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Start Gangs – Stop Street Harassment!

By   /  1. März 2018  /  No Comments

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Femsploitation-Filme und feministische Street Art Projekte: Sarah Held fragt nach dem Einfluss von Femsploitation auf die feministisch-aktivistische Kunstpraxis der Girl Gangs. Oder: Bildet Banden gegen Alltagssexismen!

There are no gangs around here. Foto Tobias Frindt

There are no gangs around here. Foto Tobias Frindt

Switchblade Sisters und weitere Exploitationfilme haben feministische Bewegungen einerseits inspiriert und andererseits wurden Filmproduktionen von feministischer Seite beeinflusst. So war es nicht verwunderlich, dass im transgressionsbereiten Kino der 1970er Jahre die Grenzen von stereotypen Geschlechterrollen überschritten wurden und mit klassischen Zuschreibungen von Sex und Gender experimentiert wurde. Der Exploitationfilm definiert sich als Low-Budget-Filmegenre, das in der Regel von expliziten Gewaltdarstellungen und sexuellen Handlungen geprägt ist. Allgemein werden die Grenzen zur Hardcore-Pornografie selten bis kaum überschritten. Das Genre weist viele themenspezifische und selbsterklärende Subkategorien, wie beispielsweise Sex- oder Blaxploitation auf. An dieser Stelle ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass in den 1970er Jahren schwarze Schauspieler*innen, Re­gisseu­r*innen etc. noch stärker aus dem Filmgeschäft ausgeschlossen waren als heute. Die Nischenproduktionen der Low-Budget-Filme boten somit schwarzen Akteur*innen (Blaxploitation) und Frauen (Femsploitation) die Möglichkeit, außerhalb des Mainstreams in Hollywood und den damit verbundenen Marktmechanismen als aktive Subjekte aufzutreten und selbstbestimmt Schlüsselposition bei (eigenen) Filmproduktionen zu besetzen.

Nicht nur die Roughies, also sexlastige und gewaltreiche Untergrundfilme, wie Russ Meyers Faster Pussy Cat Kill Kill!! (1965), sondern gerade Jack Hills Werke Switchblade Sisters oder Foxy Brown (und damit auch Pam Grier) regten zu feministischen Analysen an (siehe z. B. Feminale in Köln, 2000). Jack Hills bis Mitte der siebziger Jahre entstandene Filme können durchaus als von der zweiten Welle der Frauenbewegung geprägt bezeichnet werden. Sie zeigen selbstbestimmte Frauen im exploitativen Film und sind Teil des Subgenres Femsploitation. Es soll hier nicht der Eindruck einer feministischen Verklärung von Filmen, die (splatternde) Elemente an der Schnittstelle von Weiblichkeit, Sex und Gewalt zeigen, entstehen. Diese Filme wurden vorwiegend von Männern für Männer unter kapitalistischen Interessen produziert. Nichtsdestotrotz hat das exploitativ arbeitende Grindhousekino eine Vielzahl interessanter Filme hervorgebracht, die trotz literweise vergossenem Frauenblut, Vergewaltigungsszenen und blutigen Hexenjagden feministisch gelesen werden können. Es ist eine große Bandbreite an (wissenschaftlichen) Auseinandersetzungen mit Gender- und Exploitationfilmen entstanden. Diese erstreckt sich von diversen Publikationen, über Podien, bis hin zu Ausstellungen rund um das Thema. Aber wie ist es um deren Einfluss auf feministisch-aktivistische Kunstpraxis bestellt?

Das feministische Street-Art-Projekt Girl Gangs against Street Harassment wurde von Hills Switchblade Sisters stark geprägt. Frauen, die als starke gemeinsame Einheit auftreten und sich mit Waffen gegen gewalttätige Männer, wie auch gegen Staatsgewalt auflehnen, waren äußerst inspirierend für das Projekt. Die Frauengang in Switchblade Sisters strahlt einfach eine Coolness und Stärke aus, die heute noch wirkt und die heute noch immer gebraucht wird, um alternative Rolemodels zu generieren. Getreu dem Motto „Bildet Banden gegen Alltagssexismen“ praktiziert das Girl-Gang-Projekt eine subversive feministische Raumaneignung. Street Harassment wird gesellschaftlich häufig als Kompliment aufgefasst oder gar als schmeichelhaft bezeichnet, zudem geht damit oft eine Bagatellisierung einher. Dass für viele Frauen aggressives Flirtverhalten und sexuell-bezogene Bemerkungen das unbeschwerte Nutzen des öffentlichen Raums teils tabuisieren und somit den lockeren Aufenthalt darin schmälern können, wird im Mainstreamgespräch oft außer Acht gelassen.

