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Die grüne Hydra

By   /  3. Dezember 2020  /  No Comments

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Im Oktober konnte Lisa Spalt mit dem Text Die grüne Hydra den Literaturwettbewerb Floriana für sich entscheiden. Hier ein Auszug.

Bild Lisa Spalt

Über mir saß wieder dieser bronzene Typ, der mir den Hintern des Pferdes zukehrte und in der Vorderansicht auch unzufriedene Mundwinkel hatte. In diesem Moment verstand ich, dass wir die Fremden fürchteten, weil sie im Gegensatz zu uns Mythen besaßen, die sie mit der Welt verbanden. Die unseren trennten uns von ihr und einander. Man erzog uns dazu, nach unserem Tod als Helden zu glänzen. Und so schufen wir uns eine Welt der Katastrophen, um zu beweisen, dass wir alle im Unterschied zu anderen darin überleben konnten. Ein junger Mann zeigte mir, als ich dabei war, dies zu denken, den Mittelfinger. Er erklärte mir auf diese Weise, dass er zu Calvin gehörte, zur Gruppe der Kleinen Calvinerinnen, die keine Kirchengebäude als Sehenswürdigkeiten anboten, sondern ihren Gläubigen gleißende Kleidung überzogen, welche die Wände heiliger Räume symbolisierte. Eine dieser mobilen Fortschrittskirche assoziierte Kosmetikmarke mit dem Namen Vichy Régime, welche beanspruchte, die neuesten Werte zu repräsentieren, lieferte den Anhängerinnen semitransparente, duftende Fläschchen, die die früheren Kerzen ersetzten. Sie wurden von den Auserwählten dazu benutzt, die Smartphones, über deren Bildschirme die Messen flackerten, daran anzulehnen, damit man die Hände freihatte, zum andächtigen Empfangen von mit göttlichem Fleisch belegten Brötchen.

Später, am Abend, lagen im Hotel Objekte auf dem Kopfkissen, die sich hintersinnig „Lebkuchen“ nannten. Ich kaute das Zeug und sah dabei eine Tiersendung über einen Süßwasserpolypen, der in Symbiose mit den Chloroplasten einer Alge lebt. Die dargebotenen Informationen reimte ich mir so halbwegs mit Hilfe der immer wieder ausgesprochenen lateinischen Bezeichnung des Tieres, anhand von einigen wenigen von mir beherrschten Wörtern der fremden Sprache – zum Beispiel die für „und“, „eins“ und „Gemüse“ – sowie durch intensives Surfen im Internet zusammen. Der Lernvorgang lief ziemlich interaktiv ab und ich kam, weil ich wenig verstand und die Worte in mir verschiedenste Bilder aus Vergangenheit, Gegenwart und Projektion verschmolzen, auf Gedanken, die nur durch eine starke Energie entstehen konnten. Ich vermutete zum Beispiel, es handle sich bei dem Süßzeug um Lebkuchen der Marke Sirius. Der Name hatte etwas mit den sich ankündigenden Hundstagen einer neuen Heißzeit zu tun. Er sollte aber, so tagträumte ich, auch ein Insider-Hinweis auf das Abmelken meiner Daten zum Vorteil einer weit entfernten Zentrale sein. Die Süßigkeiten enthielten relativ sicher essbare Wanzen, die mich nach dem Verschlucken von innen her abzuhören beginnen würden. Ein starkes „Rum-Aroma“, welches wahrscheinlich je nach Sprachzugehörigkeit besessene „Amor“ oder „Amour“ auslösen sollte, überdeckte den bitteren Geschmack der Mikro-Mikros. Die Verpackung der Dinger wiederum versprach, dass sie in die Kategorie Doppelabsahnstufe gehörten. „Gott versorgt dich mit allem, was du brauchst“, dachte ich, „nimm seinen Leib und iss ihn. Dann wird er in seinem Headquarter alias Über-Ich über dich wachen.“ Tatsächlich dachte ich schon seit Längerem, man lasse uns leben. Ich meine: Man ließ uns leben, wie man uns früher arbeiten hatte lassen. Mittlerweile waren unsere Auszucker ja wahnsinnig lukrativ. Und wir glaubten zwar immer noch, wir würden Liebe machen, die niemandem gehöre. Wir dachten immer noch, wir absolvierten – neben einem öffentlichen – auch ein wildes, privates Leben. Aber als ich die Herkunft des Wortes „privat“ gegoogelt hatte, das sich anscheinend vom französischen Verb „priver“ herleitet, – als ich verstand, dass es nichts anderes bedeutete als „jemandem etwas versagen“, wurde mir alles klar. Eigentlich bezog sich unsere Privatheit im Wortsinn der Beschränktheit nur noch darauf, dass die Arbeit, die wir durch unser Überleben leisteten, nicht mehr durch den Luxus schöner intimer Feiern des Umgangs aufgewogen wurde.

