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Vertrauen in Netzwerke und die ‚Tra­gedy of the commons‘

By   /  5. März 2020  /  No Comments

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Preview No. 2 zum Netzkulturfestival AMRO – Art Meets Radical Openness – im Mai: Das Interview mit der Künstlerin und Forscherin Jaya Klara Brekke wurde bereits anlässlich der von servus.at organisierten Veranstaltungsreihe „The Bitcoin is dead, long live the blockchain!“ von Katja Lux geführt. Es beleuchtet verschiedene zeitgenössische Phänomene, die auch beim Festival behandelt werden – wie Dezentralisierung, technologisches Vertrauen und den Glauben an den technologischen Determinismus.

Jaya Klara Brekke, online at distributingchains.info. Bild Jaya Klara Brekke

Ich würde gern mit der Frage einsteigen, ob du Zusammenhänge zwischen dem spirituellen Glauben deiner Eltern und dem was du heute tust und glaubst, siehst? Dein inoffizieller Name bezieht sich auf die Gottheit „Gaia”.
Puh, das ist eine schwierige Frage, aber die Antwort ist unweigerlich ja. Die Art wie ich aufgewachsen bin, hat definitiv mein Denken geprägt. In einer Art spirituellen Gruppe aufzuwachsen und in anarchistische und andere kollektiv organisierte Gruppen fernab vom Mainstream involviert zu sein, hat mir bewusst gemacht, wie Gruppendynamiken funktionieren. Das betrifft auch die Entstehung gruppeninterner Dogmen. Ich bin sehr kritisch.
Ich habe zwei Namen, Jaya und Klara. Früher wurde ich in der Mainstream-Gesellschaft Klara genannt. Zuhause und bei spirituellen Zusammenkünften war ich Jaya. Daher habe ich früh die Erfahrung gemacht, dass es mehrere Wahrheiten und Arten, in der Welt zu existieren, gibt. Und diese müssen sich nicht ausschließen, sondern können sich sogar gegenseitig befruchten.

Kann man sich deine zwei Namen als die beiden Hirnhälften vorstellen? Klara wäre die rationale Seite und Jaya würde sich mehr mit der spirituellen oder emotionalen Welt befassen. Mit welcher der beiden Identitäten arbeitest du vorwiegend in deiner Forschung? Mit wessen Augen betrachtest du deinen Gegenstand und mit welcher der beiden fühlst du dich mehr verbunden?
Ich glaube, dass mich beide sehr stark beeinflussen. Natürlich kann man eine Dichotomie zwischen einer westlichen oder rationalen Sichtweise gegenüber einem nicht-westlichen, spirituellen Blickwinkel aufmachen. Aber ich glaube die Beziehung zwischen diesen beiden Sphären ist viel komplexer. Auch in der westlichen Welt gibt es einen starken emotionalen Zugang, er äußert sich nur anders oder wird anders artikuliert. Jaya ist für mich eine Erinnerung, dass es eine Vielzahl von Arten zu leben und zu denken gibt. Besonders im Computerbereich oder auf den Daten- und Finanzmärkten glaubt man an eine bestimmte Neutralität oder Rationalität. Es wird von einem universellen Wesen und einer universellen Sprache ausgegangen, obwohl sich diese Dinge unweigerlich bedingen – nach dem Motto „Das Medium ist die Nachricht”. Dadurch wird eine kulturelle Analyse erschwert. Im Zusammenhang mit Blockchain beobachte ich technikfaschistoide Tendenzen. Diese Ideologien oder Dogmen suchen nach einer singulären, stabilen Quelle für Wahrheit. Kryptographie, Mathematik und Netzwerkarchitekturen ermöglichen eine Sicht auf die Welt, die frei von menschlicher Befangenheit scheint.

In meiner Arbeit untersuche ich die spezifischen Konzepte, die im Bereich von Blockchain, Kryptowährungen und Kryptoökonomien verwendet werden. Dabei interessieren mich vor allem Fragen wie: Um welche bestimmte Form von Dezentralisierung geht es? Wie werden Vertrauen und Konsens in dieser Sphäre verstanden? Das sind die drei Hauptkonzepte, mit denen ich arbeite.
Im Zusammenhang mit der Blockchain wird Vertrauen aus der Perspektive der Netzwerksicherheit betrachtet. Wenn du versuchst, ein dezentralisiertes Netzwerk zu entwickeln, dann wird dein Verständnis von Dezentralisierung darauf abzielen, dass jedem Knotenpunkt im Netzwerk vertraut wird. Die Idee hinter einem dezentralen Netzwerk, das von den spezifischen Knotenpunkten unabhängig ist, ist die Resistenz gegenüber feindlichen Angriffen. Es gibt also ein Sicherheitsinteresse, woraus die Idee eines vertrauenslosen Netzwerks entstanden ist. Dort ist potenziell jeder ein feindlicher Akteur, der/die das Netzwerk angreifen kann. Als Sicherheitstechniker/-in muss man zwangsläufig so denken, wenn man ein dezentrales System aufbaut. Wenn du dieses Sicherheitsdenken aus der Technik auf die Gesellschaft als Ganzes überträgst, wirst du ziemlich schnell feststellen, wie fucked up deine Wahrnehmung von Gesellschaft durch diese beinahe militärische Einfärbung ist.

