Loading...
You are here:  Home  >  Kunst und Kultur  >  Current Article

„Wir sind das Genre!“

By   /  1. März 2019  /  No Comments

    Print       Email

LINZ FMR ist ein biennales Format für Kunst in digitalen Kontexten und öffentlichen Räumen, das Ende März zum ersten Mal stattfindet. Hybris – Artists in Residence am diesjährigen LINZ FMR – fanden sich zum Skype-Brunch ein und erzählen zum Einstieg von Ladekabelkrisen, Cyberfeminismus und dem Kampf um Aufmerksamkeit Digital-Post- Pubertierender. Ein Interview von Romana Bund.

Hybris – Auch der Kapitalismus hat Komplexe! (2017)

Hybris – Auch der Kapitalismus hat Komplexe! (2017)

Wie schmeckt ein Skype-Brunch?
Nach Mok-Bang mit Kaffee.

Apropos Skype: Skype als eines der Urgesteine unter den Video-Chat- und Instant-Messaging-Plattformen – wie wichtig sind derartige Kanäle für euch?
Wir wohnen alle in verschiedenen Städten und deswegen ist es natürlich schon sehr wichtig. Wir machen ständig Skype-Dates aus, die dann nicht stattfinden, oder bei denen dann nach fünf Minuten eine von uns ganz dringend weg muss. Wir sind aber dann trotzdem froh, dass wir darüber geredet haben.

Plant ihr eure künstlerischen Arbeiten über Skype und ähnliche Kommunikationsplattformen oder macht ihr das dann doch lieber analog, Face to Face und ohne Computer, Handy und Kabelsalat neben dem Frühstücksei?
Es ist eher mehr so eine Mischung aus monatelangem Brainstorming und therapeutischen Sprachnachrichten; oder besser gesagt, dann zwei Tage vorher auf einmal merken, dass wir jetzt wirklich was brauchen.

Und was ist mit Social Media?
Benutzen wir nur um Andere darauf aufmerksam zu machen, wie toll wir sind! Und um Crushes zu stalken.

Facebook oder Instagram?
Instagram und Twitter.
Felizitas ist ohnehin von Facebook ausgetreten und Instagram gleicht in ihrem Fall einem Accountfriedhof, bzw. kreiert sie immer wieder neue Accounts, nur um ein paar Wochen später alles zu deaktivieren. Theresa dagegen ist noch auf Facebook aktiv, lässt auf ihrem Instagram-Account aber immer andere für sich posten.
Natalia ist bei Facebook contemporary not available. Auf Instagram gibt sie sich gerne die volle Dröhnung und landet dann bei 5-Minute Crafts.

Wo spielen diese digitalen Vernetzungskanäle in euren Arbeiten eine Rolle?
Unser Instagram-Account ist eigentlich auch Teil unserer Kunst. Wenn wir was Neues posten, denken wir immer, jetzt gehen wir viral, gleich ruft Jan Böhmermann an. Und wundern uns dann tatsächlich, wenn das nicht passiert.

Eure künstlerischen Arbeiten bewegen sich – auch mit Hinblick auf euren Instagram-Account – zwischen analogen und digitalen Welten hin und her. Seht ihr euch auf beiden Seiten gleich stark verankert?
Wir stehen eher zwischen den Welten und wundern uns, wo die Realität stattfindet.

Ist das Wechselspiel von analog und digital auch der Grund für eure Namensgebung Hybris?
Der Grund für unsere Namensgebung ist eher die bescheidene Eingebung, dass wir uns einfach mehr feiern sollten.

Wie definiert ihr Hybris und wie manifestiert sich diese in euren Arbeiten?
Hybris kommt aus dem Altgriechischen und steht für eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Damit wir aber nicht total arrogant rüberkommen, nennen wir uns inzwischen auch mal Hybris0815.

Und wo kommt nach altgriechischer Begriffsdefinition der Übermut und die Selbstüberschätzung ins Spiel?
Wenn uns jemand ein Kompliment macht und es wird creepy, verstehen wir nur Groupie.

In euren Arbeiten spielt auch immer wieder der weibliche Körper und die gesellschaftliche Situierung der Frau eine Rolle. Seht ihr euch – auch als Anwenderinnen digitaler Technologien – als Cyberfeministinnen?
Unsere Ideen wachsen auf einem politischen Nährboden, der mit unseren Alltagsproblemen und Konfliktsituationen gedüngt wird. Da wir alle drei Frauen, #toughtitties sind und uns gerne mit uns selber beschäftigen, spielen Sexismus und digitale Weiblichkeit dabei natürlich ein große Rolle.
Feminismus bedeutet aber für uns auch, das sich jede/r frei bewegen kann, ohne dafür gleich einen Stempel aufgedrückt zu bekommen oder in eine Schublade gesteckt zu werden.

