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Rock In Peace, Valina

By   /  1. Dezember 2015  /  No Comments

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Jedem Anfang wohnt etwas Ironisches inne. Eine der selbstbestimmtesten und freigeistigsten Rockbands, die dieses Land je gesehen hat, gründete sich im Internat eines Stiftsgymnasiums. Seither begeisterten Valina Menschen in Linz, in ganz Österreich, auf dem halben Globus. Mit formidabler Musik und kompromissloser Attitüde. Jedem Anfang wohnt ein Ende inne. Nach 20 Jahren Bandgeschichte ist diese Band Geschichte. Nein. Noch nicht ganz. Eine Art Nachruf – kompiliert von Stephan Roiss.

Im Jänner 2016 wird die Band noch dreimal das tun, was sie stets am liebsten getan hat. Foto Martin Baumann

Im Jänner 2016 wird die Band noch dreimal das tun, was sie stets am liebsten getan hat. Foto Martin Baumann

Ein Teenager, der erst kürzlich seine Bon Jovi-Phase überwunden hat, sitzt kurz nach der Jahrtausendwende in einem Keller im Innviertel und hängt seinem Weltschmerz nach. Sein Gastgeber legt ein Tape ein und drückt die Play-Taste. Die Stimmung ändert sich. Was da aus den krachigen Lautsprechern tönt, ist unerhört und unerhört gut. „Wer ist das?“
Das war Valina. Aus dem Hafen von Linz. Das Trio verstand es Zeit seines Bestehens, Math-Rock und Song-Format, Ami-Hardcore und Pop, Noise und Melodie, Punk-Spirit und generelle Genrezerberstung in Einklang zu bringen und dabei etwas unartig Eigenartiges, etwas Souveränes zu erschaffen. Valina wird den Teenager von damals prägen wie kaum eine andere Formation. Und nicht nur ihn.

„Die Band begleitete und bereicherte mein musikalisches Leben seit ihrem ersten Konzert, das sie damals mit meiner ersten Band in Kremsmünster spielte. Danach folgten gemeinsame Stunden und Wochen im Tourbus, Gespräche und Parties, wie man sie sich nur wünschen kann, unzählige Konzerte, die Freude über jeden neuen Tonträger, das – durch die Band vermittelte – Kennenlernen der KAPU, wachsende Freundschaften und unglaublich viele weitere Highlights. Sentimentalität? Ja, denn Valina ist tatsächlich die Band, die mich am längsten durch mein Leben begleitete. Danke Werner, Husbert, Clausi, Anselm und Anatol!“
(Richie Herbst / Interstellar Records, Regolith, Ex-STWST, Ex-KAPU)

Werner? Der Saxophonist Werner Zangerle avancierte in den letzten Jahren zu einer Art viertem Bandmitglied. Seine Einsätze auf den Platten „a tempo! a tempo!“ und „Container“ sind Gold wert. Und Clausi? Als Claus Harringer 2005 Valina verließ, stand die Band schon einmal kurz vor der Auflösung. Es war nicht zuletzt Claus selbst, der damals Florian „Husbert“ Huber (Bass) und Anatol Bogendorfer (Gitarre und Stimme) zum Weitermachen bewog.

„Wenn ich Valina durch zwei Begriffe charakterisieren müsste (was – offen gesagt – niemand verlangt hat), wären das ‚Respekt‘ und ‚Ernsthaftigkeit‘. Verklammert wären sie durch einen dritten, den das deutsche ‚Hingabe‘ nicht so gut fasst, wie das englische ‚devotion‘: Personen ge­genüber, dem eigenen Tun und dem Tun anderer gegenüber. Zusammengefasst: A caring home for Odradek’s lovechild with Bartleby.“
(Claus Harringer, Ex-Drummer und Gründungsmitglied von Valina)

