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The European Grandma Project

By   /  1. März 2018  /  No Comments

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Porträtfilme über neun Großmütter und ein Meta-Film von Alenka Maly, der wie ein Trailer des größeren Zusammenhangs funktioniert. Lisa Spalt schreibt über den diesjährigen Eröffnungsfilm von Crossing Europe und darüber, dass lange zu leben bedeutet, sehr verschiedene Realitäten zu erleben.

European Grandma on the road, crossing Europe. Foto Alenka Maly

European Grandma on the road, crossing Europe. Foto Alenka Maly

Meine Großmutter hat gegen Ende ihres Lebens oft gesagt, der Herrgott habe sie vergessen. Sie war der Meinung, langsam genug gelebt zu haben. Damals bewunderte ich meine Oma, die zwischen den üppig blühenden Pflanzen in ihrem Garten so nonchalant von ihrem eigenen Tod sprach. Aber ich dachte auch, dass sie von mir gebraucht werde und dass das dem Herrgott, mit dem sie da sprach, hoffentlich bewusst sei. Die Erkenntnis, dass der Mann sie irgendwann unweigerlich zu sich holen würde, hat nicht lange danach einen ersten Keil zwischen ihn und mich getrieben.

Zwei Ereignisse haben mich unlängst an den Satz meiner Großmutter denken lassen.

Das erste war eine Meldung aus den Salzburger Nachrichten. Der Salzburger Identitären-Chef Edwin H hatte zu den demonstrierenden „Omas gegen Rechts“ getwittert: „Wenn man länger lebt, als man nützlich ist und vor lauter Feminismus nie Stricken lernte. Meine Oma schämt sich für euch“.

Welch unsäglicher, klebriger Erguss!

Da wird im 21. Jahrhundert das Stricken zu Hause wieder einmal zum Synonym dafür, dass die „rechte“ Großmutter das öffentliche Leben anderen überlässt. (Damit wir vom Weltbild des Herrn H mehr erfahren können: Großväter gegen Rechts – formiert euch endlich!) Außerdem: Eine Frau strickt, und wenn heute Selbstgestricktes nicht gerade das Epizentrum modischen Schicks darstellt – umso besser! Die Frau – zumal die Großmutter – soll ja dort, wo es um die Welt geht, gar keine Rolle spielen. Sollte sie aber doch auf die Idee kommen, ihre bürgerlichen Rechte wahrnehmen und an Demonstrationen teilnehmen zu wollen, darf ihr, wie der agrammatische Sager des Herrn H wohl vermitteln will, durchaus die Daseinsberechtigung abgesprochen werden.

Die Großmutter: Schürze, Stricknadeln, Dutt – und dann der Kachelofen, in dem die Hexe verschwinden soll? Erinnert sich da wieder einmal einer nicht?

Wenige Tage darauf das zweite Ereignis: Alenka Maly hat mich 50 Minuten ihres (noch nicht fertig geschnittenen) Films „The European Grandma Project“ sehen lassen. Darin sprechen Großmütter aus mehreren europäischen Ländern über ihre Jugend. Es sind keine jungen Großmütter, ganz im Gegenteil: Sie sind zwischen 1920 und 1935 geboren. Die Frauen kommen aus verschiedenen Milieus, aus verschiedenen, wenn auch europäischen Kulturen. Zu Beginn des Films begegnen wir ihnen in ihrem Alltag. Sie kochen und schälen Kartoffeln, neben dem Bett steht der Rollator, frau verwünscht das Radiogerät, weil die gewohnten Sender plötzlich nicht mehr dort sind, wo sie gerade noch waren. Haben wir hier endlich diese von unserer offensichtlich schon wieder so großen Zeit verlangten Großmütter, deren Leben sich im Privaten abspielt? Nun, weit gefehlt. Denn hier wird eben gerade das Private zum Gegenstand der Öffentlichkeit, und dieser Umstand hat es in sich. Die Frauen beginnen zu erzählen, sie lassen ihren Alltag transparent werden auf die Geschichte, die hinter ihm steht und ihn gewissermaßen ja auch hervorgebracht hat. Und diese Großmütter haben unerhörte Erinnerungen, die glücklicherweise gehört werden. Sie haben – gut für uns – Enkelinnen, die Regisseurinnen sind und einem Aufruf zu einem Europa vereinenden Filmprojekt gefolgt sind.

Eingeladen haben zu diesem „European Grandma Project“ die Regisseurin und Schauspielerin Alenka Maly und ihre Mitstreiterinnen Barbara Steiner (Politikwissenschaften), Nora Gumpenberger (Vergleichende Literaturwissenschaften / Deutsche Philologie) und Veronika Peterseil (Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin).

Gesucht: nicht nur ein neuer Blick auf die europäische Geschichte, sondern auch ein spezifischer Blick von filmemachenden Enkelinnen auf ihre Großmütter.

Als Vorgabe für ihr Porträt bekamen die Regisseurinnen einen Fragenkatalog, an dem sie sich lose orientieren sollten. Dann gings los.

