keinem.“
„Oh doch, mit deinem Desinteresse, deiner Ignoranz, deiner Blindheit, deiner Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber; Eigenschaften, die du früher nicht hattest.“ Beide setzen sich in die geöffnete Wagentür, und eine Weile verharren sie Rücken an Rücken unmittelbar neben dem farbenfrohen Feld.

Harald steht ziemlich unschlüssig an einer Kreuzung und geht einige Male auf und ab. Kurz und kühl gestaltete sich der Abschied vor dem Hotel und da Boris keinen Zweifel daran ließ, dass sein Freund den Abend allein zu verbringen hat, weiß Harald in diesem Moment noch nicht recht, wohin mit sich.
Nach einer Weile bleibt ein Bus stehen, der Fahrer hupt, zuckt mit den Schultern, wartet, ob Harald einsteigen möchte. Von den hauptsächlich jungen Mitfahrenden erfährt er das Fahrziel des Busses, ein kleiner Ort, von dem er bisher noch nichts gehört hat. Die Fahrgäste befinden sich offensichtlich auf der Rückfahrt vom Strand zu ihren Hotels. Ihr Ton ist locker, freundschaftlich, einige dürften bereits am Nachmittag getrunken haben, die Gespräche werden lauter und ausgelassener, Harald entgehen die besorgten Blicke des Fahrers nicht.
Er erinnert sich jetzt, dass ihn die infantile Lebensfreude der Strandgäste am ersten Urlaubstag auch beflügelt hat. Wie ein Zaungast versucht er daher, diese rund zwanzig Urlauber zu beobachten. Sie denken nicht an Gipfelerlebnisse, Glücksgefühle oder den Kick. Sie kosten aus, was sich ihnen bietet, unmittelbar bietet: teils selbstverständlich, teils geradezu gierig.
Ein muskulöser Jugendlicher kotzt auf den Mittelgang und zerstört Haralds schönes Bild gerade. Der Bus hält, der Fahrer schnauft ärgerlich, murmelt Unverständliches, reicht dem Jugendlichen einen Fetzen, zwei Mädchen assistieren ihm; dann setzt der Chauffeur die Fahrt fort. Die Stimmung wird gedämpfter, nur noch wenige lassen die Flasche kreisen, einige schlafen ein. Harald wundert sich nach einer Weile, dass der Bus an keiner Haltestelle stehen bleibt. Nach einer dreiviertel Stunde nähern sie sich einer belebten Gegend, die Harald in dieser Geschmacklosigkeit auf der Insel nicht erwartet hätte. Illuminierte mehrstöckige Hotels tauchen wie aus dem Nichts auf, grelle Neonbuchstaben prangen an den zahlreichen Bars und Cafés, künstliche Palmen rahmen einige Häuserfronten ein. Wäre der beleidigte Boris jetzt an meiner Seite, würde er wohl an eine Halluzination glauben, überlegt Harald und zweifelt selbst einen Moment, ob er seiner Wahrnehmung trauen soll. Er fixiert den Hinterkopf des Busfahrers, den er zu manipulieren versucht. Bleib hier ja nicht stehen, fahr weiter. Na funktioniert doch, denkt Harald, danke, mein Guter hinter dem Lenkrad. Es ist sicher bald überstanden und dann eröffnet sich wieder der Blick auf eine malerische Bucht mit Taverne, wo mich bereits eine freundliche Kellnerin erwartet, mir herzlich zulächelt und sofort eine köstliche Vorspeise serviert.
Doch die Flaniermeile, oder worum immer es sich handeln mag, scheint kein Ende zu nehmen. Als sie gerade an einer Tankstelle vorbeifahren, stehen die Jugendlichen auf, packen ihre Sachen in ihre Badetaschen und gehen zu den Ausgängen. Und dann passiert es: Der Bus hält kurz darauf. Harald bleibt noch auf seinem Platz sitzen, doch ein Mädchen erklärt ihm, dies sei bereits die Endstation.

 

Am Ende der Leseprobe ist natürlich nicht Endstation.

Der Roman Pinguine in Griechenland im Verlagstext: „Harald hetzt in beinah suchtähnlichem Ausmaß den emotionalen Ausnahmeerfahrungen hinterher. Nichts ist ihm zu gefährlich oder trivial, um einem emotionalen Kick zu gelangen. Als Schauspieler kann er sich die Flow-Erlebnisse auf der Bühne holen und scheint befriedigt zu sein. Plötzlich aber erhält er seine Glückszufuhr nicht mehr. Zur selben Zeit ändert sich auch Boris’ Leben. Unerwartet und scheinbar ohne Auslöser wird er von Halluzinationen, die er gleichmütig als bereichernde Gratis-DVDs in sein Leben integriert, heimgesucht.“ Die beiden Freunde beschließen, gemeinsam Urlaub zu machen..

Silvana Steinbacher,
Pinguine in Griechenland
Verlag Bibliothek der Provinz, 2017

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About the author

ist Autorin und Journalistin.

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