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Tollkühne Kisten, heiße Knarren

By   /  1. Dezember 2021  /  No Comments

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Eine Kartoffel kann ja vieles sein: Chips, Pommes, Gratin – Druckstempel, Rennauto oder Inspirationsquelle für ein KünstlerInnenkollektiv, für das der Dauerbrenner Erdapfel ein gutes Symbol ist, auch in Bezug auf Vernetzung. Mögen die Triebe sprießen. Christian Wellmann über Potato Publishing, das zwischen Comic, Illustration und Text produziert.

„Potato Publishing“ (POPU) betreibt eine nicht auf Gewinn orientierte Risographie-Druckwerstatt, eine Zine-Bibliothek sowie einen kleinen Shop für Druckwerke im ehemaligen Wirtshaus „Zur Schießhalle“, dazu setzen sie Independent-Publishing-Veranstaltungen in Linz um Ihre Produktionen, die in Handarbeit in kleinen Auflagen hergestellt werden, vertreiben sie selber. Alles dreht sich ums Selbermachen, der DIY-Gedanke ist in allen Prozessen zu finden. Die InitiatorInnen Sarah, Paul und Oskar verstehen sich als niederschwelliges Kollektiv, das Zusammenarbeit, Erfahrungs- und Ideenaustausch mit neuen Leuten sucht. Das dezidiert offene Kollektiv freut sich über alle, die sich einbringen wollen – so gibt es auch mehrere Mitglieder, die bei Projekten dabei sind.

POPU will Genregrenzen aufsprengen und ist nicht nur auf Comics festgelegt, Illustration und Text sind auf Augenhöhe. „Wir wirken oft so. Bei mir stimmt das schon, aber wir sind definitiv kein reines Comicprojekt“, erwähnt Paul im Referentin-Interview. Er zeichnet und macht Comics, hat Agrarwissenschaften studiert. „Zuerst war der Schritt, beim „Independent Publishing“ mitzumachen – und dann darüber eine eigene Produktionsstätte für Druck zu schaffen. Unter unserem Namen ist nur das Heft „Potato Press“ rausgekommen, für das es einen Open Call gegeben hat. Gedruckt von POPU, mit unterschiedlichsten Beiträgen von Kunst- und Kulturschaffenden.“ Stilsicher im Kartoffelnetz und noch erhältlich. „Es geht uns darum, diese Struktur anzubieten und Möglichkeiten zu schaffen, weil wir eine Gruppe sind, die Ressourcen anzapfen kann, die man sonst nicht hat.“
„Harasananas“ ist Sarahs Künstlerinnenname. Sie ist gerade mit weiteren POPUlern auf dem Sprung zum „Zine-Camp Rotterdam“, um Publikationen und Distributionen zu präsentieren – und sich kurzzuschließen: „Die Festivals oder Fairs, wo wir hinfahren, bieten sich für Kontakte natürlich an. So ergeben sich auch Zusammenarbeiten – dass wir ein Heft machen zum Beispiel. Seit es uns gibt, haben wir großen Wert darauf gelegt, dass wir uns vernetzen und austauschen“, so Sarah.
Oskar hat auf der Kunstuni Linz Lehramt studiert, Mediengestaltung und technisches Werken, über Auslandssemester ist er zum Zeichnen gekommen: „Kunst wird es erst, wenn man mit anderen Leuten in Kommunikation tritt.“ Zusammen mit Sarah schreibt er an einer Diplomarbeit über das Projekt, „man könnte ja stundenlang darüber reden …“

