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ce qu’il reste des échos

By   /  4. März 2022  /  No Comments

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Das bb15 ist ein von Künstler*innen organisierter Raum für Kunst und Kultur, der experimentelle Zugänge fördert. Im Rahmen eines Artist-in-Residency-Programmes wurde Clarice Calvo-Pinsolle als Soundkünstlerin und Teil des Oscillations-Netzwerks eingeladen. Der Text von Mathias Müller entstand nach einem Gespräch mit Clarice Calvo-Pinsolle, in dem sie über ihren Arbeitsprozess und die neue Soundinstallation ce qu’il reste des échos spricht, die im März im bb15 ausgestellt wird.

Was von den Echos bleibt, Skizze. Bild Clarice Calvo-Pinsolle

Welche Städte, welche Orte bleiben am ehesten unvergesslich? Diejenigen, durch die wir mit offenen Augen gegangen sind, aufmerksam alles betrachtet haben? Oder stattdessen vielleicht die, in denen wir mit den Gedanken woanders waren, ins Leere geschaut, nichts gesehen haben, aber unser Körper, ohne dass wir es zu diesem Zeitpunkt bemerkt hätten, seine Umgebung durch die Haut, durch die Ohren wahrgenommen hat. Clarice Calvo-Pinsolle ist eine Künstlerin, die sich kein Bild von einer Stadt macht. Das Auge ist nicht das entscheidende Instrument der Wahrnehmung. Nicht um das Schauen geht es, sondern das Hören. Keine Fotos, keine Kamera, stattdessen ein Aufnahmegerät. Ein ungewöhnliches Verfahren. Wie erinnert sie sich an die Orte, an denen sie gewesen ist? Indem sie die Geräusche noch einmal hört, die sie damals gehört hat. Ein bildloses Erinnern.

Aber wie kann ein solches Hören vor sich gehen? Das Ohr ist ja nicht das einzige Organ, das empfindlich ist für Schallwellen. Der ganze menschliche Körper ist fähig, Vibrationen wahrzunehmen, wie das Zittern des Bodens über die Füße oder tiefe Töne, die tief im Inneren des Verdauungssystems zu spüren sind. Selbst die Flüssigkeit im Inneren des Auges kann in Schwingungen versetzt werden. Das haben Gehör und Gedächtnis gemeinsam. Der ganze Körper ist daran beteiligt. Ein Geruch, ein Geschmack, eine ungewohnte Haltung, die zufällig eingenommen wird, eine plötzliche Bewegung und schon bricht eine Erinnerung hervor; nicht die Erinnerung an ein Bild, noch nicht einmal an einen Geruch, einen Geschmack oder ein Geräusch, vielleicht die Erinnerung an einen Ort, einen Moment, in dem gerade nichts gesehen wurde, nicht geschaut wurde.

Die Suche nach Erinnerungen, die Suche nach Geräuschen. Ein Spaziergang durch Linz mit einem Aufnahmegerät, um Erinnerungen aufzunehmen. Aber auch die Suche nach Gegenständen der Erinnerung. Andere Formen, um Geräusche, um Erinnerungen aufzunehmen. Ein Geräusch, das ist ja fast das Flüchtigste, das es gibt. Oft genug wird es überhört, aber selbst, wenn es laut genug war, ist es auch schnell wieder vergessen. Etwas, das einmal gesagt wurde, kann nicht zurückgenommen werden. Aber wo ist es hin? Jeder Klang, jedes Geräusch wird durch den Raum, in dem es stattfindet, durch die Resonanzen der Wände, der Fenster, der Möbel verändert und diese Veränderung ist leicht hörbar zu machen, zum Beispiel durch Wiederholung. Aber verändert sich auch der Raum durch das Geräusch? Bleibt etwas zurück in den Wänden, Fenstern, Möbeln? Von manchen Legierungen wird gesagt, sie hätten ein Gedächtnis, weil sie sich an die Form „erinnern“, die sie bei einer bestimmten Temperatur hatten. Und unser Alltag ist voller Gegenstände, die empfänglich sind für Erinnerungen und Geräusche, in die sich die Umwelt oder die Ereignisse in der einen oder anderen Form eingezeichnet haben, wie abgegriffene Schlüssel oder eine Hose, die die Form des Körpers behält, der sie trug. Ein halbgelesenes Buch, das auf genau der Seite wieder aufgeschlagen wird, an der wir aufgehört haben es zu lesen, eine Tasse, deren Henkel fehlt, das Große Glas. Spuren eines langen Gebrauchs oder eines plötzlichen Ereignisses. Eindrücke und nicht Feststellungen.