Gerade hatte sich im Zuge der Erderwärmung eine unbekannte Art von Flöhen ausgebreitet. Es wurden Gerüchte wiedergeflüstert, die in diesem Zusammenhang von Krankheiten sprachen. Man nannte die Botschaften „Rumors“ und wisperte von Menschen, die von diesen regelrecht besessen wären. In einer ersten Phase hielten die Befallenen alle anderen für Unbekannte. Dann behaupteten sie, die Platzhalter hätten es auf ihre Flöhe abgesehen, welche aber nur sie wegen deren winziger, also beinahe Nichtexistenz mit feinen Finanzinstrumenten liebkosen könnten. Lernten die Besessenen die Unbekannten schließlich näher kennen, misstrauten sie gemeinsam mit ihnen den noch Unbekannteren, bekämpften diese und entzweiten sich dabei mit den ersten Nummern, sodass sie wieder Unbekannte wurden. Bald predigten viele, ein einziges Gesetz durchwalte Mathematik und Natur. Die immer größer werdende Gruppe der Erkrankten wehrte sich aber dennoch gegen Linguistinnen, die das Wort „Ungeziefer“ von der „Ziffer“ herleiteten und erklärten, es meine etwas, das im Übermaß vorhanden sei. Die Berechnenden schlugen ein mathematisches Äquivalent zum Kreuzzeichen und monierten, die Anzahl der Flöhe wäre ganz im Gegenteil immer zu klein. „Manna“ riefen sie, es klang wie „Money“. Auch verwechselten sie zunehmend „Bucks“1 mit „Bugs“2 und sprachen in den höchsten Tönen vom sogenannten „Flohmarkt“. Gerüchte für Gerüche haltend, von denen sie glaubten, sie seien der Vermehrung der Flöhe günstig, marschierten sie daraufhin in Form von Armeen ein in Gebiete, die ihre Regierungen als unrein bezeichnet hatten. Es wurde behauptet, dort wohnten schmutzige Menschen, die die Flöhe unzulässigerweise an sich saugen ließen. Die Angehörigen des Militärs, die die Familie als Fleisch und Blut verlassen hatten, glaubten unterdessen, in den Soldatenröcken ihre Flöhe wie „Franken“, die Währung der Freiheit, mit sich zu schleppen. Doch waren die Tiere in den Taschen, wenn man nachsah, nie zu finden. Tatsächlich bekam man sie nur zu Gesicht, wenn sie im Zuge eines Sprungs vom Himmel fielen. Ein paar findige Köpfe verlegten sich daher darauf, auf dieses Erscheinen in der Abwärtsbewegung der parabelförmigen Kurse zu wetten. Und so begannen wir, während wir uns ganz nebenbei an die Behauptung gewöhnten, dass unauffindbare Werte die wichtigsten seien, den schlimmsten denkmöglichen Fall als „Glücksfall“ zu verstehen.