Entstanden sind Porträtfilme von neun Frauen, die das einst so genannte 1000-jährige Reich auf sehr unterschiedliche Wei­se überlebt haben und nun gemeinsam beinahe tausend Lebensjahre zusammenbringen: Alenka Malys Großmutter, die als junge Frau in Gusen gearbeitet hat, Großmutter Ruchana aus Israel, die Deutschland als Jugendliche ganz allein verlassen und ihre Familie nie wiedergesehen hat, Großmutter Lubov aus Sankt Petersburg, die ihrer sterbenden Mutter in der verhungernden Stadt Leningrad das letzte Stück Brot gereicht hat, Monica aus Großbritannien, die sich als kleines Kind vorstellte, wie es wäre, wenn eine Bombe in den blühenden Garten vor ihr einschlüge, …

Es sind Lebensgeschichten, die nur die Betroffenen selbst erzählen können, wenn sie richtig bleiben sollen.

Daher werden sie hier besser ausgespart bleiben.

Aber über Aspekte, über Perspektiven kann gesprochen werden. Maly erzählt, dass sich immer, wenn sie ihre Großmutter bittet, von der Vergangenheit zu erzählen, eine spezielle Verbundenheit einstellt. Diese Verbundenheit zwischen den Enkelinnen und ihren Großmüttern ist beim Sehen des Films stark zu spüren, nicht zuletzt aufgrund des Settings. Denn jede Zuschauerin, jeder Zuschauer, befindet sich beim Sehen der Porträts von seiner Position im Raum her in der Rolle der Regisseurin, die hinter der Kamera unsichtbar bleibt und ihr Gesicht / die Linse zur erzählenden Großmutter wendet. Die erzählende Großmutter, die Trägerin der Geschichte: ein Topos, der hier ganz anders als die strickende des Herrn H Leben wird. Denn wir alle, die Öffentlichkeit, sitzen bei diesen Porträts als ZuschauerInnen vor der Leinwand / der Großmutter, die an die Öffentlichkeit geht. Wir haben eine Verabredung von Bedeutung: Das teilt sich mit. In dieser Veröffentlichung des Privaten wird deutlich, dass nur wir selbst die Öffentlichkeit sein können, dass wir zählen, dass die Geschichten einzelner Menschen die Geschichte ausmacht, dass es nicht darum gehen kann, dass jemand – hinter dem Ofen unsichtbar gemacht – für längst vergangene Füße Socken strickt.

Dieses Erzählen, die Geschichten der Frauen, verbindet unsere Gegenwart mit ihrer Vergangenheit, sodass Geschichte entsteht, nämlich als erlittene Realität hinter den Fakten um Führer, Verträge und Mächte, sie lässt uns überlegen, wie es in der Welt weitergehen soll, weil wir letztlich die Welt sind und eben nicht die Daten, die wir in der Schule lernen. Beim Sehen dieser Porträts ist zu spüren, wie wichtig es ist, zu wissen, wo man herkommt, und in diesem Spiegel der Frauengesichter auch ein wenig in die eigene Zukunft zu blicken.

Die Regisseurinnen Alenka Maly, Hadas Neuman, Fleur Nieddu, Anna Ólafsdóttir, Giorgia Polizzi, Berke Soyuer, Desislava Tsoneva, Maria Tzika und Ekaterina Volkova teilen mit uns diesen Blick. Und Alenka Maly hat schließlich zu den entstandenen Porträts einen Meta-Film gemacht, der wie ein Trailer für das Gesamtprojekt funktioniert.

 

Der rund 80-minütige Film, der eben nun bei Crossing Europe gezeigt wird, tritt ein in eine Zeit, in der die Schrift verloren geht und die Menschheit immer mehr zu denken scheint, es gebe weder eine vergangene Welt, an die man sich erinnern, noch eine Zukunft, für die man die Welt bewahren müsse. Wir stellen uns derzeit vielleicht noch vor, dass Tiere so leben: ohne Wissen um die Vergangenheit, im Moment etwas in sich hineinfressend, ohne Ahnung vom unweigerlich eintretenden Tod. Aber auch wir Menschen scheinen kaum mehr zu kapieren, dass wir als Menschen in der GESCHICHTE leben können, dass wir gestalten können, wenn uns die Geschichte etwas lehrt.

Unlängst hat mir ein junger Mensch erklärt, Lebensweisheit sei kein aktueller Wert mehr.

