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SILK Fluegge: „Disappear“

By   /  21. Dezember 2016  /  No Comments

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Das eigene und das fremde Hintergrundrauschen. Im Dezember hatte „Disappear“ in der Linzer Gesellschaft für Kulturpolitik (gfk) Premiere. Die Performance mit dem Untertitel „Zum Verschwinden in der Welt des anderen“ positioniert zwei Welten zweier junger Menschen zueinander – sozusagen als Gedankenstrom und Hintergrundrauschen. Ein Stück von SILK Fluegge, dem Kollektiv, das sich seit mehreren Jahren urbane zeitgenössische Tanz- und Kunstformen mit Fokus Jugendarbeit vornimmt.
Zwei weitgehend am Rücken aneinander stehende Personen, Frau und Mann, offenbaren jeweils zwei gegenübersitzenden Zuschauergruppen ihre Beziehung zu sich und den anderen. Vom Band kommen eingesprochene Text- und Gedankenströme, die ihre Wirkung jeweils nur in eine Richtung des Publikums entfalten – sprich: der jeweils andere Part bleibt lediglich als Hintergrundrauschen zu hören, bleibt sozusagen nur erahnbar. Detto das zu Sehende: Im Fokus steht die Person, die frontal zur jeweiligen Publikumsgruppe ihren Gedankenfluss ausbreitet. Sie übersetzt den eigenen Gedankenstrom in Bewegung, die als körperliches Nachspüren des eigenen gedanklichen Hintergrundrauschens bezeichnet werden kann, quasi als körperlich bewegtes, reduziertes, minimales in Beziehung setzen mit sich selbst – immer vor der anderen Person, die in ihrer abgewandten Welt dasselbe macht, und folglich nur von hinten und im Hintergrund zu sehen und zu hören bleibt. Es folgen kleinere, auch kontrapunktisch gesetzte Aktionen des miteinander in Beziehung Tretens, Einschübe von Interaktion, Umrunden, es zeigen sich kurz und merkwürdig  aufbauende Personenkonstrukte; und nachdem fast so etwas wie eine Kontaktaufnahme erfolgt ist – in der Mitte des Stücks und nach etwa 50 Minuten – erfolgt ein Perspektivenwechsel des Publikums, das sich auf die andere Seite zu begeben hatte, um hinan „die andere Seite“ zu sehen und zu hören.

Nach diesem erstaunlich wortlos und zügig vonstatten gehenden Platzwechsel, der wohl auf Spannung im Publikum rückschließen lässt, wie es denn nun weitergeht auf der anderen Seite, stellt sich mit der einstellenden 1:1-Wiederholung kurz die Frage, ob sich Gedankenströme (noch dazu zwei Gedankenströme) tatsächlich derart wiederholbar zeigen sollten (Körper und Gedanken flottieren frei und niemals fix montiert) – oder ob es tatsächlich gut ist, das Hintergrundrauschen des Anderen derartig offenzulegen, zu entzaubern. Gerade wegen dieser fein gebauten Arbeit, deren Atmosphäre zu einem wesentlichen Teil aus der Magie des Moments, der Präsenz von „echten“ Menschen, und – wie es halt mit echten Menschen so ist – aus einem doch rätselhaft bleibenden nicht genauen Verstehen, aus einer nicht restlosen Aufklärbarkeit der eigenen sowie der anderen Gedanken- und Körperwelt aufgebaut scheint. Dann zeigt sich: Es gibt – der bisherigen Konzeption des Stücks folgend – ohnehin keine andere Seite, nur eine andere Welt. Sozusagen eine zweite Seite der Beziehungslosigkeit, oder auch einer ins Publikum gespiegelten Botschaft, dass es eventuell schwierig geworden ist, überhaupt schon einmal nur mit sich selbst in Beziehung zu treten. Es zeigt sich eine zweite Darstellung, von der ersten abweichend und dennoch ähnlich … Und während die junge Frau eine Tendenz zeigt, Gedanken zu wälzen, der Realismus wiegt hier in der körperlichen Überprüfung hinsichtlich allgemeiner Frohbotschaften – von „Balance“ oder „Relationship“ etwas abgeklärter – und ein „Being“ bleibt reduziert („Calmness of the soul, calmness of the body“, „And in the same time just being …“) –, läuft beim anderen schlichtweg ein Film ab. Der einer verschmitzten Leichtigkeit, wenn die Banalität des eben-nicht-in-Beziehung-Kommens zu irgendetwas überhöht wird, was gleichzeitig einladend lächelnd wie hochstilisiert ignorant scheint, durchaus humoresk angedeutet (und nach einer eingestreuten Vaterproblematik wie in eine klassisch männliche Beziehungsunfähigkeit hineingerannt: „Give space to the people“, „Do not influence them“, „Let them move on with their lives“, „Just try not to influence them“). Dies unter anderem beispielhaft angeführt.
Insgesamt ist „Disappear“ als vielschichtiges Bedürfnis nach der eigenen und der anderen Welt lesbar, als große Schwierigkeit, aber auch, trotz Erkenntnis über die schwierige Realität des eigenen und fremden Hintergrunds, als Ahnung dessen, dass man doch irgendwie und irgendwann mal in der Wahrnehmung der anderen Person auftauchen könnte. Als kleine charmante Feinheit zum Schluss auch die Ahnung dessen, dass auf der Suche nach der Appearance in der Welt des Anderen eine verständigende Sprache auch durch verschiedentliche Aspekte des Nichtverstehens erfolgen könnte: Ohnehin durch unsere Körper, die ihre eigene Wahrheit in sich tragen. Aber am Ende tauchen auch im Text kleinere Versatzstücke von Lachen, tierisch anmutende Geräuschen und Fremdsprachen auf … und wie Pflänzchen strecken sich die Arme der beiden zueinander. Kein Versprechen auf Happy End, sondern zarte Hoffnung im Moment. Die DarstellerInnen Olga Swietlicka und Matej Kubus überzeugen durch Präsenz – in einem textlich, dramaturgisch und darstellerisch fein gebauten, klug reduzierten und atmosphärisch einnehmenden Stück.

 
„Disappear“, 6. Dezember, gfk – Gesellschaft für Kulturpolitik, Linz

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  • Published: 6 Monaten ago on 21. Dezember 2016
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  • Last Modified: Dezember 21, 2016 @ 1:06 pm
  • Filed Under: Nur im Netz

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ist u. a. Redakteurin und Autorin.

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