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Turnton und die utopische Dystopie

By   /  1. September 2017  /  No Comments

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Wir befinden uns im Jahr 2047 in Turnton, in einer nicht näher definierten, kleinen Küstenstadt irgendwo in Europa: Time’s Up eröffnen ihre Ausstellung Turnton Docklands Anfang September im Kunstmuseum Lentos. Als Teil des Ars Electronica Festivals sind Time’s Up heuer auch „featured artist“. Die Referentin hat Time’s Up um einen Text gebeten, der im Vorfeld ihre Zugänge des „Future Fabulatings“ und der „Physical Narratives“ veranschaulicht.

Time’s Up bauen ins Untergeschoss des Lentos Teile des Hafenviertels der fiktiven Stadt Turnton. Die Besucher und Besucherinnen befinden sich beim Ausstellungsbesuch auf dem Marktplatz des „Hafengrätzls“. Sie sehen die Hafenmeisterei, repräsentiert als Kulissenwand in Form eines Leuchtturms, samt Registrierungsterminal für anlandende Schiffe. Sie sehen silhouettenhaft zwischen den Häuserfassaden vertikale Wälder, inzwischen eine urbane Normalität. Sie sehen weiter hinten den angedeuteten verseuchten, vergifteten und vermüllten Meerzugang, jedoch auch die reinigende Algenzucht. Das Fortbewegungsmittel einer Pflanzenbestäuberin steht prominent auf dem Platz. Gleich dahinter das Reisebüro „Travel without Borders“, wo aktuelle Reiseangebote eingesehen werden können. Zum Eintreten lädt Medusas Hafenkneipe. Diese folgt weniger einer baulichen Logik, als dass sie eine Sammlung von Geschichten, Anekdoten und Informationen präsentiert. Hörspiele und akustische Barkulisse verschwimmen, die regionale Zeitung, Veranstaltungsposter oder schlicht die Speisekarte orientieren über Dinge der Zukunft. Verschiedene Ausgänge der Bar führen in verschiedene Ideen einer möglichen Zukunft.

Mit Turnton Docklands konstruieren Time’s Up eine reale Umgebung – eine kulissenorientierte Architektur, die teils baulich, teils mit Licht- und Tonlandschaften und teils mit Narrationen Imagination erzeugt. Was sich inhaltlich wie das Was-ist-was der globalen Problemlagen liest, haben Time’s up mit ihrer Ausstellung Turnton Docklands ihrer typischen künstlerischen Bearbeitung von „Future Fabulating“ und „Futuring“ unterzogen – und zu einem neuen „Physical Narrative“, also einer „Verzimmerung“ von Rauminstallation, Erzählung und Zukunft gemacht. Anthropozän is over und auf Rückzug wie eine globale Gletscherlandschaft? Permanenter Ausnahmezustand und eine Mischung aus Liquid Democracy und Anarchosyndikalismus? Und in dieser Dystopie: Der große Zukunftswunsch nach Wohlstand für alle – ist das der neue Luxus, quasi wie zum Trotz? Die Referentin hat Time’s Up im Vorfeld der Ausstellung gefragt, wie man sich Turnton Docklands und die Geschichtsschreibung bis 2047 vorstellen kann und den folgenden Text erhalten: Keine Angst vor Utopie und vor dem Wunschzettel an die Zukunft.

Text Time’s Up

Zeitlich befinden wir uns im Jahr 2047, geografisch bewegen wir uns im Hafenviertel einer am Meer gelegenen und nicht weiter lokalisierten, kleinen Stadt namens Turnton. Wir wandeln in einer Zeit, in welcher die verheerenden Langzeitwirkungen von Umweltverschmutzung und deren einhergehende Erschütterung des Naturhaushaltes den globalen Alltag dominieren. Schadstoffbelastungen und Altlasten vergiften Böden und Gewässer, ganze Ökosysteme kollabieren, in den Ozeanen ist das Leben durch größer werdende tote Zonen bedroht. Umweltbedingte Gesundheitsschäden sowie Todesfälle mehren sich bedenklich. Die bis Mitte der 2020er Jahre politisch immer nur zögerlich bekämpfte globale Erwärmung wütet mit weltweiten Wetterextremen und erheblichen, klimatischen Veränderungen. Überflutungen, Dürren und Stürme samt stetigem Anstieg des Meeresspiegels verunmöglichen die Nutzung von weitläufigen Landstrichen und Küstengebieten.

