Loading...
You are here:  Home  >  Kunst und Kultur  >  Current Article

Gravity plays

By   /  1. Dezember 2016  /  No Comments

    Print       Email

„Architektur und Tanz“ treffen sich noch bis Mitte Dezember im afo. Von Theresa Gindlstrasser und Tanja Brandmayr.

Architektur und Tanz. Auf den ersten Blick eröffnen sich Unterschiede: Auf der einen Seite etwa die Statik, also die unbewegliche Zuverlässigkeit von Tragwerken. Und die der Bewegung, des Schwunges, des Federns, ja, manchmal sogar des Schwebens auf der anderen Seite. Sogleich verrät der zweite Blick, dass solcherlei Gegensätze auch immer etwas miteinander zu tun haben. Gestaltung, Materialien, das Atmen eines Raumes, das Umleiten von Kräften; das sind alles Dinge, mit denen die Architektur etwas zu schaffen hat. Selbst dann, wenn Architektur einfach nur Haus wäre und noch nicht einmal spezielles ästhetisches Konstrukt. Und so auch andersherum der Tanz. Gerade die Rede vom zeitgenössischen Tanz, ein viele Variablen umfassender Begriff für den Tanz der Gegenwart seit etwa 1970, zeichnet sich durch ein Bemühen aus, real vorhandene Gegebenheiten nicht zu ignorieren. Dabei geht es um Bewegung als auch Stillstand, um die Beschaffenheit des Raumes, der Körper, sowie um eine differenzierte Beziehung zum Boden.

