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Andere Seilschaften

By   /  31. August 2018  /  No Comments

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Der Autor Erich Hackl fügt mit seinem neuen Buch „Am Seil“ der Zeitgeschichte ein weiteres historisches Detail hinzu und veröffentlicht damit eine biografische Notiz und Überlebensgeschichte im Nationalsozialismus. Der Chronist Hackl offenbart mittels Oral-History den rätselhaften Charakter eines Ex-Berliners und Neo-Wieners: Wer war Reinhold Duschka? Pamela Neuwirth hat das Buch gelesen.

Denkt man an eine Seilschaft, so sieht man heute möglicherweise zuerst die Verbindung zwischen Menschen, die sich unterstützen, um Privilegien oder Ziele durchzusetzen. So liest sich das auch im Duden, allerdings unter Pkt. 2. In erster Linie gibt das Lexikon unter Seilschaft die knappe Definition an: Gruppe von Bergsteigerinnen u. Bergsteiger, die bei einer Bergtour durch ein Seil verbunden ist. So konträr die beiden symbolischen wie konkreten Auslegungen von Seilschaft sind, – hier die augenscheinlichen Vorteile einer Gruppe von Personen die sich begünstigen, dort die augenscheinliche Abhängigkeit innerhalb der alpinistischen Seilschaft, – nur durch die herausfordernden Tugenden, die mit letzterer verbunden sind, ja von ihr tatsächlich abhängen, hat sich jedenfalls das ungewisse Schicksal von Reinhold Duschka, Regina Steinig und ihrer Tochter Lucia Heilmann zum Positiven wenden können. Diesem Bild von Seilschaft ging Erich Hackl nach. Der oberösterreichische Autor ist ja mittlerweile bekannt dafür „die Geschichte aufzuarbeiten“ – unvergessen seine minutiöse, im chronistischen Stil verfasste, aber ebenso behutsame Beschreibung der von den Nazis ermordeten Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig und wie es dazu kam, dass heute nur eine kleine Sackgasse in Ebelsberg bei Linz ihren Namen trägt –, so erzählt er mit seinem jetzt im schweizerischen Diogenes Verlag erschienen Buch „Am Seil“, wie zwei Leben im faschistischen Terror-Regime des SS-Staates dank der Haltung eines deutschen Alpinisten und Kunst-Schmiedes in Wien verschont blieben. Der Untertitel von „Am Seil“ lautet im Übrigen: Eine Heldengeschichte. Das ist interessant, weil ein Falsch und Richtig darin liegt: So prekär sich immer beim Helden ein Pathos gestalten mag – in der Historie, wie auch der historischen Perspektive –, der Biografie des stillen Reinhold Duschka wird das sicher gerecht – als Zuschreibung. Ein ausdrucksvolles und feierliches Heldentum fehlte Reinhold Duschka (1900–1993) selbst jedoch vollkommen.

