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King Poet Flati

By   /  1. Dezember 2021  /  No Comments

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Ende Oktober hat der King Poet Flati im Kulturverein Strandgut 40 Jahre Amerikanische Underground Ghetto Blaster Hardcore Poesie gegeben – Florian Klabacher hat die Lesung besucht und Flati zum Gespräch getroffen.

Ankündigungsplakat

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„Flati heute 21 uhr strandgut …“ – „I know, seh ma uns leicht dann? :D“ – „Klaro bin schon da, aber derzeit samma zu zweit und er droht quasi mit absagen … Bitte nimm so viele mit wie mögl“: Seine Lesungen in Linz besuchen wollen ist ein bisschen wie Guns’n’Roses-Konzertkarten haben. Erst wenn’s losgeht, bist du ganz sicher, dass es stattfindet. Der König der Undergroundpoeten tritt in diesem „bäuerlichen Provinzkaff“ nämlich nicht vor einem halb leeren Raum auf, „des intressiert mi ned, in Wien san de Hütten voll“. Aber als am 28. Oktober die letzten Raucher*innen ihren Tschick ausdämpfen und den Kulturverein Strandgut betreten, finden auch hier wie gewohnt nicht mehr alle einen Sitzplatz. „Ich befinde mich am frühen Vormittag in einen heruntergekommenen Stundenhotel am Stadtrand von Las Vegas …“ beginnt Gerald Wilhelm a.k.a. King Poet Flati die Premiere seines neuen Textprogramms „Meine Hitze-Erlebnisse von Nevada“.

In den nächsten siebzig Minuten nimmt uns Flati unter anderem mit in eine Barackensiedlung in Sacramento, zum Koksschmuggeln nach Tijuana, zur Sauftour in einen Großmarkt in Inglewood, zur mörderischen Höllen-Geisterbahn in Los Angeles, auf einen illegalen Flohmarkt und zur Auseinandersetzung mit einem Gerichtsvollzieher. Die Rahmenelemente und handelnden Personen in den Texten sind recht konstant die gleichen wie schon über Jahre hinweg: Tiefe Bars, heruntergekommene Stundenhotels, stinkende In­nen­höfe, verfallene Altbauwohnungen, ein alter Ford Mustang, brutale Bullen, Drogendealer, Highways, Gangster, ungute Typen, alte Kumpel, Tresenkellner und mitten drin Flati, der handelnde Erzähler: Interne Fokalisierung, szenisches Präsens, eine protokollartige Wiedergabe der Geschehnisse. Als hätte er eine Allergie auf Satzschlusszeichen rast er von Beistrich zu Und, von Sodass zu Indem, und solange nicht ein, zwei abrundende Grasjoints „zu meinem Wohlbefinden“ geraucht werden, lässt er die Erzählung höchstens beim Umblättern kurz zur Ruhe kommen. Die Form der Texte widerspiegelt ihren Inhalt: In der Grammatik die ruinöse Umgebung, in der Aussprache von Fremdwörtern die Outlaws, die sie bevölkern. Es ist ein eigener Reiz, das Gehörte in Echtzeit zu entschlüsseln. Die Intensität, mit der er die Texte in den Raum schmettert, hat kurz vor Flatis vierzigjährigem Bühnenjubiläum etwas nachgelassen, aber er nimmt dich immer noch mit auf einen ganz eigenen Trip, wenn du dich darauf einlässt. Es ist ein unglaublich unterhaltsamer Abend.

Ein großer Teil des Publikums ist wohl noch nicht geboren, als Flati im November 1981 zum ersten Mal die Bühne der Stadtwerkstatt betritt. Dort bringt er als Autor und Schauspieler vier Theaterstücke auf die Bühne. Der gebürtige Linzer und deutsche Staatsbürger wird kurz darauf nach Deutschland abgeschoben, kann jahrelang nicht zurückkehren, schnuppert in Berlin zum ersten Mal Großstadtluft und fokussiert auf das Schreiben seiner Underground Poesie. Bewusst geht er in Bars, von denen ihm Leute abraten, weil sie zu gefährlich seien. Er fühlt sich dort wohl, kommt mit den Leuten gut zurecht, freundet sich unter anderem mit Mitgliedern der Hells Angels an, lernt die Hausbesetzer*innenszenen deutscher Großstädte kennen und reist per Autostopp mit LKW-Fahrern. Er hat immer Stift und Block dabei und schreibt drauf los, wenn ihm die Umgebung Inspiration für neue Texte liefert, zu Hause tippt er das Geschriebene mit der Schreibmaschine ab. Er knüpft viele Kontakte, über die er immer wieder erfolgreiche Lesungen organisiert. Es folgen über die Jahrzehnte Auftritte in Grieskirchen, Wels, Wien, Bochum, Hamburg, Berlin und vielen anderen österreichischen und deutschen Städten, in der Vergangenheit oft mit musikalischer Begleitung, kombiniert mit Trommel- oder Tanzeinlagen oder indianischem Gesang, mittlerweile aber bewusst reduziert auf den Vortrag der Texte, auf deren Inhalt der Fokus liegen soll.