Der genial-vertrackte Intellektuelle wurde durch Anselm Dürrschmid (u. a. auch Porn to Hula) ersetzt, der mehr Dave Grohl als Adorno ist, dabei jedoch nicht minder genial. Mitte 2015 gab schließlich Husbert seinen Bandkollegen bekannt, dass er – aus beruflichen und familiären Gründen – künftig keine großen Touren mehr bewerkstelligen könne. Und diesmal war die Sache klar. Valina hat in Linz und Umgebung sehr viel bewegt, wollte zugleich aber nie eine Band mit begrenztem Wirkradius sein. Man nahm den Großteil der Diskographie in den U.S.A. bei Steve Albini auf, der unter anderem Kaliber wie Nirvana, Pixies oder PJ Harvey produziert hat. Und vor allem spielte Valina unzählige Konzerte auf mehreren Kontinenten.

„14 Jahre, in denen ich meine Freunde auf ihren Tourneen begleitet habe, führten mich zu hunderten verschiedenen Clubs und Orten, oft über zehntausende Kilometer hinweg in unterschiedliche Kulturkreise. Wenn man dieses Privileg als Arbeit bezeichnen will, so war es die schönste und lehrreichste – beruflich, menschlich und charakterlich.“
(Phil Sicko / Porn to Hula, KAPU-Technik, Live-Engineer von Valina)

Im Jänner 2016 wird die Band noch dreimal das tun, was sie stets am liebsten getan hat: live spielen. Außerdem veröffentlicht sie einen sechsten und letzten Tonträger: die EP „In Position“. Wie immer über Trost Records.

„Valina und Trost. … Kurz: blasse Indie-Buben tauchen in meiner Wohnung auf, spielen großartige Musik und werden Freunde fürs Leben. Mit ihrer truly independent und konsequenten anti-establishment- und dabei ‚dicke internationale solidarische family‘-Haltung sind sie Ansporn und Vorbild und Freude gleichermaßen, weit über das übliche Band-Label-Gefüge hinaus. Auch ihre Musik wird überdauern.“
(Konstantin Drobil / Trost Records)

Der Abschiedsbrief von Valina, der Ende Oktober auf der Bandwebsite gepostet wurde, ist frei von Nostalgie: „Tja, und der Rest war Punk Rock: exzessiv, trashig und eine Riesengaudi.“ Und vielleicht, wer weiß, ist nicht aller Tage Abend.

„Valina wurden immer besser und jetzt brauchen sie eine Pause. Im Tourbus hat man seinen Spaß gehabt, aber auch die Minuten gezählt. Unzählige Soundchecks in großen und kleinen Clubs – von Italien bis zur Küste Spaniens, im Osten, im Norden, in Israel, in Mexiko, den USA und Argentinien, uvm. Den DIY-Indiespirit aus den späten 90ern im Jahr 2015 noch zu leben, mit Vokü, Matratzenlager und manchmal einem Minus am Konto und den Ehrgeiz zu verfolgen, in Chicago bei Steve Albini persönlich aufzunehmen, die Kompositionen so lange durchzuspielen, zu kürzen und zu verstärken, bis es sitzt, das braucht Energie und Ressourcen. Mehr als die ‚Buben‘ sich selbst für die nächsten Jahre als Valina zurechtlegen können und wollen. Und: Dies ist kein Nachruf, denn nach der letzten Show im kommenden Jänner ist vor der letzten Show irgendwann in 20 Jahren. Die Revivalstatistik zeigt es: haha!“
(Christina Nemec / Chra, Comfortzone)

Word, sagt der Teenager von einst und sein alter ego aus der Gegenwart ergänzt: Macht’s gut und danke für den Fisch – für eure Intensität, euren Weitblick, eure Widerspenstigkeit, für eure verdammt gute Musik. Und glücklicherweise wohnt jedem Ende ein Anfang inne: Anatol und Anselm arbeiten bereits an einem neuen Projekt.

Die letzten drei Konzerte von Valina:
6. 1. 2016: Prag, 007
21. 1. 2016: Wien, Chelsea
23. 1. 2016: Linz, Stadtwerkstatt
www.valina.at

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Autor & Mikrophönix, www.stephanroiss.at

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