Erinnern mit Lucia
Langsam, nach und nach, entblättert sich in dem Buch „Am Seil“ eine Geschichte. Es ist, als würde man als Leser den vielen Gesprächen zwischen dem Autor Erich Hackl und der Zeitzeugin Lucia Heilmann beiwohnen. Das gemeinsame Nachsehen im Erinnern, Fragmente und konkrete Orte, Zeitpunkte und Anlässe zu einem Faden zusammenziehen. Ein sanftes Kreuzverhör, wo Antworten mit Beweisen abgeglichen werden, wo Fragen es schaffen, den verschütteten Erinnerungen nachzuspüren und sie in die historisch gesicherten Ereignisse zu setzen. „Am Seil“ veranschaulicht die Oral History und zeigt vor allem im ersten Teil des Buches, wie diese funktioniert. Das erscheint dann während des Lesens wie ein weitläufiger Schlüsselmoment, was ein Oxymoron ist, doch erlaubt Hackls Erzählweise, dem Zeitzeugengespräch und gleichzeitig einer Geschichte mit den handelnden Personen beizuwohnen. Die Protagonisten von „Am Seil“ sind nicht, wie in der Literatur, Personen, wo durch Autorenschaft die Gestaltung der Persona stattfindet und nachvollziehbar wird, warum die Person in der Geschichte fühlt, wie sie fühlt. Zu Beginn der Hackl’schen Chronik bleiben die Personen erst einmal seltsam fremd, wie Schablonen, die Leser müssen sich vorantasten, jede Information, jedes weitere Zeit-Weg-Diagramm, bildet zunächst nur Fragmente einer Person, die in Verbindung mit anderen steht. In dieser Weitläufigkeit ergeben sich Schlüsselmomente, die die Stärke und Beweiskraft der Oral History verdeutlicht. „Ich habe einfach zu sprechen aufgehört“, erinnert sich die mittlerweile pensionierte Ärztin Lucia Heilmann und hat diesen traumatischen Befund als Kind erst indirekt durch eine beiläufige Aussage ihrer Mutter zu verstehen gewusst, als diese bei Kriegsende einmal überrascht feststellt: „Du sprichst ja wieder!“ Die langen Momente, die sich bei jedem, der sich erinnert, als sein persönliches Gefühl für die erlebte Zeit offenbart; so auch bei Lucia: im Gefühl der Isolation. Die langen Tage im Versteck in der Kunstwerkstatt, wo das Kind de facto über Monate und Jahre mit dem Metallfeilen und anderen kleinen Handarbeiten beschäftigt sein wird und dabei nichts Geringeres erlernt als das „Wiener Kunsthandwerk“ von Josef Hoffmann, welches auch Reinhold Duschka in Wien erlernt hatte. Seine Kunst-Werkstatt im 6. Wiener Gemeindebezirk sollte ihr erster Zufluchtsort vor den Nazis werden. Lucias Mutter Regina Steinig war Chemikerin und bewegte sich in Kreisen, die auch Duschka kannte. Vage sind Lucias Erinnerungen an ihre gute Freundin Erna Dankner. Erna und ihre Eltern werden von den sogenannten Sammelwohnungen abgeholt, um deportiert zu werden. Während des Transportes fällt das kleine Mädchen von dem offenen Lastwagen der SS und wird überfahren. Der Autor Erich Hackl sorgt sich eben um diese bruchstückhaften Erinnerungen und gleicht sie mit gesicherten Informationen ab. Die kleine Erna Dankner starb nicht bei dem, vielleicht aus Erzählungen rekonstruierten Unfall in der Berggasse, sondern wurde im Jahr darauf mit ihren Eltern Moshe und Cipore mit dem zweiunddreißigsten Transport österreichischer Juden, der am 17. Juli 1942 vom Wiener Aspanghof abging, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
Wie das Überleben von Regina und Lucia durch Reinhold Duschka zu einer Möglichkeit wurde, wird aus den Kindheitserinnerungen von Lucia deutlich, und zeigt sich durch Methode und Selbstdisziplin des Alpinisten und Kunstschmiedes. Auch der Enkelsohn von Reinhold Duschka erwähnt in diesem Zusammenhang den Begriff vom intelligenten Widerstand. Dem willkürlichen Terror der SS etwas entgegenzusetzen und nicht in Panik oder Apathie zu verfallen, wie das nachvollziehbar von Viktor Frankl und Eugen Kogon beschrieben worden war, ist eine außerordentliche mentale Leistung. Denn, die beiden Jüdinnen Regina und Lucia in den Jahren 1942 bis 1945 im 5. Stock eines Hauses in der Mollardgasse und anderenorts vor denunzierenden Nachbarn über die Jahre verstecken zu können, verlangt etwas Anderes und gelang schließlich durch Methode, Verlässlichkeit und Vertrauen. Woher Reinhold Duschka Essensmarken für zwei weitere Personen herbeischaffte – unbekannt. Warum Duschka irgendwann während des Krieges beschlossen hat, nicht mehr in seine Wohnung zurückzukehren und stattdessen mit beiden im Werkstatt-Versteck zubleiben – unbekannt. Wie er zu den Büchern für Lucia kam – unbekannt. Duschkas Vorgehen hatte sogar aus Perspektive des kleinen Mädchens und in der späteren Erinnerung der Ärztin Lucia eine Methodik, die an ein Regelwerk erinnert. Es geht niemals etwas Klaustrophobisches von ihm aus, kein Aktionismus, keine Kühnheit, kein Heroismus liegt in seinem Handeln. Er spricht nicht viel, wird niemals ungeduldig. Für ein Kind war das stille Arbeiten in der Werkstatt aber auch ein Gefängnis. An ein paar Ausgänge mit Reinhold könne sie sich erinnern, erwähnt Lucia Heilmann. Ein „Ausgang“ entspricht dem temporären Austritt aus einem Gefängnis; so auch mitten in Wien, weil es außerordentlich riskant war auf der Straße angehalten und erfasst zu werden, somit waren die Ausflüge an den Stadtrand sehr selten. Die Arbeit im Stillen war schwierig, zugleich aber eine Lösung, die Situation dauerhaft zu ertragen. Das zeitgeschichtlich generell Interessante, so auch am Nationalsozialismus und in der Perspektive auf Holocaust und den Widerstand, ist: Niemand wusste damals, dass der Krieg 1945 zu Ende sein würde. Am Anfang der Versteckzeit, als Reinhold Duschka nach seinem Tagwerk in der Werkstatt noch in seine eigene Wohnung zurückkehrte, ging er an den Wochenenden zum Bergsteigen, weiß Lucia. Dem Leser wird spätestens dann die klaustrophobische Situation im Versteck deutlich.

