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Musik mehr als 4020

By   /  1. Juni 2017  /  No Comments

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Klangwelten, die von einer thematischen Klammer gleichsam am Auseinanderdriften gehindert werden, Musik jenseits Neo-Biedermeier, MusikerInnen zwischen E und U – im Übrigen scheint Robert Stähr der Meinung zu sein, dass das Festival „4020 – Mehr als Musik“ bis zur heurigen Ausgabe 2017 die Grenzen mit assoziativer Leichtigkeit überwunden hat.

„Die andere Seite“ als Thema: Ein Kompositionsauftrag von 4020 ging an Judith Unterpertinger. Foto Michael Wegerer

„Die andere Seite“ als Thema: Ein Kompositionsauftrag von 4020 ging an Judith Unterpertinger. Foto Michael Wegerer

Er plane ein Musikfestival. Ein musikalisches Mehrspartenfestival, das „4020“ heißen werde, nach der Linzer Postleitzahl, mit Musikern aus Linz und Umgebung, erzählte mir Peter Leisch, es muss um 2000 herum gewesen sein. Leisch, bis heute für Förderungen zuständiger Abteilungsleiter am Kulturamt des Linzer Magistrats, startete „sein“ Festival, dessen Mastermind und Kurator er ebenso nach wie vor ist, im Jahr 2001 mit einem einwöchigen Parforceritt durch unterschiedliche musikalische Welten, welche von einer thematischen Klammer gleichsam am Auseinanderdriften gehindert wurden.

Dem Grundansatz – thematische Klammer, MusikerInnen und KomponistInnen aus dem Großraum Linz; musikalische Vielfalt jenseits von E und U, immer fernab eines wie immer definierten Mainstreams; begleitende Veranstaltungen („mehr als Musik“) – ist „4020“ bis in die Gegenwart treu geblieben, hat ihn freilich kontinuierlich weiterentwickelt. Ein nicht zuletzt atmosphärisch wirksames Charakteristikum des Festivals ist seit jeher die Bespielung unterschiedlicher Lokalitäten, deren Zentrum das Brucknerhaus ist. Die Linzer Synagoge, Kirchen, Lentos, Schlossmuseum, AEC sind weitere Veranstaltungsorte im Laufe der Geschichte des Festivals gewesen. Solcherart positioniert, hat „4020“ – obwohl zwischenzeitlich von verschiedenen Seiten in Frage gestellt – seinen speziellen Platz, seine Nische im „Kulturzirkus“ der oberösterreichischen Landeshauptstadt gefunden.

Vieles ist mir als Stammbesucher des Festivals erinnerlich: die zweite Ausgabe von 2002, in welcher sich der Bogen von Markus Hinterhäuser, ab 2017 Intendant der Salzburger Festspiele, der als Pianist im Alten Rathaus Kompositionen der bemerkenswerten russischen Komponistin Galina Ustwolskaja spielte, bis zum im Clubkontext bekannt gewordenen Crooner Louie Austen (Konzert im Cembrankeller) spannte. (In seiner Spannweite zwischen „Zeitgenössischer Musik“ und Pop ist „4020“ nur noch vergleichbar mit dem legendären Wiener Festival „Töne Gegentöne“, das der Ausnahme-Kulturjournalist Wolfgang Kos gemeinsam mit Edek Bartz zwischen 1983 und 1991 kuratierte.) Ebenfalls ein starker Eindruck waren die Auftritte des litauischen Komponisten Rytis Mazulis während der unter dem Thema „Minimal Maximal“ stehenden Ausgabe von 2008; er kombinierte mikrotonale Stücke für Computer und Streichquartett mit Kompositionen für ein Vokalensemble, das sein Konzert mit einer konzentrierten, archaisch anmutenden Choreographie verband. 2011 gestaltete eine für „4020“ zusammengestellte Gruppe von MusikerInnen im Veranstaltungssaal des neuen Südflügels des Schlossmuseums ein beginn- wie endloses Konzert mit einem Werk des tschechisch-amerikanischen Komponisten Petr Kotik nach Textfragmenten von Gertrude Stein, das nach knapp neunzig Minuten endete.

Seit 2015 ist das Brucknerhaus der alleinige Austragungsort des Musikfestivals, welches sich 2013 und 2015 dem kulturellen Raum des Nahen und Mittleren Ostens widmete. Kuratiert hat Leisch das heurige Festival gemeinsam mit der Musikwissenschaftlerin Marie-Theres Rudolph.

Die diesjährige Ausgabe von „4020 – Mehr als Musik“, das seit 2006 biennal stattfindet, öffnete, ergänzt durch einen Workshop mit SchülerInnen und Lesungen aus dem Roman, einen musikalischen Assoziationsraum zu Alfred Kubins „Die andere Seite“. Das Festival steht in einem gemeinsamen Veranstaltungsschwerpunkt rund um das Werk des Zeichners mit dem Linzer Musiktheater (Opernaufführung), der Landesgalerie (Ausstellung im wiedereröffneten Kubinkabinett und im Gotischen Zimmer) und dem Stifterhaus (Installation zu Briefen Kubins im Literaturmuseum).

