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Nicht nichts tun

By   /  1. März 2016  /  No Comments

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Im April wird im Rahmen der Tanztage im Posthof die „Kurze Abhandlung über das Nichts“ gezeigt. Theresa Gindlstrasser hat im Vorfeld die Tänzerin und Performerin Iris Heitzinger zu Verweigerungsgeste und Absichtslosigkeit befragt und beginnt mit einer längeren Einleitung zum knallenden Nichts.


Die deutsche Sprache bietet bekanntlich viel Möglichkeit zur Substantivierung. Da wird zum Beispiel aus „laufen“ die „Lauferei“, oder irgendjemand ist plötzlich auf dem „Laufenden“. Da kann überhaupt sehr vieles per „-heit“ und „-keit“ und „-ung“ Abstrakta seiner selbst sein. Und obwohl „das Gute, das Wahre und das Schöne“ weder in der Philosophie, noch in der Politik oder Kunst, streitlose Konzepte sind, verstehen wir in der deutschen Sprache in diesen Begriffen sicher nicht nichts. Sondern zumindest streitbare Konzepte. Nicht nichts verstehen wir auch dann, wenn die Rede vom „Nichts“ ist. Eine solche Rede vollführt ja auch den allerfaszinierendsten Knalleffekt der an sich schon so faszinierend knallenden Substantivierungs-Geste. Aus „nichts“ ist urplötzlich „das Nichts“, also zumindest irgendwie „Etwas“ geworden, und das Existenzversprechen, das Substantive (aka alles, was du angreifen kannst) auf uns ausüben, wird Verdammnis zur Positivität.

Weil: Es wäre doch so schön, der Welt ein gellendes „NEIN“ entgegenzuwerfen. Und zwar ein so krass gellendes „NEIN“, dass die Welt daraus nicht noch wieder zumindest irgendwie „Etwas“ machen könnte. Und es wäre so gut, dem Kunstbetrieb als Künstlerin ein gellendes „SO NICHT“ entgegenzuproduzieren. Und zwar ein so krass gellendes „SO NICHT“, dass eine Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb gänzlich ausgeschlossen wäre. Aporien des Alltags sind das, und wir begegnen ihnen in der Politik genauso wie in der Kunst. „O Menschheit!“, könnten wir dann seufzen. So seufzt jedenfalls der Notar am Ende der Erzählung „Bartleby der Schreiber“ von Hermann Melville. Und der hat bekanntlich viel Anlass zum Seufzen. Einer seiner Angestellten, der besagte Schreiber, entzieht sich der Verwertungspositivität mittels faszinierend knallender Geste: „I would prefer not to“ sagt er und arbeitet nicht mehr. Oder, entzieht sich dieser Verwertungspositivität nicht, bringt vielmehr die gesamte Szenerie in Unsicherheit.

In der Kunst gibt es viele Versuche, solcherlei ähnlich faszinierend knallende Gesten zu finden, die eine Unsicherheit der Verwertungspositivität anregen mögen. All time best Beispiel: „4’33’’“ von John Cage. In den 4 Minuten 33 Sekunden passiert nicht nichts, passiert Stille, passiert Geräuschkulisse und passiert eine Verunsicherung über den Existenzstatus des Kunstwerkes. Ob das jetzt nichts oder vielmehr Nichts gewesen wäre, diese Frage stellte sich auch bei „Regie 2“ von Monster Truck. Ende 2015 wurde diese Produktion im Rahmen des No-Limits-Festivals in Berlin gezeigt. Das Performance-Kollektiv war schon in vorangegangenen Arbeiten an der Verunsicherung des Regie-Begriffs interessiert gewesen. Dort dann wurde das Publikum, in Erwartung einer Monster-Truck-Produktion, mit einem Bus in ein ganz anderes Theater gefahren und in eine dortige Inszenierung gesetzt.

Iris Heitzinger, die 2005 ihre Tanzausbildung an der Anton Bruckner Privatuniversität abgeschlossen hat, wird im Rahmen der Tanz Tage 2016 im Posthof Linz ihr Stück, oder ihr Experiment wie sie sagt, mit dem Titel „Kurze Abhandlung über das Nichts“ zeigen. Die Produktion, die aber nicht so sehr wiederholbares Bühnenprodukt und vielmehr paradoxe Versuchsanordnung ist, wurde von Heitzinger in Barcelona entwickelt und ebendort uraufgeführt. Mit dem Aufkommen der in Spanien nicht nur sogenannten, sondern wirklich erlebten Wirtschaftskrise, wurden auch die Fördermittel für Kunst und Kultur nicht mehr ausgegeben. Protestiert gegen diesen Umstand haben aber fast ausschließlich die Kunstschaffenden selber, nicht das sogenannte Publikum. Die „Kurze Abhandlung über das Nichts“ antwortet auf besagte Schieflage in zweierlei Hinsicht. Zum einen übt sich Heitzinger darin, in einer knallenden Verweigerungsgeste. Und zum anderen wird das Publikum zu Mit-Agierenden des Abends.

