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Der Klang soll aus den Poren der Wände kommen.

By   /  1. Dezember 2016  /  No Comments

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Von Macbeth über Soundinstallationen bis hin zu Modern Dance: Der in Linz lebende Musiker, Produzent und Komponist Wolfgang Fadi Dorninger kennt keine Berührungsängste. Seit mehr als 25 Jahren komponiert Dorninger auch fürs Theater, seine bisher letzte Produktion ist Felix Mitterers Schauspiel Jägerstätter in der Inszenierung von Markus Völlenklee.

Fadi Dorninger vor der Jägerstätter-Kulisse. Foto Gabriele Kling-Dorninger

Fadi Dorninger vor der Jägerstätter-Kulisse. Foto Gabriele Kling-Dorninger

Es ist die Herausforderung, die Wolfgang Fadi Dorninger zu seinen vielen Produktionen und Projekten führt, denn der bereits erprobte Weg fasziniert ihn nicht. So lehrt er neben seiner künstlerischen Arbeit seit fast 20 Jahren an der Kunstuniversität Linz und betreibt das Label base records mit dem Hauptgewicht auf elektronischer Musik.

Trotz seines unterschiedlichen künstlerischen Arbeitens ist Wolfgang Fadi Dorninger sofort einverstanden, dass wir uns diesmal ausschließlich über seine Theaterkompositionen unterhalten, und dabei gibt es genug zu besprechen, denn sowohl auf den Bühnen der Off-Theater als auch auf Landesbühnen hat Wolfgang Fadi Dorninger fast 45 Stücke in Klang „gehüllt“.

Ich besuche ihn auf der Kunstuniversität Linz, Wolfgang Fadi Dorninger schaltet die Geräte der Audio-Workstation aus. Für einen Moment, bevor wir mit dem Interview beginnen, glaube ich die absolute Stille im Raum zu spüren, doch im Laufe unseres Gespräches wird Dorninger mir erzählen, dass ein Raum ohne Geräusche gar nicht vorstellbar ist, und schärft damit meine Sinne, nach und nach höre auch ich ein nicht zuordenbares Surren, die Bewegung meiner Lederjacke, sogar den Raum an sich.

Zu Beginn unseres Gesprächs über Komposition, Klang und akustische Wahrnehmung hat mir Dorninger erzählt, wie er den Zugang zu Felix Mitterers Schauspiel Jägerstätter fand. Das Stück basiert auf der realen Geschichte des gleichnamigen oberösterreichischen Bauern, der aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerte und aus diesem Grund zum Tod verurteilt wurde.

Wolfgang Fadi Dorninger, bevor wir detaillierter über Ihre Theaterarbeit und den Prozess, der einer Komposition vorangeht, sprechen, möchte ich mit einem Statement von Ihnen beginnen, das mir gut gefallen hat. Es lautet: „Ich muss den Kern des Stückes suchen.“ Wann wissen Sie, dass Sie ihn gefunden haben?

Ich hab mich, um es an einem Beispiel zu schildern, mit Gerhard Willert, mit dem ich viel und gern gearbeitet habe, immer vor dem Probenbeginn getroffen, wir haben uns ausgetauscht und waren ohnehin bald auf einer Linie. Da schält sich dann einiges heraus, auch bei den Proben mit den Schauspielern. Ob ich den Kern wirklich gefunden habe, merke ich erst während des Arbeitens am Sound im Theater.

Sie arbeiten nicht vorwiegend allein im Studio, sondern vor Ort im Theater.

Ich bin näher dran am Geschehen, ich sitze im Zuschauerraum und lasse die Probe auf mich wirken. Ich arbeite mit Laptop und meiner portablen Festplatte, hab alles drauf, was ich brauche und experimentiere zunächst einmal. Mit demselben Programm arbeite ich dann zu Hause. Ob ich musikalisch den Kern tatsächlich getroffen habe, entscheidet sich erst bei den Hauptproben, weil dann zum ersten Mal alles zusammenspielt. Möglicherweise verkleinert das Licht den Raum, verändert sich durch die Kostüme die Haltung und vieles mehr, das sind alles Faktoren, die den Klang-Raum verändern. In der Woche vor der Premiere ändert sich noch recht viel im Detail.

