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„… da gibt es nichts Subtiles bei mir.“

By   /  5. März 2020  /  No Comments

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Jakob Lena Knebl ist Künstlerin, Kuratorin und „Walrus“, baut utopische Räume, erforscht und bildet Visionen wie sonderbare Atmosphären. Sie arbeitet mit Spiegelungen, Wiederholungen und Auslassungen, mit Irritationen und raschen Szenenwechseln. In „Frau 49 Jahre alt“ inszeniert sie im Lentos ein Environment im Stil der 1970er-Jahre, das Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums mit eigenen Arbeiten verknüpft und ähnlich einem Baukasten präsentiert. Bettina Landl ist bei einer Künst­lerinnenführung durch die Ausstellung mitgegangen und berichtet.

Zwei Ausstellungsräume, einem Puppenhaus ähnlich, zeigen die Dichte, in und mit der Knebl arbeitet. „In meinen Arbeiten führe ich die Kunst- und Designgeschichte zusammen. Mir geht es dabei um eine Demokratisierung der beiden Felder.“, schildert die 1970 in Baden geborene Künstlerin ihre Überlegungen. „Mittlerweile ist es zu einer Methode von mir geworden, mit Sammlungen zu arbeiten, weil ich damit zeigen kann, woher ich meine Inspiration als Künstlerin beziehe. Ein Vorteil dabei ist, dass ich keinen kuratorischen Normen entsprechen muss. Man verzeiht es einer Künstlerin, wenn sie ein Gemälde Paula Modersohn-Beckers vor den Druck eines Schweinsbratens hängt.“

Körper in Szene setzen
Wenn im ersten Ausstellungsraum ein grüner Teppich über den Boden gelegt und die Wände entlang angebracht wird, bunt gemusterte Tapeten und Puppen­skulpturen mit kunsthistorischen Positionen in Dialog gebracht werden und sich Knebl darin als Kunstfigur inszeniert, wird auf derbe und plakative Weise dabei auch ein Abbild unserer Kultur offenkundig. Exponate aus der Sammlung des Lentos wie Egon Schieles „Bildnis Trude Engel“ (1912/13), Helene Funkes „Drei Frauen“ (1915), Paula Modersohn-Beckers „Landschaft mit drei Kindern und Ziege“ (1902), Albin Egger-Lienz’ „Ila, die jüngere Tochter des Künstlers“ (1920) oder May Matthias’ „Mädchen vor dem Spiegel“ (undatiert) lenken den Blick augenscheinlich auf den Körper (der Frau), wenn bewegliche Gliedmaßen aus schimmerndem Textil mit an einer Kette befestigten Geschlechtsmerkmalen (Penis, Brüs­te und Vagina) geschmückt sind. Skurril verschränken sich in einer wild-hierarchielosen Mischung und in einem Neben- oder Ineinander historische Bilder mit Knebls Objekten, die Voodoo-Puppen ähneln. Der kultische Raum wird dominiert von einer Schamlosigkeit sowie bizarren Setzungen, in der infantile Optik konsequent durch einen Werkstatt- bzw. Wohnzimmercharakter des Environments gebrochen wird.

„Wenn ich bisher oft mit Design arbeitete, das im Kanon als hohes Design gilt wie zum Beispiel Verner Panton oder Joe Colombo, gehe ich bei der Ausstellung im Lentos in die Gestaltung des Bastelbuchs.“ Dabei orientiert sich die Künstlerin neben kunsthistorischen Referenzen auch an Popkultur, wodurch die Atmosphäre etwas Organisches impliziert und der Anspruch der Moderne, Kunst und Leben ineinander aufgehen zu lassen, auf unkonventionelle Weise eingelöst scheint.

Frage der Identität
Auf Einladung der künstlerischen Direktorin Hemma Schmutz setzte sich die Künstlerin mit der Sammlung des Lentos auseinander und führte eine Auswahl mit eigenen Arbeiten zusammen. „Für mich geht es um die Frage der Identität und wie Identität entsteht durch die Dinge, mit denen wir uns befassen oder den Menschen, mit denen wir uns umgeben und auch den Dingen oder der Kunst, auf die wir schauen. Wie werden wir durch unser Umfeld?“