Aufgeklebt werden die Girl Gangs an öffentlichen Unorten, wie beispielsweise dunklen Unterführungen, abgelegenen Wegen oder sie werden gezielt an Plätzen installiert, an denen häufig Street Harassment praktiziert wird. So markieren sie Plätze im öffentlichen Raum und machen diese Form des Alltagssexismus sichtbar. Die Girl Gangs versuchen mittels Cut-Up-Techniken (dabei handelt es sich um eine Collagentechnik auf Papierbasis) aus der stark männlich dominierten Street Art auf Street Harassment aufmerksam zu machen. Das Projekt ist eine visuelle Attacke gegen die verbreitete Praxis Frauen auf ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre sexuelle Attraktivität zu reduzieren. Das Cut-Up zeigt eine gewaltbereit wirkende Girl Gang, bestehend aus lebensgroßen Fotoprints der Frauen. Die Girls lächeln die Betrachtenden nicht lasziv oder freundlich an, ganz im Gegenteil, sie sind bewaffnet mit Baseballschlägern, Äxten sowie dergleichen und starren die Betrachtenden bedrohlich an und entwerfen einen gegensätzlichen und unerwartet gewaltbereiten Entwurf von Weiblichkeit im öffentlichen Raum. Neben der Kennzeichnung von Street Harassment als ernstzunehmendes Problem, gilt es, Frauenbilder in der Werbung zu diversifizieren und im urbanen Raum einzugreifen. Die Paper Girls suggerieren zudem ein visuelles Gemeinschaftsgefühl. Die dunkle Unterführung wird zwar dadurch nicht weniger gefährlich, allerdings vermitteln die Paper Gangs gemeinschaftlich „Du bist nicht allein!“ und tragen so dazu bei, das vom Ort verursachte Unbehagen zu verringern. Das Projekt weist Parallelen zur Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre auf. Dabei handelt es sich um ein feministisches Subkulturphänomen, das seinen Ursprung in den USA hat und mit dem Ziel entstanden ist, in der männlich dominierten Hardcore- und Punkszene aktiv zu partizipieren. Die Anhänger*innen der Bewegung gründeten Bands, publizierten Zines und veranstalteten Konzerte mit feministischen Bezügen. Die Bewegung war signifikanter Teil des Third-Wave-Feminism und verband auf unprätentiöse Art die Punk- und Hardcore-Subkultur mit einem feministischen Habitus. Feministische Theorien wurden vom trockenen Hörsaalcharakter entstaubt, auf die Straße getragen und somit einem Personenkreis zugänglich gemacht, der sonst möglicherweise keine Berührungspunkte mit feministisch-theoretischen Inhalten gehabt hätte. Ähnlich wie die Riot Grrrls subkulturellen Raum (zurück)eroberten, nehmen sich die Girl Gangs mittels Papier­avataren öffentlichen Raum und machen dabei nicht nur auf Street Harassment aufmerksam, sondern intervenieren gegen eindimensionale Weiblichkeitsinszenierungen im Kontext von Werbung. Die Girl Gangs setzen dabei auf eine radikale Bildsprache. Dabei gilt es hervorzuheben, dass das Projekt vom Exploitationkino der 1970er im Allgemeinen und vom B-Movie Switchblade Sisters im Besonderen inspiriert wurde. Hier findet keine Glorifizierung gewalttätiger Gruppierungen statt, sondern es wird ein subversiv-affirmativer Habitus praktiziert. So wie Grindhouse-Filme mit einem Augenzwinkern gesehen werden können, sollte auch die Bewaffnung der Girl Gangs als ein symbolischer und nicht als tatsächlicher Aufruf zur Gewalt gelesen werden. Gerade das Spiel mit dem Radikalen einerseits und Stereotypen andererseits im Kontext sexistischer Werbung im Stadtraum macht das Projekt besonders interessant. So entstehen unterschiedliche Wechselwirkungen, wenn eine Frauengruppe im Plakatformat zur Abwechslung mal nicht zu einem „Frauenabend“ zusammenkommt, sondern als bewaffnete und kampflustige Einheit in Erscheinung tritt.