Verweigert wird hier der Bühnenvertrag. So nennt Heitzinger die Erwartungshaltung, eine Produktion sei ein Fertiges, Konsumierbares – das vor einem Publikum nur noch ausgetragen werden muss. Diesen Bühnenvertrag unterläuft „Kurze Abhandlung über das Nichts“, indem Heitzinger den Raum ohne Plan und vor allem, versuchtermaßen zumindest, ohne Erwartungshaltung betritt. Das Publikum wird über die paradoxe Versuchsanordnung in Kenntnis gesetzt. Die Tänzerin wird sich bewegen, wird aber, sagt sie, „jeden Plan, den ich habe, nicht umsetzen“. Wird also immer genau nicht „Etwas“ tun, sondern tänzerisch nichts tun, tanzender weise „das Nichts“ versuchen. Dass sie dabei nicht nichts tut, sondern ganz im Gegenteil versucht, den Raum der Bewegungsmöglichkeiten offen für Zufall zu halten, kommentiert Heitzinger auch selber. In diesen Kommentaren vermag sich das Publikum selbst und den gemeinsamen Raum als einen Ereigniskontext wahrzunehmen.

Improvisation und versuchte Absichtslosigkeit als Geste gegen die Verwertungspositivität einer auf Profit ausgerichteten Kulturindustrie. Und der Versuch, das Publikum nah an das Geschehen heranzuholen, so antwortet die „Kurze Abhandlung über das Nichts“ auf ein erlebtes Desinteresse von Politik und Publikum an der Kunst. Schließlich, so Heitzinger, sei die Kunst doch ein Ort der Zukunfts-Visionen und -Versuche, insofern unbedingt förderungswürdig und dauernd für das Publikum zu öffnen. Die „Kurze Abhandlung über das Nichts“ ist für Heitzinger insgesamt eine Folge jahrelanger Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Kunstproduktion. Als einen praktischen Referenzpunkt für ihre Arbeit nennt sie die Improvisations-Konzerte des Pianisten Keith Jarrett. Seine Solokonzerte aus den 70er Jahren, allen voran „The Köln Concert“, sind auch in zunächst absichtslosen Tonfolgen entstanden um sich dann zu einem Stück zu verdichten. Improvisation kann, so Heitzinger, längst vorhandene Perlen von „Etwas“ aus dem „Nichts“ bergen. Wer plant, rechnet mit einer Zukunft und mit ihren Eventualitäten. Wer sich in Absichtslosigkeit übt, versucht sich selbst als Material der Möglichkeiten gehen zu lassen.

Ein theoretischer Referenzpunkt für Heitzinger um diese Art die Zukunft zu denken ist eine Überlegung von Jacques Derrida. Der Unterschied zwischen la futur, als einer erfassbaren, vielleicht planbaren Zukunft, und dem l’avenir, also dem Kommenden, das unversehens auf uns trifft. So versucht die Choreografin und Tänzerin offen zu sein für was da auch immer kommen möge. Und nimmt sich dergestalt als Körper inmitten von Unsicherheit und Verletzbarkeit wahr. Die Hoffnung besteht, dass über dieses öffentliche Austragen der eigenen Ausgesetztheit eine Verbindung zum Publikum entsteht. Und während sie also etwas gibt (eine Bewegung), das sie eigentlich nicht hat (zumindest nicht im Sinne eines vorgestellten Plans) sollen Performerin und Publikum aufeinandertreffen und sich in der je eigenen Verletzbarkeit erkennen. Damit wäre am Ende die Substantivierung umgekehrt. Was „nichts“ war, wurde „das Nichts“ und tritt dann wieder als „nichts“ in Erscheinung, wenn wir sehen, dass wir zwar nicht nichts tun können, trotzdem aber oft aus nichts was wird.

 

Posthof Tanztage, Fr. 08. 04. 2016, 20.00 h
Iris Heitzinger, Kurze Abhandlung über das Nichts
Außerdem an diesem Abend:
Cie. Animus, Blick in die Tiefe
www.posthof.at

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About the author

geboren 1989, lebt und arbeitet in Wien. Studiert dort Philosophie und bildende Kunst. Schreibt dort, und manchmal woanders, meistens über Theater.

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