Ich will mir bei meiner Arbeit Zeit lassen, natürlich halte ich Termine ein, aber Effizienz ist für mich nicht der antreibende Faktor. So bleibt die nötige Hingabe erhalten, mich voll in den Entstehungsprozess einzubringen. Ich könnte auch skypen, und dann quetscht man halt eine Komposition in ein Stück, aber so will ich nicht arbeiten.

Ich möchte zunächst über Ihr aktuelles Stück, Felix Mitterers Schauspiel Jägerstätter, sprechen, das noch bis 11. 1. 2017 in den Linzer Kammerspielen zu sehen ist. Wie haben Sie bei diesem Stück den Kern gefunden?

Der Kern ist die Genauigkeit des Autors, das hat mich an diesem Stück besonders fasziniert. Mitterer nimmt Kommentare zurück, verzichtet auf Bewertung. Es werden Fakten in das Stück hineingetragen, ich hab direkt gespürt, wie er in Archiven gestöbert hat. Diese Genauigkeit fehlt ja häufig im politischen Diskurs.

Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, nicht zu kommentieren, keine Gefühlswelten mit der Musik zu bedienen oder zu verstärken, sondern eine Nachvollziehbarkeit von Zeit und Ort anzubieten und natürlich akustische Räume zur Steigerung der Aufmerksamkeit zu schaffen. Wichtig war mir auch, dass die Sprache freiliegt, damit kein Klang Subtext erzeugt.

Das Publikum sollte sich idealerweise nach dem Stück von der Musik unverfälscht die Frage stellen können, wie es sich verhalten hätte. Aus diesem Grund wollte ich kein „Gefühlskino“ anbieten, unnötige Ablenkung vermeiden.

Sie vermeiden ganz offensichtlich jegliche Authentizität der Klänge, das ist mir bei Jägerstätter in einer Szene, die von einem Bombenangriff handelt, aufgefallen. Ihre Klänge erinnern zwar an Bomben, sind aber deutlich verfremdet.

Ja, ich mag eher das Hybride. Nachdem Sie die Bomben ansprechen, in diesem Fall fand ich es reizvoller, dicke Bücher auf den Boden zu knallen – meist entstehen so meine Klänge und Geräusche. Eine angenommene Wirklichkeit nachzubauen, fände ich lächerlich, das hat für mich in diesem Kontext nichts zu suchen.

Ein Statement von Ihnen, das mir besonders gefallen hat, lautet: „Ich will das Stück nicht verraten, kein Posierer, kein Blender sein.“

Ja, im Stück zu sein, das ist mir sehr wichtig. Wenn das Publikum aus dem Theater geht und die Musik bewusst wenig oder nicht als alleinstehendes Medium empfunden hat, bin ich zufrieden, denn dann war ich im Stück. Jeder Klang muss für mich im Text verankert sein, laut oder leise, als Soundfläche oder Melodie.

Es gibt beispielsweise eine Szene bei Jägerstätter, als er mit seiner Frau Franziska auf die Mutter seines ersten Kindes wartet; das ist ein sehr schöner poetischer Moment, fein und liebevoll. Dem wollte ich kompositorisch mit einer zarten positiven Melodie eine Betonung verleihen, bevor die „Heil Hitler“-Rufe wieder zu hören sind.

Ich bin mir aber immer der Verantwortung bewusst, dass ich durch den Klang ein Stück leicht zum Kippen bringen könnte. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als Felix Mitterer nach der Premiere zu mir „mein Komponist“ gesagt hat.

Stoßen Sie nicht manchmal auch an technische Grenzen?

Die Gefahr besteht natürlich. Gott sei Dank sind aber die Tontechniker im Landestheater diesbezüglich sehr gut und kooperativ, beispielsweise wenn ich die Lautsprecher anders positioniert oder geroutet haben möchte, denn für mich stellt sich immer die Frage, wie bringe ich den Klang aus den Lautsprechern, ohne dass das Publikum bemerkt, dass er aus den Lautsprechern kommt. Der Klang soll aus den Poren der Wände kommen.

Welche Theaterproduktionen, bei denen Sie die Musik gemacht haben, erfordert denn Ihrer Meinung nach die Einheit zwischen Wort und Klang?