Die vier Konzertabende folgten unter verschiedenen Überschriften (z. B. „Der Ruf“; „Im Bann“) jeweils einer ähnlichen Struktur: Sogenannte „Recitale“, in deren Rahmen Musiker wiederum vornehmlich aus dem vorderasiatischen Raum einzeln und in unterschiedlichen Konstellationen Stücke auf verschiedenen Instrumenten darboten, standen neben Konzerten mit Kammermusik: „Kubiniana I bis V“. In diesen von verschiedenen Ensembles gespielten, sorgfältig kuratierten Konzerten trafen Stücke von Komponisten der Klassischen Moderne auf Material aus weiter zurückliegenden Epochen der „Abendländischen Musik“ und (als Auftragswerk für „4020“ geschriebene) Kompositionen von Musikern aus dem Nahen und Mittleren Osten. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang der nicht auf vordergründige Kontrast-Effekte abzielende, äußerst durchdachte Charakter der „Kubiniana“-Konzerte.

Meinem Empfinden nach am ausgeprägtesten war dieser Charakter im Konzert des „Trio Weinmeister“ am letzten Abend zu spüren. Einzeln, im Duett und im Trio spielten die MusikerInnen – zwei Frauen, ein Mann – abwechselnd einzelne Sätze oder ganze Stücke für Streichinstrumente der Barockkomponisten Purcell, Gabrielli und Tartini sowie der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkenden Tonsetzer György Ligeti und Giacinto Scelsi. Das Alternieren zwischen „Barock“ und „Moderne“ spannte einen akustischen Raum („eine Architektur fragiler Klänge“) auf, in dem sich gedankliche wie emotionale Assoziationen entfalten konnten. Dieser verdichtete sich im Zusammenspiel mit den Positionswechseln der MusikerInnen zu einem überzeugenden Konzept, welches in keiner Minute aufgesetzt oder zu bedeutungsbeladen anmutete.

Unter den Solo-Konzerten hervorzuheben ist das Eröffnungskonzert mit der estnischen Musikerin und Komponistin Maarja Nuut. Ihre Stücke oszillierten zwischen folkloristischen Klängen, Ambient und Minimal Music; Verwandtschaften mit Musikerinnen wie der tschechischen Geigerin und Sängerin Iva Bittova kommen mir in den Sinn. Auch Maarja Nuut spielt Geige und singt, ihr zweites Saiteninstrument ist eine Art Fiedel. Zusätzlich setzt sie elektronisches Aufzeichnungsequipment ein, um – auf Basis live kreierter Loops – gleichsam „mit sich selbst“ zu spielen.

Das Gesamtkonzept des diesjährigen „4020“-Festivals war weder ein bloß vager „Ansatz“ noch ein rigides, mit Konzerten befülltes Programm-„Korsett“. Es schuf eine Plattform für verschiedene musikalische Konstellationen, die sich – wenn auch nicht immer ganz zwingend – mit Motiven und Stimmungen des einzigen Romans von Alfred Kubin assoziieren ließen. Der hier mehrfach bemühte assoziative Zugang erscheint mir insofern adäquat gewesen zu sein, als Kubins Text weniger durch seine narrative Struktur denn vielmehr seine sprachlichen Bildwelten, die wiederum eng mit seinem zeichnerischen Werk korrespondieren, zu beeindrucken vermag. An im Foyer des Brucknerhauses verteilten Hörstationen waren gelesene Textauszüge der „Anderen Seite“ zu hören.

Mit den Konzerten asiatischer Musiker setzten Peter Leisch und Marie-Theres Rudolph den in den letzten beiden Ausgaben des Festivals zum Thema gemachten Schwerpunkt unter anderem Vorzeichen fort. Hier wurde wieder der Beweis erbracht, dass Konzerte mit „ethnischer“ Musik auch außerhalb des boomenden „World Music“-Wanderzirkusses aufmerksame HörerInnen finden können. Dies- bzw. jenseits des damit oft verbundenen Post-„Flower Power“-Biedermeier forderten MusikerInnen und Instrumente zum Mit-Hören und Mit-Denken auf.

Im Übrigen bin ich nicht nur der Meinung, dass „4020 – mehr als Musik“ unbedingt fortgesetzt werden muss, sondern auch, dass die Institution Salzamt budgetären Einsparungen auf keinen Fall zum Opfer fallen darf.

 

Die andere Seite

Die diesjährige Ausgabe von „4020 – Mehr als Musik“ stellte Alfred Kubins wenig beachtete Tätigkeit als Autor mit ins Zentrum. Der Zeichner Kubin entwarf in seinem visionären Roman „Die andere Seite“ von 1908 eine Traumstadt namens Perle, sozusagen als Traumreich eines Überwachungsstaates, in dem Gut und Böse nicht zu unterscheiden sind. Dieses Werk inspirierte immer wieder Schriftsteller, Musiker und Künstler – so auch die Komponistin Judith Unterpertinger in einem Auftragswerk des Festivals 4020 oder Michael Obst in seiner Oper, die im Mai im Musiktheater uraufgeführt wurde und noch im Juni zu sehen ist.

„Die andere Seite“ als Thema des Festivals „4020“ stand und steht im weiteren Zusammenhang mit Ausstellungen rund um das Werk Alfred Kubins. In der Landesgalerie und im Stifterhaus sind dazu aktuell Präsentationen zu sehen.

 

www.festival4020.at

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About the author

lebt als Autor und Lektor in Linz. Letzte Buchpublikation: Der Brief, Passagen Verlag 2014.

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