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Der One-to-One Grenzgang

By   /  1. Dezember 2017  /  No Comments

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Auf der MS Sissi von Linz nach Ottensheim gefahren. Auf der ruhigen, dicken Donau eine Stunde lang gegen den Strom getuckert. Am 24. September war das, also am zweiten und letzten Tag vom „Spotter Trip“, einem Projekt der Fabrikanten in Kooperation mit KomA. Theresa Gindlstrasser berichtet.

Körperliche Erlebnis, überwältigend angelegt: Ziggurat Project. Foto Erich Goldmann

Körperliche Erlebnis, überwältigend angelegt: Ziggurat Project. Foto Erich Goldmann

Das Publikum aka die Spotter waren „eingeladen, sich beunruhigen zu lassen“. Also eingeladen, im Rahmen von Live-Art-Miniaturen Begegnungen zu erleben.

Anatol Bogendorfer und Jens Vetter haben unter dem Namen „Gitter“ eine für die einstündige Fahrt zugeschnittene Sound-Performance kreiert. Es wabert, es wummert, es wellt. Es Rhythmus, es Synthesizer, es live Recordings. Derweilen geht die Herbst-Sonne unter und ein Herbst-Abend bricht an. Der Matrose bringt Getränke. Und Decken. Ich schaue aufs Wasser, mit einer Zigarette in der Hand. Es ist alles sehr ruhig, beruhigend eigentlich.

Aber dann! Ankunft in Ottensheim. Es gibt Pizza. Dafür kein Konzert. Alle erzählen von „Bruch“, der Auftritt von Philipp Hanich am ersten Abend war wohl für viele fabelhaft gewesen. Wie schon bei „Hotel Obscura“ (2015) oder „Spotter Night“ (2017), zwei vorangegangenen Projekten der Fabrikanten, ist auch der „Spotter Trip“ ein jeweils individuelles Erlebnis. Aus einem Angebot von insgesamt sechs 15-minütigen Interaktionen (die meisten davon One-to-one) wähle ich drei. Sechs Autos parken auf der Fähre Ottensheim-Wilhering. Die Fähre legt an, wir Spotter werden ins jeweilige Auto eingeladen.

Meinen Rucksack, meine Jacke, sogar meinen Pullover, soll ich in einem Plastiksack verstauen. Der Mann spricht leise, gehetzt. Er setzt mir eine Haube tief über die Augen auf und bindet einen Schal zweimal noch drüber. Ich sehe nichts. Er öffnet die Türe des Kleinbusses und hilft mir beim Einsteigen. Knall, Türe zu, ich alleine, ich sehe nichts. Schreit derselbe Mann nach hinten: „Go to the back! Now!“. Taste ich mich voran, kreische laut auf, als mich mehrere Hände zu sich ziehen, eins, zwei, drei Menschen müssen das sein, wir sitzen nebeneinander auf einer Bank.

Das 2013 in Budapest gegründete Kollektiv Ziggurat Project arbeitet stets site-specific. Für den „Spotter Trip“ wagen sie sich mit „Styx 2.0“ auf wahrlich beunruhigendes Gelände. Nicht nur wird im Hinterteil des Kleinbusses der abstrakte Horror „Flucht übers Mittelmeer“ zum körperlichen Erlebnis, sondern dieses körperliche Erlebnis ist dermaßen überwältigend angelegt, dass reale Angst, Überforderung, Tränen auftreten. Später lasse ich mir von den Beteiligten erklären, dass sie die Choreographie der Ereignisse stets genau mit den Reaktionen der jeweiligen Publikumsperson abstimmen. Die Regisseurin Fanni Lakos dirigiert die Beteiligten, lässt mal Elemente weg, geht mal noch weiter hinein. Solch aufmerksamer Umgang mit den Spottern ist für die Fabrikanten ein wichtiges Element ihrer Bemühungen um die Live Art.

Der Kleinbus rattert über unebenes Gelände. So fühlt es sich an. Stimmen, Geschrei, das Knattern eines Maschinengewehrs. Die Körper rechts und links schunkeln mit mir, schütteln mich durch, pressen meinen Kopf Richtung Boden. Wir alle atmen ängstlich. Dann Möwengeschrei, wir sind auf einem Boot, der Rhythmus der Wellen schaukelt uns weiter. Neben mir weint eine Frau. Sie führt meine Hand und ich schöpfe Wasser, sie trinkt daraus, sie weint, ich auch. Unvermutet hält der Wagen. So fühlt es sich an. Ich steige aus und stehe mit meinem Plastiksack in der Hand etwas verwirrt auf der Donau herum.

