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Wir könnten auch Apfelbaum sagen!

By   /  5. März 2020  /  No Comments

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Das Aktionstheater Ensemble macht seit mehr als 30 Jahren Theater. Mit der Produktion „Bürgerliches Trauerspiel“ ist es im Mai zum ersten Mal am Landestheater Linz zu sehen. Theresa Luise Gindlstrasser hat den Regisseur Martin Gruber zum Gespräch getroffen – und beginnt mit einem kurzen Abriss über Stil, Geschichte und diverse Nominie­rungen des Ensembles.

Die Nominierung ist ein bisschen willkürlich, schreibt der Kritiker Thomas Rothschild: „Im Grunde wäre Österreichs interessanteste freie Gruppe mit jedem Stück ein Kandidat für das nachtkritik.de-Theatertreffen, wegen der bühnenwirksamen Choreographien, der musikalisch komponierten Texte und der hochprofessionellen Schauspielkunst“. Willkür hin oder her, das im Juni 2019 im Theater Kosmos Bregenz uraufgeführte „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ konnte als eine von insgesamt zehn Produktionen die meisten Stimmen des virtuellen Nachtkritik-Theatertreffens 2020 auf sich vereinen. Zum jährlichen Theatertreffen in Berlin (das die zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen im deutschsprachigen Raum versammeln will) wurde das Aktionstheater Ensemble bisher noch nicht eingeladen. Aber ist, mit jährlich mindestens zwei Produktionen und den Arbeitsmittelpunkten Bregenz und Wien, definitiv einer der wichtigsten Player der Freien Szene.

Gegründet wurde das Aktionstheater Ensemble 1989 von Regisseur Martin Gruber, seither sind über 70 Produktionen entstanden, die vielerorts gezeigt wurden (in Linz zum Beispiel im Posthof). 2016 gab es für „Kein Stück über Syrien“ den Nestroy-Preis in der Kategorie (sie nennen es immer noch so despektierlich:) „Beste Off-Produktion“. Waren die Arbeiten am Anfang noch dramenorientierte Klassikerbearbeitungen, entstehen die hochtourigen Theaterereignisse nunmehr über Improvisationen, Interviews und das Szenenmaterial wird zum unverkennbaren Aktionstheater-Duktus destilliert, montiert. Aufgrund eben dieser Unverkennbarkeit mag die Nominierung von „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ willkürlich erscheinen. Nochmal Rothschild: „Die Aufführungen des Aktionstheater Ensemble sind einander ähnlich. Positiv formuliert: Sie haben einen eigenständigen, unverwechselbaren Stil“. Was ist das für ein Stil? Sicher nicht der sogenannte „neue“. Ich würde sagen: Niemand gelangt so elegant vom Hundertsten ins Tausende, ins Private, ins Politische, dahin wo dir die Zusammenhänge vor lauter Komplexität den Kopf verdrehen und Handeln dennoch möglich, ja notwendig, wird. „Es liegt an dir!“, versucht Gruber den selbstermächtigenden Anspruch seiner Arbeiten zusammenzufassen.

Die Inszenierung „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ beginnt mit dem Satz „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert“ und endet mit einem wiederholt geweint-gebrüllten „Mama!“, bis zur Gänsehaut. Dazwischen liegen 60 Minuten, in denen die sechs Schauspielenden in rasantem Tempo über Afrika, Eigentumswohnungen und Milka-Schokolade diskutieren, in denen Wörter auseinandergenommen werden und nur solche mit einer geraden Anzahl von Buchstaben gute Wörter sind, in denen sich der „Weltfrieden“ insofern leider nicht ausgeht – weil elf Buchstaben. Das Sprechen ist von hoher Musikalität, mal verwischen die Sätze die eigenen Inhalte, mal lässt der Rhythmus die Assoziationen aufs Publikum einprasseln. Die Arbeiten des Aktionstheater Ensemble erweisen der Sprache eine doppelte Ehre: Als das kognitive Nonplusultra und als etwas, das gerade im „Faden verlieren“ passiert.

Wenn die Schauspielerin Michaela Bilgeri zum x-ten Mal fragt „Wie geht’s weiter, wo waren wir jetzt?“, dann ist das hochkomisch, weil: Reflexion über „die gelähmte Zivilgesellschaft“ beim Aktionstheater immer auch Reflexion über den Theatervorgang selbst bedeutet. „Es gilt Refugien zu schaffen, wo sich Künst­le­r*innen wohl fühlen – eine möglichst anarchische Atmosphäre und das hat natürlich etwas mit Geborgenheit zu tun. Der pekuniäre Rahmen schafft Voraussetzungen, trotzdem darf die Institution nicht wichtiger werden als die Kunst“, postuliert Gruber. Gemeinsam mit seinem langjährigen Dramaturgen Martin Ojster und einem beständigen, aber wechselnden Ensemble von assoziierten Schauspielenden wird Sprache so verdichtet, wiederholt und in kuriose Satzkonstruktionen gebracht, dass der alltäglichste Alltagssprech die ungeahntesten Inhalte preisgibt. Dabei konterkarieren scheinbar deplatzierte Choreografien den Schnellsprech, Unzusammenstellbares wird zusammengestellt und rückt umso dringlicher ins Bewusstsein hinein.