Das Architekturforum Oberösterreich hat nun eine Ausstellung programmiert, die noch bis 17. Dezember läuft. Gleich zu Beginn sei angemerkt, dass „Architektur und Tanz“, wie der Titel vielleicht nahelegen könnte, keine Ausstellung ist, die eine wie auch immer geartete Historizität von Projekten, Konzepten oder KünstlerInnen hervorkehrt, die sich in diesem Spannungsfeld bereits betätigt haben. Die Ausstellung besteht vielmehr aus Objekten, die durch eingeladene junge ArchitektInnen, KünstlerInnen und TänzerInnen quasi unbeschwert hergestellt und „bespielt“ scheinen. Was meint, dass diese Objekte – durchaus in eklektisch spielerisch anmutender Auswahl – auch zuvor mit und durch Tanz entstanden sind. Dass dieser Zugang mit Diskurs durchtränkt wurde, ist State of the Art und selbstredend. Davon berichten auch Videos, die den Herstellungs- und Konzeptionsprozess in Interviews erläutern. In diesen Videos haben die für die Ausstellungskonzeption verantwortlichen Personen (Tänzer Hygin Delimat, Architektin Anna Firak und der afo-Leiter Franz Koppelstätter) und weitere mitwirkende KünstlerInnen über ihre Ideen und Ansichten zur Verbindung von Architektur und Tanz gesprochen. Zum Beispiel darüber, dass Architektur einen Raum schafft, Tanz aber einen Raum bespielt. Und dass sich daraus vielleicht Wechselwirkungen im künstlerischen Schaffensprozess bergen lassen könnten. Ja, dass vielleicht die Körper der Tanzenden, als exquisites Beispiel für die Nutzung von Raum, die möglichen Benutzungsweisen des Raums eigentlich erst mitbauen. Dass dies in diversen Aspekten auch der Fall sein und tatsächlich erfahren werden kann, davon zeugt besonders eine Arbeit, die als Eröffnungsperformance gezeigt wurde und um das größere, pyramidal anmutende Konstrukt von Stefan Brandmayr arrangiert wurde: Drei Tänzer machten das Agieren mit einem (sehr sperrig zu bewegenden) Pyramiden-Objekt zu einer Aussage zwischen Balance, schwerer Statik und Schwanken. Das Objekt wurde zur körperlichen Erfahrung, indem die Tänzer (zuerst längere Zeit mit dem Objekt agierend) dieses am Ende wegließen und sich selbst in eine Art schwankende Balance versetzten. Und wenn vor Jahren das Vienna International Dance Festival ImPulsTanz einen besonders prägnanten Slogan auf seine Merchandise T-Shirts gedruckt hatte, nämlich „Gravity sucks“, dann treffen sich Architektur und Tanz hier vielleicht in einem „Gravity plays“ – oder zumindest in einer spielerischen Statik. Dass so ein Spielen auf der tänzerischen Seite nur durch langjährige körperlich disziplinierende und ästhetisierende Schulung passieren kann, sei jedoch gleich angemerkt, um denjenigen Irrtümern vorzubauen, die als Aussage auch in einem der erwähnten Dokumentationsvideos vorgetragen wurde – nämlich etwa jene, dass der Tanz „freier“ sei als die Architektur. Solche Aussagen bezeichnen wohl auch kleinere Romantizismen, wenn sich Sparten treffen. Der Blick von außen, das Wundern und auch zu einem gewissen Grad die Unkenntnis der fremden Materie will hier allerdings anders, und vielleicht sogar tatsächlich befreiend, fruchtbar gemacht werden. Insofern hat, quasi in einem zeitgenössischen Spartentreffen, „der Tanz“ einen derzeit hippen Ansatz von anderer Materialität gewählt (konkret hier: Baumaterialien, Architekturfragen). Andererseits scheint „die Architektur“ einen starken Fokus auf die ebenso hippe Prozessorientierung gelegt zu haben, was sich besonders in den ausgestellten Objekten manifestiert, die lediglich durch ein Experimentieren von Körpern und Konzepten bearbeitet wurden – also Materialien, die ganz grundsätzlich von Körpern befragt scheinen. Hinsichtlich der Frage, inwieweit derartige Prozesse tatsächlich sichtbar gemacht werden können, hinsichtlich eines schlichtweg vorhandenem und eventuell doch auseinanderdriftenden ästhetischen Unter- und Überbaus der jeweiligen Sparten, und auch hinsichtlich der Sinnlichkeit des Mediums Video innerhalb einer solchen Ausstellung, gibt es zwischen den beiden Autorinnen im Übrigen unterschiedliche Meinungen und Argumente; auch hinsichtlich tatsächlicher Effekte, die sich innerhalb einer derartig fragilen Zusammenarbeit schlussendlich überhaupt einstellen können. Was allerdings generelle und spannende Fragestellungen abbildet. Eine Bewertung in dem Sinn täte auch insofern nicht gleich etwas zur Sache, als dass die weit geöffnete Thematisierung von Nutzung ganz offensichtlich die grundsätzliche Fragestellung dieser Arbeiten abbildet. Innerhalb von Material, Form und Raum haben sich hier jedenfalls verschiedene Positionen manifestiert, die sich zwischen den Sparten gewissermaßen neu schauend und probierend getroffen haben. Es zeigt sich weiteres Potential zwischen Architektur und Tanz. Selbst hingehen und anschauen.

 

Theresa Gindlstrasser schreibt u. a. auch für nachtkritik.de, die Internetplattform für Bühnenkunst im deutschsprachigen Raum.

Tanja Brandmayr (übrigens nicht mit Stefan Brandmayr verwandt oder sonst wie verschwägert) schreibt unter anderem für tanz.at – eine mindestens österreichweite Internetplattform für Tanz, Kritik und Diskurs. Dort wird dieser Text auch zu lesen sein. www.tanz.at

 

„Architektur und Tanz“ im afo noch bis 17. Dezember.

Doku der Performance dorftv.at/video/25910

Alle Videos der Ausstellung dorftv.at/channel/afo

    Print       Email

About the author

geboren 1989, lebt und arbeitet in Wien. Studiert dort Philosophie und bildende Kunst. Schreibt dort, und manchmal woanders, meistens über Theater.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>