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Dimensionen der Paranoia und der Kartografie

By   /  1. März 2018  /  No Comments

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Zurück von der Transmediale und jetzt mit dem Streamingprojekt in Kooperation mit Museion Bozen beschäftigt, traf Pamela Neuwirth den Medienkünstler und Kurator Davide Bevilacqua zum Interview über das AMRO Festival in Linz, welches er 2018 organisiert. Sie sprach mit ihm auch über die Grauzone zwischen Kunst und Kuratierung.

Wanderer above the sea of Data von Davide Bevilacqua

Wanderer above the sea of Data von Davide Bevilacqua

Davide, du kommst eben von der Transmediale in Berlin zurück. Wie wars?

Intensiv. Festivalthema war Face Value. In unterschiedlichen Formen und Formaten auseinandergesetzt, dehnte sich das Thema inhaltlich in ein breites Spektrum aus, das von Bitcoin bis hin zu Fragen digitaler Kartografie reichte, es waren auch ganz schön paranoide Szenarien dabei.

Kartografie wäre ein Stichwort, servus.at hat sich letztes Jahr in einem Projekt damit befasst und ihr habt die Resultate im Kunstraum Goethestrasse präsentiert. Bevor wir davon sprechen, lass uns doch über deine letzte Vergangenheit hier in der Stadt reden, wo du nach deinem Studium in Venedig Interface Cultures studiert hast. Daneben die Zusammenarbeit mit quitch oder deine kuratorischen Aktivitäten. Was hat dich am Studienfach interessiert und wohin hat sich dein Forschungsinteresse und die Kunst bis heute entwickelt?

Ich komme eigentlich aus der bildenden Kunst, vom Theater und der Performance. In Venedig habe ich vom Studienfach Interface Cultures an der Kunstuniversität erfahren und von Linz im Allgemeinen durch die Ars Electronica. Jedenfalls kam es so, dass ich einen mehrmonatigen Crashkurs in Programmierung absolviert habe, bevor es hier losgegangen ist. Das Studium ist vielfältig, das geht von Tiefenprogrammierung bis hin zu klassischen bildschirmbasierten Interfaces oder sehr haptischen Umsetzungen. Es gibt große Diskussionen, wie man Informationen nicht nur visuell, sondern durch Motoren oder Sound vermittelt; dieses physische Feedback hat mich immer interessiert, weg von diesen Tendenzen „Alles schön und oberflächlich“, was gerade in den Interfaces passiert. Eine kleine Nebensache: Ich habe immer gerne Sachen organisiert. Während des Studiums habe ich 2015 die Ausstellung Unmade Displays an der Universität Udine mit Vincenzo Estremo organisiert. Seitdem habe ich das Kuratieren weiterverfolgt und daneben meine eigenen Projekte realisiert. Beim Palinsesti Festival bin ich seit drei Jahren als Kurator engagiert, dort hat es sich ergeben, mit Michele Spanghero, der mit Ad lib. (2017) bei der Ars vertreten war, in interessanter Konstellation zu arbeiten. Das Kuratorische war Nebenschauplatz, wir haben als Künstler miteinander funktioniert. Ich habe damals die Ursuppe entwickelt gehabt, eine Soundperformance mit Obst und Elektronik, wo es starke Parallelen zu Micheles Arbeit gab. Ursuppe war als eine Echtzeit-Umsetzung konzipiert; diese Form haben wir in seine – davor statische – Arbeit übertragen, wo eine fertige Komposition abgespielt worden wäre und sie in eine große Live-Performance transformiert. Es war bei der Masterarbeit klar, diese beiden Ebenen zu verbinden mit dem Ziel, die Grenze zwischen Kunstwerk und Ausstellung zu verwischen oder aufzuheben. In dieser feinen Grauzone, künstlerisch wie kuratorisch, neue Ansätze zu finden, einen echten Perspektivenwechsel. Linz ist dafür eine super Stadt. Ich bin im Künstlerkollektiv quitch aktiv. 2017 haben Ushi Reiter, System Jaquelinde, Veronika Krenn und ich das Kartografieprojekt HIC SVNT DRACONES umgesetzt; es war aufregend, die unterschiedlichen Denkweisen und Ideen miteinander zu erarbeiten.

Mit Veronika Krenn arbeitest du regelmäßig. In Summernights I Looked For Insects habt ihr erst letztes Jahr und zwar in London bei „Emotion + the Tech(no)body“ gezeigt. Wie funktioniert eure Arbeitsweise?