Bedeutet das, ihr könntet euch vorstellen, als geschlechtslose oder übersexualisierte Cyborgs im Sinne Donna Haraways zu agieren, die mithilfe von Technik und Digitalität übliche Denkkategorien in Frage stellen, aushebeln und den emanzipatorischen Charakter eben jener hervorheben?
Das übernehmen wir gerne als Artist Statement für unser Portfolio. #nopressure Unsere Hybris ist auf jeden Fall genderlos und kämpft an der Front der Freiheit.

Aber insbesondere online liegen Safe Space wie Shitstorm, Macht und Unterdrückung, Nähe und Distanz, Candy und Shit sozusagen eng beieinander. Sind diese von digitalen Technologien produzierten Ambivalenzen für eure Arbeiten primär produktiv oder auch restriktiv?
Sowohl als auch, denn zwischen: „Wir haben technische Probleme – auch WIFIs haben ihre Tage“, Keanu-Reeves-Fan-Accounts und einer selbst komponierten Hymne für zwei Chatbots machen wir so alles mit. Außerdem sammeln wir gerne Kommentare zu unserer Kunst, digital und analog. Momentaner Favorit unserer letzten Ausstellung: „Um es wie in der Höhle der Löwen zu formulieren – ich bin raus“.

Und würdet ihr eure Arbeiten lieber online oder im MoMA sehen?
Die Hybris lässt nur beides zu!

Lässt sich eure gemeinsame künstlerische Arbeit in ein Genre einordnen?
Wir sind das Genre!

Was ist mit Post-Internet Art?
The future is email.

Eine von Brian Droitcour gesetzte Definition der Post-Internet Art spielt mit der Figur der Insiderin und behauptet: „You know it when you see it“. Könnt ihr euch damit identifizieren?
You know it when you MEME it.

Versteht ihr euch als sogenannte Digital Natives?
Eher Digital-Post-Pubertierende.

Wisst ihr über eure tägliche Screen Time Bescheid?
Wir waren schon einmal auf Entzug. Felizitas hat eine App, die ihr das sagt, die wurde dann aber wieder zwecks Datenschutzes gelöscht. Theresa wiederum fährt viel U-Bahn und muss für eine Fahrt von 45 Minuten immer entscheiden, welches Lied jetzt auf YouTube geladen wird und was man solange ertragen kann. Natalia hat bei Instagram eine dreißigminütige Sperrklausel, aber jeweils für ihre drei Accounts.

Falls der Strom dann aber wirklich einmal ausgeht, besitzt ihr Powerbanks oder seid ihr dann doch lieber zwischendurch offline?
Wir besitzen sogar Powerbanks für die Powerbanks und trotzdem versagt die Technik immer. Außerdem herrscht eine Android und Apple betreffende Ladekabelkrise zwischen uns. #toobigtoofail

Und abschließend eine Frage, die das Internet seit Jahren beschäftigt: Ist das Kleid nun schwarz-blau oder gold-weiß?
Wir haben immer die Lichtapp namens Flux aktiviert, da wird alles sepia. #notsponsered

 

HYBRIS
Hybris ist ein Kunstkollektiv, das 2016 von Natalia Jobe, Theresa Hoffmann und Felizitas Hoffmann gegründet wurde. Es entstand aus ihrer Leidenschaft gegen die beunruhigend narzisstische Repräsentation von Kunst, die gerade in den sozialen Medien zunehmend verstetigt zu werden scheint. Jobe, Hoffmann und Hoffmann nähern sich dazu aus jeweils unterschiedlichen künstlerischen Hintergründen, aber mit einem gemeinsamen Ziel: die Kunstwelt mit einer einzigartigen satirischen Sichtweise auf ihren Wandel neu zu beleben: „Watch out for Hybris because they are about to defy the norm.“

 

 

Festival LINZ FMR
LINZ FMR ist ein biennales Format für Kunst in digitalen Kontexten und öffentlichen Räumen, kuratiert und organisiert von qujOchÖ, servus.at, dem Atelierhaus Salzamt, der Abteilung Kulturwissenschaft der Kunstuniversität Linz und der STURM UND DRANG GALERIE. Die erste Ausgabe findet Ende März 2019 in Linz statt.

LINZ FMR 19
Kunst in digitalen Kontexten und öffentlichen Räumen
Mittwoch, 27. – Samstag, 30. März 2019, Donaulände, Linz, Österreich
Eröffnung: Mittwoch, 27. März 2019, 17:00 Uhr, LENTOS Freiraum

Kern des Formats ist eine Ausstellung im öffentlichen und offenen Raum mit Arbeiten von internationalen und lokalen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Kunst in digitalen Kontexten auseinandersetzen. Begleitend wird ein Vermittlungsprogramm mit verschiedenen Führungen und ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Konzerten und Gesprächen angeboten, um sich neuen Ansätzen, Arbeitsweisen und Entwicklungen zum Thema zu widmen.
Mehr: linzfmr.at

    Print       Email

About the author

ist Kulturwissenschafterin und lebt in Wien. Sie arbeitet im verwobenen Dickicht von Anthropozän, Taxidermie sowie Gegenwartskunst und ist immer wieder in Ausstellungs- und Festivalzusammenzuhänge verwickelt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>