Passiert das auf politischer Ebene nicht ohnehin schon, dass jede und jeder verdächtig ist und daher zumindest überwacht wird?
Ja, aber was ich sagen will, ist, dass diese Systeme da nicht helfen, sondern das sogar noch verstärken. Mit der Blockchain ein Sicherheitsproblem in den Griff zu bekommen, bedeutet, ein Problem um Vertrauen per se zu schaffen. Das Vertrauensproblem wird „gelöst”, indem man beklagt, dass Menschen nicht vertrauenswürdig sind. Dieses Vertrauen wird in ein Protokoll formuliert, das zwischen Menschen vermittelt – und das ist sehr problematisch. Es ist vor allem ein Missverständnis, wie Gesellschaften funktionieren. Wenn man beobachtet, wie Menschen mit dem System interagieren, ist das nie komplett vertrauenslos. Du verlässt dich immer auf den aktuellen Stand der Technik. Du vertraust dem/der Walett-Entwickler/-in, dem Wechselkurs und auf viele andere Dinge. Und das machst du vor allem, weil viele andere Leute diesen Quellen auch vertrauen. Unsere Alltagsinteraktionen basieren auf Vertrauen. Es gibt das soziale, politische, kulturelle und wirtschaftliche Leben, technische Mittel, die materielle Welt – wo ist die Schnittstelle? Wo verschiebt sich das technische Konzept von Vertrauen zu einem sozialen Konzept von Vertrauen und wo treffen sich die beiden? Auf welche Weise wird das sichtbar?

Was können wir deiner Meinung nach von Blockchain-Systemen lernen, wenn wir versuchen zu verstehen, wie Gesellschaften funktionieren und andersherum?
Ich glaube, das eigentliche Problem ist, dass Menschen dazu neigen, Analogien zwischen diesen Dingen herzustellen. Im Moment gibt es da eine große Verwirrung. Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Netzwerk” – alles ist potenziell ein Netzwerk. Aber macht das eigentlich Sinn und was passiert, wenn wir die Dinge plötzlich als Netzwerke begreifen? Wie stehen wir dann zu diesen und nehmen wir sie dadurch dann als etwas anderes wahr? Oder: „Das Gehirn ist ein Computer”. Das ist ein schönes Beispiel um zu zeigen, wie wir durch solche Analogien die Eigenheiten beider Entitäten herunterspielen. Wir müssen uns von Analogien generell verabschieden und sollten Computer, künstliche Intelligenz, Blockchain-Systeme oder was auch immer, in ihren Eigenheiten begreifen, unabhängig voneinander.

Ich würde dich gern nach deiner Meinung zum Titel unserer Workshopreihe „Der Bitcoin ist tot, lang lebe die Blockchain!“ fragen. Was denkst du darüber?
Dazu fallen mir viele Antworten ein. Für einige Leute würde der Satz bedeuten, dass mit der Blockchain weitaus mehr möglich ist als der Bitcoin – dem würde ich zustimmen. Trotzdem ist der Bitcoin nach wie vor der Referenzpunkt, wenn es um die Erklärung der grundlegenden Funktionsweise der Blockchain geht. Auch ist der Bitcoin bisher die Kryptowährung mit dem höchsten Wert auf dem Markt und schart eine Vielzahl eingefleischter Enthusiasten um sich. Daher kann man objektiv betrachtet nicht sagen, dass der Bitcoin tot ist. Allerdings gibt es seit Jahren den Versuch, die Blockchain zunehmend aus der Bitcoin-Sphäre zu lösen. Die Blockchain ist viel mehr als das und hat das Potenzial, etwas ganz Anderes zu schaffen.