Ich meine, das „European Grandma Project“ könnte hier einige Aufklärung leisten – nicht nur darüber, was damals geschehen ist, sondern auch darüber, worauf es in allen Zeiten ankommt, was im etymologischen Sinn des Wortes „actuel“ ist, und das heißt „tätig“, „wirksam“ (eher nicht: strickend). Diese Großmütter haben uns zu den Themen Überlebensangst, Zufälligkeit, zum Wesentlichen und zum Kampf um die Menschwürde viel zu sagen. Und nicht zuletzt kommen sie über die von ihnen erzählte Geschichte, die Europa in viele Stücke explodieren ließ, als das eine Europa zusammen, das neben den heute so zahlreichen menschenverachtenden Bestrebungen eben auch vorstellbar wäre. Eine Nachfrage wert wäre es daher, warum dem Projekt von der EU keine Förderung zuteil wurde. Letztlich haben es die Stadt Linz und eine anonym bleiben wollende Sponsorin möglich gemacht. Und vielleicht kann sich sogar das Land Oberösterreich noch für eine Förderung entscheiden.

Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass das Projekt in jeder Schule zum Unterrichtsstoff gehörte. Geschichte bedeutet doch, Zeit zu verstehen und sich über die Verständnisweisen, Zukunft denkend, auszutauschen, um eine ganz persönliche Identität zu entwickeln. Zumindest habe ich es so erfahren. Meine Großmutter hat mir einmal davon erzählt, wie ihr Vater und ihre Brüder im ersten Weltkrieg fortmussten und ihre Mutter auf dem Acker weinend grüne Kartoffeln ausgrub, weil sie nichts mehr hatte, was sie den Kindern zu essen geben konnte. Bei diesem Aufblitzen von Geschichte ist mir klargeworden, dass lange zu leben bedeutet, sehr verschiedene Realitäten zu erleben, dass gleichzeitig mein Leben neben dem meiner Großmutter das Nebeneinander zweier Welten bedeutete, die doch innig verbunden waren. Damals hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, dass die Welt vielfältiger und die Möglichkeiten zahlreicher sind, als wir erahnen können, und dass es daher sinnvoll wäre, achtsam zu walten. Ich denke, dieses Gefühl vermittelt auch dieser Film.

 

15 Jahre CROSSING EUROPE Filmfestival Linz

CROSSING EUROPE geht von 25. bis 30. April 2018 in die 15. Runde. Seit 2004 verschreibt sich das Festival der Idee, mit einer handverlesenen Auswahl von rund 160 Spiel- und Dokumentarfilmen anspruchsvolles europäisches Filmschaffen zu präsentieren. Das diesjährige Spotlight ist der aus Rumänien stammenden international renommierten Produzentin Ada Solomon gewidmet, der heurige Tribute-Gast ist der italienische Regisseur Edoardo Winspeare. Neben den drei Wettbewerbssektionen (Competition Fiction, Competition Documentary und Competition Local Artists) sind auch die seit Jahren etablierten Schienen Arbeitswelten, European Panorama Fiction & Documentary und Nachtsicht Teil der Programmstruktur. Weiters zu finden sind die Reihe Architektur & Gesellschaft und die 2018 zum vierten Mal präsentierte Schiene Cinema Next Europe.

 

THE EUROPEAN GRANDMAY PROJECT

Alenka Malys THE EUROPEAN GRANDMA PROJECT ist eine der fünf Eröffnungspremieren von Crossing Europe 2018. Der Film wird im Rahmen der Festivaleröffnung am 25. April in Anwesenheit von den neun Filmemacherinnen Alenka Maly (AT), Hadas Neuman (IL), Fleur Nieddu (GB), Anna Ólafsdóttir (IS), Giorgia Polizzi (IT), Berke Soyuer (TR), Desislava Tsoneva (GB), Maria Tzika (GR), Ekaterina Volkova (RU) präsentiert. Die Linzer Filmemacherin und Schauspielerin Alenka Maly nahm ihre eigene intensive „Gesprächsbeziehung“ mit ihrer Großmutter zum Anlass, um das europäische Oral History-Filmprojekt THE EUROPEAN GRANDMA PROJECT zu realisieren. Unter dem Motto „Grandmothers telling their versions of European history“ startete sie 2015 einen europaweiten Aufruf und fand acht gleichgesinnte Filmemacherinnen, die in Israel, Griechenland, Italien, Island, Bulgarien, Russland, England, der Türkei und Österreich parallel zueinander ihre Großmütter porträtierten. Diese, in den 20er und frühen 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts geborenen Frauen, erzählen darin ihren filmenden Enkelinnen von Krieg, politischen Umwälzungen, Liebe und Alltag zu ihrer Zeit in Europa. Neben dem Eröffnungsfilm The European Grandma Project werden in der Kulturtankstelle im Kulturquartier von 25.–30. April außerdem die ungekürzten Porträts der neun Großmütter gezeigt.

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  • Published: 3 Monaten ago on 1. März 2018
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  • Last Modified: Februar 27, 2018 @ 11:22 pm
  • Filed Under: Kunst und Kultur

About the author

Autorin, lebt seit 2013 in Linz. Beschäftigt sich mit dem Handeln in Sprache und Bildern. Bietet nebenberuflich poetische Albtraumverbesserungen und ebensolche Schluckbildchen gegen die Unbill der Gegenwart an. Informationen auf www.lisaspalt.info.

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