Für die Rückfahrt von Wilhering nach Ottensheim bittet mich Vida Cerkvenik Bren die Schuhe auszuziehen. Sie summt vor sich hin. Ich lege mich auf einen Matratzenberg und unter einen Deckenberg. Jemand massiert mir die Füße. Jemand träufelt warmes Wasser über meine Stirn. Ich fühle mich geborgen. Die Arbeit „Flush“ setzt auf das Thema Wasser als Wohlfühlgarant. Durch ein offenes Fenster schauen wir auf den Fluss. Unser Gespräch plätschert unaufgeregt vor sich hin. Das Timing könnte nicht besser sein, wer „Styx 2.0“ erlebt hat, wird bei „Flush“ wieder wohlig aufgepäppelt.

Für meine letzte Fahrt nehme ich Platz in der Personenkabine auf der Fähre. „Tote bei der Arbeit“ von Club Real geht über insgesamt 30 Minuten, also Ottensheim-Wilhering, Wilhering-Ottensheim, und bietet Platz für mehr als nur eine Publikumsperson. Zwei Figuren aus dem Totenreich sitzen mit weißen Masken und schwarzen Umhängen etwas teilnahmslos auf den Bänken herum. Am Boden steht eine Induktionsplatte, ein Topf, darin köchelt wenig Wasser mit viel Zwiebel. Es stinkt. Gewaltig. Außerdem liegt ein Pflasterstein darin. Für dieses „Erlebnis“ wurde wenig vorbereitet, einzige Handlungsanweisung oder Möglichkeit zur Interaktion besteht darin, von erlittenen Schmerzen zu erzählen. Was ein Schmerz mit einem Pflasterstein mit einer Zwiebelsuppe zu tun haben könnten oder inwieweit dieses wenig subtile Arrangement zu einer besonderen „Begegnung“ führen könnte, erschließt sich auch in 30 Minuten nicht.

Seit über 25 Jahren arbeiten sich die Fabrikanten an Konzepten von „Begegnung“ ab. In ihren letzten Projekten haben sie jeweils die Rahmenbedingungen gestaltet und einzelne Kunstschaffende eingeladen in kurzen One-to-one Situationen das Publikum zur Begegnung zu verführen. Obs dazu kommt oder irgendwo in einer wenig einladenden Konstruktion stecken bleibt, das hängt von der jeweiligen Arbeit ab. Insgesamt haben über 100 Menschen am „Spotter Trips“ teilgenommen. Und insgesamt ist die Atmosphäre des „Spotter Trip“ mindestens als geheimnisvoll, manchmal auch als beunruhigend zu beschreiben. Eine Fahrt mit dem Shuttle-Bus zurück nach Linz beschließt das Erlebnis.

Was ich alles nicht gesehen bzw. erlebt habe: Musik hören mit Patrik Huber unter dem Titel „Blinded?“, Kartoffeln essen mit Martha Labil unter dem Titel „Gegen den Strom“, die „Rest Area“ von S. J. Norman, mit Bernadette Laimbauer „sich gehen lassen“ oder mit Boris Nieslony bei „Rent an Artist“ über Live Art diskutiert. „WTF is Live Art“, so heißt eine Interviewreihe der Fabrikanten. Die Videos sind über Youtube zugänglich und versammeln Antworten verschiedener Personen. Die Fabrikanten forcieren den Begriff Live Art in Abgrenzung zur Performance-Kunst und bemühen sich um die Bereitstellung der Rahmenbedingungen für individuelle Begegnungen zwischen Kunstmachenden und Spottern. Immer anders. Immer verschieden. Einzigartig. Und unwiederholbar. Theresa Luise Gindlstrasser geboren 1989, lebt und arbeitet in Wien. Studiert dort Philosophie und Bildende Kunst. Schreibt dort, und manchmal woanders, meistens über Theater.

 

Die Fabrikanten haben außerdem eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen mit dem Titel: „WTF is LIVE ART?“. Bei der „Vortragsreihe zu partizipatorischen Live Art Strategien“ werden Künstler*innen wie Tim Etchells (Forced Entertainment), Aaron Wright (Fierce Festival), Mary Paterson, Robert Pacitti (SPILL Festival), u. a. eingeladen. Den ersten Doppeltermin zum Thema Live Art gab es Ende November, mehr Infos: www.fabrikanten.at

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About the author

lebt in Wien. Arbeitet als Kritikerin und Autorin. Hat in Linz studiert. Raucht.

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