Ich habe mich gefragt, was wohl zuerst kommen muss – ein Umdenken und der politische Wille, unser Finanzsystem zu ändern, oder muss sich erst das System selbst verändern, bevor die Gesellschaft nachzieht? Wo würdest du Verbindungen zwischen der Etablierung eines Wirtschaftssystems, das auf der Blockchain basiert, und einem gesellschaftlichen Wan­del sehen?
Das sind gute Fragen. Ich glaube, man muss die Ideen der Kryptowirtschaft als Mechanismen verstehen, menschliches Verhalten zu koordinieren – gerade im Kontext des Versagens unserer existierenden Systeme. Wir brauchen neue, nicht-autoritäre, dezentrale Systeme, die menschliche Interaktionen im großen Stil regeln können. Das klingt wahrscheinlich für die verschiedensten politischen Lager sehr attraktiv. Dennoch kommen die Werkzeuge und Annahmen der Kryptoökonomie, die genau das versucht, von problematischen Positionen. Die am häufigsten vertretene ist die Behauptung, dass es immer einen Widerspruch zwischen individuellen und kollektiven Interessen gibt. Ich weiß, dass viele Menschen das verinnerlicht haben und es zu einer Art Wahrheit geworden ist. Ich glaube, dass diese Perspektive unser kollektives Selbstverständnis untergräbt. Menschen haben verschiedenste Möglichkeiten entwickelt, Regeln für ihr Zusammenleben aufzustellen und sie sind nicht so dumm. Sie besitzen die Fähigkeit zu reflektieren, dass sie durch ihr Handeln eine gemeinsame Ressource gefährden. Wir können solche Dinge denken und unser Handeln danach ausrichten. Zu behaupten, wir hätten diese Fähigkeit nicht, macht den Weg für die Notwendigkeit eines Protokolls frei, das zwischen den individuellen und kollektiven Interessen schlichtet. Diese grundlegende Idee hat leider bisher die Basis für die Forschung im Bereich der Kryptoökonomie gebildet und ich finde das komplett falsch.

Möchtest du damit sagen, dass eine Blockchain-Architektur der menschlichen Fähigkeit, sich im Sinne des Allgemeinwohls selbstlos zu verhalten, nicht gerecht wird?
Ich würde eher sagen, dass die Architektur der Blockchain-Systeme eine bestimmte Sicht auf Gesellschaften und den Menschen widerspiegeln. Und diese ist ziemlich begrenzt. Ich habe es sehr genossen, mit Ben Vickers und James Bridle an unserem Buch über das „Bitcoin White Paper“ zu arbeiten, weil sie, neben wenigen anderen, verstehen, dass Kryptoökonomien in Systeme wie Religionen und Staaten eingebunden sind. Es ist ein Projekt, das auf Annahmen basiert, wie die Welt funktioniert. Diese Annahmen formen die Welt und werden zu deiner Wahrheit. Vor allem, wenn du in einem System aufwächst, das stark von Märkten und Marktverhalten determiniert ist. Märkte behandeln Menschen so. Wächst du in einer Umgebung mit einem starken religiösen oder ethischen Glauben auf, gibt es andere Faktoren, die das kollektive Verhalten beeinflussen. Du wirst dich als Individuum wahrscheinlich als weniger losgelöst von einem kollektiven Gut betrachten.

Auf welche Weise formen wirtschaftliche Systeme Mentalitäten? Denken wir beispielsweise an Unterschiede zwischen sozialistischen und kapitalistischen Ländern. Glaubst du, dass es Unterschiede im kollektiven Verhalten gibt, je nachdem, in welchem System man aufgewachsen ist?
Ja. Diese Systeme wirken massiv auf unsere Kultur und unser Selbstverständnis ein, allerdings auf sehr komplexe Weise. Einen bestimmten Menschentyp durch die Einführung eines bestimmten Wirtschaftssystems zu züchten, wäre zu einfach. So deterministisch ist das nicht, glaube ich. Jedes System fordert und fördert die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten. Zum Beispiel, wenn Menschen zusammenkommen, um ihre Ressourcen zu teilen um zu überleben. Durch diese Umstände wirst du soziale Kompetenzen entwickeln, weil du lernen musst, mit anderen zu kooperieren, mit den kleinstmöglich zwischenmenschlichen Streitigkeiten.
Es gibt so viele Behauptungen, Annahmen und Legenden um die Blockchain. Allerdings nur wenige Theorien, die sich mit Rückschlüssen auf die sozialen und politischen Effekte befassen. Es gibt viele Untersuchungen zum Code und Analysen von Angriffsfaktoren und Sicherheitsmodellen. Leider aber nur sehr wenige klar definierte Ziele zum Umgang mit sozialen, ökonomischen und politischen Fehlentwicklungen und wie wir auf diese reagieren wollen. An dieser Stelle taucht die Frage nach der Reichweite auf. Wie können wir unsere Dinge in der Welt regeln, ohne eine Autorität, ohne ein zentralisiertes System zu benutzen und gleichzeitig im Konsens zusammenkommen? Das sind große Fragen. Aber ich sehe die übermäßige Inanspruchnahme von Märkten, die uns als isolierte Individuen begreifen, sehr skeptisch.

 

servus.at hat sich 2019 in mehreren Veranstaltungen mit dem Thema Blockchain beschäftigt. Weitere Inhalte der servus-Publikation zum Thema Blockchain: publications.servus.at

AMRO 2020 Festival
Of Whirlpools and Tornadoes
20.–23. Mai 2020
im afo architekturforum OÖ, STWST und Kunstuni Linz
radical-openness.org

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  • Published: 4 Wochen ago on 5. März 2020
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  • Last Modified: März 5, 2020 @ 2:17 pm
  • Filed Under: Kunst und Kultur

About the author

ist Kulturwissenschaftlerin und Medienkünstlerin. Sie hat das Interview geführt und ins Deutsche übersetzt.

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