Will man zu ihrer offenen Werkstatt ins ehemalige „Schießhallen“-Gebäude, in dem über Jahrzehnte übeldampfend a zünftigs Schweinsbratl die Speisekarte gerockt hat, wird’s „abenteuerlich“. Irgendwie vegan. Zurzeit wird das ganze Haus rund um die Räumlichkeiten, in denen gedruckt, gezeichnet, gelesen wird, general­saniert. Es gibt weitläufigen Platz zum Arbeiten – vier Räume werden genutzt. Im Druckerraum sind neben drei Maschinen alle bisherigen Publikationen auf einem Display angebracht, dazu flashige Riso-Drucke, Poster. Wirkt wie in einem besetzten Haus im Berlin der 80er. Das Haus ist aber in Privateigentum, passende Zimmer sollen an KünstlerInnen vermietet werden. Das entstehende Atelierhaus ist gerade am Anlaufen. Eine zukünftige Zufluchtsoase für Kulturdürstende in der gemächlich vor sich dahin rostenden Stahlstadt? Es wird auch eine Lokali­tät/ ein Veranstaltungsraum angedacht, mit einer Amarenakirsche obendrauf: dem ehemaligen Gastgarten der Schießhalle. Schaumamoi.
Im ersten Stock gibt es trotzdem einmal im Monat den Riso-Mittwoch (jeden letzten Mittwoch im Monat, ab 18 Uhr). Drucken oder zum Zeichnen treffen – so wurde beispielsweise an ihrem letzten Riso-Mittwoch ein Faltzine gefertigt. Man kann auch einfach nur vorbeikommen, um sich das Ganze anzuschauen. POPU übernimmt aber keine Aufträge, bisher gibt es keine fixen Öffnungszeiten – am besten Kontakt via Instagram/E-Mail aufnehmen. „Die Werkstätte ist nicht nur auf Riso-Druck beschränkt, es gibt auch einen weiteren Digitaldrucker, mit einem anderen Druckverfahren, ähnlich zum üblichen Laserdruck“, veranschaulicht Paul. Vom Layout bis hin zu Schnitt und Bindung: Komplettes DIY mit voller Kontrolle. „Risographie ist ein niederschwelliges Druckverfahren, für das man verhältnismäßig wenig Zeit braucht. Abgesehen von der besonderen Optik gibt es einige Vorteile. Es ist natürlich nicht immer die einfachste Drucktechnik, aber relativ schnell und günstig“, beschreiben die Drei die zu Recht angesagte Kommunikationsästhetik.

Außerhalb ihres HQ setzen sie regelmäßig knollige Projekte um. Kollaborative Arbeitsprozesse, interdisziplinäre Vernetzung und eine kollektiv genutzte Infrastruktur bilden ebenso die Grundlage für die Aktivitäten des POPU-ZINE-CLUB. „Das ist ein zweimonatiges Programm im Salzamt. Dieses Jahr war das erste Mal. Es wird ihn auch nächstes Jahr geben, wir sind gerade in der Planungsphase. Das Projekt ist niederschwellig. Das Salzamt, das als temporäre Arbeitsstätte genutzt wird, liegt zentral. POPU ZINE CLUB besteht einerseits aus einem Residency-Programm, wo wir andere Kollektive eingeladen haben, wie: Matrijaršija (Belgrad), Evil Quartet of Death aka Never Brush My Teeth & Kati Akraio (Athen) und Doner Club (Bologna)“, informiert Sarah.
„Das war coronabedingt eine besondere Situation im Winter, wo Reisen nur eingeschränkt möglich, jedoch berufliches Reisen ganz normal erlaubt war. Mit Unterstützung vom Salzamt haben wir Einladungsbriefe geschrieben für einen Arbeitsaufenthalt. Künstlerische Arbeit“, konkretisiert Oskar. „Neben der Residency gibt es unsere Bibliothek, quasi eine begehbare Ausstellung, die man benutzen kann, also jedes Heft in die Hand nehmen. Der dritte Aspekt ist die offene Werkstatt, wo Leute sich anmelden und ihre Projekte umsetzen oder einfach nur ausprobieren können. Das zieht sehr unterschiedliche Leute an. Viertens im Shop Sachen kaufen können: Distribution ist ein wichtiger Aspekt, wir bringen die Druckwerke, auch von anderen befreundeten Kollektiven und KünstlerInnen auf verschiedene Festivals oder Zine-Fairs in Europa und verlangen dafür keine Kommission. Fünfter Pfeiler sind die Workshops – zum Teil spontan, wie kleine Figuren durch Abgüsse machen oder ein Workshop von Soybot aus Wien. Die Idee hinter dem POPU-ZINE-CLUB ist, einen Zine-Club temporär als künstlerisches Projekt zu machen.“ Sarah: „Es ist alles offen, nichts Elitäres. Keine Gruppe, die sich eh immer trifft und zusammenarbeitet. Sondern, dass es wirklich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, die Türen offen sind, alle können reinspazieren. Man kann dort arbeiten und wir erklären alles, soweit es geht.“ Dieses Jahr sind zwei Kollektive geplant, die sich anlässlich des NEXTCOMIC-Festivals 2022 im Salzamt austoben dürfen.