Die Folgen der rücksichtslosen Eingriffe der Menschheit in über Millionen von Jahren entstandene, ökologische Systeme treiben diese Welt um Turnton des Jahres 2047 also ihrem desaströsen Höhepunkt entgegen. Was Time’s Up diesem Turnton der ökologischen Dystopie entgegenhält, ist eine gesellschaftliche Utopie. Ausgehend von der Frage, wie denn Luxus in 30 Jahren aussehen könnte, kontern wir der vorhergesagten Öko-Katastrophe mit der Fülle von bereits im Hier und Jetzt existierenden Visionen und Entwürfe, die in den nächsten 30 Jahren einen zivilisatorischen Wandel zum Besseren erlauben. Das heißt, wir wandeln in einer Welt, in der die Maxime „Wandel war unsere einzige Chance“ nicht nur von einer Fülle kleiner Initiativen und AktivistInnen implementiert wurde, sondern begann, die Massen zu bewegen. Wir erlauben eine Welt, in der das Streben nach Kooperation die gegenwärtige Gewinn- und Profitsucht überflügelte. Eine, in welcher die gepredigten Glaubenssätze des Neoliberalismus gebändigt und das entfesselte Wachstumsmantra in die Schranken gewiesen wurde, ohne in einen populistischen, nationalen Protektionismus zu münden: Wirtschaftlicher Erfolg erfuhr eine Umdeutung, er hat die faire und ressourcenschonende Bedürfnisbefriedigung von Mensch und Natur im Blick, dient der universell geachteten Lebensqualität und dem Gemeinwohl. Eine der Nachhaltigkeit dienende Rohstoff-, Energie- und Verkehrswende wurde in die Wege geleitet; Handels-, Produktions- und Arbeitsweisen zirkulieren um Maßnahmenkataloge für Klima- und Umweltverträglichkeit, Menschenrechte, Verteilungsgerechtigkeit und Arbeitsstandards. Folglich hat auch Migration ihren Schrecken verloren, inter- und transkontinentale Siedlungs- und Reisebewegungen in alle Richtungen wurden zur Normalität, sind gut organisiert und Ankommende werden als neue NachbarInnen in den Gemeinschaften aufgenommen. Kulturelle Diversität wird als Kraft erkannt. Sprich, alternative Lösungsansätze, die teils weit ins vergangene Jahrhundert zurückreichen, jedoch oft noch in den beiden ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts mehrheitlich als naiv abgekanzelt wurden, gewannen in diesem Turnton des Jahres 2047 die Oberhand.

Zweifelsfrei, alles in dieser Stadt, in diesem Hafengebiet, in diesem fiktionalen Versuch einer möglichen Zukunft zeigt Mut zur Lücke. Turnton kann, darf und soll nicht das eine fertige, umfängliche Bild einer prognostizierten Zukunft sein. Turnton bündelt und skaliert bereits existierende Propositionen. Es erlaubt sich, Signale, von denen wir gehört und gelesen haben, mit einer spielerisch injizierten Portion Fabulation zu kombinieren und daraus Zukunftsvarianten zu präsentieren. Turnton erlaubt sich, den Ängsten zu widerstehen und Anstöße für eine mögliche Welt zu bieten, in der wir leben wollen. Eine, die irgendwann dann tatsächlich das gute Leben für alle zulässt. Als im Sommer 2016 die norwegische Regierung ankündigte, dass sie ab 2025 die Neuzulassung von Verbrennungs- und Dieselmotoren verbieten würde und nur wenige Monate später die schwedische Vizepräsidentin prophezeite, dass Schweden ab 2045 CO2-frei sein würde, glaubte wohl kaum jemand daran, dass diese Verheißungen sowohl zeitlich wesentlich früher als auch geografisch ausgedehnter eintreten würden. So war es dann aber in der Geschichte Turntons: Im Jahr 2047 gehören weit über die Region Skandinaviens hinaus fossile Brennstoffe der Vergangenheit an, als dominierende Energiequelle im Fahrzeugantrieb, in der Wärme- und Stromerzeugung. Alternative Energie-, Transport- und Handelsindustrie sind eingeführt und akzeptiert. Möglich wurden solche Erneuerungen durch flexibel organisierte Institutionen, die teils schon 2016 existierten, teils aus diesen erwachsen sind und sie ersetzten. So beispielsweise die über Dekaden hinweg gewachsene „General Authority for Sustainability (GAS)“ oder auch die „Global Transparency Agency (GTA)“. In wechselseitiger Abstimmung sind diese beiden Autoritäten zuständig für die Verabschiedung, Koordination und Umsetzung weltweit geltender Gesetzesgrundlagen, die von elementarer Bedeutung für ein sozial, ökologisch und wirtschaftlich verantwortungsvolles und kulturell vielfältiges Gesellschaftssystem sind. Lokal aktive Einheiten adaptieren die Grundsätze des Regelwerks jeweils regional flexibel.