Wer war Reinhold Duschka?
„Wer weiß, wie man selbst reagiert hätte?“ ist ein geflügeltes Wort im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung. In der Sozialphilosophie wird die häufige Reaktion von Menschen auf eine Gefahr als blinde Unbarmherzigkeit des Überlebenswillens beschrieben und bezeichnet einen instinktgeleiteten Egoismus, der in gefahrvoller Situation blind in eigener Sache agiert. Dank der Tugenden eines Bergsteigers sah Reinhold Duschkas Enkel den Großvater wie geschaffen für den intelligenten Widerstand: Selbstdisziplin, Einzelgängertum, Menschenkenntnis und Verschwiegenheit. Als einmal ein befreundeter Bergsteiger und Gestapo-Unterläufer sehr viel später nach dem Krieg erzählen wird, dass eine anonyme Anzeige die beiden „Fremdarbeiterinnen“ in Duschkas Werkstatt verraten sollte, verlieren die Bergkameraden nicht viele Worte über das Ereignis.
In dem halb pazifistisch und halb kommunistischen Freundeskreis, von dem sich der Kunstschmied Reinhold Duschka und die Chemikerin Regina Steinig vor dem Krieg kannten, wurde über die letzten Tage der Menschheit und die russische Revolution, den Expressionismus, das rote Wien, gesunde Ernährung, den gläsernen Menschen und die freie Liebe diskutiert. Der Vegetarier Duschka könnte vordergründig als tiefes Wasser beschrieben werden, das im Laufe der Erzählung aber einem komplexen wie rätselhaften Charakter weicht. Seine Courage gegen das Terror-Regime erstand aus seinem großen Freiheitswillen. Die gleiche Freiheit war es aber auch, die ihn nur bedingt zum Familienmenschen prädestinierte, und seine Bindungsangst in der Liebe verkomplizierte sein Leben. Später wird Lucia Heilmann die Geschichte ihrer Rettung an die Gedenkstätte Yad Vashem übermitteln. Auch dem weltweiten Aufruf, der mit Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ einhergeht, Holocaust-Opfer sollen ihre Geschichte der Shoa-Foundation erzählen, wird sie folgen. In Die Letzten Zeugen, einem vom Burgtheater 2013 realisierten Theaterstück, gab Lucia Heilmann Reinhold Duschka erneute eine Stimme; einem der selbst wohl kein Wort darüber verloren hätte.

 

Erich Hackl, Am Seil. Eine Heldengeschichte.
Diogenes, Zürich
13. September 2018, 19:30 h
Stifterhaus

Buchpräsentation und Lesung mit dem Autor

 

Am Seil. Eine Heldengeschichte.
Verlagstext zum Buch: „Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht. Diese Erzählung gäbe es nicht ohne das Versprechen, das Lucia Heilman sich selbst gegeben hat: den passionierten Bergsteiger Reinhold Duschka (1900–1993) zu würdigen, der sie und ihre Mutter vor der Deportation in ein nazideutsches Vernichtungslager bewahrt hat. Auf Lucias Erinnerungen gestützt, spannt Erich Hackl einen weiten Bogen von einer Zeit, „in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten“, über die dramatischen, zugleich eintönigen Jahre im Versteck bis in die unmittelbare Gegenwart. In Hackls genauer, vor Leidenschaft leuchtender Sprache werden nicht nur Retter und Gerettete lebendig – sie zwingt uns auch, die Aktualität dieser Geschichte zur Kenntnis zu nehmen in einem Europa, in dem mehr denn je Zivilcourage gefragt ist.“

Erich Hackl, geboren am 26. Mai 1954 in Steyr, OÖ. Nach dem Studium der Germanistik und Hispanistik ist er seit 1983 freier Schriftsteller und Übersetzer sowie Herausgeber von Werken unbekannter oder an den Rand gedrängter AutorInnen. In seinem literarischen wie publizistischen Schaffen geht es Hackl darum, Fäden zu knüpfen zwischen denen, die sich mit heutigem Unrecht nicht abfinden, und jenen, die sich schon früher empört haben und damit nicht allein bleiben wollten. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a.: Kulturpreis des Landes OÖ. für Literatur, 1994; Großer Kulturpreis des Landes OÖ., 2013; Menschenrechtspreis des Landes OÖ., 2017.

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