Bemerkenswert ist, dass Frauen darin keine selbständige Rolle spielen (zumindest nicht in den mir bekannten Programmen). Kommen Frauen vor, dann in vergangenen Programmen fast ausschließlich, wenn er mit ihnen flirtet oder darüber hinaus sexuell in Beziehung steht; ihre Charakterisierung geht dabei nicht über ihr äußeres Erscheinungsbild hinaus. Bei der Premiere im Strandgut kommt als einzige Frau eine Sexarbeiterin, die er an einer Bar trifft, an der er „kein Interesse“ hat und der er einen Drink zahlt, vor.

Obwohl Flati bisher noch nicht in die USA gekommen ist, spielt sich sein Werk hauptsächlich dort ab. „Weil die Untergrund-Szene dort viel härter und gefährlicher ist“ als hierzulande und ein passenderes Umfeld für die Ereignisse in seinen Texten bietet. Sein Bild dieser Szene ist geprägt von Sonny Bargers Büchern über die Geschichte der Hells Angels und den Texten der für ihn wichtigsten Underground Poeten: Charles Bukowski, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Neal Cassady und Jack London. Er kennt ihr Werk, ihre Wurzeln und ihre Biografien und erzählt leidenschaftlich davon.
Obwohl sich die Umgebung in seinen Texten nicht maßgeblich verändert, sind Flatis Lesungen auch nach vier Jahrzehnten erfrischend kreativ, er achtet auf Qualität statt Quantität „Es wird schwieriger, neue Texte zu schreiben. Weil ich habe schon so viele Texte, ich muss aufpassen: Habe ich das schon einmal geschrieben? Ich kann ja nicht dieselbe Geschichte zwei Mal erzählen“. Außerdem ist Flati in seinen Texten genauso wenig eine statische Figur wie im echten Leben. „In meinen wilden Jahren hab ich Gas gegeben und mir nix angeschissen, aber ich bin jetzt keine 35 mehr sondern 67“. Das spiegeln auch die neuen Texte wider: In vorangegangenen Programmen sucht Flati ständig die Konfrontation, ist in Schläger- oder Schießereien verwickelt und hat diverse Substanzen im Blut. Jetzt schmuggelt er das Zeug zwar in die USA, weil er von seiner Poesie alleine nicht leben kann, zieht aber im ganzen Programm keine einzige Prise Koks. Statt sich im Ford Mustang Verfolgungsjagden mit der Polizei zu liefern, fährt er meist im Schritttempo oder stellt den Wagen auch mal ab und geht zu Fuß durch Inglewood, weil das sehr gesund sein soll. Und beim Tresenkellner bestellt er schon mal Apfelsaft oder Limonade statt Whisky. Flati ist authentisch und dabei weit davon entfernt, langweilig zu werden.

Damit zieht er neben treuen Fans auch immer neues, junges Publikum an. Einerseits wohl über die immer wieder auffälligen Plakate – ein alter Bekannter druckt sie kostenlos mit dem Farbkopierer, um ihm Kosten zu sparen, andere kutschieren ihn mit dem Auto durch Linz und Wien, um das Plakatieren zu erleichtern, die Lesungen und Bewerbung organisiert Flati nämlich selbst – andererseits weckt Flatis Auftreten mit Stars-And-Stripes-Bandana, King-Poet-T-Shirt und Totenkopf-Schmuck auch bei persönlichem Kontakt Interesse. Eine Krankenpflegerin, die die Lesung im Strandgut mit einer Hand voll Freund*innen besucht, erzählt, dass ein Patient auf ihrer Station davon geredet hat, dass er für seine Lesung plakatieren gehen muss. Den Auftritt von dem schrägen Typen wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Das Café Strom in der Stadtwerkstatt sieht Flati inzwischen in der Hand von „Ferngesteuerten, die die ganze Zeit am Bildschirm hängen“, eine Generation, die nur Techno hört statt „richtiger“ (nämlich am besten Rock-, Hardrock- oder Heavy-Metal-) Musik. Seine Stammlokale in der Linzer Altstadt, Asfalt und Corretto sind der aggressiven Verdrängungspolitik von Initiativen wie dem „Verein Altstadt neu“ zum Opfer gefallen und seit Jahren geschlossen. Das bisschen Underground in Linz, das Flatis Vorstellungen nahe kommen könnte, scheint vom Aussterben bedroht zu sein. Mit seinen Lesungen hält er dessen Fahne aber weiterhin hoch – hoffentlich noch viele Jahre!

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About the author

trinkt gern Kakao, sein Lieblingstier ist ein Honigdachs und die Lesungen von King Poet Flati mag er so gerne wie einen Honigdachs aus Kakao.

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