Da würde ich in erster Linie Joël Pommerat nennen. (Anm.: französischer Autor und Regisseur, geboren 1963). Ich habe bei drei Produktionen mitgewirkt (Kreise/Visionen, 2011, Die Wiedervereinigung der beiden Koreas, 2014, Mein Kühlraum, 2015; Regie bei allen drei Stücken: Gerhard Willert). Bei Pommerat kommt man ohne Klang und Musik nicht weit, seine Stücke sind ohne vehementen Klang nicht vorstellbar. Pommerat war eine super Erfahrung für mich, ich habe dem Gerhard Willert auch gesagt, wenn er irgendwo wieder einen Pommerat inszeniert, würde ich sogar weit fahren, um wieder mit ihm zu arbeiten.

Bei Ihren Soundtracks fürs Theater ist mir Ihre Vielfalt aufgefallen, hinsichtlich der Arbeiten, von Macbeth bis hin zur Theaterperformance Morgen Hysterisch Theater, eine Theaterperformance mit Raum-Installationen an einer Fachhochschule in Düsseldorf. Haben Sie diese Vielfalt angestrebt?

Die Vielfalt hat sich vielleicht deswegen ergeben, weil mich neue Fragestellungen interessieren. Natürlich liebe ich das Theater, aber ich arbeite auch gerne als akustischer Gestalter für Ausstellungen, entwickle Sound-Installationen für den öffentlichen Raum, weil jeder Raum neue Situationen schafft.

Was ich aber zur Vielfalt noch sagen möchte, ich habe bei meinem Bildungsweg immer den Umweg gesucht und auch eingeplant. Natürlich hätte ich es mir viel einfacher machen können, so nach dem Motto: Ich erkenne ein Muster, gehe in den Kern, stelle eine Blaupause her und verändere sie von Fall zu Fall ein bisschen. Aber was bringt mir das? Viel Geld in kurzer Zeit, künstlerisch aber nichts, das hat mich nie gereizt. Luxus interessiert mich glücklicherweise nicht, außerdem hab ich ihn ja, meine Arbeit vermittelt mir sehr oft große Glücksgefühle, das ist Superluxus!

Wenn ich zwanzig bis dreißig Jahre zurückdenke, so kann ich mich kaum erinnern, Schauspielinszenierungen gesehen zu haben, bei denen die Musik, der Klang eine relevante Rolle gespielt hätte, meist fehlte beides völlig.

Ja, das stimmt, ich finde aber Theater ohne Sound und Musik sehr problematisch. Wenn ein Stück ernsthaft verhandelt wird, darf man den Klang im Theaterraum nicht ausblenden, sonst entzieht sich das Stück der Lebensrealität, denn es gibt keine klangfreien Räume.

Wie sehen Sie das Phänomen, das schon seit ein paar Jahren bis Jahrzehnten zu beobachten ist, dass unsere Gesellschaft, so scheint es mir, die Stille nicht mehr aushält. Ich habe auch den Eindruck, dass sich dieses Phänomen verstärkt, Gespräche im öffentlichen Raum werden in zunehmender Lautstärke geführt. Wie wirkt es für Sie als Komponist, dass wir ständig zugedröhnt werden?

Ich find’s natürlich furchtbar, dass die Medien zu einer Apparatur verkommen sind, die trotz Lärm und hautnaher Präsenz am jeweiligen Geschehen nur Gleichgültigkeit und Apathie erzeugen. Die Städte klingen mittlerweile fast überall gleich, sie haben sich dem rollenden Verkehr ergeben. Das zwingt uns das Maul zu halten, uns unter Kopfhörern zu verstecken. Der Tiefpunkt scheint erreicht, aber ich bin zuversichtlich, dass es nicht so bleibt.

Sie haben anfangs von den Glücksgefühlen, die Ihnen Ihre Arbeit im besten Fall vermittelt, gesprochen. Kennen Sie auch Gefühle der Ekstase durch die Musik?

Ja, nicht nur bei meiner Theaterarbeit. Es ist elektrisierend, Menschen durch Klang zum Tanzen zu bringen, aber auch selbst stundenlang zu tanzen. Ekstatische Momente finde ich bei meiner Soundarbeit genug, ich brauch’ glücklicherweise keine Drogen.

 

Dorningers Arbeitscredo: Sound Art before midnight, and Techno after midnight. Das und mehr unter dorninger.servus.at

www.base.at

 

Die Produktion „Jägerstätter“ ist noch bis Samstag, 14. Jänner zu sehen (letzte Vorstellung).

www.landestheater-linz.at

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About the author

ist Autorin und Journalistin.

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