Ebenfalls der sozialen Gerechtigkeit und der Umweltschonung dient das dichte Netzwerk autonomer Bildungs- und Forschungsknotenstellen – subsumiert als Zentren für hochentwickelte Technologien (Center for Advanced Technologies – CAT). Laboreinheiten entwickelten Alternativenergie-Lösungen, welche die Energie- inklusive Transportwende einläuteten. Weitere Schwerpunkte der Labor-Netzwerke sind intelligente Lösungen für die Beseitigung von Altlasten, die Regeneration von Artenvielfalt, medizinische bzw. transhumane Forschung oder auch die Luft- und Wasseraufbereitung. In Turnton selbst ist eines der „Networked Oceanic Labs“ darauf spezialisiert, Unterwasserorganismen zu züchten, die in der Lage sind, das Mikroplastik im Meer zu dezimieren (Microplastic Reduction Lab). Finanziert sind die Netzwerk-Labors unter anderem durch die freigewordenen Gelder aus direkter und versteckter Subvention der fossilen Rohstoffindustrie.

Für die Reinigung des unmittelbar an Turnton angrenzenden Küstenstreifens zeichnet sich der lokale Algenfarmer Hamish Dornbirn verantwortlich. Als Pionier dieses Sachgebietes dienen seine verfeinerten Verfahren der „Ocean Recovery Farm“ inzwischen als Grundlage für ähnliche Anlagen, die weltweit verseuchte Küstengebiete und offene Ozeanbereiche regenerieren. Er ist es auch, der die Hafenkneipe Medusa vor Ort mit Ingredienzien für die angebotenen Snacks und Drinks beliefert. Verkocht und serviert werden diese mitunter von der Besitzerin selbst, der ausgebildeten Meeresbiologin Fenfang Lin. Die Liebesbeziehung der beiden ist in der Umgebung des Hafenviertels bekannt. Die Kneipe selbst ist beliebter Treffpunkt für die Menschen des Handelshafens und des künstlerisch-kulturellen Milieus. Magaret Bloomenfeld, ambitionierte Koordinatorin des Handelshafens, mit Büro in unmittelbarer Nähe zur Bar, ist oft gesehene Besucherin wie auch enge Freundin von Fenfang.

Der hohe gesellschaftliche Stellenwert von Kunst und Kultur wird repräsentiert durch die „Always Arts- and Culture“-Einrichtungen, die wie alle etablierten Institutionen weltumspannend vernetzt sind, jedoch in regional-lokaler Autonomie agieren und dementsprechend variable Schwerpunkte setzen. Turnton selbst wird in wenigen Tagen Schauplatz eines mehrtägigen Festivals unter dem Motto: „Celebrating the strength of diversity”. Die „New Neighbour Integration Bewegung“ feiert ihren 20sten Jahrestag

– ein Anlass, mit einem abwechslungsreichem Kunst- und Kulturangebot aufzuwarten, im Zuge dessen auch Maja Jorecki, Theaterregisseurin und Pflanzenbestäuberin, in Erscheinung tritt. Die in und um Turnton kulturell und künstlerisch ausgerichteten Plattformen und Werkstätten, geführt als offene Orte, werden gerne auch von neu Ankommenden genutzt, um sich zu orientieren und auszutauschen – zusätzlich zur bereits erwähnten Hafenkneipe Medusa.