Eine weitere Aktion ist das „Potato Derby“, das dieses Jahr im Herbst zum zweiten Mal im fabulösen „Loft“ von DH5 (damenundherrenstraße5) Gummi gegeben hat. „Der Gedanke dahinter ist, dass wir eine Zine-Fair in Linz machen wollten, wo es nicht nur Verkaufsstände gibt. Comics sind eine Nische, selbstpublizierte Comics eine Nische in der Nische. Weiters sollte es auch Lesungen, Live-Auftritte, Workshops, Leute, die tätowieren, und als Rahmenprogramm das Rennen geben. Wo Leute direkt dort die Autos aus Kartoffeln basteln, man bleibt einfach länger dort. Das erste war sehr improvisiert – chaotisch, aber lustig“, fasst Paul das grellbunte Treiben bei einem „Potato Derby“ zusammen. Das war die erste Veranstaltung, die sie gemeinsam kurz vor Corona organisiert haben.
„Ich bin total froh darüber, in welcher Form das stattfindet. Dass es eben nicht nur eine Zine-Fair ist, sondern eine Veranstaltung, wo unterschiedliche Dinge passieren. Wo sich vermischt, wer KünstlerIn und wer Gast ist. Das erste war eintägig, das zweite zweitägig, das dritte wird dann dreitägig“, gibt Oskar augen­zwinkernd zu wissen. Er war vor vier Jahren in Kolumbien, Auslandssemester über die Kunstuni, bei einer Buchmesse und ist auf das Kollektiv „Tallercolmillo“, das sie nächstes Jahr nach Linz einladen, gestoßen: „Es gibt einfach mehrere Verbindungen zu Kolumbien, auch in Linz. Wir haben das von LinzIMpORT gefördert bekommen. Von Anfang an haben wir bei unserem ganzen Projekt von der Stadt Linz und dem Land OÖ viel Unterstützung bekommen, auch Sonderförderprogramme.“

Ein Knaller war in diesem Frühling das Taschenpistolenmuseum des POPU STORES am Hauptplatz mit Pistolenminiaturen: „Das ist eine Wanderausstellung. Aus Zipf, von dort kommt der Herr Hans Eisen, der das kuratiert hat. Es sind Exponate von Taschenpistolen mit ihrer Geschichte. Eigentlich steht die Geschichte im Vordergrund. Geschichten, die im Heft, dem „Taschenpistolen-Almanach“ vorkommen, dem Begleitheft zur Ausstellung“, erklärt Paul die mysteriösen Gegebenheiten.

„Wir wollen nachhaltig für Linz eine Struktur schaffen. Das ist mir persönlich auch sehr wichtig. Dass das nicht ein Projekt ist, das nur temporär umgesetzt wird, sondern es soll schon auch langfristig eine Struktur sein, die erhalten bleibt. Wo Leute kommen und wieder gehen. Prinzipiell sind wir von der Ausrichtung her so was wie ein Dienstleister für die Kunst- und Kulturszene in Linz. Funktionieren tut das Ganze im Sinne einer solidarischen Ökonomie, also man kommt zum Drucken und gibt zu den Materialkosten noch eine Spende darauf, so in die Richtung“, unterstreicht Oskar POPUs Anliegen.
Das alles ist eine äußerst üppige Kartoffelernte, bedenkt man, dass POPU ihre Saat erst ausgesät hat, knapp bevor der Virus mit der Krone die Erde, diese Kartoffel-Scheibe, völlig umwoben hat. Da vor allem polnischer Wodka von der Wunderknolle abhängig ist: Einen Doppelten auf ein langes POPU-Leben!

Riso-Mittwoch, sofern pandemiebedingt möglich, Kontakt via Instagram: www.instagram.com/potatopublishing oder: print@potatopublishing.at Waldeggstr. 116, 4020 Linz

POPU-ZINE-CLUB bei NEXTCOMIC: Mitte Februar bis April 2022 im Salzamt

Radio-Sendung „Potato Derby“ von Simone Boria: cba.fro.at/523855

Tallercolmillo, Kolumbien: tallercolmillo.com

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ist. Ist DJ a. D., schreibt, kuratiert. Quietsch-Enten-Wohl in mit Comics kontaminierten Sümpfen, auf der lecken Luftmatratze sich wie ein Nerz windend.

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