Der Kreislauf von „Pessimum“ – so die offizielle Bezeichnung der uns über die verschluckten Mikros abgezapften negativen Energie, die man mit den „Rumors“ beförderte – war bald auf nahezu bewundernswerte Weise geschlossen. Gut kalkulierte Geschichten sollten die Gegenwart zementieren, indem ihre Auswirkungen nur, wenn sie der nachhaltigen Produktion des von der Heimatpartei so genannten „Schlechtons“ dienten, von uns zugelassen wurden. Eine von niemandem verordnete, aber lückenlos rückwärtsgewandte dystopische Geschichtsschreibung lieferte die Modelle für unangenehme Figuren, die dadurch überproduktiv wurden. Ja, auch ich selbst verschmolz eines Morgens mit einem jungen, erfolgreichen Drogendealer aus der Folge einer Fernsehserie vom Vortag und konferierte, mit meinen eingeschmolzenen Pfunden wuchernd, mit auserwählten Performerinnen der Szene. Zur Begrüßung und zum Abschied rieben wir uns die Hände. Das Theater war perfekt. Professionell stellten wir den Markt dar, errichteten Stände und verwandelten unsere Gemeinschaft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Dann begann das Militär, hauptberufliche Storyteller anzustellen, die die phantastischsten Szenarien für zukünftige echte Kriege erdichteten, damit es sich dafür rüsten konnte. Wir erlebten das Beispiel der Folterer von Abu Ghuraib, die eine Folge der Fernsehserie „24 Hours“ für ihre Quälereien zum Vorbild nahmen. Die Produktion von Negativität durch die von ihnen verursachten Schmerzen war derart effizient, dass die ganze, nach dem Pessimum süchtige Welt mit der giftigen Lösung, die man jetzt als einen „Ausweg“ bezeichnete, versorgt werden konnte. Ja, es konnte sogar noch das Bekanntwerden des Zusammenhangs mit der TV-Serie für den Gewinn und die Versorgung weiterer Junkies fruchtbar werden. Alle Bestrebungen einiger Widerstand Leistender, Schlussfolgerungen aus den Vorgängen auf den Flohmärkten zu ziehen, die zu ihrer zukünftigen Eindämmung führen hätten können, wurden unterdrückt. Manche phantasierten noch, die berühmten „vertretbaren Sachen“, die an den Börsen als und mit Pessimum teuer verkauft würden, seien in Wirklichkeit Scheine. Wo wir Bares sahen, sahen sie schräge Bezüge. Für uns aber waren die Auftritte dieser „Realisiererinnen“, wie sich die Leute nannten, Anlass für so viele ärgerliche Gefühle, wie wir uns zum Wohle des allgemeinen Fortkommens gerade noch abpressen konnten. Wir zahlten uns jetzt richtiggehend aus, will sagen: Wir verausgabten uns. Und so sperrte man die Leute in unserem Namen weg. Überhaupt geschah jetzt vieles in unserem Namen. Hinter gepolsterten Türen begründete man dies mit einem im Falle des Zuwiderhandelns gegen den Willen der negativen, also irgendwie nicht vorhandenen Öffentlichkeit drohenden Zusammenbruch der Weltwirtschaft, die als eine Art Wirtshaus verstanden wurde, dessen Überleben vom Überfluss von Pessimum abhängig war, welches den davon trunkenen Menschen wie Milch und Honig aus den Mundwinkeln laufen musste.

 

1 Amerikanisch für „Dollar“
2 Englisch für „Flöhe“ Textauszug aus „Die grüne Hydra“ von Lisa Spalt.

Literaturpreis Floriana
Lisa Spalt gewinnt die FLORIANA 2020. Jury-Statement: „Der erste Preis geht an einen Text, der von seinem Rhythmus und Sound lebt. Dessen Autorin fest im Sattel ihrer Sprache sitzt. Das Chaos nach der modernen Apokalypse mündet in einer Dystopie, in der Ökonomie auf Ökologie prallt. Der Text erzeugt eine experimentelle Fläche, in der die Wirklichkeit als Suada wurzeln kann.“ Alle PreisträgerInnen: Lisa Spalt, Robert Woelfl, Melanie Koshmashrab, Förderpreis für oberösterreichische AutorInnen: Vanessa Graf
literaturpreis-floriana.at

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  • Published: 8 Monaten ago on 3. Dezember 2020
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  • Last Modified: Dezember 3, 2020 @ 2:03 pm
  • Filed Under: Kunst und Kultur

About the author

Autorin, lebt seit 2013 in Linz. Beschäftigt sich mit dem Handeln in Sprache und Bildern. Bietet nebenberuflich poetische Albtraumverbesserungen und ebensolche Schluckbildchen gegen die Unbill der Gegenwart an. Informationen auf www.lisaspalt.info.

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