Uns interessieren momentan selbstentwickelnde Prozesse, die wachsen oder reagieren. Evolving Calculators ist ein Beispiel. Wir haben verschiedene Wirtschaftstheorien und ökonomische Konzepte miteinander abgeglichen. In den Konzepten spielen mittlerweile Maschinen eine Rolle. Unsere Idee war eine Maschine, die nicht Ökonomie erzeugt, sondern Theorien. Für das Unterfangen mussten viele Theorieblöcke gebaut werden, damit das eine Maschine lernen kann. Wir haben neben den Theorien Metaphern und Bilder generiert, um den Bruch zwischen Marxismus und Kapitalismus darzustellen. So generell, was das Arbeiten als Duo betrifft: Wir haben keinen Namen, aber einen dichten Austausch an Ideen. Bei den Insekten (Anm.: In Summernights I Looked for Insects) war es so, dass ich zu einer Ausstellung in Italien eingeladen war und es gab da diese Idee. Ich entwickelte Sounds und Stromkreise, Veronika die Realisierung der Objekte, visuelle Repräsentation liegt ihr sehr, sie ist auch eine ausgezeichnete Grafikerin.

Auf deiner Homepage war zu lesen, du beschäftigst dich vor dem Hintergrund der KI und Robotik mit Fragen des „technologischen Positivismus“ und der „Rhetorik der Kybernetik“. Das nimmt beinahe meine Frage vorweg, was die Diskurse sind, an denen du dich orientierst oder die du kritisierst?

Positivismus und Rhetorik der Technologiewelt sind für mich Probleme, um die man nicht herumkommt und ein Grund, warum ich gerne bei servus.at arbeite. Was Technodiskurse betrifft, interessieren mich Zusammenhänge zwischen monopolistischen Strukturen durch Konzerne, open source-Philosophie und ethische Fragen. Hinsichtlich der Verbindung von kapitalistischer Entwicklung und Technologie stören mich manipulative Versprechungen. Die trügerische Darstellung eines Produktes, einer Entwicklung. Die „neuen Ideen“ wurden ebenso von Open-Source-Communities hervorgebracht, wie das auch in der Medienkunst oder durch die Medienkunst vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert ist. Die Ars Electronica hat die Themen KI und Machine Learning aufgenommen, weil es in ist. Bitcoin und Blockchain sowie Desinformation im Kontext von Social Media sind weitere Komplexe, um die man sich kümmern muss. Ich habe bei all dem aber das Gefühl, die Rhetorik ist oft fehlgeleitet. Weiß man ungefähr, wie eine KI funktioniert, bleibt man gegenüber Präsentationen, die eine künstliche Intelligenz suggerieren, skeptisch. Der Begriff ist zu großzügig, die Ingenieure meinen meistens etwas anderes. Der Sensor misst, die Maschine schaltet sich ein oder aus. Das ist nicht besonders smart, aber wir nennen es so. Vielleicht, weil es cool klingt, wie auch die Geschichten von Maschinenintelligenz. Intelligenz ist eine Frage des Begriffs. Im aktuellen Trend ist dafür zumindest viel Platz für Interpretationen.

Du hast eingangs die Paranoia erwähnt. Wie sieht deine aktuelle Situationsanalyse in Sachen Internet aus? Ich meine, nachdem die Weltöffentlichkeit von Snowden erfahren hat und während die Netzneutralität von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen zerrieben wird, wie lassen sich aus deiner Sicht etwa Überwachungsszenarien im Internet beschreiben?