Seit geraumer Zeit befasst sich Knebl mit den 1970er-Jahren, war diese Dekade doch von vielen gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. „Das Eherecht, die Bürgerrechts- und Frauenrechtsbewegung, dann gab es Utopien und Visionen in der Architektur. Also plötzlich wurde alles ganz bunt. Eine ganz andere Ästhetik, das Populäre wurde wichtig, die Popkultur. Vieles, was in den 60er-Jahren als Subkultur galt, ist Mainstream geworden. Ich möchte diesen nutzen, weil es Freude machen soll, die Ausstellung zu besuchen. (…) Der Alltag ist das Moment, um Bezüge zum Publikum herzustellen. Alltagsgegenstände wie zum Beispiel eine Küche benutze ich auch oft als Display für die Kunst“. So arbeitet die Künstlerin beispielsweise direkt mit einem Torso aus der Sammlung, erweitert aber Material und Form. Knebls Arbeiten gleichen Kommentaren als eine Folge ihrer Auseinandersetzung mit Vorhandenem, zeugen von Ausdruck und Ergebnis eines kollektiven Eingebunden-Seins.

„Ich bin sehr plakativ.“
Mit ihrer Frau Ashley Hans Scheirl, eingehüllt in bunten Morphsuits und ineinander verschlungen, zeigt sich Knebl in einer Fotomontage prinzipientreu, was besagte Bastelbuch-Ästhetik betrifft. Insgesamt ist auch Transgender ein Thema, die sich in Bewegung befindliche Identität. Bezogen auf diesen Diskurs stellt sich etwa generell die Frage nach dem Geschlecht der Puppe(n), die es zu entscheiden gilt – oder auch nicht. „Ich finde Art Brut besonders spannend. In meinen Ausstellungen zeige ich auch gerne, was in Sammlungen nicht so oft sichtbar wird. Ich brauche immer etwas, das mich anzieht. Es geht stark um Begehren, weil durch Begehren verändern wir uns. Bei mir ist es jetzt die ‚sylvie‘ gewesen – als Plattencover, da dachte ich sofort, ich brauche die jetzt ganz groß da drin, das beruhigt mich und dazu stelle ich den Sean Connery“. Knebl empfiehlt dazu den Film „Zardoz“ von 1974.
„Ich bin sehr plakativ, da gibt es nichts Subtiles bei mir. Ich benutze den Begriff Humor. Ich finde Humor irrsinnig interessant. Wir können uns nicht wehren, wenn wir etwas witzig finden, ergreift uns das. Humor hat auch etwas mit Hierarchien zu tun. Wer darf über wen Witze machen? Dann gibt es die Figur des Harlekins, die aus der Gesellschaft der Commedia dell’arte stammt und die ist sehr ambivalent: Die ist der Heiler, ist aber auch böse und sie verbündete sich mit den Außenseitern und ist zum Narr des Königs geworden. Der Harlekin hatte eine eigene Funktion. Im Fasching zum Beispiel, da dürfen Hierarchien (noch) invertiert werden. Die Figur des Trickster finde ich sehr spannend. Also ich möchte mit Ästhetik, Sinnlichkeit und Humor die Leute berühren. Humor! Das ist auch so ein Tabu in der Kunst.“
Knebl findet es wesentlich, die Dinge direkt anzusprechen, ein Ventil aufzumachen. „Darf Kunst nur schön sein? Ja, natürlich! Sie ist ein spezielles Feld in der Gesellschaft“, argumentiert sie im Hinblick auf die oft gestellte Forderung nach einer politischen Funktion der Kunst. „Den Begriff Funktion finde ich interessant. Das Design muss eine Funktion haben. Wie ist das bei Kunst?“