Rohre, Hydrophone, ein gebrauchter Auspuff, Satellitenschüsseln. Geräusche und Erinnerungen. Schall und Gedächtnis. Das sind die Materialien, mit denen Clarice Calvo-Pinsolle bisher in ihren Installationen gearbeitet hat. Für das bb15 wird sie sich mit einem anderen Gegenstand befassen: mit Schallgefäßen, „vase acoustiques“, Keramikvasen, die, laut der Künstlerin, in die Wände von französischen Kirchen des 16. Jahrhunderts eingelassen waren, um den Schall durch ihre Form, ihr Material zu transportieren, zu verstärken, um es nicht hallen, aber klingen zu lassen. Keine von der Wand zurückgeworfenen Geräusche, sondern Resonanz. „Für mich“, sagt die Künstlerin, „sind das Objekte, die Erinnerungen tragen, die Erinnerung zum Beispiel an vergessene, erloschene Stimmen. Sie wirken stimmverstärkend, vielleicht die Stimmen derjenigen, die nicht genug gehört werden, vergessene Stimmen, Stimmen der Vergangenheit.“

Oft waren diese Keramikvasen, genauso gut könnten sie auch Tongefäße heißen, auf eine bestimmte Weise angeordnet, zum Beispiel musterbildend oder in Wandmalereien eingebettet. Im bb15 sind sie nicht in eine Wand eingelassen, sondern ohne Wand, durch eine Stab-, Stahlkonstruktion gehalten. In jedem Tongefäß befindet sich ein Lautsprecher. Die in Linz aufgenommenen Erinnerungen und Geräusche werden in der Installation, die so auch eine Komposition ist, von Tongefäß zu Tongefäß wandern, von Schallkörper zu Schallköper.

Jede dieser „vase acoustique“ ist von Hand gefertigt und gebrannt, jede hat eine eigene Form, besitzt ihre eigenen Unregelmäßigkeiten, Verunreinigungen, und so klingt der gleiche Ton in jedem Schallgefäß verschieden. Aber jedes Gefäß vibriert, hat eine Resonanz, verstärkt den Ton oder wird vielleicht auch von anderen im Raum befindlichen Tongefäßen in Schwingungen versetzt. Sie verändern sich gegenseitig, klingen gemeinsam.

Ein bildloses Erinnern, oder hier, noch entfernter, eine fremde Erinnerung. Mitten in Linz eine Erinnerung an Linz, aber nicht die eigene. Vielleicht in dieser Installation nicht einmal mehr die Erinnerung der Künstlerin, sondern etwas anderes, das niemandem gehört, und nur jetzt, hier, im Moment des Hörens existiert. Die Tongefäße sind nicht in Augenhöhe, sie sind auf Ohrenhöhe angebracht. Sie sind nicht verschlossen, aber trotzdem ist eine Öffnung notwendig. Nicht die Ohren spitzen, aber den Körper zu einem Organ des Hörens machen.

 

ce qu’il reste des échos. Die Installation „ce qu’il reste des échos“ bedient sich akustischen Töpfen, Klangkörper, die in Kirchen zur Verstärkung oder Veränderung der Stimmen von Predigern und Chören verbaut wurden. Damals wurden sie als Brücke zwischen Gebeten und dem Gesang der Engel im Himmel angesehen. Für die Soundinstallation wurden Keramiktöpfe in unterschiedlichen Formen und Resonanzen geschaffen und mit Lautsprechern ausgestattet, um eine räumliche Klangumgebung im Ausstellungsraum zu erzeugen. Geräusche wie Stimmen, Echos und Field Recordings, Erinnerungsstücke besuchter Orte, werden durch die Gefäße verstärkt – und die Töpfe in einen zeitgenössischen Kontext gebracht.

Clarice Calvo-Pinsolle stammt aus dem Baskenland, lebt und arbeitet in Brüssel, wo sie ihrer Klang- und Skulpturforschung nachgeht. Sie entwirft immersive Installationen, die mit der Wahrnehmung des Betrachters spielen. Ihre Arbeit kreist um den Begriff der Erinnerung und die Sicherung von Erinnerungen, insbesondere durch Klang. Sie hat an verschiedenen Orten wie der Yvon Lambert Foundation in Avignon, dem Museo de la Universidad in Santa Marta in Kolumbien oder dem Hotel de Vogue in Dijon ausgestellt. Ihre musikalisches Projekt werden unter dem Namen Lamin veröffentlicht. www.claricecalvopinsolle.com

Clarice Calvo-Pinsolle
ce qu’il reste des échos
Ab 22. März 2022 im bb15
bb15.at

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About the author

geboren 1988 in Bludenz, Vorarlberg, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Komparatistik. Zusammen mit Versatorium entstanden Übersetzungen zu Rosmarie Waldrop, Charles Bernstein und Roberta Dapunt. Er ist Mitglied des Ilse-Aichinger-Hauses und des Neuberg College – Verein für Übersetzung der Gesellschaft. 2021 erschien sein erstes Buch „Birnengasse“ im Sonderzahl Verlag.

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