Das ist sehr schwierig. Überwachung, Datenschutz und Privacy … ich glaube, das Thema hat an Kraft verloren. Vor ein paar Jahren war es virulent, Wikileaks hat gezeigt, was nicht funktioniert, die Überwachung der NSA usw. Der Öffentlichkeit wurde das schon bewusst, aber es gibt mittlerweile andere Themen, die Raum brauchen, wie Extremismus im Netz. Es scheint, als ob sich die Menschen daran gewöhnt hätten, überwacht zu werden; es ist wie eine Post-Konditionierung. Daneben kümmert man sich um die Netzneutralität und geht gegen rassistische Inhalte in Filterbubbles vor; letzteres scheint momentan der stärkere Trend zu sein. Man ist mit einer Rhetorik konfrontiert, die sagt, man braucht Facebook, damit man nicht in Isolation gerät. Also die Konsequenzen tragen: Ich weiß, meine Daten werden gefressen, mache aber trotzdem mit. Kommunikation wäre ein Weg, Probleme nicht nur in kleinen, kritischen Gruppen, sondern in einer breiteren Öffentlichkeit zu lancieren. Um das zu erreichen, muss man die Kanäle dieser Öffentlichkeiten nutzen. Es geht um eine Balance zwischen kritischen Zugängen, wie AMRO oder Transmediale und daneben um populärere Zugänge. Auf der Transmediale sind die Themen leicht zu diskutieren, aber wenn wir uns bemühen, die Welt besser zu machen, dann sollten wir uns bemühen, die Diskussion breiter anzulegen. Es ist problematisch, dass manche der Überwachung durch CCTV-Kameras positiv eingestellt sind. Der tagespolitische Diskurs rund um Terroristen, Kriminalität und Migration hat die Gesellschaften nach rechts gerückt. Sicherheit ist nur ein Schlagwort. Wir wissen von den Problemen, Migration mit Gefahr gleichzusetzen. Solche radikalen Rhetoriken haben mitgeholfen, dass Überwachung heute von einer Mehrheit toleriert wird.

AMRO wird heuer von dir kuratiert. In welche Richtung geht das Festival bzw. gibt es Inhalte, wo du schon sagen kannst, dass diese in Lectures oder Performances umgesetzt werden?

Aus den Linux-Wochen Linz hat sich AMRO in den letzten Jahren biennal konzipiert, d. h. ein Jahr Research Lab, im nächsten werden die Resulate des Labs für das Festival aufbereitet. Für das Festival gibt es ein Kernthema, dem immer noch andere damit zusammenhängende Themen angeschlossen werden, die einen Open Source aufzeigen. Im Research Lab 2017 zu Kartografie oder Digital Mapping haben wir technische oder ästhetische Fehler in Kartografien untersucht und angewandt. Das Thema bei AMRO wird also Kartografie sein, vielleicht als Grundlage noch einmal abstrakter angelegt. Es geht nicht nur darum Karten zu zeichnen. Das Konzept der Critical Cartography finde ich, neben technischen oder ästhetischen Fragen, spannend. Critical Cartography bedeutet, BürgerInnen wenden die Kartografie selbst an. Karten haben mit Macht zu tun. Selbstermächtigung ist eine Taktik, einem Machtverhältnis etwas zu entgegnen. Das ist ein sehr schönes Bild: Zuerst musst du die Situation verstehen, das Netz, die Kommunikation, das Mapping aufbauen, und dann erschließt sich, was Kartografien fehlt, welche Schlüsse noch nicht gezogen wurden. AMRO funktioniert nicht top down, alle Beteiligten diskutieren auf einer Ebene unterschiedliche Perspektiven. Wie können post-demokratische Diskurse umgangen werden? Wie können wir uns in politische Verhältnisse einmischen? Beim Steirischen Herbst ist mir eine Gruppe aufgefallen, die für ihre Arbeit, The Left-to-Die Boat, die Meeresroute eines libyschen Schiffs auf dem Weg nach Italien untersuchte. Das Schiff havarierte, die Menschen, es waren Flüchtlinge, wurden auf dem offenen Meer zurückgelassen. Forensic Architecture sind ein Konglomerat von Leuten unterschiedlicher Sparten, wie Statistik, Informatik, Soziologie, Architektur. Für The Left-to-Die Boat wurden neben Weg-Zeit-Diagrammen, Daten mit ganz anderen räumlichen Informationen verschränkt. Die Adria ist ein hochüberwachtes Gebiet. Durch die unkonventionelle Verschränkung der ohnehin vorhandenen Informationen, haben Forensic Architecture gezeigt, dass nicht hätte passieren müssen, was passiert ist. Das Unglück wurde zugelassen. Forensic Architecture wären interessante Gäste für AMRO.

 

2018 – Art Meets Radical Openness (#AMRO18)

16.–19. Mai 2018

Unmapping infrastructures

AMRO – Art Meets Radical Openness, das Festival für Kunst, Hacktivismus und Open Cultures seit 2008 von servus.at in Kooperation mit der Kunstuniversität Linz organisiert, wird dieses Jahr von 16. bis 19. Mai im afo – architekturforum Oberösterreich, der Kunstuniversität Linz und der Stadtwerkstatt stattfinden.

www.radical-openness.org

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denkt im Radio und in anderen Räumen.

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