Neugierde, um Fremdheit zu überwinden
Im zweiten Ausstellungsraum verkehrt die Künstlerin das Helle, Bunte und Überladene ins Dunkle, Eintönige und Ausgesparte. Hier setzt Knebl eine Fotoarbeit von Christian Skrein groß dimensioniert ins Zentrum. „Der Raum stellt die Frage, wie diskutiert wird, das Eigene, das Fremde? Wie geht man mit solchen Exponaten in einer Sammlung um?“ Knebl setzt Gottfried Helnweins „The Golden Age 1“ (Marilyn Manson als „schwarzer Mickey“, 2003) in die Mitte, davor zwei Plastiken, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Daneben präsentiert Knebl ein Hologramm, in dem sie Zitate der Beatles rezitiert. In einem kurzen Video hantiert die Künstlerin mit verschiedenen Objekten. In Form rascher Szenenwechsel spricht sie in Keramikgefäße und führt das Prinzip, Gegensätzliches zusam­menzuführen, fort. In einem alten Wohnzimmerschrank aus dunklem Holz werden großteils peruanische Masken präsentiert und es wird einer Naturverbundenheit gehuldigt, die einem Kult gleicht. Ebenso ist ein zweites Video, das die Künstlerin gemeinsam mit Markus Pires Mata via Röhrenfernseher zeigt, „inspired by nature“. Darin agieren sie als „West-German 70s Pottery Curators“ wiederum mit Vasen der Firma Scheurich, streicheln und berühren sie, um sie schließlich im Wald in Szene zu setzen. „Scheurichs brauchen kei­ne Blumen. Scheurichs brauchen keine Blumen. Scheurichs brauchen keine Blumen.“ Wiederholung ist Programm und Töne werden zu einem Mittel, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen.
„Für mich war das großartig, dass es hier zwei gleich große Räume gibt. Müsste ich mich entscheiden, würde ich immer den bunten nehmen, aber ich konnte jetzt einmal einen minimalen Raum ausprobieren, der dunkel ist, weil ich eben immer noch den zweiten Raum habe. Und natürlich zeigt dieser auch unsere dunklen Seiten“, beschreibt die Künstlerin ihre Entscheidung für Christian Skreins Fotografie „Help“ (S/W-Foto aus einer Fotoserie anlässlich der Dreharbeiten der Beatles zum gleichnamigen Film in Obertauern 1965). Und für „Objekte, von denen ich nicht weiß: Wie sind die da hergekommen? Oder auf der anderen Seite, ein Egger-Lienz, der in seiner Ästhetik von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde. (…) Er war im 1. Weltkrieg als Maler tätig und schuf Bilder, die das harte Leben zeigen und plötzlich wird diese Ästhetik genommen und wie gesagt, das ist sehr plakativ.“

„Ich will auch dabei sein.“
Die Puppenskulpturen hat Knebl vor knapp einem Jahr begonnen, weil sie sich gefragt hat, wie der Körper in den unterschiedlichen Formen dargestellt wird. Sie verbindet auch andere Werkstoffe damit wie Keramikköpfe, so beispielsweise ein in der Ausstellung gezeigtes Objekt, das wiederum inspiriert ist von Henri Moores „Head of a Woman“ (1926). „Es geht darum, wie unterschiedlich unsere Körper sind, mit welchen Materialien sie dargestellt werden und diese schließlich auch zu vermischen.“
Wie ein Puzzle hat sich die Ausstellung über mehrere Monate hinweg zusammengetragen, ebenso war der Titel „Frau 49 Jahre alt“ plötzlich da – entlehnt von einer Zeichnung Philipp Schöpkes aus den 1970er-Jahren. Die Tapeten stammen aus dem privaten Fundus der Künstlerin, die sich als „Ebay-süchtig“ bezeichnet. Dabei ist das Thema „Freiheit“ konstitutiv in jeglicher Hinsicht. „Die Installation hat sich leicht gefügt. Mich interessiert auch die Selbstermächtigung und wie eine solche geht. Man kann durch richtiges Fragenstellen das herauskitzeln, was sowieso schon da ist. Die Lehre und Vermittlung spielen eine große Rolle. Wie kann man Menschen zur Kunst bringen und sagen, du bist auch dabei?“
Es geht auch um ein Sich-Aneignen von Raum, um das Aufspüren von Relationen, von Setzungen in Bezug zu Objekten, die mit uns sind, uns umgeben, uns konstituieren. Es ist eine Begeisterung für Dinge und Materialitäten, die Knebls Arbeitsweise prägt und durch Form und Berührung, Annäherung und Entfernung von einem Dazwischen erzählt, in dem wir uns befinden.

 

Jakob Lena Knebl wird 2021 mit Ashley Hans Scheirl den Österreich-Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig bespielen. Wir gratulieren.

Jakob Lena Knebl. Frau 49 Jahre alt
Lentos Kunstmuseum Linz
Ausstellung bis 17. Mai 2020
lentos.at

Kombinierte Führung mit Highlights aus der Sammlung und der Ausstellung Jakob Lena Knebl: Donnerstags, 19.00 Uhr

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About the author

hat Kunstgeschichte und Philosophie studiert, schreibt für diverse Medien und arbeitet transdisziplinär zu den Themen Raum, Körper und Text.

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