Am 8. Mai, also nicht ohne zeitgeschichtlichen Kontext, hat „Bürgerliches Trauerspiel“ als Koproduktion von Aktionstheater und Landestheater in Linz Premiere. Andreas Erdmann, leitender Dramaturg für Schauspiel am LTL, habe die Zusammenarbeit initiiert. Und Gruber zeigt sich im Gespräch positiv angetan von der Bereitwilligkeit dieser Institution auf die Aktionstheater-Arbeitsbedingungen einzugehen. Beispielsweise ist eine dreimonatige Probenzeit ungewöhnlich für einen Landestheaterbetrieb, wo Inszenierungen üblicherweise innerhalb von sechs Wochen entstehen müssen. Es wurde zunächst ein Blanko-Vertrag abgeschlossen, weil Titel, Inhalt, Ausrichtung zum Zeitpunkt der Abmachung noch nicht vorhanden waren. „Die Trägheit von solchen Institutionen kommt der Kunst nicht unbedingt entgegen“, meint Gruber, „jedenfalls ist es fein, dass sich das Haus auf uns einlässt“. So entsteht für Linz (aber nachher geht’s auf Tour) eine Begegnung von Freier Szene und Institution. Schauspielende vom Haus treffen auf Aktionstheater-erprobte Spieler*innen. „Es geht immer um die Personen, um deren Standpunkte und Ideen, insofern ist es wichtig, dass ein gewisser Stil nicht einfach nachgeahmt wird, sondern dass die jeweilige Produktion wirklich mit den Beteiligten entsteht, wir treten immer wieder neu in Kommunikation. Das hat etwas mit dem Moment zu tun. Mit Momentum, dass wir sagen können, gefällt uns nicht, schmeißen wir die Szene wieder raus. Und mit Mut: Sind wir im künstlerischen Ausdruck stärker als die Struktur? Was machen Machtstrukturen mit mir? Machismus ist ja ein Thema, das wir auf der Bühne immer wieder verhandeln, insofern gilt es das auch im Arbeitsprozess zu reflektieren“.

Der Titel „Bürgerliches Trauerspiel“ ist aus einem Scherz heraus entstanden. Auf die Frage nach der Gattung des geplanten Projektes habe Grubers Dramaturg Ojster, bloß so, das Theatergenre (das als Emanzipationsbewegung des Bürgertums im 18. Jahrhundert entstand und in der deutschsprachigen Variante zum Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing entwickelt wurde) genannt. Aus dem Scherz ist Ernst geworden und Ausgangspunkt für ein Nachdenken über „das sogenannte Bürgerliche“: Französische Revolution, der „Citoyen“, ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Adel, aber auch Spieß- oder Kleinbürgerlichkeit, Muffigkeit und so weiter, das ist der Horizont auf dem sich Gruber für den Probenprozess bewegen will. Die bürgerliche Institution Landestheater Linz wird mit dem „Bürgerlichen Trauerspiel“ selbstreflexiv: „Kulturpolitik in Oberösterreich – ein Trauerspiel“.

„Wir machen kein Eins-zu-eins-Polit-Kabarett, sondern wollen genau denken: Wie wirkt sich Politik auf das Individuum aus?“, formuliert Gruber einen Anspruch des Aktionstheaters. Das Landestheater schreibt in der Stückankündigung: „Die Produktionen des Aktionstheaters der letzten Jahre könnte man, in Anlehnung an Schiller, dramatische Gedichte nennen“. Auf meine Frage (Gedicht? Sind die Arbeiten nicht vielmehr post-gedichtisch, also prozessual, in dem Sinne, dass sie eben nicht auf einem vorgängigen dramatischen Text basieren?) reagiert der Regisseur mit einem Lob des Gedichts im Sinne von Verdichtung: „Das Aktionstheater arbeitet sozusagen mit totaler Verdichtung. Wir gehen von der Alltagssprache aus, finden einen Umgang, um diesen Duktus nicht zu verlieren, insinuieren dadurch eine gewisse Wahrhaftigkeit, als dokumentarisch lassen sich die authentischen Fragmente trotzdem nicht bezeichnen, es geht um eine verdichtete Art von Wirklichkeit“.

Sollen wir die Arbeiten des Aktionstheater Ensemble „Stückentwicklungen“ nennen? Wir könnten auch „Apfelbaum“ sagen, meint Gruber lakonisch, den solche Kategorisierungen eher weniger interessieren: „Natürlich ist es Text, mit dem wir umgehen, ich bringe was mit, wir schreiben was auf, es passiert was damit. Hauptsache keine Heldenerzählung. Ich gehe immer von meiner eigenen Blödheit aus. Es beginnt in der Grauzone des Menschseins, des ganz normalen Alltags, dort wo es, im Unterschied zum Theater keine ‚Helden‘ gibt, sondern Situationen, in denen wir uns vielleicht ‚heldisch‘ verhalten“. Er wolle niemandem erklären, was richtig sei und was falsch, so Gruber, „denn das wäre arrogant“. Um eine Ermächtigung des Publikums in Gang setzen zu können, sei es notwendig von Gut-Böse-Dichotomien und großen Welterklärungen von der Bühne herab abzusehen. Gruber will das Publikum als intrinsisch wichtig für das Zustandekommen eines Theaterabends begreifen: „Wir auf oder hinter der Bühne sind keinen Schritt weiter, wir gehen gemeinsam, das ist Demokratisierung des Theaters“.

Insofern ist es vielleicht gar nicht so abwegig, das Aktionstheater Ensemble in der Tradition des bürgerlichen Trauerspiels zu verorten. Indem es sich im 21. Jahrhundert an der Formulierung eines zeitgenössischen aufklärerischen Impulses versucht. „Sapere aude!“, hieß das mal, Martin Gruber sagt „Es liegt an dir!“.

 

Das Aktionstheater Ensemble ist mit der Produktion „Bürgerliches Trauerspiel“ am Landestheater Linz zu Gast.
Uraufführung 08. Mai, Spieltermine bis 27. Juni
www.landestheater-linz.at
aktionstheater.at

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About the author

geboren 1989, lebt und arbeitet in Wien. Studiert dort Philosophie und bildende Kunst. Schreibt dort, und manchmal woanders, meistens über Theater.

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