Initiativen wie das „New Neighbour Integration Bureau“ (NNIB) oder „Travel without Border“ (TwB) koordinieren international die unkomplizierte Abwicklung im Bereich der Migrationsbewegungen. Lokale Anlaufstellen stimmen die gesellschaftlich akzeptierten Reise-, Wanderungs- und Siedlungsaktivitäten aufeinander ab und unterstützen abwechslungsreiche „Teilnahme und Teilhabe-Programme“ der heterogenen, wechselhaften Gemeinschaften. Im Zentrum von Turnton wird sowohl eine „Travel without Border“ Börse als auch ein regionales NNIB betrieben. Ein erst kürzlich durchgesetzter Bescheid bewegt: Die bislang in Privatbesitz befindlichen Lagerhallen-Leerstände wurden dem Gemeingut überschrieben und können ab sofort umgenutzt werden. Speziell für die ZuwanderInnen aus dem in Kürze zu evakuierenden Küstengebiet einer atlantischen Inselgruppe ist diese Umwidmung ein willkommener Bescheid. Benötigter Wohnraum kann unverzüglich geschaffen werden – genau wie, so der örtliche Sprecher des NIBB, Olufemi Badour, endlich auch die Pläne für zusätzliche Proberäume und -bühnen umgesetzt werden können.

Die Travel without Borders Einheit kann auf eine noch längere Geschichte als das NNIB zurückblicken. Bereits 2020 erwuchs sie aus einer kleinen Gruppe ambitionierter Community-Workers auf der italienischen Insel Lampedusa, um aus der damals noch als „Flüchtlingskrise“ bezeichneten Situation, etwas Positives gedeihen zu lassen. Die Ergebnisse sind inzwischen gesellschaftlich verankert. Speziell in einer Zeit des neuen individuellen Reisens haben sich die umfangreichen Angebote der TwB als wertvolle Alternative erwiesen, die Welt zu bereisen und auch zu bewohnen. Am Ende als nennenswerte, übergeordnete Information steht der Hinweis auf das politische System: Im Zukunftsgefüge des Szenarios zirkulieren wir um ein vages Gemenge aus Liquid Democracy, Politie (im Sinne Aristoteles) und partiellem Anarchosyndikalismus. Irgendwo zwischen und inmitten von – zugegeben widersprüchlich klingender – organisierter, durch Recht geregelter Selbstbestimmung mit demokratisch gewählter Vertretung wird auch die alternative Wirtschaftsordnung definiert. Zentral an dieser ist neuerlich der Verweis auf die Abkehr von Gewinnorientierung, sowie Anleihen aus verschiedenen Konzepten der Gemeinwohlökonomie, Schumachers „Small ist Beautiful“ oder den Thesen um „Buen Vivir – Gutes Leben für Alle“.

Turnton Docklands im Lentos Kunstmuseum

Eröffnung: 6. September, 19.00 h Ausstellungsdauer: 7. September bis 22. Oktober

Turnton Docklands ist Rauminszenierung und Physical Narrative. Die Rezipientinnen sind eingeladen, Turnton Docklands zu erforschen und zu interpretieren. Turnton ist ein utopischer, positiver und mit Mut zur Lücke gedachter Vorschlag für eine mögliche Zukunft, die dem Gemeinwohl dient.

Das Linzer, international aktive KünstlerInnenkollektiv Time’s Up wirkt an den Schnittpunkten von Kunst, Wissenschaft Technologie und Unterhaltung. Time’s Up feiern auch ihr 20jähriges Jubiläum. Watch out for more Time’s Up Activities.

www.timesup.org

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  • Published: 3 Monaten ago on 1. September 2017
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  • Last Modified: September 1, 2017 @ 1:38 pm
  • Filed Under: Kunst und Kultur

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