Es lassen sich auch deutliche Parallelen zwischen den Maximen der Riot Grrrl-Bewegung und Switchblade Sisters ausmachen. Der Song Rebel Girl der Band Bikini Kill (Pussy Whipped, 1993) avancierte zur Hymne des feministischen Punksubgenres. Kathleen Hanna besingt weiblichen Zusammenhalt als Sisterhood und prägt damit die Haltung und Identifikation einer neuen aggressiven Girlkultur im Third-Wave-Feminismus. Sie und viele andere aktive Frauen schafften sich eigene, selbstbestimmte Rolemodels oder wurden selbst welche.

Eine ähnliche Verschwesterung ist im Plot von Switchblade Sisters zu finden. Der Film ist zwar von männlicher Gangdominanz der Silver Daggers gegenüber den Dagger-Debs, weiblicher Gegenpart der Männergang, geprägt. Das zeichnet sich durch Zwangsprostitution, Vergewaltigung sowie Machtspiele und Unterdrückung der Frauen ab. Zudem wird ebenfalls nicht wenig Handlungszeit auf die Inszenierung von Eifersucht und das Spinnen von Intrigen verwendet. So ist die Message des Films doch klar ein Appell an Frauen, sich aus männlicher Dominanz zu befreien und sich von eifersüchtigen Intrigen zu lösen. Das wird an mehreren Stellen deutlich, beispielsweise, wenn Protagonistin Maggie die Jezebels als unabhängige Frauengang ins Leben ruft und apodiktisch die feministische Etymologie des Begriffes postuliert. Damit schreibt Regisseur Hill Switchblade Sisters dezidiert in den Diskurs von Frauenemanzipation ein und referenziert auf feministisch gelesene Geschichtsfiguren. Im Film zeichnet sich dieser Sachverhalt im Zwiegespräch zwischen Maggie und der Leaderin der schwarzen Frauengang ab. Besonders markant zeigt sich die Verbundenheit der Frauengang, die gar als Blutsgeschwisterschaft bezeichnet werden kann, bei der Verhaftungsszene am Ende des Films. Statt dem im Plot als Running Gag verwendeten „There are no gangs around here“ bekennen sich alle Frauen geschlossen als Mitglieder der Jezebels und stehen somit gemeinsam füreinander ein. Diese Einschreibung verdeutlicht die Einigkeit und Einheit der Gruppe. Der Ausschluss der intriganten Figur Patch kann als Metapher dafür gelesen werden, dass sich die Frauengang von eifersüchtiger Zwietracht losgelöst hat.

Es wird hier ein ähnlicher Zusammenhalts­ethos erzeugt, der nicht nur in der Popkultur, vor allem unter Männern reproduziert wird. Das (Blutsbrüder)motto „Blut ist dicker als Wasser“ wird zum Sinnbild von Frauenfreundschaft umgedeutet. Daher zum Schluss ein pathosgeschwängertes: There are no boys around here.

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  • Published: 9 Monaten ago on 1. März 2018
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  • Last Modified: Februar 27, 2018 @ 11:19 pm
  • Filed Under: Kunst und Kultur

About the author

lebt in Wien und promoviert an der Universität Frankfurt am Main und Akademie der Bildenden Künste in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kritische bzw. widerständige Gestaltungsbewegungen, die sich an der Schnittstelle von (feministischem bzw. politischem) Aktivismus, textiler Handarbeit und Kunst bewegen. Die Dissertation analysiert im Schwerpunkt Interventionskunst zum Sichtbarmachen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen*.

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